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turi2 edition #10: Sara Nuru über Kaffee und Kommunikation.

30. Januar 2020

Angenehme Anonymität und nachhaltiger Kaffee: Sara Nuru ist als Model im TV bekannt geworden, jetzt ist sie Unternehmerin. Im Interview mit Heike Reuther für die turi2 edition #10 spricht sie über ihren Blick auf die Medien – und auf ihre eigene Rolle. (Fotos: Holger Talinski)

Sie sind 30 Jahre alt, Kind äthiopischer Einwanderer, waren die erste dunkelhäutige Gewinnerin bei “Germany‘s Next Topmodel”, haben danach weltweit als Model und fürs Fernsehen gearbeitet. Jetzt haben Sie mit nuruCoffee Ihr eigenes Business. Was treibt Sie an?
Mich treiben viele Sachen an, am meisten die Chancen, die ich im Leben bekommen habe. Durch die Teilnahme an der Fernsehsendung bin ich einem großen Publikum bekannt geworden, viele Türen haben sich dadurch für mich geöffnet. Meine größte Chance ist aber, dass ich in Deutschland geboren bin – dank dem Mut meiner Eltern, die Mitte der 80er Jahre nach Deutschland kamen, um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Ich bin also in vielerlei Hinsicht privilegiert, das treibt mich an.

Durch die Teilnahme und den Sieg bei “Germany‘s Next Topmodel” waren Sie von heute auf morgen eine Person des öffentlichen Lebens.
Es war für mich eine extreme Umstellung, plötzlich auf der Straße angesprochen und auf Schritt und Tritt beobachtet zu werden – das war wie ein Schock. Ich war null darauf vorbereitet. Während der Dreharbeiten waren wir von der Außenwelt abgeschottet. Ein Leben wie in einer Blase. Man lernt die anderen Mädchen kennen, Heidi, das Drehteam, Fotografen und Visagisten. Nach drei Monaten kam ich nach Deutschland zurück – und mein Leben hatte sich von heute auf morgen geändert. Die Veränderungen betrafen ja nicht nur mich, sondern auch meine Familie und mein ganzes Umfeld.

Sara Nuru im Videofragebogen

Wie haben Sie diesen Hype mit 20 verkraftet?
Ich bin sehr behütet aufgewachsen und meine Eltern haben mir viel Selbstvertrauen mit auf den Weg gegeben. Ich bin in dem Bewusstsein groß geworden, dass mir die Welt zu Füßen liegt, weil ich in Deutschland geboren bin und ich die Chance hatte, Bildung zu genießen. Ich kann alles werden, was ich möchte. Ich muss nur dafür arbeiten, ich muss nur dafür kämpfen. Das haben uns meine Eltern vorgelebt. Deshalb begegne ich der Welt offen und neugierig.

Welchen Stellenwert hat Neugier in Ihrem Leben?
Neugier ist das Gegenteil von Stillstand. Ich möchte immer mehr lernen und mich in vielen Dingen ausprobieren. Da war das Angebot, in einem Film mitzuwirken. Bin ich Schauspielerin? Nein. Will ich Schauspielerin werden? Nein. Und trotzdem habe ich mitgemacht. Durch das Ausprobieren stelle ich fest, was zu mir passt und was nicht. Die Schauspielerei war es dann wirklich nicht. Ich bin lieber ich selbst, als in eine Rolle zu schlüpfen.


Sitzprobe: Sara Nuru auf Kaffeesäcken in der Berliner Kaffeemanufaktur Andraschko

Welche Erfahrungen haben Sie mit den Medien gemacht?
Unterschiedliche. Ich bin durch eine harte Schule gegangen und musste in extrem kurzer Zeit lernen, Dinge von mir preiszugeben oder veröffentlicht zu sehen. Dabei hatte ich noch Glück, dass mir das Fernsehteam wohl gesonnen war. Hätten sie anders geschnitten, hätte ich die Zicke in der Sendung sein können.

Was haben Sie daraus gelernt?
Medien sind wie ein Werkzeug, sie können zerstören und kaputt machen. Mit dieser Erkenntnis hätte ich mich den Medien komplett verschließen können. Aber mit Medien kann man auch etwas Tolles aufbauen. Heute sehe ich die Medien als Partner und als große Chance, meine Themen zu platzieren. Heute weiß ich, dass ich lenken kann, wie ich in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden möchte. Das musste ich erst lernen.

Würden Sie Ihrer 16-jährigen Schwester Suleen empfehlen, sich bei Germany‘s Next Top Model zu bewerben?
Das ist eine schwierige Frage. Ich würde mich mit ihr zusammensetzen und fragen, was sie eigentlich will und was ihre Intention bei einer Teilnahme wäre. Möchte sie als Model arbeiten, oder möchte sie nur bekannt werden? Um als Model zu arbeiten, bräuchte sie nicht zwingend ins Fernsehen. Ist man erst einmal durchs Fernsehen bekannt, gibt es kein Zurück. Anonymität ist etwas Kostbares. Man lernt sie zu schätzen, wenn man sie verloren hat.

Sie sind seit zehn Jahren im Job. Wie hat sich das Frauenbild in dieser Zeit verändert?
Es hat sich in den vergangenen Jahren enorm viel getan. Die Frauenbewegung und Alice Schwarzer gab es gefühlt schon immer. Aber heute ist das Thema Gleichberechtigung viel präsenter und in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und doch muss noch eine Menge getan werden. Ich war neulich auf ein Podium eingeladen und war wieder die einzige Frau in der Runde. Wenn ich Frauenmagazine aufschlage, steht da: “Wie werde ich in zehn Tagen schlank?” Wir Frauen können uns überlegen, ob wir das mitmachen wollen oder nicht. Ich habe es selbst in der Hand, ob ich mich an Halloween als sexy Bunny oder als Astronautin verkleide und das auf Instagram poste.


Nuru Coffee: Die Firma, 2016 von den Schwestern Sara und Sali Nuru gegründet, importiert Kaffee aus dem äthiopischen Hochland, röstet ihn in der Berliner Kaffeemanufaktur Andraschko und verkauft ihn, unter anderem auf nurucoffee.com. Nutznießer sind Kooperativen von Kleinbauern, die faire Preise erhalten. Und der Verein nuruWomen e.V., der Frauen in Schwellenländern wie Äthiopien unterstützt

Karrieren starten heute auch auf Instagram und YouTube. Wie blicken Sie auf Social Media?
Zwiegespalten. Ich komme aus der analogen Zeit und bin durch Fernsehpräsenz bekannt geworden. Das reicht heute nicht mehr. Heute braucht es Social Media dazu. Bislang habe ich mein Privatleben immer geschützt. Es gibt die öffentliche Sara Nuru und die private. Die Idee von Social Media ist aber, mehr Privates zu zeigen. Das halte ich persönlich für schwierig.

Und die Kehrseite der Medaille ist?
Für junge Unternehmen wie nuruCoffee sind die Sozialen Medien eine tolle Plattform. Wir sind unabhängig von Fernsehsendern, Radio oder den Zeitungen. Wir haben mit Facebook, Instagram und YouTube Marketing-Tools in der Hand, über die wir mit unseren Themen viele Menschen erreichen können. Das finde ich großartig.

Warum haben Sie sich aus dem Medienbusiness zurückgezogen?
Seit 2009 war ich als Botschafterin für “Menschen für Menschen”, der Stiftung von Karlheinz Böhm, regelmäßig in Äthiopien. Jeder Besuch hat mir vor Augen geführt, wie unterschiedlich das Leben auf dieser Welt ist. In Äthiopien habe ich bittere Armut gesehen; in Europa haben wir alles, was wir brauchen. Und mein Leben in der Welt der Medien war sowieso fern von allem. Als ich dann für eine Fernsehsendung den teuersten Eisbecher der Welt – er kostete 1.000 Euro – probieren sollte, da hat sich das extrem falsch angefühlt. Warum soll ich dem Zuschauer suggerieren, dass das Verspeisen dieses Eisbechers erstrebenswert ist, wenn andernorts auf der Welt Menschen verhungern? Das war für mich der Schlüsselmoment, in dem ich wusste, dass ich nicht mehr Teil dieser Inszenierung sein möchte.

Wie viel Mut hat es Sie gekostet, einen neuen Weg einzuschlagen?
Es war für mich kein leichter Schritt. Es braucht viel mehr Stärke, zu etwas “nein” zu sagen, als zu etwas “ja” zu sagen. Vor allem, wenn Familie und Freunde deine Entscheidung zu Beginn anzweifeln und nicht nachvollziehen können. Die vorherrschende Meinung ist eben, dass es doch so erstrebenswert ist, im Fernsehen zu sein.


“Anonymität ist etwas Kostbares. Man lernt sie zu schätzen, wenn man sie verloren hat”

Ist es das nicht?
Eine Zeit lang habe ich gedacht, dass es das ist. Ich habe mir gar nicht erlaubt, darüber nachzudenken, dass es das nicht sein könnte. Ich dachte: “Du musst deine Chance nutzen!” Ich habe ein privilegiertes Leben geführt, war in Fünf-Sterne-Hotels, bin Business geflogen und habe sehr viel Geld mit wenig Aufwand verdient.

Wie haben Sie den Absprung geschafft?
Ich habe mich langsam herangetastet: Wie ist es, wenn ich etwas Neues mache? Wie kommt das an? Was werden die Leute denken, wenn ich plötzlich Kaffee produziere? Ein Business, von dem ich keine Ahnung hatte. Die Angst vor dem öffentlichen Scheitern hat mir die Entscheidung nicht leichter gemacht.

Haben Sie Ihre Entscheidung bereut?
Nein. Durch die Reisen nach Äthiopien wurde ich mit meiner eigenen Identität konfrontiert. Wenn meine Eltern nicht nach Deutschland ausgewandert wären, könnte ich jetzt eine dieser jungen Frauen sein, die kilometerweit zu Fuß gehen müssen, um Wasser zu holen. Und ich fing an, mein Leben zu hinterfragen.

Worum geht es im Leben?
Im Leben geht es darum, dass man zufrieden ist, dass man gesund ist, und von Menschen umgeben, die einen lieben. Und nicht um Ruhm, Erfolg und Statussymbole. Ich habe Menschen kennengelernt, die wirklich nichts haben und den- noch glücklicher sind, als ich es war. Ich hatte alles und war dennoch unzufrieden.

Sind Sie jetzt zufrieden?
Ja. Durch mein soziales Unternehmen kann ich etwas bewirken, indem ich mit den Menschen in Äthiopien arbeite. Es wird Zeit, dass man die Menschen dort als ernstzunehmende Partner sieht.


Kaffeeklatsch: Sara Nuru im Gespräch mit Heike Reuther über ihren Rückzug aus dem Fernsehen

Drei Jahre haben Sie sich Zeit gelassen, um mit Ihrer Schwester Sali nuruCoffee aufzubauen.
Ja, wir wollten es nicht halbherzig angehen. Meine Schwester und ich haben uns tief in die Materie eingearbeitet, wir wollten alle Prozesse verstehen: Wie sind die Wertschöpfungsketten? Wer verdient daran? Was können wir weglassen? Zum Glück hatten wir die finanzielle Freiheit, das Business in unserem Tempo aufzuziehen. Als zum Schluss die Website fertig war, über die wir nuruCoffee vertreiben, haben wir erst einmal zwei Monate niemandem davon erzählt.

Wie fühlen Sie sich in Ihrer neuen Rolle als Unternehmerin?
Ich sehe mich eher als Gründerin. Unternehmerin klingt für mich nach großer Firma und sehr vielen Mitarbeitern. Davon sind wir weit entfernt.

Sehen Sie sich als Aktivistin?
Ein bisschen schon. Ich betreibe ein Social Business, ich spreche öffentlich über Themen, die gesellschaftlich relevant sind. Wäre ich ein Mann, dann würde man sagen: “Der ist tüchtig.” Bei Frauen, die verschiedene Rollen und Aufgaben übernehmen, heißt es immer noch: “Sie weiß nicht, was sie will.” Eigentlich müsste ich sagen: “Ja, ich bin ambitioniert. Und es ist mein gutes Recht, das zu sein. Und ich bin stolz darauf.”

Wie nutzen Sie Ihre Rolle als Vorbild?
Jeder, der in der Öffentlichkeit steht, hat eine gewisse Vorbildfunktion. Als junger Mensch wollte ich diese Rolle nicht annehmen, weil ich das Gefühl hatte, dass das mein Leben einschränken würde. Heute nehme ich meine öffentliche Rolle sehr ernst und überlege gut, was ich von mir preisgebe. Wenn ich auf Instagram eine neue Handtasche posten würde, dann würde das suggerieren, dass es erstrebenswert ist, diese Tasche zu besitzen. Da mache ich doch lieber darauf aufmerksam, dass man von dem Wasser, dass für die Herstellung einer Jeans benötigt wird, sieben Jahre lang trinken kann. Wir sollten unseren Konsum überdenken. Ich selbst trage heute Vintage-Jeans.

Welche Haltung brauchen wir in den 2020er Jahren?
Ich wünsche mir, dass wir offen bleiben für neue Themen und Sichtweisen. Und weniger reden, weniger posten und mehr echt handeln.

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