Berufe mit Zukunft: J wie Journalistin – Petra Winter.


Mehr als schöner Schein: Petra Winter hat bei Springer das Journalisten-Handwerk gelernt, ist bei “Cosmopolitan” zu Chefredakteurin aufgestiegen und leitet nun bereits seit fünf Jahren die Zeitschrift “Madame”. Im Porträt von Anne-Nikolin Hagemann für die turi2 edition #8 erzählt sie von der Macht der Worte und wie kritischer Journalismus in der “Welt des Schönen” funktioniert.

Das Porträt von Journalistin Petra Winter finden Sie auch in unserem kostenlosen E-Papaer zur “turi2 edition #8” auf den Seiten 166 – 168.

Die Macht der Worte hat Petra Winter schon immer fasziniert. Mindestens 100 Bücher liest sie pro Jahr, wenn man die angelesenen mitzählt, sind es eher 200. Sie glaubt: Durch nichts lernt man so gut Schreiben wie durch Lesen. Und dass sie schreiben wollte, so gut wie es irgendwie geht, war ihr eigentlich schon immer klar. Also ist sie Journalistin geworden.

Petra Winter ist Chefredakteurin des Frauenmagazins “Madame”. Die Welt, über die sie schreibt, nennt sie “die Welt des Schönen”, ihre Branche “Fashion, Lifestyle und Luxus”. Das öffentliche Bild des Journalisten sei: “Der Reporter, der seine Geschichte zu einem harten Thema investigativ recherchiert und dann Egon-Erwin-Kisch-mäßig aufschreibt.” Im Lifestyle- Journalismus sind die Themen eher weich als hart. Und natürlich gehe es in der “Madame” eher um Unterhaltung und Inspiration als um Investigatives. “Aber ist nicht der Grundsatz für einen guten Reporter: ‚Geh hin, hör zu und schreib es auf‘? Und genau das tun wir ja: Wir sind an exklusiven Orten, sprechen mit spannenden Menschen und informieren so unsere Leser und Leserinnen über einen ganz besonderen Kosmos.” Heute, in Zeiten knapper Budgets, werde das bei vielen Medien gern durch eine Internetrecherche ersetzt. “Das sind wiedergekäute Informationen und schadet der gesamten Branche.” Positiv-Beispiele sehen für Petra Winter anders aus: “Die ‘Zeit’ macht einen tollen Job. Sie ist tiefgründig, die Redakteure recherchieren gründlich, sind Experten auf ihrem Gebiet, der Stil ist unterhaltsam, nicht trocken, und weicher geworden: Auch klassische Frauenzeitschriften-Themen – Freundschaft, Familie, Partnerschaft – finden dort statt.”


“Alle Menschen, auch berühmte und einflussreiche, sind gern in hochwertigen, gedruckten Medien. Sie erfahren damit nach wie vor einen Ritterschlag”

Petra Winter glaubt, dass Journalismus auch eine erzieherische Funktion hat: “Nicht im dogmatischen Sinn. Sondern weil man mit seiner Arbeit zum Denken anregt, Dinge für den Leser zu Ende denkt, ihm andere Sichtweisen präsentiert, eine Haltung hat.” Das, sagt sie, sei immer der Auftrag, ob es nun um Wirtschaft gehe, um Politik oder um Lifestyle. Auch bei einer so zielgruppenfokussierten Zeitschrift wie “Madame”: Statt Gesinnungs- diskutiert man hier oft Geschmacksfragen. Haltung und Kritik übt man über das Weglassen und über Positiv-Beispiele: “Bei uns werden Sie keine billig produzierte Fast Fashion finden. Stattdessen stellen
wir Marken und Unternehmen vor, die nachhaltig und ethisch produzieren.”

Eigentlich wollte Winter in den klassischen Zeitungsjournalismus, studierte Politologie auf Diplom, volontierte bei der “Bild am Sonntag” und besuchte die Axel-Springer-Journalistenschule. Dabei lernt sie, dass Talent nicht reicht, um die Macht der Worte richtig einzusetzen: “Journalismus ist ein Handwerk, 20 Prozent sind Talent, 80 Prozent Fleiß und Hartnäckigkeit – so unsexy das klingen mag. Besonders die Anfangsjahre erfordern hohe Einsatzbereitschaft und Disziplin, um sich das Handwerkzeug, das man als Journalist braucht, anzueignen.” Sie erinnert sich an einen Auftrag aus ihrem Volontariat bei der “Bild am Sonntag”: Finde zehn Lottogewinner, die mehr als eine Million gewonnen haben, und erzähle ihre Geschichte. Sie recherchiert – damals noch ohne Internet – im Springer-Archiv mit Papier und Rohrpost und im Telefonbuch, wochenlang. Am Ende porträtiert sie 13 Millionäre.

Nach ihrer Ausbildung geht Petra Winter als Redakteurin für die “Bild” nach München. Beim Boulevard, sagt sie heute, habe sie gelernt, dass guter Journalismus im Leserinteresse auch dahin gehen muss, wo es weh tut. Dass man als Journalist Fragen stellen muss, die man sich als Privatperson nicht erlauben würde. Dabei, sagt sie, sei es ihr wichtig, grundsätzlich jedem, von der Servicekraft bis zum Oscar-Preisträger, mit dem gleichen Respekt und dem gleichen Interesse zu begegnen. “Jeder hat etwas Spannendes zu erzählen.” In München wechselte sie in den Lifestyle-Bereich, erst Condé Nast, dann Bauer, mit 29 Jahren bietet man ihr die Chefredaktion der “Cosmopolitan” an. Sie sagt sofort zu: “Die Möglichkeit des Scheiterns kam mir nie in den Sinn.” Winter lernt, dass sie als Chefredakteurin nicht nur gut schreiben und recherchieren, sondern auch im Team planen, organisieren, um Budgets kämpfen muss. Und nicht nur Journalistin und Managerin, sondern auch Markenbotschafterin ist: Nach sieben Jahren “Cosmopolitan” wird sie stellvertretende Chefredakteurin der “Bild”. Matthias Döpfner sagt ihr beim Einstellungsgespräch: “Ihnen ist klar, dass Sie im Freundeskreis nicht nur mit positiven Reaktionen zu rechnen haben?”


“Wir müssen uns trauen, mit Haltung zu schreiben” – “Madame”-Chefin Petra Winter hat klare Vorstellungen von Journalismus”

Seit 2014 ist Petra Winter Chefredakteurin der “Madame”. Ihre persönlichen Antreiber hat sie gefunden: “Das freie Denken in Zusammenarbeit mit kreativen Menschen, die Leidenschaft, die Neugier: Das ist für mich die Basis – wie für die meisten Journalisten wahrscheinlich. Zusätzlich bin ich in meinem Job jeden Tag von Schönheit umgeben, in all ihren Facetten. Das ist dann die Kirsche auf dem Sahnehäubchen.” Sie spüre es noch immer, dieses Kribbeln im Bauch, wenn sie den eigenen Namen gedruckt in der Autorenzeile liest oder durch ein fertiges Heft blättert. Jedes Mal wieder. Und dann ist da noch der Erfolg, den man nicht unmittelbar fühlen, aber erhoffen kann: “Dass ein Text etwas bewegt im Leser, dass er die Gedanken in Schwung bringt.” Als Journalist, glaubt Petra Winter, definiert man Erfolg automatisch auch über die eigene Wirkung auf andere: “Man hängt sich raus mit seinen Worten. Diese Öffentlichkeit und die Verantwortung, die sich daraus ergibt, ist etwas, das man wertschätzen muss.”

Was die Zukunft des Journalismus angeht, ist Winter optimistischer als viele andere: Sie glaubt, dass in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt der Bedarf nach guten Journalisten wächst, die diese Welt erklären und sortieren. Ob es nun um Politik und Wirtschaft geht, oder um die Welt des Schönen, die der Mode und Produkte. Und: “Alle Menschen, auch berühmte und einflussreiche, sind gern in hochwertigen, gedruckten Medien. Sie erfahren damit nach wie vor einen Ritterschlag.” Sie selbst sagt für ihr Format “Lunch mit…” konsequent Interviews mit Prominenten ab, wenn deren PR-Abteilung statt der nötigen Stunde nur 30 Minuten einräumen will.

Auch in der öffentlichen Debatte wünscht sich Winter mehr Selbstbewusstsein. “Wir schreiben uns selbst gern nieder”, sagt sie. “Natürlich machen Journalisten Fehler – wie alle Menschen. Die aufzuklären, ist wichtig und richtig. Aber wir müssen weg vom Selbst-Bashing. Und wir müssen uns trauen, mit Meinung und Haltung zu schreiben und diese für unsere Zielgruppe nachvollziehbar zu machen.” Als Journalistin, glaubt Winter, darf sie sich auf die Zukunft freuen: “Weil gute Geschichten immer auf Interesse stoßen werden, sofern sie mit Neugier, Leidenschaft und Hartnäckigkeit recherchiert und geschrieben sind.”

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