Not lehrt beten – warum profitieren die Kirchen nicht von der Corona-Krise, Ursula Ott?


Kirchen-Krise: “chrismon”-Chefredakteurin Ursula Ott findet, dass die Kirchen aus dem ersten Corona-Lockdown im Frühjahr gelernt haben. “Sie kämpfen jetzt um Zutritt zu den Kranken, feiern Heiligabend im Autokino und singen ‘Stille Nacht’ an der Straßenecke”, schreibt Ott in ihrem Gastbeitrag für die turi2 edition #13. Sie können den Beitrag im kostenlosen E-Paper lesen oder das Buch gedruckt bestellen.

Profitieren? Was für ein hässliches Wort, gerichtet an ein Medium der evangelischen Kirche. “Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, übersetzt Martin Luther aus der Bibel (Matthäus 4,4). Das Brot allein bezahlen in diesen Tagen zum Glück Herr Altmeier, Herr Scholz, die Agentur für Arbeit und im schlimmsten Fall die gesetzliche Krankenkasse. Aber gerade in Notzeiten zeigt sich: Menschen brauchen nicht nur das Materielle. Sie brauchen Trost, Beistand, wollen sich bedanken, dass es ihnen gut geht.

Dafür gibt es viele Optionen. Man kann im Pralinenladen Trost finden oder ein Dankbarkeitstagebuch bestellen. Man kann aber auch Beistand suchen bei der Telefonseelsorge, die so viele Anrufe bekommt wie nie zuvor. Man kann Trost suchen in einem Gottesdienst – alleine zwischen März und Juni schauten zehn Millionen den ZDF-Gottesdienst, anderthalb mal mehr als sonst.

Könnten die Kirchen dann nicht lauter sein, spektakulärer? Im “chrismon“-Dezemberheft konfrontieren wir den Leiter eines diakonischen Pflegeheims mit dem Vorwurf, die Kirchen hätten zu wenig gekämpft dafür, dass Töchter und Söhne ihre Eltern besuchen dürfen. Der Theologe widerspricht nicht. Natürlich ist im Frühjahr nicht alles richtig gelaufen. Aber die Kirchen haben gelernt. Sie kämpfen jetzt um Zutritt zu den Kranken, feiern Heiligabend im Autokino und singen “Stille Nacht“ an der Straßenecke.

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Überhaupt, sagt der Heimleiter zurecht: An wen richten wir unsere Vorwürfe? Kirche, das seien auch seine 2.800 Mitarbeiter*innen, die in der Not über sich hinausgewachsen seien. Altenpfleger*innen, die vorher nicht sonderlich gläubig waren, lasen Andachten des Pfarrers vor. Viele Menschen setzen sich jetzt in eine Kirche, um danke zu sagen.

Die Frage muss also lauten: Können Menschen in der Corona-Not von der Kirche profitieren, oder Halt in ihr finden? Wenn ich auf das “chrismon“-Jahr 2020 blicke, lese ich von Seemannspastoren, die sich um gestrandete Matrosen kümmern. Von Knast-Seelsorgerinnen, die für Heiligabend einen zweiten Skype-Platz erkämpfen. Geschichten der Hoffnung, die sich auch in säkularen Medien gut “verkaufen“. Sie sind gefragter denn je. Denn es sind gute Nachrichten.

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