turi2 edition #11: Frauke Wilhelm über Siege, die im Kopf beginnen.


Was zählt, ist im Kopf: Frauke Wilhelm ist Mentalcoach und Sportpsychologin. Sie macht unter anderem die jungen Fußballer der U20-Nationalelf stärker. Für die turi2 edition #11 spricht sie mit Heike Turi über Siege, die im Kopf vorbereitet werden, und die Versuchungen, denen junge Fußballer*innen ausgesetzt sind.

Siege beginnen im Kopf, sagt man. Warum eigentlich?
Der Kopf hat einen unglaublichen Einfluss auf unsere Leistung: Leistungssportler*innen müssen über viele Jahre hinweg motiviert sein. Ohne Ehrgeiz, Disziplin und Willensstärke gibt es keinen Erfolg. Studien belegen, dass viele Top-Athlet*innen ihre Leistung zwar im Training oder bei kleineren Wettkämpfen zeigen, aber nicht im entscheidenden Wettkampf. Der Druck, die eigene Erwartungshaltung und die vielen Zuschauer*innen – viele Sportler*innen sind dem nicht gewachsen.

Was macht Sportler*innen stark?
Wir wissen heute, dass sich mentale Stärke entwickeln lässt. Es beginnt mit der Zielsetzung: Was ist meine Vision? Was will ich in diesem Jahr erreichen? Was bedeutet das für diesen Monat? Was brauche ich dazu? Am Spieltag selbst hat der Erfolg der Spieler*innen ganz viel mit ihrer Selbstwirksamkeitserwartung zu tun: Ich muss wissen, was ich kann. Erstaunlicherweise haben selbst sehr erfolgreiche Sportler*innen häufig ein geringes Selbstbewusstsein. Dafür gibt es einen Grund: Viele Leistungssportler*innen neigen zu Perfektionismus – sie betrachten sich selbst kritisch. Das ist nicht förderlich fürs Selbstbewusstsein.

Was bedeutet es für die Fußballprofis, wenn sie nun monatelang lahmgelegt sind?
Das ist schwierig. Selbst wenn sich die Spieler*innen körperlich fit halten und jetzt mehr Zeit für Stabilitäts- oder Dehnungsübungen haben, werden sie fußballerisch nicht das Niveau halten können. Es fehlt das gemeinsame Training, der Zweikampf, das Spiel als Mannschaft. Wir kennen das von Profis, die lange keine Einsatzzeiten hatten. Wenn sie nicht jedes Wochenende spielen, fehlt ihnen genau dieses Spiel als Training.

Was raten Sie Sportler*innen, die durch Corona pausieren müssen?
Auf jeden Fall, den Tagesablauf mit Trainingseinheiten und Pausen zu strukturieren. Sich Dingen zu widmen, die sonst vielleicht kürzer kommen, wie Yoga und mentales Training. Und das Wirtschaftliche erst einmal dem Berater zu überlassen. Viele Spieler*innen stehen jetzt vor dem Ungewissen. Wir dürfen nicht vergessen: Fußball ist ein Geschäft, bei dem junge Männer in einem relativ kurzen Zeitraum sehr viel Geld verdienen müssen, damit das Ganze aufgeht. Ein Spieler, dessen Vertrag jetzt ausläuft, hätte die nächsten Spiele gebraucht, um nochmal positiv auf sich aufmerksam zu machen. Wie normale Menschen kann auch ein Fußballer Existenzängste bekommen.

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Fußball ist Teamplay. Wie ist die ideale Mischung innerhalb einer Mannschaft?
Die Mischung variiert von Spiel zu Spiel. Was es immer braucht, ist eine Hierarchie, Spieler*innen, an denen ich mich orientieren kann, die vorgeben, ob das Spiel schneller oder langsamer werden soll. Dann brauche ich immer auch ein paar Kreative und Spieler*innen, die lockerer drauf sind und sich nicht so schnell nervös machen lassen.

Wie wichtig ist die Körpersprache bei Fußballer*innen?
Es gibt im Fußball das Phänomen der sozialen Ansteckung: Die Spieler*innen beeinflussen sich gegenseitig extrem. Wenn eine*r anfängt zu meckern, den Kopf hängen lässt und wegknickt, kann das innerhalb einer Mannschaft ganz schnell um sich greifen. Diese Negativspirale ist irgendwann kaum mehr zu kippen. Umgekehrt kann sich aus einer einzigen Person heraus etwas Positives entwickeln. Denken Sie an Ibrahimovic beim WM-Qualifikationsspiel, als Schweden gegen Deutschland 0:4 zurücklag. Ibrahimovic beschloss für sich, dass das Spiel noch nicht zu Ende
ist – mit seinem Kampfeswillen und seiner Ausstrahlung hat er die ganze Mannschaft mitgerissen und den Ausgleich geschafft.

Was fasziniert so am Fußball?
Der Publizist Wolfram Eilenberger hat es treffend formuliert: “Fußball ist ein Spiel, in dem fast nichts gelingt. In dem man ständig plant und es anders kommt, als man denkt. 80 Prozent der entscheidenden Pässe kommen nicht an, 80 Prozent der Chancen werden nicht verwertet. Es ist ein Spiel, in dem man permanent verzweifelt versucht, Ordnung in eine Unordnung zu bringen, das Chaos zu kontrollieren, obwohl das niemals möglich ist.” Genau das versuche ich meinen Spielern klar zu machen: Ihr geht nicht raus, um perfekt zu sein, sondern um Fehler zu machen. Kein Spiel ohne Fehler.

Arbeiten Sie mit jungen Spielern anders als mit älteren?
Die 16- bis 25-Jährigen durchlaufen heute ja alle die Nachwuchsleistungszentren. Schwierigere Persönlichkeiten werden hier häufig ausgemustert; wer sich nicht anpassen kann, fällt raus. Bei über 25-Jährigen gibt es immer noch den einen oder anderen Quereinsteiger mit Ecken und Kanten. Andererseits sind die Jungen nicht mehr so autoritätsgläubig, stellen auch mal kritische Fragen. Und alle wissen sich gut zu verkaufen.

Junge Profis wachsen heute mit Social Media auf – was verändert sich dadurch?
Social Media ist für sie zu einem Wirtschaftsfaktor geworden. Wir denken immer, so ein Fußballspieler lebt in Saus und Braus. Das tun aber nur die wenigsten. Es gibt ganz viele Spieler, die müssen gucken, dass sie in den zehn, zwölf Jahren, die sie als Profifußballer haben, das Maximum an Geld rausholen, damit es für den Rest des Lebens reicht.

Wächst der Narzissmus?
Social Media verändert die Erlebniswelt eines jungen Mannes komplett. Die Spieler werden über Instagram von Mädchen angeschrieben, die sich ihnen offensichtlich anbieten. Auf Social Media finden absolute Überhöhung und totaler Verriss zugleich statt. Mental hält das auf Dauer fast niemand aus.

Gibt es ein Gegenmittel?
Ich rate meinen Spielern und auch Trainern, ihren Account von einem Kommunikationsprofi pflegen zu lassen. Traurig für die jungen Spieler ist auch, dass sie sich nicht mehr frei bewegen können. Jeden Moment kann jemand ein ungünstiges Foto von ihnen machen und online stellen. Neulich fragte mich ein junger Spieler, ob er zur Abifeier seiner Freundin gehen kann. Aber wenn er das macht, dann sprengt er den Abiball.

Was empfehlen Sie uns allen in der Zeit der Fußball-Abstinenz als Ersatzdroge?
Ich merke es an mir selbst: Auf meinem Handy sind jede Menge Fußball-Apps, und da passiert gerade wenig. Vielleicht führt die Fußball-Abstinenz ja dazu, dass wir das Rad wieder ein Stück zurückdrehen, dass wir unser Leben wieder eigenverantwortlicher gestalten, selber mehr Sport machen und nicht immer andere für uns den Kampf austragen lassen.

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