turi2 edition #11: Anna Kraft und Pit Gottschalk im Doppel-Talk.


Gemischtes Doppel: Pit Gottschalk, Chefredakteur von Sport1, und TV-Moderation Anna Kraft laufen zum Doppel-Interview für die turi2 edition #11 auf. Mit Peter Turi diskutieren sie über die Bedeutung des Fußballs und den Umgang mit der Corona-bedingt Fußball-Pause. Außerdem geht’s um Herausforderungen für den Sportjournalismus.

Anna, Pit, wir führen dieses Gespräch auf Distanz und in schwerer Zeit. Was bedeutet die fußballlose Zeit für Euch persönlich?
PIT: Viel Arbeit. Es geht hier bei Sport1 ja nicht nur um die Gesundheit der Mitarbeiter und ums bestmögliche Programm für die Zuschauer. Sondern auch darum, dass der Sender fit für die Zukunft bleibt.

ANNA: Bei mir heißt das Motto derzeit: volle Konzentration auf meine Familie. Ansonsten herrscht absoluter Stillstand, praktisch kein Termindruck. Durch die Absage der Olympischen Spiele habe ich als freie Moderatorin auch mittelfristig wenig zu tun.

Fußball-Spiele live sind im Moment nur eine schöne Erinnerung.Was fehlt Euch jetzt?
ANNA: Ich vermisse natürlich den rollenden Ball, die Stadionbesuche und auch den Job. Und doch geht’s jetzt darum, zusammenzustehen und sich selbst zurückzustellen.

PIT: Ich kann Anna nur recht geben. Wir haben ja Fußball in unserer DNA. Samstags werde ich Punkt halb vier nervös, wenn der Ball nicht rollt.

Wie lange könnt ihr aushalten ohne Fußball?
ANNA: So lange es dauert.

PIT: Ich bin bekennender Fußball-Junkie. Meine Ersatzdroge sind zurzeit die sechs “Lost”-Staffeln – aber die sind irgendwann durch.


Deutschlands schnellste Sportmoderatorin: Anna Kraft wird mit der Sprintstaffel von Bayer 04 Leverkusen mehrmals Deutsche Meisterin

Was bedeutet es für eine Gesell-schaft, wenn sie den Fixpunkt Fußball-Bundesliga für Monate verliert?
PIT: Unter allen Nebensachen ist Fußball die wichtigste. Die Signalwirkung des Fußballs sollten wir nicht unterschätzen. Erst wenn wieder ein Fußballspiel vor über 81.000 Zuschauern in Dortmund stattfindet und wir uns über den Videobeweis die Köpfe heiß reden, ist die Normalität erreicht.

ANNA: Wir dürfen den Fußball nicht wichtiger machen als er ist. Er war nie das Wichtigste und wird nie das Wichtigste sein. Aber er verfügt über eine unglaubliche Kraft und Anziehung. Wenn der Ball wieder rollt, könnte das ein Symbol sein.

Pit Gottschalk im Interview mit turi2.tv zur aktuell bedrückenden Lage im Sportjournalismus:

Habt ihr manchmal das Gefühl, dass Fußball gerade nicht systemrelevant ist? Dass man jetzt vielleicht lieber Arzt oder Ärztin als Sportjournalist*in wäre?
ANNA: Nochmal: Wir dürfen nicht den Fehler machen und den Fußball zu wichtig nehmen. Die Berufe, die jetzt als systemrelevant erkannt werden, sind und waren es auch ohne Krise.

PIT: Ich halte Fußball sehr wohl für systemrelevant, sonst wäre er nie so groß geworden. Es gibt sicherlich Bereiche, die wichtiger sind: Mit Ärzten und Pflegern möchte ich jetzt nicht tauschen. Ich bewundere, was die Menschen in den Kliniken leisten – ich hätte nicht das Zeug dazu.

Welche Bedeutung hat der Fußball für eine funktionierende Gesellschaft?
ANNA: Der Fußball leistet einen nicht unerheblichen Beitrag. Aber dass die Gesellschaft auch ohne Fußball funktioniert, steht für mich außer Frage.

PIT: Fußball ist sozialer Kitt. Jedem, der keinen Bezug zum Fußball hat, wünsche ich einen Nachmittag auf der Tribüne in Gelsenkirchen oder Dortmund, einen Abstiegskampf wie damals in Hamburg oder Stuttgart, einen Kneipenbesuch nach einem Spiel in Köln oder Mönchengladbach. Erst danach begreift er ansatzweise die Kraft, die der Fußball entwickeln kann – trotz Kommerzialisierung, Pyro-Unsinn und Wahnsinnsgehältern.

Was können wir vom Fußball lernen?
ANNA: Leidenschaft, Hingabe, Rücksichtnahme, Miteinander und hoffentlich auch Solidarität und Fair Play.

PIT: Nelson Mandela sagte: Sport hat die Macht, die Welt zu verändern. Leider in beide Richtungen. Er bringt Tugenden und Boshaftigkeiten zum Vorschein.

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Was hat sich im Sportjournalismus geändert?
ANNA: Der Sportjournalismus ist wesentlich schneller geworden, aber nicht immer präziser. Im Fernsehen ist die Reglementierung durch die Vereine viel strenger geworden. Früher haben die Kollegen mit den Mannschaften nicht selten im gleichen Hotel genächtigt. Heute ist mehr Distanz da.

PIT: Der Sportjournalismus ist anders geworden. Heute unterhalten die Vereine eigene Redaktionen und schränken die freie und unabhängige Berichterstattung dadurch ein, dass sie den clubeigenen Medien oft den Vorzug geben. Das persönliche Verhältnis zwischen Spielern und Journalisten leidet durch die Verzehnfachung der Medienangebots. Und: Die Qualität steigt nicht linear mit dem Konkurrenzdruck.

Was ist verloren gegangen?
ANNA: Der Profifußball muss aufpassen, dass er sich nicht zu weit vom Rest der Welt entfernt. Spieler wollen eigene Marken sein, die Authentizität leidet dabei. Auch wenn sämtliche Instagram-Profile der Clubs zwar Nähe suggerieren, ist der Profi oder der Fußballverein so weit weg von der Gesellschaft wie niemals zuvor. Wobei ich das Gefühl habe, dass durch die Corona-Krise da gerade eine Annäherung stattfindet.

PIT: Hoffentlich hat sie Bestand, wenn der Ball wieder rollt.

Die Vereine bauen eigene TV- und Social-Media-Aktivitäten aus. Sind unabhängige Journalist*innen eine aussterbende Gattung?
PIT: Wo Clubs und DFL mit ihren Medien Nachrichtenhoheit gewinnen wollen, wächst die Bedeutung der unabhängigen Stimmen. Leider sind zu wenige Kollegen auf die neue Zeit vorbereitet.

ANNA: Wir sind keine aussterbende Gattung, das Feld ist einfach breiter geworden. Die Clubs machen mit ihren Medien ja eher Marketing. Auch Fan-Foren und Fan-Medien ersetzen keinesfalls den unabhängigen Journalismus.

Was läuft schief im modernen Fußball?
PIT: Mich stört am meisten der Hass der Ultra-Szene auf andere Menschen im Fußball. Fortschritt ist ein wesentlicher Bestandteil des Fußballs. Ich verstehe die Kritik zum Beispiel am RB Leipzig nicht. Es hat ja niemand den benachbarten Traditionsverein Lok Leipzig daran gehindert, in den Profifußball zurückzukehren.

ANNA: Für mich ist es die Gier, die zu oft die Vernunft schlägt. Wenn sich ein Scheich einen Klub aneignet und diesen mit allen finanziellen Mitteln gegen alle Regeln des Financial Fairplays bestückt, dann kann das nicht gut sein.

Haben die Fans zu wenig zu sagen – oder vielleicht sogar zu viel?
PIT: Fans sind nicht nur die Allesfahrer. Ein Fan ist auch jemand, der zu Hause am Fernseher mitzittert, wenn Wolff Fuss am Mikrofon die Stimme erhebt. Oder derjenige, der sich mit seinen Freunden Business-Seats in der Allianz-Arena leistet. Es erschüttert mich manchmal, wenn Klubs vor einer lautstarken Minderheit im Stadion einknicken.

ANNA: Wir haben in Deutschland eine Fankultur, um die uns halb Europa beneidet. Wir müssen versuchen, uns diese Kurven-Kultur zu erhalten. Trotzdem sind Tribünen keine rechtsfreien Räume, Menschen im Fadenkreuz sind kein akzeptables Protestmittel. Fußball in Deutschland funktioniert nur als Zusammenspiel von Tradition, Fankultur und Kommerz.

Was würdet Ihr ändern, wenn Ihr könntet?
ANNA: Ich bin nach wie vor kein Fan des Videobeweises, weil er doch erheblich in den Rhythmus, die Dynamik und den Spielfluss eingreift und auch keine hundertprozentige Sicherheit bietet – Stichwort Handspiel.

PIT: 100 Prozent Zustimmung für Anna.

Marcel Reif hat kürzlich in einem Podcast gesagt: Der Fußball hat mir ein besseres Leben geschenkt. Würdet Ihr das für Euch auch so sehen?
ANNA: Ob es wirklich ein besseres ist, ist hypothetisch. Fakt ist, dass mich der Fußball im Berufsleben das tun lässt, was mir am meisten Spaß macht.

PIT: Als mein Sohn, damals Torwart beim BVB in der U10, mit 6:5 in Köln gewann, nach 3:5 Rückstand, hatte ich Glücksgefühle wie nie beim Fußball. Das sind Momente, für die ich den Fußball liebe. Das bereichert mein Leben.

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