turi2 edition #12, 50 Vorbilder: Burkhard Graßmann schreibt über Alfred Herrhausen.


Spaß an der Leistung: Bank-Manager Alfred Herrhausen lenkt Wirtschaft und Politik der 80er, denkt voraus in die 90er – dann beendet eine Bombe sein Leben. BurdaNews-Chef Burkhard Graßmann beschreibt ihn in der turi2 edition #12 als Vorbild, das weiterlebt.

Die Bombe der RAF, die Alfred Herrhausen am 30. November 1989 tötet, beendet nicht nur das Leben des Vorstandssprechers der Deutschen Bank, eines glücklichen Familienvaters und Ehemanns. Sondern auch das einer eindrucksvollen Persönlichkeit der deutschen Wirtschaft.

Alfred Herrhausen stammt aus einem handwerklich geprägten Elternhaus. Früh fällt er als Ausnahmetalent auf. Er studiert nicht wie ursprünglich geplant Philosophie, sondern Betriebs- und Volkswirtschaft, promoviert 1955. 1971 wird er Mitglied des Vorstandes der Deutschen Bank, 1988 ihr alleiniger Sprecher. Er sitzt unter anderem im Aufsichtsrat von Daimler-Benz, Continental und Lufthansa. Der “Spiegel” schreibt 1989 in einer Titelgeschichte über ihn: “Er führt Deutschlands größte Bank, er kontrolliert den dominierenden Industrie-Komplex des Landes, und er zählt den Kanzler zu seinen Freunden: Wohl noch nie beherrschte einer die Wirtschaftsszene so souverän.”

Als Grund für seinen schnellen Aufstieg zitiert Herrhausen immer wieder schmunzelnd seinen Vater: “Wenn Du eine Stunde mehr am Tag arbeitest als Deine Konkurrenten, dann muss es klappen.” Lieber und ernsthafter sagt er aber: “Führung muss man wollen.”

Beides war mir am Beginn meiner beruflichen Laufbahn Ansporn und Anspruch. Meine Vorbilder sind Berthold Beitz, General George S. Patton und eben Alfred Herrhausen. Sind es erstere eher in bestimmten Situationen, begleitet mich Herrhausen schon mein ganzes Leben als ein in vielerlei Hinsicht zu erstrebendes Ideal. Zum Beispiel, wenn er in einem Interview sagt: “Ich habe immer Spaß an der Leistung gehabt, es hat mich niemand zu motivieren brauchen.”

An was orientiert sich ein Vorbild wie Herrhausen selbst? Nur wenige Tage vor seinem Tod sagt er: “Ich beneide manchmal Menschen, die Zeit haben, gebildet zu sein oder zu werden. Das ist ein Ideal, dem ich eigentlich immer folgen wollte.” Anderen könnte man diesen Satz als Koketterie auslegen – ihm nicht.

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Eine Sammlung der Reden und Aufsätze von Alfred Herrhausen ist überschrieben mit “Denken, Ordnen, Gestalten”. Besser kann man sein Verständnis von Führung nicht ausdrücken. “Zu Ende denken” wollte er die Dinge, “fehlerfreies Denken” forderte er. Bedenkenträger “hat er gehasst” sagt Traudl, seine Frau.

Alfred Herrhausen hat für mich besondere Strahlkraft – mit seiner Eloquenz, seinem raumgreifenden, charismatischen Auftritt, seiner schonungslosen Offenheit. Dennoch steht bei ihm stets die Sache im Vordergrund: “Es ist nicht eine Frage der Worte, sondern es ist eine Frage der Glaubwürdigkeit der Person, die Worte sagt und Worte ausspricht”, sagt er einmal. “Wenn man sich bemüht, das zu sagen, was man denkt und wenn man sich bemüht, das zu tun, was man sagt und dann auch das zu sein, was man tut, dann, glaube ich, hat man eine Chance, glaubwürdig zu werden.”

Herrhausen treibt die Entwicklung der Deutschen Bank zum Global Player eindrucksvoll voran. Der Spagat zwischen einem erfolgreichen Unternehmensführer einerseits und der sozialen Verantwortung andererseits macht ihn früh zu einer Art moralischer Instanz. Spätestens als er auch den Schuldenerlass für ärmere Länder ins Spiel bringt, wird dies für jeden offenkundig. Man attestiert ihm wiederholt visionäres Vorgehen. Wie hellsichtig er tatsächlich ist, illustrieren Äußerungen nur Tage vor seinem Tod. Auf die Frage, was er gerne in die 90er mitnehmen würde, antwortet er: “Ökologie.”

Die Tragödie seiner Ermordung beendet ein wegweisendes Leben. Am Ort des Attentats in Bad Homburg wird einige Jahre später ein Mahnmal errichtet. Auf einer der Stelen findet sich der zeitlos brillante Satz Ingeborg Bachmanns: “Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.”

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