turi2 edition #12, 50 Vorbilder: Heike Turi schreibt über Goethe.


Edel sei der Mensch, hilfreich und gut: Männer, die so wortgewandt sind wie Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe, haben gute Chancen bei Frauen. Aber schöne Worte allein reichen nicht, um die Journalistin und Verlegerin Heike Turi zu überzeugen, schreibt sie in der turi2 edition #12.

Universalgenie, Dichterfürst, Geheimrat – und zu Lebzeiten schon ein Star. Goethe als Vorbild. Habe ich mir da vielleicht ein bisschen zu viel vorgenommen? Ist es klug, sich ein Vorbild zu suchen, an das man schwerlich heranreichen kann? Doch “niemand weiß, wie weit seine Kräfte gehen, bis er sie versucht hat”, sagt der Dichter und Denker Goethe. Das heißt für mich, es ist nie zu spät, sich an etwas Neues, an etwas Größeres zu wagen und andere Pfade zu beschreiten.

Es ist nicht so, dass ich Goethe gesucht hätte. Vielmehr hat er mich gefunden. Wo ich auch hinkomme, Goethe ist schon da: bei den sonntäglichen Spaziergängen mit den Eltern als Kind (damals machten Kinder das noch) zum nahegelegenen Goethestein – ein herrlicher Aussichtspunkt, von dem aus auch Goethe schon in die Weiten des Rheingaus blickte. Später, im Germanistik-Studium an der Johann Wolfgang Goethe-Universität (wo sonst?). Und auch heute führt kein Weg an Goethe vorbei: Im Frankfurter Städel blickt er dem Besucher stolz entgegen. Dass er auf Tischbeins Gemälde zwei linke Füße hat, tut seiner Größe keinen Abbruch. “Goethe in der römischen Campagna”, so der Titel des Bildes. Wo war Goethe eigentlich nicht?

Goethe liebt das Reisen und nimmt sich Zeit dafür, denn er weiß: “Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen.” Recht hat er. Goethe hätte es sich leicht machen und in Frankfurt, seiner Heimatstadt bleiben können. Er stammt aus einer wohlhabenden Familie. Nach ein paar genialen Gedichten und Romanen könnte er einer einträglichen Anwaltslaufbahn entgegenstreben. Der junge Goethe aber ist ein Kind des Sturm und Drang. Er will mehr, mehr für sich – und bricht nach Weimar auf. Jura hat er zwar studiert, aber Goethe ist auf vielen Gebieten der Wissenschaft und Kunst unterwegs, entdeckt die Natur und beschäftigt sich mit der Farbenlehre.

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Von seinen Spaziergängen und Reisen bringt er stets etwas mit. “Ich habe nicht nach Laune oder Willkür, sondern jedes Mal mit Plan und Absicht gesammelt und an jedem Stück meines Besitzes etwas gelernt”, schreibt Johann Wolfgang von Goethe 1830 rückblickend. Nicht, dass ich eine Sammlung wie Goethe anlegen möchte – mehr als 26.000 Kunstgegenstände und rund 23.000 naturwissenschaftliche Objekte trägt er bis zum Ende seines Lebens in Weimar im Haus am Frauenplan und in seinem Gartenhaus zusammen. Aber Goethe ist mir ein gutes Beispiel für lebenslanges Lernen. Wissbegier bis ins hohe Alter: hoffentlich bleibt auch mir die erhalten.

In Zeiten von Klimawandel, Rechtspopulismus und Corona gibt es für mich viele Gründe, mich an Goethes Worte zu erinnern: “Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.” Er vertritt eine humanistische Weltanschauung und erhofft sich eine optimale Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten durch die Verbindung von Wissen und Tugend. Er diskutiert die Frage, wie das Glück des Einzelnen, Respekt und Würde des Menschen und ein Zusammenleben in der Gesellschaft zu realisieren seien. Im Leben stehen wir als Individuen und als Gemeinschaft immer wieder vor neuen Aufgaben und Herausforderungen. Goethes Sicht wirkt auf mich ermutigend. Und gäbe es in der Geschichte nicht immer wieder Menschen – in der Wissenschaft, in der Politik und der Gesellschaft – die bis an und über ihre Grenzen gehen, könnte die Welt sich nicht zu einer besseren wandeln.

PS: Was mir an Goethe so gar nicht gefällt: War die Mutter oder seine Frau Christiane erkrankt, nahm er Reißaus, quartierte sich in einer anderen Stadt ein und kehrte erst zurück, nachdem sich die Situation entspannt hatte – da war er nicht so “hilfreich und gut”.

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