turi2 edition #12, 50 Vorbilder: Ingrid Hengster schreibt über Christine Lagarde.


Grande Dame der Finanzszene: Christine Lagarde ist krisenerprobt; mit nüchternem Sachverstand manövriert sie die EZB durch die Pandemie. KfW-Vorständin Ingrid Hengster schreibt in der turi2 edition #12 über ihre Wertschätzung für Lagardes klare Worte – und ihren Einsatz für andere Frauen.

Die Frage nach meinem Vorbild lässt sich gar nicht so einfach mit einer Person allein beantworten. Es gibt viele großartige Persönlichkeiten, die mich geprägt haben. Seit meiner Kindheit bewundere ich zum Beispiel eine Frau, die ihrer Zeit weit voraus war: Maria Theresia, die im 18. Jahrhundert meine Heimat Österreich sowie Ungarn und Böhmen regiert. Mit 23 besteigt sie den Thron – als erste und einzige Habsburger Monarchin. Sie setzt weitreichende Reformen durch und führt unter anderem die Schulpflicht ein. Als große Strategin und Modernisiererin geht sie in die Geschichte ein – und als die „erste Dame Europas“. Gleichzeitig ist sie Mutter von 16 Kindern.

In den 300 Jahren seit der Herrschaft der ersten und letzten Frau auf dem Habsburger Thron haben Frauen viel erreicht. Gleichwohl werden sie immer noch vielerorts benachteiligt, Chancengleichheit wird ihnen verwehrt. Dass selbst in Deutschland noch einiges für Gleichberechtigung getan werden kann, zeigen die aktuellen Debatten um Equal Pay und Frauenquoten in deutschen Führungsgremien.

Deshalb möchte ich hier eine andere „Grande Dame“ Europas mit einem beeindruckenden Lebensweg würdigen, die überall, wo sie nur antritt, die erste ist – Christine Lagarde. Sie wird 2007 die erste französische Finanzministerin und 2011 die erste Frau an der Spitze des Internationalen Währungsfonds IWF. Heute ist sie die erste Präsidentin der Europäischen Zentralbank und somit eine der mächtigsten Frauen der Welt.

Besonders imponieren mir die vielen Facetten ihrer Persönlichkeit. In einem Video-Interview mit der „Financial Times“ beeindruckt sie durch ihre Menschlichkeit. In dem Gespräch geht es um die Corona-Krise. Eine enorme Herausforderung, mit der sie nun – kaum vier Monate an der Spitze der EZB – konfrontiert ist. Eine „steile Lernkurve“, sagt sie dazu ganz nüchtern.

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Von Lagardes Umgang mit Krisen kann man viel lernen: Nach der globalen Finanzkrise 2008, die auch Frankreich schwer trifft, hat sie sich mit ihrer Arbeit den Titel der „Besten Finanzministerin Europas“ verdient. Drei Jahre später, als IWF-Chefin, hilft sie Griechenland mit Krediten aus, die sie gleichzeitig an strenge Auflagen knüpft. Sie gilt als gewiefte Taktikerin – nicht erst seit der Finanzkrise.

Lagarde ist eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Ich habe gehört, dass ihr Lebensmotto „Zähne zusammenbeißen und lächeln“ ist. Disziplin, Tapferkeit und der Mut, sich Veränderungen immer wieder zu stellen und Chancen zu nutzen – all das, wofür Christine Lagarde steht, überzeugt mich. Schon in meiner Kindheit habe ich gelernt, dass Durchhaltevermögen, Weitblick und Optimismus Menschen weiterbringen. Genau diese Werte brauchen wir auch heute mehr denn je. Sehr gerne würde ich mich mit Christine Lagarde dazu austauschen, denn als KfW-Vorständin beschäftigt auch mich die Corona-Krise täglich.

Die gesellschaftlichen Auswirkungen der Krise haben als „erste Opfer“ Frauen getroffen, sagt Lagarde im „FT“-Interview. Sie müssen vielfach Kinder betreuen, Angehörige pflegen und den Haushalt managen – und dadurch oft in ihrem Beruf zurückstecken. Das darf nicht so bleiben.

Als Frau Lagarde noch IWF-Chefin ist, sagt sie einmal: „Bringt Frauen an den Tisch und feiert sie!“ Ich würde gern ergänzen: Lassen Sie uns die Krise als Chance begreifen und gemeinsam entscheiden, wie wir in Zukunft leben wollen.

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