turi2 edition #12, 50 Vorbilder: Mo Asumang schreibt über Oprah Winfrey.


Parallelen: Ihr Gespür für Menschen und gute Geschichten bringt sie nach ganz oben. Oprah Winfrey hört ausdauernd zu, hakt nach – immer mit dem Ziel, ihrem Gegenüber bei der Suche nach sich selbst zu helfen. Moderatorin und Filmemacherin Mo Asumang entdeckt in der turi2 edition #12 Ähnlichkeiten zu ihrem eigenen Leben.

Oprah! Oprah Winfrey. Ihr Name klingt wie ein Staat. Ein gütiger Staat, der so viel Weisheit in sich vereint und seine Bürger trägt, statt sie zu zertreten. Da möchte ich wohnen.

Sie ist voller Lebensweisheit. Wenn sie für einen Fernseh-Deal als einzige Frau mit dunkler Hautfarbe den „Entscheider-Raum“ betritt, in dem seit sie denken kann nur alte, weiße Männer sitzen, geht sie hinein mit den Worten der Schriftstellerin Maya Angelou: „I come as one but stand as 10.000.“ Deshalb hat Oprah keine Furcht vor irgendwem, schließlich stehen Martin Luther King, ihre gesamte Ahnenreihe und alle Frauen, die uns den Weg geebnet haben, plötzlich mit ihr im Raum und geben ihr Kraft. Wenn sie das erzählt, lacht sie, und ich bekomme das Gefühl, alles kann so leicht sein.

Als Vorbild kommt Oprah ganz heimlich zu mir, mit ihrer düsteren Kindheitsgeschichte in den Südstaaten der USA. Oprah, die erste schwarze US-amerikanische Milliardärin, die ein Fernseh-Imperium aufbaut und erfolgreiche Moderatorin ist, muss früh kämpfen. Sie wächst in Armut auf. Manchmal schickt ihre Großmutter sie in Kartoffelsäcken in die Schule.

Missbraucht ab dem neunten Lebensjahr, mit 14 schwanger, das Kind stirbt kurz darauf, gibt sie niemals auf. Im Gegenteil, der Verlust dreht sie von Minus auf Plus. Zeit meines Lebens habe ich das mit ihr geübt.

Oprah gibt mir Zuversicht. Nicht des Geldes wegen, sondern wegen ihrer unendlichen Liebe zum Leben. Sie weckt mich auf, streichelt mit geheilter Hand über mein Haupt. In meinen Gedanken vermischt sich manchmal ihre Kindheit mit meiner, als ich mit fünf Wochen ins Kinderheim gegeben werde oder als Kleinkind in Kassel von einer Enttäuschung zur nächsten gleite. Auch den Missbrauch teilen wir uns – mit so vielen anderen da draußen.

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Was mir Mut macht ist, dass Oprah Schattenseiten kreativ verarbeitet, zum Beispiel als Schauspielerin in „Die Farbe Lila“. Sie weiß, dass etwas Neues entstehen kann, wenn sie die Geschichten erzählt.

Missbrauch schwächt, genau wie Antisemitismus, Rassismus, Homophobie. Nur ahnen die Täter nicht, dass die „Opfer“ – wie Oprah eines war – über sich hinauswachsen können. Wenn Oprah Gäste in der „Oprah Winfrey Show“ befragte, kam diese Kreativkraft zur Geltung. Einmal sagt sie von sich selbst: „Ich bin keine Moderatorin, keine Produzentin, ich bin da, um Menschen bewusst zu machen, wer sie sind.“ Sie beschreibt es mit „Awakening“, Erwachen. Das ist so schön, dass mir darüber die Tränen fließen. Als Moderatorin und Mensch steht sie für mich allein auf weiter Flur.

Oprah sagt, „da ist etwas Größeres als du selbst“. Ihre Worte sind für mich wie eine Bibel. Immer sanft, klug und mit einem Augenzwinkern. Wenn sie eines hasst, dann Überheblichkeit. „Wir sind alle gleich“, sagt sie.

Ein Ku-Klux-Klan-Mitglied ist einmal zu Gast in ihrer Show. Als sie spürt, dass dieser nur Profit aus ihr ziehen will, sagt sie, dass sie das nie wieder macht. Vielleicht ist das der einzige Punkt, an dem ich ihr widersprechen würde. In „Mo und die Arier“ sieht man mich deshalb auch mit einem KKK-Mann sprechen. Damals bin ich mir sicher: Wenn ich es schaffe, menschlich zu bleiben, wird sein Hass keine Chance haben. Und so kommt es dann auch. Schau hin, Ku-Klux-Klan! Es gibt so viele unvergessene Momente von Oprah in Interviews. Mit Barack Obama oder Pharrell Williams, den sie zum Weinen bringt, mit einem Mörder, der seine Kinder umgebracht hat, oder mit Beyoncé.

Am Ende jeder Sendung sollen alle Gäste Oprah gefragt haben: „Wie war ich? War ich ok?“ Und so scheinen der entscheidende Wunsch und der Auftrag von Oprah, (Selbst-)Bewusstsein für das eigene Ich zu schaffen, für alle Menschen gleichermaßen wichtig zu sein. Auf diesem Pfad möchte ich weitergehen.

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(Foto Winfrey: Picture Alliance / Foto Asumang: Gisela Schmalz)