turi2 edition #12, 50 Vorbilder: Rainer Esser schreibt über Marion Dönhoff.


Eine Biographie voller Haltung: Aus ihrem ersten Leben als Adelige in Ostpreußen muss Marion Gräfin Dönhoff 1945 fliehen. In ihrem zweiten wird sie zur Vordenkerin und moralischen Instanz. Und zum Vorbild für Geschäftsführer Rainer Esser, mit dem sie nicht immer einer Meinung war.
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In der ersten “Zeit”-Ausgabe, erschienen am 21. Februar 1946, als Hamburg in Trümmern liegt, heißt es: “Wie eine Mauer von Finsternis und Verzweiflung steht die Zukunft vor uns.” Und: “Wir können nur hoffen, ein kleines Licht anzuzünden, um die Pfade zu beleuchten, auf die wir in den nächsten Wochen und Monaten tastend unseren Fuß setzen müssen.”

Mit leerem Magen, in einem ungeheizten Zimmer des ausgebombten Pressehauses, von selbst gebastelten Petroleumfunzeln beleuchtet: So sitzt sie da, die Gründungs-Mannschaft der neuen Wochenzeitung. Eine Handvoll Idealisten, die nach Jahren verlogener Propaganda mithelfen wollen, wieder eine freie, liberale Presse in Deutschland aufzubauen. Unter ihnen: Marion Gräfin Dönhoff am Beginn ihres zweiten Lebens.

Ihr erstes beginnt in Ostpreußen. Sie wächst auf im Schloss Friedrichstein, hochwohlgeboren, in einer Welt aus Adel und Reichtum. Im Januar 1945 muss sie fliehen. Als die Russen herandrängen, setzt sie sich bei minus 20 Grad auf ihren Fuchs Alarich. Sieben Wochen dauert ihr Ritt nach Westen. Den Besitz der Familie, ein erstes Leben als Komtess, als Studentin der Volkswirtschaft und Gutsverwalterin – all das lässt sie hinter sich.

Gerd Bucerius lädt die schreibtalentierte Gräfin im Februar 1946 ein, bei der Gründung der “Zeit” dabei zu sein. Sie ergreift die Chance, ein neues Deutschland mit aufzubauen. Und wird zur Vordenkerin einer neuen Ostpolitik. Sie, die ihre Heimat verlor, streckt die Hand aus zur Versöhnung. Verzichtet auf Bitterkeit und zeigt Mut, nach vorn zu schauen. Ihre Unbeugsamkeit, ihre moralischen Grundsätze, ihre Toleranz und Gradlinigkeit machen sie zur angesehenen Journalistin, gesellschaftlichen Führungsfigur, moralischen Instanz. Zum Vorbild. Nie weicht sie einen Zentimeter von der Überzeugung ab, dass eine Demokratie nur leben kann, wo aufgeklärte, gut informierte Menschen sich auf den Diskurs einlassen.

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Die “Zeit” wird für Marion Dönhoff zur neuen Heimat. Sie wird Politik-Ressortleiterin, Chefredakteurin, Herausgeberin. Die hochbetagte Gräfin muss schließlich manche Neuerungen erdulden, die sie für ziemlich verfehlt ansieht: ein neues, später freilich preisgekröntes Layout, zu bunt für ihren Geschmack. Ein ganzseitiges Inhaltsverzeichnis, das sie rundum ablehnt. Schließlich große Vertriebskampagnen, die sie für zu teuer und verzichtbar hält (“Wer die ‘Zeit’ nicht freiwillig und unaufgefordert liest, ist des Blattes nicht würdig”). Dennoch: Als ich 1999 zur “Zeit” kam, durfte ich persönlich erleben, wie sie die Veränderungen konstruktiv-kritisch begleitete, wie sie, die Unbeugsame, sich in nachsichtiger Loyalität gegenüber dem Chefredakteur und mir übte. Und mir wurde klar: Ihre Größe wurzelte auch darin, dass sie sich allem Neuen gegenüber offenhielt. Ihr war bewusst, dass Wandel unumgänglich ist. Um das Bewahrenswerte erhalten zu können, muss man das Veränderungsbedürftige verändern: Das war 1971 die Kernbotschaft ihrer Dankesrede für den Friedenspreis.

Fast 75 Jahre nach Erscheinen der ersten “Zeit”- Ausgabe ist unsere Aufgabe heute nicht weniger aktuell und herausfordernd: Wir befinden uns, ausgelöst durch das Corona-Virus, in der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Niemand kann vorhersagen, wann und wie diese Krise enden und welches Erbe sie uns in allen Lebensbereichen hinterlassen wird. Nehmen wir uns ein Vorbild an der Gräfin: Nun gilt es, Haltung zu zeigen, sich verdient zu machen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, Orientierung zu geben. Aber auch: sich auf das Neue einzulassen und die unausweichlichen Veränderungen mitzugestalten. Versuchen wir, so mutig zu sein wie sie, die rückblickend einmal sagte: “Ich habe alles immer dem Zufall überlassen. Wenn der kommt, dann packe ich ihn und versuche, etwas Vernünftiges daraus zu machen.”

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