turi2 edition #12, 50 Vorbilder: Regine Sixt schreibt über Henrietta Szold.


Für die gute Sache: Die US-Amerikanerin Henrietta Szold streitet für einen jüdischen Staat in Palästina. Sie gründet ein Krankenhaus in Jerusalem, das Juden, Muslime und Christen gleichermaßen behandelt. Unternehmerin Regine Sixt beschreibt sie in der turi2 edition #12 als Vorbild für ihre eigenen Taten.

Warum ich Henrietta Szold auswähle: Sie hat es verdient, bekannter zu werden, als sie es in Deutschland ist. Für mich ist sie eine Quelle der Inspiration – als Mutmacherin, Visionärin, couragierte Umsetzerin von Ideen. Was sie für unzählige Frauen und für Tausende vom Tode bedrohte, jüdische Kinder war, bringen Buchtitel auf den Punkt, die ihr Leben beschreiben: “Fighting Angel”, “The Children’s Friend”, “Woman of Valor”, also eine Frau von Tapferkeit, ja Heldenmut. Auch für ihre Chuzpe war sie berühmt. Durch keinen der vielen Rückschläge ihres Lebens ließ sie sich aufhalten.

Geboren wird Szold 1860 in Baltimore. Ihre Familie ist ein Jahr zuvor aus Ungarn eingewandert, ihr Vater als Rabbiner respektiert. Wäre Henrietta, älteste von fünf Schwestern, als Junge zur Welt gekommen, wäre ihr eine Karriere als Gelehrter vorgezeichnet gewesen. So aber muss sie ihren brillanten Intellekt darauf fokussieren, ihren Vater bei dessen Schriften und Büchern zu unterstützen. Das nötige Wissen bringt sie sich selbst bei. Ihr Talent wird schnell erkannt. So lehrt sie, die an keiner Universität studieren darf, gleich eine ganze Reihe von Fächern an einer Mädchenschule: Englisch, Französisch, Deutsch, Latein, Mathematik, Geschichte und Botanik. Als rund um Baltimore immer mehr jüdische Immigranten ankommen, unterrichtet sie diese in einer Abendschule. Und hilft ihnen bei der Integration.

Schnell wird sie zur Leitfigur der zionistischen Bewegung in den USA, die sich für einen eigenen jüdischen Staat in Palästina starkmacht. Dieses Anliegen treibt sie als Autorin, Übersetzerin und Administratorin der Jewish Publication Society voran. Sie arbeitet, mittlerweile in New York, bis zur Erschöpfung. Nach dem Scheitern einer großen Liebe macht sie ein Sabbatical in Palästina, begleitet von ihrer Mutter. In den Armutsvierteln Jerusalems ist sie geschockt davon, in welch tristen Umständen und wie medizinisch unterversorgt Juden, Araber und Christen leben.

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Zurück in New York startet sie 1912 – übrigens auch das Gründungsjahr von Sixt – als erste Präsidentin mit 38 anderen engagierten Damen Hadassah, die heute weltgrößte jüdische Frauenorganisation mit aktuell 330.000 Mitgliedern. Sofort entsendet Hadassah zwei Krankenschwestern nach Palästina. In ihrem ersten Jahr vor Ort behandeln diese rund 5.000 Patienten, unabhängig von deren Glaubensbekenntnis. 1918 folgt ein Team aus 45 Ärzten und Schwestern, 1920 kommt Szold selbst nach. Die Hadassah-Klinik, die Juden, Moslems und Christen behandelt, wird die größte und beste Klinik Israels. Szolds Vision gilt dort bis heute: “Building a better world through medicine!”

Während des Naziterrors organisiert Szold die Flucht Tausender Kinder aus Mittel- und Osteuropa nach Palästina. Vor Ort leitet sie deren Ausbildung und Betreuung. Und sie ist definitiv eine “Gründungsmutter” des jungen Staates Israel, den sie aber selbst nicht mehr erlebt, da sie 1945 stirbt. Ihren größten Schmerz nimmt sie mit ins Grab: “Ich hätte alles eingetauscht für ein eigenes Kind.”

Ihr Beispiel bestärkt mich, mich für leidende und benachteiligte Kinder weltweit einzusetzen, vor allem mit unserer Regine Sixt Kinderhilfe Stiftung. Immer wieder kooperieren wir mit der Kinderabteilung der Hadassah- Klinik. Dass mir diese Organisation 2010 als erster Frau den Ehrentitel Citizen of the World verlieh – übrigens eine Würde, die davor nur Schimon Peres, Zubin Mehta, Harry Belafonte und Richard Gere zuteil geworden war – bekräftigt mich in meinem Engagement.

Als Szold in hohem Alter auf Wunsch von Freunden einem Bildhauer für eine Büste Modell sitzt, fordert sie: “Machen Sie, dass meine Augen in die Zukunft blicken!” Dass sie diese Zukunft wie kaum eine andere gestaltete, bleibt ihr für immer unbenommen.

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