turi2 edition #12, 50 Vorbilder: Sarah Kübler schreibt über Phil Laude.


Mutige Offenheit: Als gackernder YouTube-Pionier wird Phil Laude zur Teenie-Ikone. Dann erleidet der Komiker einen privaten Schicksalsschlag und teilt seine Trauer ganz offen mit der Welt. Von so viel Menschlichkeit zeigt sich Influencer-Vermarkterin und HitchOn-Chefin Sarah Kübler in der turi2 edition #12 tief beeindruckt.

Authentizität ist ein typisches Schlagwort der Influencer-Branche – und ein Qualitätskriterium. Häufig höre ich, dieser oder jener Influencer sei „authentisch“, wirke also besonders echt und glaubwürdig auf seine Fans.

Wenn ich an Online-Stars denke, auf die dieses Attribut wirklich zutrifft, fällt mir immer wieder Phil Laude ein. Als vor Ideen sprudelnder Kreativer und Entertainer begeistert mich der Y-Titty-Mitgründer schon lange.

Y-Titty, das sind Phil und seine Jugendfreunde Matthias „TC“ Roll und Oguz Yılmaz. Als die drei ihre ersten Videos hochladen, wissen viele Menschen in Deutschland noch gar nicht, was YouTube überhaupt ist. Für Y-Titty wird die Plattform zur Spielwiese: Musik-Parodien, Sketche und Kommentar-Shows machen die Gruppe bei Kids und Teenagern populär.

Phil versteht, dass sich ihm eine einmalige Chance bietet: Auf YouTube kann er sich an den Barrieren der Fernseh-Industrie vorbei den Traum von einer Karriere als Comedian erfüllen. Vorläufiger Höhepunkt auf diesem Weg: Ende 2012 erreichen Y-Titty als erster deutschsprachiger Kanal eine Million Abonnenten.

Wie seine Vorbilder Stefan Raab oder Michael Bully Herbig erweist sich Phil als mediales Multitalent. Die Fans im Rücken, stürmt er mit Y-Titty die Musikcharts – ohne je im Radio gespielt zu werden.

Als Mitgründer von Mediakraft, dem ersten YouTube- Vermarkter Deutschlands, legt Phil außerdem den Grundstein für die Professionalisierung der Plattform- Produzenten in Deutschland. Noch bevor der Begriff „Influencer Marketing“ erfunden ist, kooperieren Y-Titty mit Coca-Cola oder Samsung. Natürlich ist das, was Y-Titty in einigen Videos machen, Schleichwerbung. Was heute gelernt ist, ist damals noch verrückt und neu. Doch Y-Titty ebnen mit ihren Fehlern den Weg für viele Instagrammer, YouTuber und TikTokker, die sich heute an Leitfäden und Standards für die Kennzeichnung von Werbung orientieren können.

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Später merkt das Y-Titty-Trio, dass Influencer Marketing doch nicht ihre Welt ist. 2015 ziehen sie sich aus YouTube zurück. Die zunehmende Kommerzialisierung der Plattform behagt ihnen nicht.

Ich will ganz ehrlich sein: Damals erwarte ich nicht, danach noch irgendwas von Phil Laude zu sehen oder zu hören. Y-Tittys Zeit ist vorbei, Phils auch, jetzt übernimmt die nächste Generation. Doch Phil schafft etwas Außergewöhnliches: Er erfindet sich neu. Aus dem YouTuber mit dem pubertären Humor wird ein Schauspieler, ein Stand-up-Comedian mit eigenem Programm und ein Online-Entertainer. Bei Funk, dem Jugend-Netzwerk der Öffentlich-Rechtlichen, ist er schon früh mit dabei. Damit macht er sich unabhängig von der Werbeindustrie – und allen Plattformen.

Phil hat ein unvergleichliches Talent dafür, den Humor und den Zeitgeist der jungen Generation zu treffen. Sein neuer YouTube-Kanal hat fast eine Million Abonnenten. Auf Instagram folgen ihm an die 900.000.

Zum Vorbild wird Phil für mich, als er einen privaten Schicksalsschlag verarbeiten muss – und das auf eine ehrliche, menschliche und mitfühlende Art und Weise tut, die in der Social-Media-Welt sonst selten ist. Im Sommer 2018 stirbt Phils Freundin Nadja völlig überraschend. Er unterbricht seine Karriere als Comedian.

Auf seinen Kanälen spricht er seitdem ganz offen über seinen Verlust und seine Trauer. Als Künstler ist Phil ganz oben und genießt den Erfolg nicht nur, sondern teilt ihn immer auch mit seinen Fans. Nun erlebt die Welt einen anderen, nachdenklichen, trauernden Phil. Er bleibt aber derselbe. Jemand, der sich auch in diesem Moment nicht verstellt, sondern offen seine Gefühle, Gedanken und seine tiefe Traurigkeit zeigt.

Ganz authentisch eben. Dafür habe ich allerhöchsten Respekt.

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(Foto Phil Laude: Picture Alliance / Foto Sarah Kübler: Sandra Zaitsev)