turi2 edition #12, 50 Vorbilder: Sebastian Pufpaff schreibt über Dean Martin.


Der heißt wirklich so: Sebastian Pufpaff ist Kabarettist, Moderator und Entertainer, bekannt aus der ZDF-“heute-show” oder seiner 3sat-Sendung Pufpaffs Happy Hour. Für die turi2 edition #12 schreibt er über Entertainment-Legende Dean Martin. Der “King of Cool” ist für Pufpaff Antiheld und Vorbild zugleich.

Wussten Sie, dass es kein Gegenteil für das Wort Vorbild in der deutschen Sprache gibt? Wir behelfen uns mit Begriffen wie Negativbeispiel und Antiheld. Oft denke ich, diese sind die besseren Lebensberater. Wenn du all das Schlechte nicht tust, statt andere nur zu imitieren, bist du nicht nur näher am Ideal, sondern auch mehr du selbst. Ist also das größte Arschloch womöglich das mächtigere Vorbild?

Aber Sie wollten ja eine konkrete Antwort auf die Frage nach meinem Vorbild. Da nur eine Person zu nennen, ist schwer. Es sind eher Charaktereigenschaften und Lebenswege, die ich bewundernswert finde. Ich lasse mich von Taten inspirieren. Mein Vorbild ist ein Mischwesen, ein Wolpertinger aus Menschen.

Meine Top drei sind Dean Martin, Steve Martin und Jerry Seinfeld, Komiker aus den USA. Insbesondere Dean Martin hat mich inspiriert und motiviert. Zusammen mit Jerry Lewis erfindet und kultiviert er in den 40er und 50er Jahren das Genre des Stand-ups. Martin und Lewis sind die unangefochtenen Meister der Unterhaltung, schaffen den Spagat zwischen Albernheit, Glamour und Authentizität. Was davon wahrhaftig, was hollywoodeske Fassade war, weiß ich nicht. Aber ihre Art und Weise zu arbeiten, die Menschen alles um sich herum vergessen zu lassen, immer wieder zu überraschen – das ist die Form von Unterhaltung, die ich liebe.

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Mein Bühnen-Alter-Ego Pufpaff ist an den Look von Martin angelehnt. Oft werde ich als George Clooney des Kabaretts bezeichnet, da ich grau melierte Haare habe und immer einen Anzug trage. Dabei bin ich eher der verlorene Sohn des Rat Packs. Die gute Garderobe zeugt von Respekt gegenüber dem Publikum: Wenn ihr es schafft, eure Hintern vom Sofa zu hieven, ziehe ich mir was Ordentliches an. Mein Aussehen soll auch im Widerspruch zu meiner Komik stehen. Der Zuschauer sieht einen Anzugträger mit Pomadenhaar, erwartet Schnöseligkeit, Arroganz und Selbstherrlichkeit, die ich dann mit meinem Gesagten breche. Der Look ist irreführend – und genau das ist ein guter Witz auch.

Bei Dean Martin greift dieses Prinzip ebenfalls: Er wird jahrelang als Beau verkannt, seine Karriere läuft solide bis durchschnittlich. Erst, als er anfängt, die Selbstironie zu leben, beginnt sein raketenhafter Aufstieg zur Crème de la Crème der Unterhaltung.

Dean Martins karrieristischer Schlingerkurs vor dem großen Erfolg motiviert ebenfalls. Er macht immer weiter, als Milchmann, Boxer, Nachtclubsänger, ist sich für nichts zu schade. Sieht die Ochsentour nicht als Plage, sondern als Schule. Es dauert mehrere Künstlernamen und zahllose Bands, bis er seine Bühnenfigur zurechtgeschliffen hat – um diese schlussendlich zusammen mit Jerry Lewis wieder zu demontieren. Das finde ich total spannend: Da will einer jahrelang als Sänger ernst genommen werden, schafft es halbwegs – echter Erfolg aber stellt sich erst ein, als Jerry Lewis auf der Bühne als alberner Komiker alles, was Martin tut, boykottiert.

Manchmal ist das große Ding das Gegenteil von dem, was wir anstreben. Man darf den Blick niemals auf die Untertasse beschränken, sollte immer offen für alles und jeden sein. Vielleicht verbirgt sich in der Schwäche eine Stärke, im Gegenteil der Sinn des Lebens.

Dean Martins Privatleben ist ebenfalls eine Mahnung, wie wenig wir das Leben im Griff haben. Es ist gezeichnet von Zweifeln, Schicksalsschlägen, Krankheiten. In der kollektiven Erinnerung ist Martin Mr. Cool, Sinnbild optimistischer Süffisanz. Trotzdem ist er kein makelloser Held. Fast hätte er sich im Bermudadreieck aus Eitelkeit, Drogen und Frauen verloren. Man kann trotzdem von ihm lernen – auch aus seinen Fehlern.

Was ich gelernt habe? Erfolg findet nicht im Scheinwerferlicht statt. Erfolg erlebt man zu Hause, für sich allein. Und mit dem volatilen Gefühl, einmal alles richtig gemacht zu haben.

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