turi2 edition #12, 50 Vorbilder: Sigrid Nikutta schreibt über Rosa Parks.


Ziviler Ungehorsam: Rosa Parks soll ihren Platz im Bus für einen Weißen räumen. Sie bleibt sitzen. Und setzt so 1955 in Alabama ein Zeichen, das bis heute weltweit nachwirkt. DB-Cargo-Chefin Sigrid Nikutta schreibt in der turi2 edition #12 über diese Geschichte, an die sie oft denkt.

Der 1. Dezember 1955 ist einer dieser stickigen Tage in Montgomery, Alabama. Als Rosa Parks auf dem Heimweg nach einem langen Arbeitstag in den Bus Nr. 2857 steigt, weiß sie nicht, dass diese Fahrt ihr Leben verändern wird. Die 42-jährige Afroamerikanerin ist einfach nur müde. Sie setzt sich auf einen der wenigen freien Plätze – die eigentlich für Weiße reserviert sind. Das bedeutet zehn Dollar Strafe. Viel Geld für die Schneiderin und Sekretärin Parks.

Seit früher Kindheit hat Rosa Parks eine ungleiche Behandlung aufgrund ihrer Hautfarbe erfahren. Die Rassentrennung beherrscht ihr Berufs- und Alltagsleben, gilt selbst im öffentlichen Nahverkehr. So wird ein Bus zum Schauplatz eines Aufbegehrens, das Parks zur Ikone der Bürgerrechtsbewegung macht. Sie weigert sich, ihren Sitzplatz für einen weißen Fahrgast freizugeben. Der daraufhin ausgerufene Montgomery Bus Boycott geht um die Welt, wird Auslöser unzähliger Bürgerrechtsproteste. Diese sind erfolgreich, wenn auch erst Jahre später: Ein Gesetz zur Abschaffung der Rassentrennung wird 1964 verabschiedet.

Rosa Parks hat durch einen einzigen Akt zivilen Ungehorsams ein Zeichen gesetzt. Und damit einen Rassismus in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt, der bis heute nicht überwunden ist – wie der Fall des durch Polizeigewalt getöteten George Floyd zeigt. Rosa Parks hat Haltung bewiesen, durch das einfachste zur Verfügung stehende Mittel: den persönlichen Widerstand in einer Alltagssituation. Angetrieben von nichts als ihrer Wut über die herrschenden Ungerechtigkeiten. Das erfordert Mut. Parks wusste, dass es Konsequenzen geben würde – aber negative Konsequenzen machen Ungerechtigkeit ja nicht kleiner. Das beeindruckt mich und macht Rosa Parks für mich zum Vorbild.

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Die wiederaufgeflammte Wut, die Proteste als Reaktion auf den Tod von George Floyd, die sich von den USA aus bis nach Europa ausdehnten, erinnern an die 50er Jahre. Mit dem Unterschied, dass der Protest nun gleich im Kollektiv erfolgt. Ich habe den Eindruck, das Bedürfnis der Menschen, Haltung zu zeigen, ist gegenwärtig ausgeprägter denn je. Das zeigt sich auch an anderen gesellschaftlich-politischen Bewegungen wie den Klimaprotesten – ebenfalls ausgelöst durch eine einzelne Person, Greta Thunberg.

Die Hürden, die Rosa Parks zu überwinden hatte, führen mir auch meine eigenen Privilegien vor Augen. In meinem Berufsleben bin ich weit davon entfernt, annähernd vergleichbare Hindernisse überwinden zu müssen. Sich als Frau in einer männerdominierten Branche wie dem Verkehrssektor durchzusetzen, erfordert dennoch einen starken Willen – und die Fähigkeit, sich durch Widerstände erst richtig zu motivieren.

Gleich zu Beginn meiner Karriere sagte mir eine männliche Führungskraft: „Ich halte überhaupt nichts von Frauen in dieser verantwortlichen Position. Aber wenn Sie unbedingt wollen, können Sie es ja mal versuchen. Sie sollen ja ganz gut sein, aber dafür wird es sicher nicht reichen.“ Das ist gerade einmal 25 Jahre her. Aber wenigstens sprach dieser Chef laut aus, was viele bis heute denken.

Ich bin dankbar, dass in unserer Gesellschaft Werte wie Gleichberechtigung, Chancengleichheit und Leistung, aber auch Hilfe für Schwächere gelebt werden. In meinem Job habe ich die Möglichkeit, diese persönlich und öffentlichkeitswirksam hochzuhalten. Das sehe ich als Chance, aber auch als Verantwortung. Denn: Nichts ist selbstverständlich. Noch vor Monaten hätte sich niemand in Deutschland vorstellen können, eine Diskussion über Grundnahrungsmittel oder Toilettenpapier zu führen. Wir sehen gerade, wie stabil unser System ist. Aber auch: wie verletzlich.

Ich wünsche mir, dass wir diese Sensibilität für die Zerbrechlichkeit unserer Umwelt behalten.

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