turi2 edition #12: Allianz-Sprecherin Sabia Schwarzer über Heimat und Kleingedrucktes.


Neuanfang als Chance: Sabia Schwarzer, Sprecherin des Allianz-Konzerns, hat eine bewegte Familiengeschichte: eine Großmutter floh von Indien nach Pakistan, die andere aus Schlesien nach Westdeutschland. Mit Peter Turi spricht sie in der turi2 edition #12 über familiäre Prägungen, Mobilität und Versicherungen gegen Katastrophen.

Ihre beiden Großmütter mussten aus ihrer Heimat flüchten. Wie beeinflusst das Ihr Leben?
Ich habe keine Angst vor Neuanfängen, bin neugierig und sehe oft das große Ganze. Auch Durststrecken im Leben habe ich – dank ihrem Beispiel – gelernt auszuhalten und sogar an ihnen zu wachsen.

Was ist typisch für einen Menschen, dessen Vorfahren mit wenig bis nichts neu anfangen mussten?
Der Glaube, dass Neuanfang mit Abenteuer und Möglichkeiten verbunden ist. Dass man immer und überall Freunde finden kann – und dass Zuhause dort ist, wo die Familie zusammenhält.

Sie beschreiben als Vorbild Ihre Großmutter Rehan. Wie stark beeinflusst diese Großmutter Ihr Handeln und Ihre Werte?
Vor kurzem habe ich das Buch „Brave New Medicine“ von der amerikanischen Ärztin Cynthia Li gelesen. Darin beschreibt Li, dass prägende Erlebnisse sich in Form einer Erinnerung in der DNA abspeichern. Als wir unseren ersten Sohn bekamen, habe ich mich riesig gefreut, aber die ersten drei Monate ein distanziertes, ja fast neutrales Verhältnis zu ihm gehabt. Nach dem Lesen des Buches wurde mir klar, das hier wahrscheinlich die Prägung meiner Großmutter durchkam. Sie hatte selber bereits in sehr jungen Jahren Kinder bekommen und nicht richtig gewusst, was sie darüber denken sollte.

Sie selbst haben viele Neuanfänge und Kontinentalsprünge gewagt zwischen Europa, Asien und Amerika.
Nicht immer ganz freiwillig. 1977 bin ich im Alter von sieben Jahren für ein Jahr ohne Eltern von Karachi in Pakistan nach Krefeld gereist und dort auf die Grundschule gegangen. 1982 sind wir dann zusammen dorthin umgezogen. In Krefeld war ich geboren worden, aber nach wenigen Monaten sind meine Eltern mit mir nach Pakistan gezogen. An den Niederrhein kam meine Großmutter mit meiner Mutter auf der Flucht aus Schlesien.

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Wie haben sich Ihre Eltern kennengelernt?
Mein Vater war als Student aus Pakistan an die Textilschule nach Mönchengladbach gekommen und meiner Mutter als Nachhilfelehrer für Englisch empfohlen worden – meine Mutter ist die einzige Deutsche, die ich kenne, die heute noch Englisch mit indischem Akzent spricht. (lacht)

Sie haben in Münster studiert, sind mit 26 für die Allianz nach Singapur, mit 30 gingen Sie für 16 Jahre in die USA, sind seit 2015 wieder in Deutschland. Wo, würden Sie sagen, ist Ihre Heimat?
Das ist eine ganz schwere Frage. Im Herzen fühle ich mich als Amerikanerin. Das ist meine Heimat geworden, weil mich da niemand fragt: “Wo haben Sie unsere Sprache so gut gelernt?” und “Wann gehen Sie in Ihre Heimat zurück?” In Deutschland ist mir das früher mehrfach passiert.

Kann man verallgemeinern, dass Menschen mit Migrationshintergrund ehrgeiziger sind? In den USA sind besonders viele erfolgreiche Firmen von Migrantenkindern gegründet worden, denken wir nur an Yahoo, Google und Uber.
Ich will es nicht an der Migrationserfahrung allein festmachen. Aber: Wer in seiner Kindheit Widerstände überwinden musste und bei wem nicht alles glatt gelaufen ist, der hat vermutlich den Antrieb, nicht so schnell aufzugeben. Und höhere Risiken einzugehen in der Hoffnung, etwas Großes zu erreichen.

Mein Vater kam 1946 aus seiner Heimat, einem Bauernhof in Ungarn, nach Deutschland. Über die Kränkungen und Hänseleien jener Zeit hat er erst in den letzten Jahren vor seinem Tod sprechen können. Ich wusste davon als junger Mensch gar nichts und habe mich doch oft als nicht zugehörig, als einsam empfunden. Kennen Sie sowas?
Das Gefühl, im Herzen heimatlos zu sein, kenne ich auch. Wenn ich in Deutschland war, war ich im Grunde zu klein und zu dunkel, um deutsch zu sein, in Pakistan und in Indien bin ich zu hell, um wirklich dazuzugehören. Bei Schulfreunden, die ihr Leben lang in einer Region gelebt haben, sehe ich eine Selbstverständlichkeit, eine Verwurzelung, die mir fehlt. Die kennen da, wo sie leben, jede Ecke, jeden Baum und jeden Menschen. Das ist natürlich schön.

In welchem Punkt wollen Sie für Ihre Kinder Vorbild sein?
Ich will ihnen vorleben, dass man sich trauen soll, auf Missstände aufmerksam zu machen. Als die Kinder klein waren, habe ich sie in den USA in die Schule gefahren und abgeholt. Wenn am Straßenrand Jugendliche ihre McDonald’s-Tüten einfach auf die Straße geworfen haben, habe ich oft angehalten und die Jugendlichen freundlich gebeten, sie wieder aufzuheben. Das war meinen Kindern sehr peinlich. Aber ich glaube, sie haben etwas daraus gelernt: hinzugucken, wo Unrecht passiert, im Großen wie im Kleinen. Inzwischen agieren sie selbst ab und zu so.


Um kurz auszusteigen aus dem “Hamsterrad” des Home-Office, bringt Sabia Schwarzer sich und ihre Gedanken auf dem Minitrampolin in Bewegung. Als Kommunikationschefin der Allianz muss sie in der Pandemie überzogene Erwartungen an die Versicherung enttäuschen: “Ein systemischer Ausfall überfordert uns alle”

Wenn Vorfahren die Haltung und die Werte von Personen prägen – was prägt dann eine Firma?
Die Haltung und die Werte ihres CEOs und des Top- Managements und die vielen Menschen, die die Geschichte dieser Firma geschrieben haben.

Wie wichtig sind Traditionen für eine Firma?
Extrem wichtig, denn Tradition bedeutet, dass man diejenigen achtet, die vor einem etwas geschaffen haben – auch wenn manches im Nachhinein nicht perfekt war. Aus der Wertschätzung dessen, was war, entsteht Dankbarkeit für das, was ist. Die Tradition gibt uns ein Fundament, auf dem weitergebaut werden kann. Die Kultur einer Firma wird nicht in einer Generation geprägt, sondern über viele hinweg. Und eine wertschätzende Kultur zieht Menschen an, die wiederum andere Menschen wertschätzen und so „psychological safety“ schaffen, in der Kreativität und Innovation aufblühen können.

Corona hat viel umgekrempelt in unserem Leben. Was haben Sie als positiv empfunden – und was nicht?
Positiv war, dass wir mehr Zeit als Familie hatten, weil alle zu Hause waren. Weniger gut ist das Hamsterrad, in das wir alle geraten sind. Die Abgrenzung zu finden, wenn die Arbeit nach Hause kommt, ist sehr schwer.

Wie hat sich Ihre Arbeit als Kommunikationschefin bei der Allianz verändert?
Wir haben gelernt, als Team zu funktionieren, ohne uns physisch zu treffen. Home-Office war schon lange möglich, aber eher die Ausnahme. Wir suchen jetzt ein komplett flexibles Modell, in dem jeder arbeiten kann, wo er möchte. Die wichtigste Frage ist dann: Wie halten wir als Führungskräfte unsere Teams zusammen? Wie schaffen wir es, dass das Miteinander nicht verloren geht, wenn wir uns physisch nicht mehr so oft treffen? Wir müssen auch lernen, Ruhephasen fest einzuplanen und die Chance zur Fortbildung. Wir starten jetzt damit, dass jeder Mitarbeiter zwei Stunden pro Woche für Fortbildung reserviert und auch nutzen soll.

Das klingt jetzt nicht sonderlich viel.
Es ist ein erster Schritt. Wenn man es nicht einplant, kommt man aus dem Hamsterrad nicht raus. Dann bleibt nicht mal die Zeit zum Zeitunglesen, geschweige denn für einen Onlinekurs. Eine Planung der eigenen Kapazitäten ist wichtig: Wann willst du arbeiten, wann nachdenken oder dich fortbilden?


Das Bild der Großmutter begleitet Schwarzer wie früher der Spruch: “Wann gehen Sie in Ihre Heimat zurück?” Den musste sie in Deutschland oft hören – niemals aber in den USA

Was hat die Pandemie mit der Allianz gemacht?
In den Themen hat sich nicht so viel geändert: Digitalisierung, Flexibilität und Neue Arbeit bleiben Herausforderungen. Wir müssen einfacher werden – intern und für unsere Kunden. Verständlich sein im Kundenservice, unbürokratisch helfen in Notsituationen. Unsere Strategie lautet: „Einfach gewinnt“ – und in der Corona-Krise ist nochmal deutlicher geworden, wie wichtig das ist.

Die Allianz steht am Pranger, weil sie Gastronomen und Hoteliers, die sich gegen Betriebsschließungen versichert hatten, nicht geholfen habe. Zu Recht?
Eigentlich nicht. Ich verstehe aber, dass die Menschen enttäuscht sind, wenn sie nicht die erwartete Hilfe bekamen. Viele Gastronomen hatten eine Versicherung mit Pandemieschutz abgeschlossen, da haben wir auch voll gezahlt. Andere hatten keinen Pandemieschutz, glaubten sich aber geschützt. Da waren vielleicht die Verträge nicht unmissverständlich genug formuliert.

Stichwort: das Kleingedruckte.
Für mich ist das Stichwort eher „einfach“. Wir müssen Policen in Zukunft noch einfacher und verständlicher formulieren. Aber mit der Mehrheit derer, die sich versichert wähnten gegen eine Pandemie, es aber nicht waren, haben wir einen freiwilligen Kompromiss geschlossen. Durch öffentliche Entschädigungen, eingesparte Aufwendungen und Kurzarbeitergeld fallen die Aufwendungen der Betriebe um rund 70 Prozent. Von den verbleibenden 30 Prozent werden von der Betriebsschließungsversicherung die Hälfte übernommen. Damit sind in etwa 85 Prozent des Kundenschadens aufgefangen.

„Einen systemischen Lockdown kann man nicht versichern“, sagt Ihr Chef Oliver Bäte. Erwarten die Menschen aber nicht genau dies von einer Versicherung?
Womöglich. Aber das Versicherungsprinzip ist ein anderes: Viele zahlen wenig ein, damit wenige viel bekommen, wenn ihnen Außergewöhnliches passiert. Stellen Sie sich vor, jedes Auto hätte einmal im Jahr einen Totalschaden – das könnte keine Versicherung ersetzen, weil kein Versicherungsnehmer sich die Beiträge dafür leisten könnte.

Eine Pandemie ist so wenig versicherbar wie ein Weltkrieg oder der Klimakollaps?
Privatwirtschaftlich sicher nicht. Ein systemischer Ausfall überfordert uns alle.

Vielleicht sollten Sie groß ins Kleingedruckte der Verträge schreiben: Der Weltuntergang ist nicht versichert.
Vielleicht.

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