turi2 edition #12: Bahn-Vorständin Sigrid Nikutta über Geschlechter und Güterverkehr.


Die liefert Großes: Entspannt posieren Sigrid Nikutta und Peter Turi beim Interview-Shooting auf der Dachterasse des Berliner Bahn-Towers. Nikutta hat als Vorständin Güterverkehr der Deutschen Bahn eine Aufgabe, an der alle Männer vor ihr gescheitert sind. Die fünffache Mutter sprengt alle Rollenklischees. In der turi2 edition #12 spricht sie über Vorbilder, Lebenswege und Kommunikation.

Das erste Vorbild vor den Augen eines Kindes sind die Eltern. Worin waren Ihnen Ihre Eltern Vorbild?
Ich bin eine Anhängerin der Erkenntnis: Man kann seine Kinder noch so gut erziehen – am Ende machen sie einem alles nach. Bei meinen Eltern war das aber positiv: Sie sind acht Wochen nach meiner Geburt von Polen nach Ostwestfalen übergesiedelt und haben nochmal fast bei null begonnen. Was mich sehr geprägt hat, ist ihre vorgelebte Einstellung: Du kannst alles erreichen, was du dir vornimmst – wenn du es wirklich willst und dich entsprechend ins Zeug legst.

Warum sind Ihre Eltern 1969 von Ost nach West ausgesiedelt?
Meine Vorfahren sind Deutsche, denen in den Kriegswirren die Fluchtwege abgeschnitten waren. Meine Geburtsstadt Szczytno liegt landschaftlich wunderschön im masurischen Seengebiet, im alten Ostpreußen. Meine Eltern wollten unbedingt nach Deutschland, weil sie es als Angehörige der deutschen Minderheit in Polen schwer hatten. Heute würden meine Eltern sicherlich sagen, dass sie Ostwestfalen sind. Und ich bin es auch, denn da bin ich sozialisiert.

Hat diese Migrationserfahrung Ihr Leben mitbestimmt?
Sicher. Man weiß ja heute, dass die Erfahrungen der Eltern und Großeltern das Leben eines Kindes mitbestimmen. Prägend war sicher meine Großmutter, die in den Kriegswirren fast alles verloren hat: den Mann, das Haus, die Heimat. Sie hat danach immer hochgehalten: Das Einzige, worauf du dich verlassen kannst, bist du selbst und das, was du gelernt hast. Bildung war für sie und meine Eltern ganz wichtig. Für mich hieß das: vieles lernen, gute Schulnoten haben.

Was waren für Sie als Kind und Jugendliche Vorbilder?
Das wechselte nach Lebensphasen. Da war die Französischlehrerin, die besonders engagiert und toll war und die in mir die Leidenschaft für die französische Sprache geweckt hat. Für sie habe ich mich richtig ins Zeug gelegt. Später, als ich Psychologie studiert habe, hat mir die Personalchefin imponiert, bei der ich mein Praktikum gemacht habe. Sie hat mir gezeigt, welche Berufsmöglichkeiten ich als Psychologin habe. So ähnlich ging es weiter. Ich habe in jeder Lebensphase Menschen gefunden, die ich bewundert habe und von denen ich mir das Beste abgeguckt habe.

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Sie haben für unser Buch als Vorbild eine ganz einfache Frau beschrieben, die aber Zivilcourage im Kampf um Bürgerrechte für Schwarze in den USA der 60er Jahre bewiesen hat: Rosa Parks. Wer sind für Sie heute die Held*innen des Alltags?
Da gibt es so viele! Zum Beispiel die, die im wahrsten Sinne des Wortes den Dreck wegmachen. Für Ärzt*innen und Pfleger*innen wurde vom Balkon geklatscht, eine Klinik kann aber nicht funktionieren, wenn es nicht richtig gute Reinigungskräfte gibt, die im Hintergrund arbeiten. Zu meinen Held*innen zählen aber auch Menschen, die ganz stark andere Menschen prägen, zum Beispiel Erzieher*innen in Kindergärten oder Schulen.

Für wen klatschen Sie nicht?
Alle, deren Verhalten egoistisch und verantwortungslos ist. Zum Beispiel Erwachsene, die keine Corona- Masken tragen oder keinen Abstand halten und damit ein schlechtes Vorbild sind für unsere Kinder. Ähnlich ist es mit dem Schwarzfahren: Als Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe war ich oft mit dem Phänomen konfrontiert, dass einzelne die Regeln verletzen und auch noch stolz darauf sind. Ich finde eben nicht, dass es eine Bagatelle ist, wenn ich beschließe, andere zahlen zu lassen. Eine Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn sie sich Regeln gibt und sich alle daran halten.

Wo wollen Sie Vorbild sein?
Mein wichtigstes Lebensmotto ist: Sieh das Leben vom Ende her! Und so agiere ich auch. Deshalb möchte ich Vorbild und Ermutigerin sein. Zum Beispiel dafür, dass man sich Dinge vornehmen und erreichen kann. Oder dafür, dass man als Psychologin in einem technischen Umfeld arbeiten und etwas bewegen kann. Das ist kein Zufall: Denn ob Technik funktioniert oder nicht, hängt immer von Menschen ab.

Wollen Sie auch Vorbild für den Karriereweg von Frauen sein?
Das Geschlecht war im Studium und in meinen ersten Berufsjahren für mich überhaupt kein Thema. Bis irgendwann ein Chef zu mir sagte: „Sie sollen ja ganz gut sein, ich nehme Sie, obwohl Sie eine Frau sind.“ Es war das erste Mal, dass ich mir dachte: Was ist denn jetzt los? Da wurde ich auch für die gesellschaftliche Debatte sensibler.

Für Ihre fünf Kinder zwischen 4 und 16 ist es normal, dass Sie arbeiten und Ihr Mann sich auf die Familien- und Erziehungsarbeit konzentriert?
Komplett. Meine Kinder sind immer ganz überrascht, wenn irgendwo die Mama kocht. Das erzählen sie dann mit einem kleinen Seitenhieb: Und es hat sogar geschmeckt. Ich koche eigentlich nie und wenn doch, geht es meist schief und sorgt für lustige Familiengeschichten.

Brauchen unsere Kinder überhaupt noch Vorbilder?
Ich finde es ganz wichtig, dass in einer immer komplexer werdenden Welt mit so vielen digitalen Reizen reale Vorbilder Kindern Orientierung geben.


Die Frau mit den Perlenohrringen – und dem Doktortitel: Sigrid Nikutta ist bei der Bahn fast ganz oben angekommen. Die 51-Jährige gilt als willen und kommunikationsstark.

Weil die digitalen Vorbilder Trugbilder sind, Stichwort Influencer?
Ich würde Influencer nicht verteufeln, aber als Eltern wundert man sich schon manchmal über die Themen, die da gesetzt werden. Viele Influencer*innen definieren sich sehr stark über das Thema Kleidung, Schminke und so was. Andererseits hat jede Elterngeneration sich gewundert über die Vorbilder ihrer Kinder. Meine Eltern taten sich schwer mit Barbiepuppen. Haben die mir geschadet? Nein. Ich glaube, wir dürfen entspannt sein.

Sie haben vorhin ein schönes Stichwort gegeben – dass Sie Ihr Leben vom Ende her denken. Dann haben Sie wahrscheinlich schon Ihren Grabspruch im Kopf?
Ganz so weit bin ich noch nicht, alles davor ist so gut wie geregelt.

Es gibt ja den Rat, man solle sich vorstellen, welche Grabrede man sich für die eigene Beerdigung wünscht. Als promovierte Psychologin haben Sie sich dieser Übung sicher unterzogen, oder?
Ja, das habe ich tatsächlich gemacht und zwar relativ früh.

Und seitdem wissen Sie ganz genau, was Sie wollen?
Ja, ein Beispiel. Ich hatte mir nach meinem Studium überlegt, zu promovieren. Aber dann wollte ich erstmal eine Weile arbeiten, um zu sehen, wie das so funktioniert. Und dann wurde es immer später und später und niemand hat mir dazu geraten oder nur damit gerechnet, dass ich mal promoviere. Ich habe dann auf meine innere Stimme gehört und damit angefangen, berufsbegleitend meine Promotion zu schreiben. Das war alles andere als ein Vergnügen – aber ich habe es hingekriegt.

Und nebenbei noch Kind Nummer 3 bekommen.
Genau. Es war extrem herausfordernd, aber ich wollte den Doktortitel unbedingt haben. Für mich.

Das Thema Ihrer Promotion?
Der Titel ist „Mit 60 im Management: Vorstand oder altes Eisen? Eine qualitative Untersuchung zur Selbstwahrnehmung von älteren Führungskräften“. Die Grundthese ist dabei, dass ältere Führungskräfte eigentlich auf dem maximalen Punkt ihrer Leistungsfähigkeit sind, da die kristalline Intelligenz maximal ausgeprägt ist und ein Stück weit die fluide Intelligenz ersetzt.

Das heißt: Erfahrung hilft, auch wenn die Experimentierfreude nachlässt?
Genau. Leider schicken Unternehmen Manager gern so um die 60 in den Vorruhestand oder in irgendwelche Business-Angel-Programme. Dabei könnten die Führungskräfte eigentlich nochmal durchstarten. Unternehmen verlieren durch diese Politik unglaublich viele Potenziale. Durch den demographischen Wandel können wir uns das als Gesellschaft gar nicht mehr leisten.

Das heißt, Sie planen nicht, mit 60 aufzuhören?
Auf keinen Fall! Mit 60 bin ich klüger und befreiter denn je. Wie könnte ich da aufhören?

Sie wären ein leuchtendes Vorbild, wenn Sie als erste Frau den Vorstandsvorsitz der Deutschen Bahn übernehmen würden.
Ich habe gerade erst wieder bei der Güterbahn angefangen – und das ist ausreichend herausfordernd. Auch schon ohne Corona – und erst recht mit.


Lady in red: Sigrid Nikutta strahlt in ihrer Lieblingsfarbe, während das DB-Logo hinterrücks blass bleibt.

Experten sagen, Sie haben die schwierigste Aufgabe: die Sanierung des maroden Güterverkehrs, mehr Lastverkehr auf die Schiene zu bringen. Wie wollen Sie hinkriegen, woran seit Jahrzehnten alle Vorgänger gescheitert sind?
Ich habe noch keinen getroffen, der gesagt hat: Bitte weniger Verkehr auf die Schiene. Ich treffe nur Menschen, die sagen: Mehr Verkehr auf die Schiene. Das ist seit über 50 Jahren so, als der damalige Bundesverkehrsminister Georg Leber den Vorrang der Schiene für den Güterverkehr propagiert hat.

Passiert ist genau das Gegenteil: Der Anteil der Schiene am Güterverkehr ist von über 50 % auf unter 20 gesunken. Was macht Sie so sicher, dass Sie die Trendwende schaffen?
Ich bin überzeugt, dass es das Richtige für Deutschland und Europa ist. Die Fokussierung der Gesellschaft auf den Heilsbringer Auto ist nicht mehr da. Wir haben jetzt die Chance, Güter wieder von der Straße zu holen. Das Thema ist strukturell herausfordernd, von alleine passiert da gar nix. Wir müssen alles neu anpacken: Infrastruktur, Gleisanschlüsse, Gleise, Rangieranlagen, Verladesysteme, Verladekräne, Güterwagons, Loks, aber auch die politischen Rahmenbedingungen. Und zwar nicht nur national, sondern international. 60 % unserer Cargo-Verkehre sind schon heute international.

Was ist Ihr wichtigster Hebel?
Wir müssen klarmachen, dass es keine Kostenwahrheit gibt im gegenwärtigen System. Wenn die Lkws über die Brücken brettern bis die Brücken kaputt sind, dann bezahlen wir alle die Infrastruktur, die Baukosten und die Unfallkosten. Nur bei der Bahn wird erwartet, dass sie die Kosten auf den einzelnen Zug umlegt.

In den letzten 50 Jahren ist die Infrastruktur stark zurückgebaut worden. In Kleinheubach, wo mein Großvater Bahnhofsvorsteher war und ich viele Ferien verbracht habe, gab es noch in den 70ern einen Güterbahnhof. Heute ist der Bahnhof nur noch eine Haltestelle mit Fahrkartenautomaten. In der Fläche ist die Schlacht doch schon verloren.
Wenn ich von einem Dorf ins andere möchte, ist perspektivisch der Elektro- oder der Wasserstoff- Lkw die richtige Lösung. Bei 200, 300 oder 1.000 Kilometern ist aber die Schiene die umweltfreundlichste Lösung. Und was muss dann passieren? Entweder gibt es einen Gleisanschluss direkt in der Fabrik oder es wird mit einem Elektrooder Wasserstoff-Lkw aus 30 Kilometern angeliefert. Der ganze Container oder die Wechselbrücke wird auf den Güterwagen geladen und dann Tausende Kilometer durch Europa gefahren. Bei zunehmendem Warenverkehr ist das die einzige Alternative dazu, Autobahnen aus- oder neue zu bauen. Und das wird keiner wollen. Den Anteil der Schiene am Warenverkehr von derzeit 18 oder 19 Prozent auf 25 Prozent zu steigern, ist ein sinnvolles, von der Politik gesetztes Ziel. Es ist anspruchsvoll, aber erreichbar.

Bei den Berliner Verkehrsbetrieben haben Sie eine Imagewende mit ungewöhnlicher Werbung hingekriegt, die sich an den Endkunden richtete. Jetzt haben Sie Ihren Marketingchef Martell Beck von der BVG nachgeholt – warum?
Sichtbarkeit, also das, was Marketing und Kommunikation erzeugen, ist extrem wichtig. Wenn ich das, was mir wichtig ist, nicht rüberbringe, wird es nicht passieren. Ich habe Martell Beck geholt, weil ich weiß, was er in Sachen Werbung kann. Ziel ist für mich, die Kommunikation strategisch als Mittel zur Veränderung einzusetzen. Meine erste Grundüberzeugung ist: Du musst einfach, oft und über alle Kanäle kommunizieren. Und zwar auch Arbeitsstände. Manche denken, sie sollten nur Ergebnisse kommunizieren – aber bis ein Ergebnis da ist, habe ich Wochen für Gerüchte gelassen. Gute Kommunikation ist das A und O für Veränderungen.

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