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turi2 edition #12: Dr. Henning Beck über das menschliche Bedürfnis nach Vorbildern.

27. September 2020

Auf der Meta-Ebene: “Würden wir unser Leben lang auf die Elterngeneration hören, dann säßen wir heute noch in der afrikanischen Savanne und es gäbe keinen Fortschritt”, sagt Hirnforscher Henning Beck. Warum Menschen auch entferntere Bezugspersonen brauchen, an denen sie sich orientieren – und warum Beck selbst lieber darauf verzichtet, anderen nachzueifern, erklärt er im großen Interview für die turi2 edition #12 mit Heike Turi.

Sie sind Neurowissenschaftler, Buchautor, Kolumnist. Sie haben promoviert, waren Deutscher Meister im Science Slam. Eine ungewöhnliche Karriere – hatten Sie dafür ein Vorbild?
Nein, ich habe niemandem nachgeeifert. In der Wissenschaft geht es um Erkenntnisgewinn und Sachverstand, nicht um Personenkult. Ich habe zwar heute noch eine von mir selbst gemixte Videokassette mit den besten Natur- und Wissenschafts-Dokus im Regal stehen – mit tollen Köpfen von Heinz Sielmann bis Joachim Bublath – aber mich haben immer mehr die Inhalte interessiert als die Personen.

Wie erklären Sie das Phänomen Vorbild? Wozu brauchen wir sie?
Das Bedürfnis nach einem Vorbild ist ein grundlegendes psychologisches Phänomen. Menschen fühlen sich unwohl, wenn sie im Nebel steuern oder ohne Landkarte die Welt durchwandern sollen. Sie suchen nach Fixpunkten, an denen sie sich orientieren können. Vorbilder sind so eine Art Referenzpunkt, ein Maßstab, neudeutsch Benchmark, mit dem ich mein eigenes Verhalten, meine Ziele und Handlungen abgleichen kann. Vorbilder geben Sicherheit und vereinfachen unser Leben.

Gibt es eine neurowissenschaftliche Erklärung dafür?
Das menschliche Gehirn ist daran interessiert, einen Plan davon zu haben, was passieren könnte. Unser Gehirn stellt permanent Hypothesen auf und gleicht unsere Handlungen und die Reaktionen der Umwelt mit diesen Hypothesen ab. Man nennt das Predictive Coding: Durch das Antizipieren, also das gedankliche Vorwegnehmen einer Situation, sind wir Menschen in der Lage, uns auch in einem völlig neuen Umfeld schnell zurechtzufinden. Wenn wir das Grundmuster unseres Denkens auf die Gesellschaft übertragen, dann übernehmen die Vorbilder die Funktion der Hypothese. Wir machen uns ihre Erkenntnis, ihr Verhalten oder ihre Geisteshaltung zu eigen und orientieren uns daran. Das erspart uns Zeit und gibt uns eine gewisse Form von Absicherung.

Lesen Sie alle Geschichten der turi2 edition #12 – direkt hier im Browser als E-Paper oder bestellen Sie das Buch.

Wie wichtig sind Vorbilder für die menschliche Entwicklung?
Vorbilder sind ein extrem wichtiger Baustein für unser Werden. Kinder machen nach, was Erwachsene vormachen. Sie lernen durch Imitation, sie schauen sich von ihrer nächsten Umgebung Dinge ab. Stellen Sie sich vor, Sie wären ganz allein auf der Welt, ohne jegliche Richtschnur, ohne Vorbilder. Sie bräuchten Jahre für Ihre Entwicklung.

Wie verändern sich Vorbilder im Laufe eines Lebens?
Mit der Pubertät werden die eigenen Eltern und Erwachsene als Vorbilder erst einmal unbedeutend – und das ist gut so! Würden wir unser Leben lang auf die Elterngeneration hören, dann säßen wir heute noch in der afrikanischen Savanne und es gäbe keinen Fortschritt. Teenagern und Jugendlichen kommt es mehr darauf an, was Gleichaltrige sagen. Ab Anfang 20 weiten wir unsere Peer Group nochmals aus, es kommen neue Freunde und Bekannte dazu. Andere Autoritäten treten ins Leben: Professoren an der Uni, Kollegen am Arbeitsplatz. Bis ins hohe Alter stellen wir unseren eigenen Mix an Vorbildern zusammen.

Wer waren Ihre Vorbilder als Kind?
Ich hatte nie eine Person als Vorbild. Ich habe niemandem nachgeeifert. Ich habe lieber das gemacht, was man mir nicht empfohlen hat. Ich habe die Dinge hinterfragt und Vorbilder dazu genutzt, um mich abzugrenzen und zu schauen, wo ich anders bin. Es sind eher Ideen, die mich faszinieren: der kategorische Imperativ von Immanuel Kant – wunderbar! Aber war Immanuel Kant deshalb mein Vorbild? Wohl kaum, denn Kant war ein Mann, der die Stadt Königsberg nie verlassen hat. Kant hat von der Welt so gut wie nichts gesehen. Dafür gibt es Darwin oder Alexander von Humboldt – aber die hatten wieder andere Macken.

Wer sagt uns, wer ein gutes Vorbild ist?
Niemand. Ob ein Vorbild als Vorbild taugt, müssen wir selbst herausfinden. Das nennt man Freiheit oder die Kunst des Lebens: eigene Entscheidungen zu treffen und unsere Erfahrungen damit zu machen. Dazu kommt, dass das Vorbild einen Widerspruch in sich birgt. Denn einerseits schaffe ich mir mit meinem Vorbild einen gewissen Schutzraum und setze mir einen Handlungsrahmen. Andererseits provoziere ich mit einem Vorbild auch Widerspruch. Eltern oder Freunde werden sich an meinem Vorbild womöglich reiben.


Ganz leger: Henning Beck ist Meister darin, Erkenntnisse der Neurowissenschaft in Büchern und auf der Bühne locker und kurzweilig zu erklären.

Früher hat fast jeder ein Vorbild genannt, heute sagen viele: Ich brauche keins. Wie kommt das?
In Zeiten des Umbruchs oder wirtschaftlicher und politischer Unsicherheit neigen Menschen dazu, sich starke Persönlichkeiten als Vorbild zu suchen. In Zeiten des Wohlstands, des Glücks, der Harmonie braucht es weniger Vorbilder. Wir kommen aus einer langanhaltenden Zeit des Wohlstands und der Sicherheit. Dazu kommt ein gewisser Demokratisierungsprozess: In unserer pluralen Gesellschaft wird die Art und Weise, wie wir uns bewegen, informieren und konsumieren, immer fragmentierter. Man hat dann weniger ein generelles Vorbild, sondern schaut sich hier und da etwas ab.

Was bedeuten Vorbilder für unsere Kultur?
Von anderen lernen, ohne immer wieder selbst auf die Nase fallen zu müssen, ist Teil von Kultur. Stellen Sie sich vor, das Rad müsste immer neu erfunden werden – das wäre schon lästig. Vorbilder ermöglichen es uns, schneller voranzukommen. Wo wäre die Musik, wo die Malerei, wo die Wissenschaft, wenn wir nicht auf Vorbilder zurückgegriffen hätten? Dieser Aspekt wird übrigens auch in der Evolutionsbiologie in Bezug auf eine andere Spezies heiß diskutiert. Der Tintenfisch ist ein recht intelligentes Wesen. Aber er stirbt früh und betreibt keine Brutpflege. Er hat also nicht die Möglichkeit, sein Wissen an seine Nachkommen weiterzugeben. Sollte sich das in ein paar Millionen Jahren einmal ändern, so wäre das der Startschuss für eine neue Kultur.

Sie haben in den USA studiert und gearbeitet – gibt es interkulturelle Unterschiede bei der Wahl von Vorbildern?
Ich war in Kalifornien und da gibt es tatsächlich eine progressivere und fortschrittlichere Art, mit den Dingen umzugehen und aus Fehlern zu lernen. Die Leute probieren viel aus und scheitern viel, sie machen Fehler, stehen wieder auf und haben danach eigentlich ein besseres Standing als zuvor. Steve Jobs ist ein gutes Beispiel: In den USA orientiert man sich gern an Menschen, die sich trotz Scheiterns wieder nach oben gearbeitet haben. Ich kenne dort Investoren, die investieren grundsätzlich nur in Leute, die schon mal gescheitert sind, weil die bewiesen haben, dass sie wieder aufstehen können. Wer in Deutschland insolvent geht, hat einen negativen Schufa-Eintrag und wird gemieden.

In Pandemie-Zeiten sind Wissenschaftler im öffentlichen Diskurs wichtiger geworden. Spüren Sie den Popularitätsschub?
Punktuell ja. Es ist verständlich, dass bei einem naturwissenschaftlichen Problem das Interesse an naturwissenschaftlicher Information wächst. Aber ich kann mich gut an die Zeit nach dem 11. September erinnern. Da wusste plötzlich jeder Bescheid über Terrorsysteme. Das Interesse daran ebbte dann mit der Zeit auch wieder ab. Jetzt erkennen die Menschen auf einmal Viren. Aber hätten wir statt einer Pandemie einen Blackout gehabt und wären zwei Monate ohne Strom gewesen, dann könnte nun jedes Kind die Kilowattstunde erklären. Das Interesse an Wissenschaft ist also relativ und oft vorübergehend.


Spieglein in der Hand: “Ob ein Vorbild als Vorbild taugt, müssen wir selbst herausfinden”, sagt Henning Beck

Die Wissenschaft hätte doch jetzt die Chance, ihr jahrzehntelanges Schattendasein zu beenden.
Ich muss sagen, die öffentliche Wertschätzung von Wissenschaft war schon mal weiter als jetzt. Die Mondlandung von 1969 war nicht nur ein technisches Großereignis, auch das öffentliche Interesse war riesig. In den 50er, 60er und 70er Jahren wurde mit der Polio-Impfung das Ende der Kinderlähmung angestoßen, die Pocken wurden quasi ausgerottet, die ersten Atomkraftwerke wurden in dieser Zeit gebaut. Es herrschte ein großes Wissenschafts- und Technologie-Interesse im Land. Und heute? Ungeachtet allen Wissens, das uns zur Verfügung steht, diskutieren wir über die Notwendigkeit der Corona-Schutzimpfung, ob der Klimawandel existiert oder die Schulmedizin versagt.

Ist ein wissenschaftlicher Kopf mit Vermittlungstalent wie Christian Drosten ein Gewinn für die Kommunikationsgesellschaft?
Ich bin sehr froh, dass wir Wissenschaftler wie Drosten, Streeck, Schmidt-Chanasit, Kekulé, Brinkmann, Addo oder Cichutek haben. Sie tragen zum wissenschaftlichen Diskurs bei und damit auch zur Meinungsbildung. Wir sehen jetzt zum ersten Mal live in der Öffentlichkeit, wie Wissenschaft funktioniert. Jeden Tag sind wir ein bisschen besser über das informiert, was das Virus macht und was es nicht macht. Mein Chemie-Lehrer – vielleicht war er mein Vorbild – sagte: „Henning, die Natur hat immer Recht.“ Wir können also Wünsche äußern, Hoffnungen hegen und Vorstellungen haben, aber letztendlich gibt die Natur vor, wie die Dinge laufen – und nicht der lauteste Talkshow-Gast. Diese Bescheidenheit wünsche ich mir oft in öffentlichen Debatten.

Wie haben Sie die Angriffe von „Bild“ auf Drosten empfunden?
All die Auseinandersetzungen, die Virologen in Deutschland hatten, beruhen auf einem Missverständnis: Die Wissenschaft hat nicht die Aufgabe, Menschen Lösungen zu geben, die sie umsetzen müssen. Wissenschaft funktioniert anders: Fragen Sie einen Wissenschaftler, ob die Schulen auf- oder zumachen sollen, wird er antworten: „Wenn Sie drei Monate die Schulen zu lassen, dann haben Sie in zehn Jahren einen so hohen wirtschaftlichen Schaden und so einen hohen Bildungsnotstand – und die Wahrscheinlichkeit von Infektionen sinkt um soundso viel Prozent.“ Welche Entscheidung getroffen wird, ist aber keine wissenschaftliche Kategorie. Es ist eine gesellschaftliche, politische oder wirtschaftliche Entscheidung. Die wissenschaftliche Unabhängigkeit sollte auch von den Medien respektiert werden: Artikel 5, Absatz 3 des Grundgesetzes besagt das: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ Man darf Wissenschaft nicht instrumentalisieren.

Wer sind die besten Wissenschaftsvermittler in Deutschland?
Ich bin ein Freund des gedruckten Worts. Bei den Zeitungen und Zeitschriften arbeiten sehr gute Wissenschaftsjournalisten. Beim Fernsehen stelle ich fest: Was heute gezeigt wird, hat oft nur noch wenig mit einer Wissens-Sendung zu tun. Ich habe mir vor einiger Zeit eine Sendung zum Thema Fleisch angesehen. Nach dem ersten Beitrag wurden die besten Rezepte besprochen und über gesunde Ernährung diskutiert. Das ist keine Wissensvermittlung, das ist eine Service-Sendung. Als Wissenschaftsjournalist wäre ich spannenderen Fragen nachgegangen wie: Ist der Oberschenkel einer Heuschrecke Fleisch? Ist ein Burger aus einer Zellkultur oder einem 3D-Drucker Fleisch? Was Fleisch überhaupt ist, darauf blieb die Sendung eine Antwort schuldig.

Bei der Vorbereitung dieses Buches haben uns kluge Leute geraten, das altmodische Vorbild bleiben zu lassen und lieber nach den wichtigsten Influencern zu fragen. Wäre das eine gute Idee gewesen?
Sicherlich nicht, denn ein Influencer ist kein modernes Vorbild in digitalem Gewand. Ein Vorbild ist eine Person, von der ich mir etwas abschauen kann. Aber der Impuls muss von mir ausgehen. Ich allein entscheide, ob und wie weit ich mich von dem Vorbild inspirieren und auch beeinflussen lasse. Ein Influencer handelt aktiv und will von sich aus Einfluss nehmen – nicht selten verbunden mit wirtschaftlichen Interessen. Kurzum: Ein Vorbild kann zu einem Influencer werden, aber nicht jeder Influencer eignet sich als Vorbild.

Alle Geschichten aus der turi2-edition #12 lesen: turi2.de/edition12

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