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turi2 edition #12: Judith Holofernes über Held*innen und Neuanfänge.

25. Oktober 2020

Poetisch, albern, anarchistisch: Judith Holofernes wird Anfang der 2000er mit der Band “Wir sind Helden” und schlauen, gesellschaftskritischen Texten bekannt, feiert Charterfolge, spielt vor Millionenpublikum. Heute hat sie sich von der großen Bühne verabschiedet, finanziert ihre Kunst über Crowdfunding. Beim Interview für die turi2 edition #12 erzählt sie Anne-Nikolin Hagemann sie von ihrer Überzeugung, dass man sich als Held*in ab und zu selbst vom Sockel stoßen muss.

Vor fast 20 Jahren haben Sie die Textzeile “Hol den Vorschlaghammer! Sie haben uns ein Denkmal gebaut” geschrieben. Was haben Sie gegen Denkmäler?
Gegen Denkmäler habe ich dann etwas, wenn sie dazu beitragen, etwas zu versteinern – in dem Fall die Liebe. Was übrigens kaum jemand weiß: Die Aufgabe, über das Thema Denkmal zu schreiben, kam aus einem Texter-Seminar. Ich fand sie saublöd. Dann bin ich spazieren gegangen, habe an meinen ersten Freund gedacht und daran, wie wir uns in unserem Umfeld eingerichtet, uns festgeredet und unsere Beziehung quasi in Stein gehauen haben. Und – zack – war der Song da.

Also stört Sie am Denkmal das Stillstehen.
Genau. Daran musste ich auch denken, als wir aufgehört haben mit “Wir sind Helden”: Leute wollten mich verzweifelt überreden, weiterzumachen. Das passiert bis heute. Ich bin mit einem Lied bekannt geworden, in dem ich gegen das Versteinern ansinge. Da hätte man als Fan ja ahnen können, dass ich Wachstum, Entwicklung und Veränderung mag.

Warum haben Sie sich den Bandnamen “Wir sind Helden” gegeben?
Damals war der Heldenbegriff sehr allgegenwärtig. Und ich fand es gut, das auszuhöhlen und sozusagen zu kapern. Wobei der Name natürlich sehr viel lustiger für eine Band war, die kein Schwein kennt. Als wir bekannt wurden, hat der Name seine Ironie eingebüßt.

Würden Sie sagen, Popstars sind heute überhaupt noch Helden?
Ich beobachte eine Art Entmystifizierung von Leuten, die berühmt sind. Nachdem jetzt alle zehn Jahre lang in den sozialen Medien ihre Selbstdarstellungskünste poliert haben, gibt es plötzlich diese schonungslose Selbstoffenbarung. Fast schon als Befreiungsbewegung. Immer mehr Leute merken, dass man wirkliche Freiheit nur erreicht, wenn man die eigenen Schwächen offenlegt – und umarmt. Das ist der Trend: weg von den starken Helden, hin zu den verletzlichen, verletzten, kaputten, echten Menschen. Ich selbst schreibe gerne auf Instagram über total in die Hose gegangene Urlaube und Depressionen auf Mallorca. Ich finde das wahnsinnig wichtig. Dass man sich zeigt, wie man ist. Sich selber sozusagen vom Sockel stürzt.

Ende 2019 haben Sie Ihren Abschied aus dem Pop-Business und Ihren Wechsel zur Crowdfunding-Plattform Patreon verkündet. Auch so eine Befreiungsbewegung?
Ich schreibe gerade sehr offene, ehrliche Texte für meine Autobiografie. Über die Zeit nach der großen Bühne, darüber, was es mit der Psyche macht, wenn man sich neu erfindet. Da stehe ich nicht immer nur gut da. Und da hilft es, wenn die Texte erstmal nur an den kleinen, wohlwollenden Kreis rausgehen, die mich mit monatlichen Beiträgen unterstützen. Ich kann mich ausprobieren und gucken, wie sich das anfühlt. Und danach noch immer entscheiden, ob es tatsächlich ein Buch wird. Das fühlt sich extrem frei an. Das gilt auch für meinen Podcast: Da gibt es für meine Unterstützer exklusive Folgen, in denen ich darüber rede, was mich beschäftigt – und auch Fragen beantworte. Zum Beispiel auch zu Kreativität, Schreibblockaden und so weiter. Das ist schon fast so eine Art Coaching.

Lesen Sie alle Geschichten der turi2 edition #12 – direkt hier im Browser als E-Paper oder bestellen Sie das Buch.

Klingt, als hätten Sie sich gut eingelebt in der Vorbild-Rolle.
Ich sehe mich nicht als Vorbild im Sinne von jemandem, den man nachahmen müsste. Ich würde bei weitem nicht jeden Schritt auf meinem Weg durchs Leben empfehlen. Eigentlich sehe ich mich als Forscherin: Ich habe unter Schmerzen Dinge ausprobiert und gelernt, die ich anderen vielleicht ersparen kann.

Kann man sich überhaupt aussuchen, ob man zum Vorbild wird?
Nee. Damit muss man leben. Auch mit der hohen Verantwortung. Unter der bin ich teilweise eingeknickt, als ich jünger war. Ich habe zum Beispiel eine Zeit lang in jedem Song immer auch einen hoffnungsvollen Silberstreif mitgeliefert – weil ich geglaubt habe, ich darf das Publikum nicht so runterziehen. Erst später habe ich gemerkt: Das Dunkle hat auch seine Berechtigung. Ich muss nicht immer im gleichen Atemzug sagen, dass alles wieder gut wird.

Wenn Sie sich aussuchen könnten, was Leute aus Ihrem Leben lernen – was wäre das?
Im Prinzip versuche ich das jetzt gerade in meinem Schreiben herauszufinden: Was habe ich gelernt, was habe ich verändert, was hat das so schwer gemacht? Schon jetzt zeichnet sich ab: Ich wünschte, ich wäre sanfter mit mir umgegangen.

Inwiefern?
Ich habe immer meditiert, mich viel mit dem “guten Leben” beschäftigt und war da sehr großmäulig unterwegs, auch in meinen Texten. Gleichzeitig war ich sehr, sehr streng mit mir selbst, mit meinen Kräften. Auch, frauentypisch, aus einer Gefallsucht heraus: Bei aller aufmüpfigen Krakeelerei wollte ich möglichst pflegeleicht sein für alle, die mit mir arbeiten. Das hat mir fast das Genick gebrochen. Zweimal bin ich mindestens halb im Burnout gelandet. Irgendwann dachte ich: Es kann doch nicht sein, dass ich in meinen Songs so viel schlauer bin als im echten Leben. Und mich zugrunde richte dafür, ein funktionierendes Produkt zu sein.

Also mussten Sie werden, wer Sie auf der Bühne längst waren?
Es hat geholfen, dass ich mich meiner eigenen Botschaft verpflichtet gefühlt habe. Aber die größten Schwächen sind immer die, die einem selbst am längsten verborgen bleiben. Bei mir ist es, dass ich schon immer empfänglich für Lob war. Dafür, dass ich so lieb, fleißig und belastbar bin. Da ist man als Künstler besser dran, wenn man von Anfang an entscheidet, eine Diva zu sein.

Sie haben immer mal wieder Pausen von der Öffentlichkeit gemacht. Was haben Sie währenddessen vermisst?
Nichts. Ich bin eine komische Mischung aus extrovertiert und introvertiert, kann komplett im Privatleben verschwinden. Was ich an “Wir sind Helden” vermisse, ist das Gefühl, in einer Gang zu sein. Ich hatte schon als Teenager einen starken Herdentrieb. Wir waren als Band so ein einziger wandelnder Insider-Joke, haben quasi unsere eigene Sprache gesprochen. Das vermisse ich. Nicht den Fame.

Kann man als Künstler*in überhaupt dauerhaft ohne Fame?
Klar, natürlich funktioniert Kunst auch darüber, dass sie wahrgenommen wird, in Schwingung gerät mit anderen. Nur habe ich inzwischen für mich festgestellt, dass es nicht wahnsinnig viele andere sein müssen. Neulich habe ich ein Zitat gesehen – witzigerweise auf Instagram: Junge Leute messen Erfolg an der Zahl derer, die sie erreichen. Später berechnet man Erfolg über die Tiefe, in der man die Leute berührt. Ich habe meine Blickrichtung verändert, schaue jetzt am meisten auf die Leute, denen meine Kunst am meisten bedeutet. Aber natürlich ist mein Beruf abhängig vom Gesehen- Werden. Auch mein Podcast und das Crowdfunding funktionieren nur, wenn Leute mitkriegen, dass ich das mache.


Sie kann gut mit sich allein sein, sagt Judith Holofernes. Trotzdem hat sie “einen starken Herdentrieb” (Foto: schaferbochemoller.com)

Wie viel Mut kostet es, diese Einstellung gegen den Mainstream zu vertreten?
Das kann ich genau beziffern: Mich hat das sechs Jahre gekostet. So lange habe ich gebraucht, um mir einzugestehen: Ich will kein konventioneller Popstar mehr sein, sondern wirklich nur noch Crowdfunding machen. Also nicht obendrauf, sondern stattdessen.

Ihre Fans finanzieren jetzt direkt Ihre Arbeit, Ihr monatliches Einkommen. Werden Sie dadurch nicht zur Dienstleisterin?
Dienstleisterin bin ich nicht, Dienende schon immer. Für viele Künstler hat der Beruf mit Dienen zu tun. Dass man Untiefen in sich selbst erforscht, für andere. Für mich selbst und meine Seele ist anderer Leute Kunst überlebenswichtig. Und mir ist klar, dass mein Job ist, das auch für mein Publikum zu leisten.

Sind Sie heute wirklich freier als früher?
Hundertprozentig. Natürlich gibt es Dinge, die ich vermisse. Was am meisten süchtig macht am Erfolg, ist der Rückenwind, den er bringt: Dass alles gelingt, was man anpackt, bis man gar nicht mehr genau weiß, warum eigentlich. Und das – Überraschung – wird weniger, wenn man nicht mehr so ein dickes Ding ist im Geschäft. Dann wird alles teurer, mühsamer. Wenn man eh schon on top ist, fliegt einem alles zu. Aber diesen Tausch gehe ich für mein neues Leben wahnsinnig gerne ein.

Muss sich ein gutes Vorbild eigentlich immer weiterentwickeln?
Meine eigenen Vorbilder zeichnen sich durch Wandel aus und sind sehr kühn darin, immer neue Haken zu schlagen. Wenn jemand, den ich immer geliebt habe, irgendetwas total Abstruses macht, macht mir das Zugucken einfach am meisten Spaß.

turi2.tv: Judith Holofernes im Vorbilder-Fragebogen

Sie schreiben für uns über Ihr Vorbild Amanda Palmer, die Sie auch kennengelernt haben. Wie sind Sie selbst denn so als Fan?
Ich bin eigentlich ein sehr scheuer Fan. Ich habe mich zum Beispiel mal versteckt, als ich die Gelegenheit hatte, mein großes Songwriting-Vorbild Elvis Costello zu treffen. Da gab es eine Situation im Backstage, wo ich geahnt habe, dass uns jemand vorstellen will – und da bin ich geflohen. Von mir und Dolly Parton dagegen gibt es ein Foto, auf dem ich meine Hand um ihre winzige Taille lege, darauf bin ich sehr stolz. Ich bin auch ein glühender Fan. Finde ich jemanden gut, liebe ich denjenigen inbrünstig und will, dass es ihm oder ihr gut geht.

Gibt es ein Vorbild, auf dass Sie sich mit Ihrer Mutter, Ihrem Sohn und Ihrer Tochter einigen können?
Vielleicht Lady Gaga. Und Eminem. Also mit meiner Mutter habe ich noch nie über ihn geredet, aber als sprachverliebter Mensch weiß sie guten Rap sicher zu schätzen. Mit ihr teile ich viele Vorbilder, die ich in ihrer Plattensammlung oder ihrem Bücherregal entdeckt habe, wie Patti Smith zum Beispiel. Dafür sind die Kinder vielleicht noch ein bisschen jung. Aber auf Harry Potter könnten wir uns auch alle einigen.

Sollte Ihnen doch mal jemand ein Denkmal bauen, das Sie nicht niederreißen wollen – wie müsste das aussehen?
Es müsste beweglich sein. So eine Art Maschine, die nie stillsteht.

Soll es eine Inschrift haben?
Ein Freund, der Musiker Teitur, sollte mich mal einem Fotografen beschreiben, der mich nicht kannte. Und hat gesagt: literary, goofy, anarchistic. Also: dichterisch, albern, anarchistisch. Da dachte ich: Das passt auch auf meinen Grabstein.

Alle Geschichten aus der turi2-edition #12 lesen: turi2.de/edition12

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