turi2 edition #12: Raúl Krauthausen über Engagement und Glück.


Stehenbleiben ist nicht: Raúl Krauthausen kämpft vom Rollstuhl aus für Menschenrechte. Der Aktivist, Autor und Talkshow-Moderator sagt im Interview mit Elisabeth Neuhaus für die turi2 edition #12, dass er in seinem Leben unheimlich viel Glück gehabt hat.

Raúl, du hast einmal gesagt, du würdest dir manchmal wünschen, dass andere Menschen „auch den Arsch“ in dir sehen. Wie ist der arschige Raúl Krauthausen drauf?
Ich bin unglaublich ungeduldig. Manchmal scheuche ich meine Kolleg*innen oder Freund*innen mit dieser Ungeduld auf. Mit neuen Ideen, mit Dingen, die mir nicht schnell genug gehen. Da bringe ich, glaube ich, mehr Ungeduld rein als produktiv ist.

Welche Eigenschaften an dir übersehen Menschen sonst noch, weil sie auf den ersten Blick vielleicht nur deinen Rollstuhl sehen?
Ich glaube, dass es bei Menschen mit einer sichtbaren Behinderung immer, wenn überhaupt, Liebe auf den zweiten Blick ist. Ich war in meiner Jugend nie das Beuteschema, wenn es um Partnerschaften und Beziehung ging. Ich musste immer Körbe aushalten.

Du bist Aktivist, Medienmacher, Gründer und Träger des Bundesverdienstkreuzes. Was unterscheidet dich von Menschen, die weniger umtriebig sind als du?
Erstmal: Jeder macht, was er kann und was er will. Ich finde nicht, dass die Leute sich mit mir oder anderen vergleichen müssen oder sollten. Und dann: Es heißt zwar, jeder ist seines Glückes Schmied, aber es hat halt auch nicht jeder Schmied Glück. Ich habe unglaublich viel Glück in meinem Leben gehabt. Ich finde es manchmal etwas unfair, dass der ganze Erfolg mir zugeschrieben wird, dabei war das immer ein Team, großartige Kolleg*innen, mit denen ich das zusammen entwickelt und erarbeitet habe. Es ist immer Teamarbeit gewesen, es war nie Raúl Krauthausen alleine.

Du führst deinen Erfolg im Leben also eher auf Glück zurück als auf Können? Das wird ja vielen erfolgreichen Leuten nachgesagt.
Auf jeden Fall. Das war ganz viel Glück, mehr als Können. Ich hatte ein super entspanntes Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation, in dem wir von Anfang an gesagt bekommen haben: Ihr lernt sowieso alles in der Praxis. Alle Kommunikationstheorien, die wir euch beibringen, von Luhmann und Co, sind nicht das gleiche wie Neurochirurgie. Ich hoffe, Gehirnchirurg*innen haben mehr gelernt als ich. Das richtig Perverse an der Sache ist ja: Am Ende zählt das Netzwerk, nicht das Können. Und das ist auch der Grund, warum Inkompetenz nach oben kommt. Wenn dein Netzwerk stimmt und du die richtigen Buddies hast, ist das viel mehr wert als schlau sein.

Gibt es irgendetwas, das du dir nicht zutraust, wovor du sogar Angst hast?
Eine Weltreise, wirklich mal ohne Unterstützung in Form von Assistenz, da bin ich, glaube ich, sehr unsicher. Dann mit Zahlen umgehen, eine Firma führen. Das können andere Leute einfach besser.

Wenn dieses Interview erscheint, bist du 40…
Ja, bitter.

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Wenn du auf die letzten Jahrzehnte zurückschaust: Worauf bist du stolz?
Auf jeden Fall bin ich stolz auf meinen Freundeskreis. Auf die Möglichkeit, auf eigenen finanziellen Beinen zu stehen, und nicht auf die Leute gehört zu haben, die gesagt haben: „Der ist behindert, der kann das nicht.“ Die gab es in meinem Leben. Nicht viele, aber es gab ein paar Situationen, wo Entscheidungen auf der Kippe standen. Ich bin dankbar und stolz, dass meine Eltern mir immer dabei geholfen haben, diesen Leuten nicht zu glauben.

Wie haben sie das hinbekommen?
Das klingt so pathetisch und kitschig: Aber wenn meine Eltern nicht an mich geglaubt hätten, dann hätte ich mir wahrscheinlich in der 9. Klasse eine Behindertenwerkstatt einreden lassen. Meine Eltern waren keine Inklusionsaktivisten, die unbedingt wollten, dass ihr Sohn erfolgreich wird. Sie hatten einfach das Gefühl, dass eine Werkstatt unter meinem Potenzial liegt. Meine Eltern dachten: Eher ist er arbeitslos, als dass er in einer Werkstatt landet. Ich hatte eine Gymnasialempfehlung, aber ich war unglaublich lernfaul, das haben meine Eltern auch gesehen und gesagt: „Du musst dich halt anstrengen.“

Inwiefern sind sie Vorbilder für dich?
Sie sind grundverschieden und auch nicht mehr zusammen. Meine Mutter ist die Pragmatische, die Tacheles redet und Sätze gesagt hat wie: „Du solltest schon studieren, weil Dachdecker kannst du nicht werden.“ Sie hat nicht groß rumgedruckst, sondern mir einfach gesagt, dass meine Möglichkeiten nun mal begrenzt sind und mir keiner den goldenen Teppich ausrollen wird. Mein Vater ist eher der Optimist, der sagt: „Mach alles, was du willst. Probier dich aus.“ Meine Mutter hat mich aufgefangen, wenn große Entscheidungen angestanden haben, Operationen zum Beispiel. Da hilft ihr Pragmatismus unglaublich. Sie hat immer gesagt, dass sie beeindruckt ist von meinem Lebenswillen, von diesem Stehaufmännchenhaften. Ich bin jemand, der – egal wie schlimm es ist – trotzdem weitermacht und dann auch nicht groß traurig darüber ist.

Wie stehen deine Eltern zu dem, was du heute machst?
Sie sagen, dass ich schon immer diese Rampensau war, die keine Angst vor Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit hatte. Sie vermuten, dass es daran liegt, dass ich sowieso angeguckt wurde und das gewohnt war. Dass das kombiniert mit meiner Frohnatur dazu geführt hat, dass ich der wurde, der ich bin. Gleichzeitig sagt meine Mutter auch oft: „Ach Raúl, muss das sein? Musst du jetzt wirklich eine Fernsehsendung haben?“ Ich solle mich nicht immer so produzieren. Wenn dann aber die Sendung oder das Buch da sind, sagt sie: „Es war echt gut.“

turi2.tv: Raúl Krauthausen im Vorbilder-Fragebogen

Freut es dich, dass Menschen mit Behinderung sichtbarer werden? Ich denke an Models mit Down- Syndrom, Journalist*innen im Rollstuhl oder die Netflix-Serie über Autismus.
Ich finde es gut, dass die Vielfalt der Gesellschaft endlich in den Medien ankommt. Interessanterweise sind die USA auch in dieser Hinsicht zehn Jahre weiter als wir. Es ist nicht alles gut, was von da kommt. Aber was Medien und Behinderung angeht, ist Deutschland wirklich noch Entwicklungsland. Es gibt kaum Mut in der Medienbranche.

Hast du ein Beispiel?
Was ich wirklich nicht begreife, das habe ich schon damals bei Radio Fritz nicht verstanden, ist, dass Chefredaktionen und Programm- Macher*innen immer sagen: „Das will das Publikum nicht sehen“ oder „Das überfordert das Publikum“. Dabei ist fast jeder Erfolg von Netflix ein Überraschungserfolg, bei dem man vorher nicht wusste, dass es funktioniert. Man muss immer auch ein Risiko eingehen, sonst läuft nur noch so etwas wie „Großstadtrevier“ im Fernsehen. Das bringt dann zwar Quoten, ist aber nicht neu. Diese Bevormundung des Publikums durch Programmverantwortliche macht das Publikum dümmer als es ist.

Du hast deine Diplomarbeit über die Darstellung von Menschen mit Behinderung im TV geschrieben. Was nervt dich heute an der Berichterstattung?
Dass immer noch zu viele Schicksalsgeschichten erzählt werden. Dass wir Behinderte eigentlich nur dann im Fernsehen sehen, wenn es um Behinderung geht. Entweder als Opfer oder als Helden, zum Beispiel als Sportler*innen. Aber nicht unbedingt als Virolog*innen.

Was können Journalist*innen besser machen?
Ich nenne es die Mandatsfrage. Journalist*innen sollten bei bestimmten Themen genau gucken, wen sie als Interviewpartner*in auswählen, und sich fragen: Inwiefern hat die Person überhaupt ein Mandat, darüber zu sprechen? Über Inklusion in der Schule reden für mich noch zu viele Lehrer und zu viele Eltern nicht-behinderter Kinder. Ich habe oft genug fürs Fernsehen vor einer Treppe gestanden, um zu sagen, dass Treppen ein Problem sind. Wenn wir das aber immer wieder neu sagen, dann bestätigen wir damit das Narrativ. Spannender wäre doch die Frage: Warum ist die Treppe immer noch da? Dann, glaube ich, kommen wir auch weiter. Denn dann stellt sich heraus, dass die Treppe immer noch da ist, weil die Privatwirtschaft nicht zur Barrierefreiheit verpflichtet wurde.

Welche Frage würdest du am liebsten nie wieder hören?
Ich würde gerne nicht mehr beantworten müssen, wo ich diskriminiert wurde oder welche Behinderung ich habe, weil die Leser das angeblich wissen wollen. Mich re-traumatisiert das nicht. Aber es langweilt mich. Ich bin wirklich gelangweilt. Das ist so eine Zeitverschwendung. Ich könnte diese zwei Stunden, die ich dann spreche, auch Netflix gucken, und hätte mehr Spaß. Und ich sage ganz bewusst Netflix, weil das auch nicht produktiv ist, aber immerhin noch Spaß macht.

Wie viel Neugier ist erlaubt?
Neugier ist immer erlaubt, aber ich würde gerne trennen zwischen beruflicher und privater Neugier. Ich habe manchmal das Gefühl, dass Journalist*innen ihre private Neugier hinter der beruflichen verstecken, wenn sie sagen „Die Leser wollen das gerne wissen“, in Wirklichkeit aber ihren eigenen Voyeurismus bedienen. Wenn „der Leser“ wirklich wissen will, warum der Mann so klein ist, dann kann er das googeln. Aber ich muss nicht meine komplette Schicksalsgeschichte auf dem Silbertablett servieren. Oft ist das ja auch gar nicht relevant. Wenn ich sage: Ich sitze im Rollstuhl, müsste das reichen, um qualifiziert zu sein, über Barrieren zu sprechen. Da ist es egal, ob ich Glasknochen habe, Querschnittslähmung oder MS.


Markenzeichen Mütze: Dass er “charmant respektlos” war und “keinen Respekt vor Hierarchien” hatte, würde Raúl Krauthausen gerne über sich als Vorbild lesen

Wenn eines Tages jemand einen Text über dich als Vorbild schreibt: Was würdest du darin gerne lesen?
Dass er charmant respektlos war. Dass er daran geglaubt hat, gekämpft hat und keinen Respekt vor Hierarchien hatte.

Was würde dich ärgern?
Dass es ihm nur um sich ging und er ein Quacksalber war. Und jede Kamera suchte, die sich ihm bot.

Glaubst du, du bist heute schon Vorbild für Menschen?
Schwierig, schwierig. Ich glaube ja. Aber ich wüsste zehn andere, die besser wären als ich.

Woraus ziehst du eigentlich jeden Tag die Energie, dich für andere Menschen und deine Sache einzusetzen?
Ich weiß nicht genau, wer das gesagt hat, Hannah Arendt oder Philip Zimbardo, aber ich habe mal den Satz gehört: „Helden widerstehen der Versuchung, ihre eigene Tatenlosigkeit zu rechtfertigen.“ Also: Helden haben keine Ausreden. Wie oft erwischen wir uns im Alltag dabei zu sagen: „Man müsste mal…“ Damit geben wir Verantwortung ab. Wir sehen den Anteil nicht, den wir leisten können. Jedes Mal, wenn ich mir diese Frage stelle, komme ich zu dem Schluss, dass ich zumindest eine E-Mail schreiben kann, irgendetwas, Hauptsache, man bleibt in Bewegung. Das ist, glaube ich, etwas, das ich mir jeden Tag sage.

Was, würdest du sagen, sind deine besten Eigenschaften?
Ich glaube, dass ich ein Gespür für Themen habe und Dinge sehe, die andere so vielleicht noch nicht sehen. Außerdem habe ich ein gutes Gespür für Netzwerke. Diese Offenheit für Neues, die kann ich. Gerade finde ich die Debatte über Privilegien im Zuge der Black-Lives- Matter-Bewegung sehr spannend. Es ist total wichtig, sich seiner eigenen Privilegien bewusst zu sein, aber ich beobachte auch, dass das gerade in eine Cancel-Culture umschlägt, in der sich immer weniger Leute trauen, etwas zu tun – aus lauter Angst, etwas falsch zu machen. Das halte ich für gefährlich.

Inwiefern?
Ich kenne einige Aktivist*innen, Unternehmer*innen, Blogger*innen, die Angst vor dem nächsten Shitstorm haben, weil sie sich mit irgendeinem Thema an die Öffentlichkeit getraut haben. Es ist immer eine Minderheit nicht anwesend gewesen bei der Entscheidung, und das wird ihnen dann zum Vorwurf gemacht, obwohl gerade das womöglich nicht kriegsentscheidend ist. Interessanterweise beobachte ich dieses Verhalten oft bei Menschen, die nicht Teil der besagten Minderheit sind. Dann wirft Fabian anderen Rassismus vor. Ich denke dann: Sorry, Fabian, aber du redest auch gerade über andere!

Beobachtest du das auch bei Menschen mit Behinderung? Dass mehr über sie gesprochen wird als mit ihnen?
Ganz klar. Neulich ging ein altes Kika-Video von „Willi wills wissen“ durchs Netz, in dem Willi eine Jugendgruppe trifft, die Rollstuhl- Basketball spielt. Er sagt: „Eine Kleinigkeit unterscheidet mich von euch. Ich kann gehen.“ Dafür gab es einen riesigen Shitstorm.

Zurecht aus deiner Sicht?
Nein, eben nicht. Menschen mit Behinderung, die ich kenne, sagen: Na ja, es ist halt Kinderfernsehen. Und eine Tatsachenbeschreibung. Er hat die Kinder ja nicht beleidigt. Wir müssen Dinge auch beim Namen nennen dürfen. Man kann Willi nicht vorwerfen, dass er nicht im Rollstuhl sitzt.

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