turi2 edition #13: Matthias Horx über Zukunft und Zumutungen.


Rolle vorwärts: Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen – Trend-Experte Matthias Horx wagt dennoch den Blick auf die Welt nach Corona. Im Interview mit Heike Turi in der turi2 edition #13 nennt er Covid-19 “ein Meisterstück der Evolution”. Und Horx blickt auf die Medien: Er beklagt den “Trend zum Trash” und dass die Inhalte vieler Medienmarken wie “getarnte Anzeigen” aussehen. Horx prognostiziert: “Online-Werbung ist die nächste Blase, die demnächst platzen wird.” Sie können den Text hier im kostenlosen E-Paper lesen oder das Buch gedruckt bestellen. (Fotos & Video: Ian Ehm für turi2)

Matthias Horx, Sie sind der bekannteste Zukunftsforscher des Landes. Warum haben Sie uns nicht vor der Pandemie gewarnt?
Die Forschung hat gewarnt. Die Rolle der Kassandra ist undankbar, in zweierlei Hinsicht: Erstens hört selten jemand zu, wenn man vor Gefahren warnt. Und zweitens wird man im Kassandra-Modus irgendwann selbst bitter und destruktiv. Es gibt ja genügend Auguren, die uns ständig das Schrecklichste und Schlimmste prophezeien und damit eher die kollektive Hysterie befeuern. Mein Job ist ein anderer: Ich möchte Möglichkeits-Räume öffnen, in denen die wirkliche, also bessere Zukunft aufscheint.

Hat die Wucht von Corona auch Sie überrascht?
Na klar – so, wie die konkrete Wirklichkeit am Ende jeden überrascht. Ohne Überraschung gäbe es ja gar keine Zukunft, keine Veränderung. Unser Leben verläuft eben nicht linear, ist nicht in allen Einzelheiten vorausberechenbar. Was wir dringend brauchen, ist ein lebendiges Verhältnis zur Wirklichkeit, eine Form von Offenheit, die mit Überraschungen umgeht – eine innere Zukunftsfähigkeit. Dass diese Krise uns auf allen Ebenen berührt und erschüttert, hat ja einen Sinn. Den Sinn des Wandels.

Matthias Horx beantwortet den Videofragebogen von turi2.

Nassim Nicholas Taleb hat sein Buch “Der schwarze Schwan“ über “Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse“ geschrieben. Ist die Pandemie der schwarze Schwan, an den keiner glaubt, bis er auftaucht?
Corona ist eher ein “Graues Nashorn“, eine immer schon relativ wahrscheinliche, aber vorher ignorierte Bedrohung. Die Risikoforschung hat schon lange vor einer möglichen globalen Pandemie gewarnt. Wir müssen aber unterscheiden zwischen der Wahrscheinlichkeit von Ereignissen und ihrem exakten Event-Eintritt. Wenn man den genauen Tag vorab gewusst hätte, dann wäre ja auch der 11. September verhindert worden, der durchaus von einigen Geheimdienst-Agenten als Szenario vorausgesagt wurde. Dann hätten wir aber keinen Beweis, dass er jemals stattgefunden hätte. Das ist einer der klassischen Zukunftsparadoxien. Sie besagt: Die Zukunft bleibt offen, auch wenn wir sie in ihren Grundzügen erkennen können.

Was wäre, wenn Covid-19 so tödlich wäre wie Ebola?
Dann würden wir nicht lange rumdiskutieren und es gäbe keine Corona-Demos. Je tödlicher ein Virus, desto linearer und auch vorhersehbarer ist der Verlauf einer Epidemie. Wir würden Erkrankte rigoros isolieren, und das Virus wäre rasch eingedämmt gewesen – wie bei Ebola. Damals hat die WHO eine aktive Rolle gespielt, und mit globaler Anstrengung wurde die Epidemie gestoppt. Das Besondere an Covid-19 ist ja die Raffinesse des Virus, der sich an die menschliche Kultur optimal angepasst hat. Bei manchen Menschen zeigt es gar keine und bei anderen ganz furchtbare Auswirkungen. Es ist ansteckend, aber macht sich gleichzeitig unsichtbar. Ein Meisterstück der Evolution, deren Teil wir sind. Und bleiben, trotz Impfstoff.

Was haben wir aus 2020 gelernt?
2020 war eine Art gigantische Werkstatt, ein soziales Laboratorium, so etwas wie ein Schlüsseljahr. Die Pandemie hat vieles ausgelöst, was unsere Welt dauerhaft verändern wird. In der Arbeitswelt zum Beispiel: New Work hat endlich an Fahrt aufgenommen. Der Populismus ist mit Trumps Abwahl an einem Peak angekommen, wir werden jetzt eine Renaissance supranationaler Institutionen erleben.


Mann ohne Unterleib: Matthias Horx hat aufgerüstet – der gut gebuchte Key-Note-Speaker kann sich jetzt aus den eigenen vier Wänden weltweit in jede Konferenz beamen. (Foto: Ian Ehm)

Welche Zukunft haben klassische Verlagsmedien?
Die Medien sind seit zwei Jahrzehnten in einem radikalen Umbruch. Viele scheitern jetzt an einem Zerfall von Glaubwürdigkeit. Bei vielen Medienmarken in Print und Internet habe ich das Gefühl, alles ist irgendwie gekauft, alles ist nur noch getarnte Anzeigen, Fake News im Sinne bizarr konstruierter Geschichten; Erregungsclips, die allein dem Clickbaiting dienen. Der Trend zum Trash ist ungeheuerlich. Das sind verzweifelte Versuche, immer noch Geld zu verdienen. Aber hier gibt es ja auch ein dickes Retro: Die großen Sinnstifter-Medien, von der “New York Times“ bis zur deutschen “Zeit“, haben ein so gutes Standing wie nie, durchaus auch ökonomisch.

Ersetzen Streaming, Social Media und Podcasts das lineare Fernsehen und die TV-Sender?
Niemals vollständig. Es wird immer auch Sender geben, so wie es auch Bücher geben wird. Mit jedem Medienformat hängt immer eine erlernte und sinnvolle mentale Kulturtechnik zusammen – außer vielleicht mit dem Fax. Alles kommt in neuem Kontext immer wieder. Es gilt das Rieplsche Gesetz. Der Historiker Wolfgang Riepl schrieb schon 1909: “Eine neue Kommunikationsform verdrängt eine alte nicht, sondern führtdiese auf ihre eigentliche Stärke zurück.“

Wird Werbung nur noch digital – bei Google, Instagram und Amazon?
Online-Werbung ist die nächste Blase, die demnächst platzen wird. So wie es auch Over-Tourismus und Over-Konsum gibt, gibt es auch Over-Onlinewerbung. Mich macht die unentwegte Störung und Bombardierung durch aktualisierte Werbung, dieses ewige nervöse Flackern auf meinem Bildschirm, richtig wütend. Jede algorithmische Optimierung führt irgendwann ins Nirwana. Das dient natürlich den “echten“ Medien, die jetzt mit Abo-Systemen tatsächlich einen Unterschied machen können. Hier zeigt sich wieder: Jeder Trend erzeugt seinen Gegentrend. Wer frühzeitig spürt, wann ein Markt, eine Methode, in eine Übersättigung hineinläuft, und daraus einen neuen Plan macht, gewinnt. Nicht wer ständig das digitale Gelübde herunterbetet.

Was für eine Figur macht die Politik?
Viele Menschen sagen sich: “Politik ist dann gut, wenn sie meine Interessen vertritt.“ Diese Konsum-Mentalität halte ich für fatal, sie gefährdet unsere Demokratie. Politik ist keine Dienstleistung, bei der man wie bei Zalando einfach die Ware zurückschicken kann, wenn‘s nicht passt. Politik ist Vermittlung gesellschaftlicher Interessen, Widerstreit, Kompromiss, Abwägung. Erstaunlich ist, dass heute 70 bis 80 Prozent der Deutschen einverstanden mit der deutschen Politik sind. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten ist der Konsens relativ hoch. Ich halte das für eine gute Botschaft.

Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Coronakrise – wie unterscheiden sich diese Krisen?
Die Krisenforschung unterscheidet drei Kategorien von Krisen: Erstens die katastrophischen Krisen wie Meteoriteneinschläge oder Weltkriege. Solche Ereignisse erzeugen massenhafte Traumata, die nur über lange Zeit geheilt werden können. Dann gibt es Teilkrisen wie die Finanzkrise: Ein bestimmter Sektor wird umgekrempelt, aber im Großen und Ganzen machen wir so weiter wie bisher. Und dann gibt es die tiefen Krisen, die keinen verschonen und alles in Frage stellen, unsere gesamte Existenz, unseren Alltag, unsere Werte, unsere Familienleben und Gesellschaftsformen. Vor allem, indem sie auf unser geistiges, unser seelisches Leben einwirken. Corona bringt das gesamte System unseres Lebens ins Schwingen, wie ein Erdbeben. Die seismischen Wellen legen frei, was wir nicht sehen wollten. Denn wenn wir ehrlich sind: Auch im alten Normal wussten wir, dass es so nicht weitergehen kann.

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Brauchen wir das neue Normal?
Normal ist das, was wir als gewohnt empfinden. Aber in der Gewöhnung liegt auch Gefahr. In der Krise wurde sichtbar, dass schon im alten Normal das Unnormale lag: immer weiter, immer schneller, immer hektischer. Die Krise hat zum Bruch mit dem Gewohnten geführt, zu einer brutalen, aber auch lehrreichen Unterbrechung der Routinen. Mehr als die Hälfte der Deutschen sagen, dass sie in der Corona-Zeit Erfahrungen gemacht haben, die sie auch in Zukunft nicht missen wollen. Das neue Normal könnte also auch eine größere Offenheit für das Neue, das wirklich Andere bedeuten.

Wie sieht Ihr Masterplan für das Leben nach Corona aus?
Masterpläne sind für den Papierkorb. Ein Teil der Gesellschaft wird versuchen, so schnell wie möglich da weiterzumachen, wo er aufgehört hat: in der Steigerungslogik, die aber auch zunehmend Enttäuschungen, Ängste und Konflikte schürt. Ein gar nicht so kleiner Teil erlebt jedoch einen Selbst-Wandel, eine Veränderung des Mindset. Das gilt auch für Unternehmen. Die Corona-Krise hat ja einerseits einen gewaltigen Vertrauens-Verlust erzeugt. Andererseits auch einen enormen Vertrauens-Bedarf. Wir brauchen ein neues Vertrauens-Design für das Verhältnis zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Schafft Corona das, was kein Klimaschützer bewirken konnte – die ökologische Wende?
Es gibt zumindest einen erstaunlichen Schub in diese Richtung. Denn die Corona-Krise konfrontiert uns existentiell mit unseren Abhängigkeiten: Wie ist unser Verhältnis zur Natur? Wie ist unser gesellschaftliches Verhältnis? Aber auch: Wie wollen wir leben? Was sind unsere Werte? Die Parole, mit der wir gegen Corona auftreten, “Flattening the Curve“, gilt auch für die eigentlich drohende Katastrophe unseres Jahrhunderts: die Erderhitzung durch CO2. Corona bot uns eine Vision, eine Anthropause: Auf einmal sind die Kanäle Venedigs glasklar, Tiere wandern wieder in Gebiete ein, die sie vorher gemieden haben. Das ist ein schönes Versprechen auf die Zukunft.

Also weniger Konsum?
Ich glaube nicht, dass die ökologische Wende durch Verzicht- und Versagungsstrategien funktionieren wird. Es geht eher um ein Loslassen: Wir merken plötzlich, dass die vielen Business-Reisen gar nicht so toll und nötig waren. Und dass es schön ist, Zeit fürs Lesen und die Familie zu haben. Ein großer Teil der Bevölkerung wertschätzt diese postmateriellen Erfahrungen. Die postfossile Wende gelingt, wenn wir uns aus der Warte einer höheren Lebensqualität für das Bessere entscheiden. Wir nennen das die “Blaue Ökologie“, im Gegensatz zur “Grünen Ökologie“, die eher auf Schuld und Vorwürfen basiert. Eine Ökologie, die Technologie, menschliche Bedürfnisse und intelligente, adaptive Systeme neu zusammenbringt.


(Foto: Ian Ehm)

Hat Covid-19 die Kraft, Megatrends zu ändern?
Allerdings. Ein Beispiel: Seit zehn Jahren verzeichnen wir einen Nationalismus-Trend, die Suche nach Heimat, den Wunsch nach Verwurzelung. Das ist der Gegentrend zum Megatrend Globalisierung. Was zunächst wie ein Paradox anmutet. Bis zu dem Moment, da wir Trend und Gegentrend miteinander vereinen: aus Lokalisierung und Globalisierung wird in der Corona-Krise Glokalisierung. Das bedeutet, Wertschöpfungsketten werden wieder regionaler oder wenigstens kontinentaler. Wir können Heimatliebende und gleichzeitig Kosmopolit sein. Wir können Dialekt und Englisch sprechen. Fortschritt ist immer Hybridisierung, ist immer Synthese von Trend und Gegentrend. Hegel sprach von der Aufhebung eines Widerspruchs auf einer höheren Ebene.

Ist die Digitalisierung der eindeutige Sieger der Krise?
Die Digitalisierung ist mit jeder Menge Illusionen gesättigt. Wir haben in der Krise gelernt, digitale Medien für unsere Kommunikation viel intensiver zu nutzen. Aber dadurch wurden auch die ungeheuren Defizite sichtbar, die brutalen Zumutungendes Digitalen. Das, was wir vermissen, während wir unentwegt auf Bildschirme oder jetzt auch in Kameraaugen starren. Die tiefe Sehnsucht nach dem Analogen, dem Räumlichen, dem Physisch-Realen.

Was bedeutet die Pandemie für unser gesellschaftliches Miteinander – werden wir zu einer Gesellschaft von Eigenbrötlern?
In der Erfahrung der Trennung liegt auch die Möglichkeit zur Neu-Verbindung. Viele Menschen haben in der Pandemie ihre Beziehungen geklärt. Sie haben Kontakte abgebrochen, die keine Zukunft mehr hatten. Und jene Bindungen intensiviert, die ihnen kostbar waren. So wie wir unsere Häuser aufgeräumt haben, haben wir auch unsere sozialen Lebenswelten aufgeräumt. Auch aus der Distanz können wir ja Nähe empfinden, aber dabei kommt es zu Neu- und Wiederbewertungen.

Wer wird am Ende der Pandemie als Gewinner dastehen, wer als Verlierer?
Corona wirkt wie eine Waschmaschine für Business-Modelle. In allen Branchen werden die Unternehmen, die im Grunde schon überfällig waren, vom Markt gefegt. Aber gleichzeitig entsteht unendlich viel Kreativität: Plötzlich vermieten Hotels ihre Zimmer als Coworking Spaces und Restaurants liefern nach Hause und verändern dabei ihre Rezepte – und finden womöglich ein neues Geschäftsmodell. Veranstaltungsagenturen machen ein Riesengeschäft mit digitalen Konferenzen, für die man ein ganz neues Know-how braucht. Alles ist in Bewegung, alles wird durchgeknetet.

turi2.tv: Wie geht’s der Zukunft, Matthias Horx?

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