turi2 edition #13: Sham Jaff über Deutschland und Diversität.


Blick für das Big Picture: Weiblich, jung, migrantisch – braucht es das, um die Welt als Ganzes zu sehen? Die Newsletter-Publizistin Sham Jaff spricht im Interview mit Elisabeth Neuhaus für die turi2 edition #13 über westliche Gedankenlosigkeit und Respekt für die “Bild”. Im turi2-Videofragebogen verrät sie, dass sie schon als Kind gerne “alles” geworden wäre. Sie können das Interview hier im kostenlosen E-Paper lesen oder das Buch gedruckt bestellen. Hier geht’s zum Videofragebogen. (Fotos & Video: Holger Talinski für turi2)

Sham, wenn du dein Leben bis hierher in einen Newsletter packen würdest, was stünde drin?
Wahrscheinlich wäre der erste Teil meine Kindheit in Kurdistan. Ich bin dort geboren und bis in die zweite Klasse gegangen. Dann ging es mit meiner Familie nach Deutschland. Das wäre der zweite Teil: Schule, Gymnasium, Bachelor und Master in Nürnberg. Der dritte Teil wäre Berlin. Hier habe ich bis vor Kurzem in der Politischen Kommunikation eines Konzerns gearbeitet. Mitten in der Pandemie habe ich gekündigt.

Ehrlich? Um einen sicheren Job hätten dich viele Selbstständige wahrscheinlich beneidet.
Klar, finanziell musste ich mir keine Sorgen machen. Aber die Arbeit wurde mir irgendwann zu einseitig.

Und das ausgerechnet im Chaos-Corona-Jahr.
Die Pandemie ist schuld! Ich dachte: Krass, so vieles kann sich ändern von heute auf morgen. Ich habe mich gefragt, ob ich wirklich die ganze Zeit diesen Konzernjob machen will. Es war keine schlechte Arbeit. Aber man sagt ja, bei einem Job, den man gerne macht, schaut man nicht auf die Uhr. Ich habe sehr oft auf die Uhr geschaut. Im ersten Lockdown dachte ich dann: Die Welt da draußen ist sowieso gerade total verrückt. Da kann ich es auch versuchen. Es war die richtige Zeit für mich.

turi2.tv: Sham Jaff im Videofragebogen.

Da gehört viel Mut zu, oder?
Irgendwie schon. Heute würde ich mich auch als mutig bezeichnen. Vor einem Jahr noch nicht. Mein Leben war lange von Angst geleitet und von der Frage: Was mache ich eigentlich mit meiner Zeit auf dem Planeten Erde? Berlin hat mir Mut gemacht. All die Jahre in Nürnberg waren anders. Die Franken sind eben ein eigensinniges Volk, nicht gerade international unterwegs. In Berlin geht es schon eher um europäische oder transatlantische Politik. Aber auch hier machen sich nur wenige Menschen Gedanken darüber, wie die Wahlen in Myanmar ausgegangen sind oder was gerade in Burundi los ist.

Mit deinem Newsletter versuchst du, das zu ändern. Ist dir der Blick auf die Welt so wichtig, weil du selbst in zwei unterschiedlichen Ländern aufgewachsen bist?
Das ist einer der Gründe, warum What HappenedLast Week (WHLW) existiert. Du musst wissen: Als Kurdin bist du automatisch super politisiert, weil es so oft um dein Land geht – oder um das Fehlen deines Landes. Ein Deutscher oder eine Französin werden geboren und wissen gleich, dass es Deutschland oder Frankreich gibt, sie lernen das spätestens in der Schule. Du hast also ein sehr selbstverständliches Bewusstsein dafür, woher du kommst. Bei mir ist das anders. Als Teil eines Volkes, bei dem dieses Suchen, dieses Streben nach Unabhängigkeit ein so großes Motiv ist, zieht sich das überall durch. Während meines Studiums habe ich mich gefragt, warum es nie um meine Region ging. Dabei haben so viele Menschen von dort unglaublich krasse Geschichten zu erzählen. Wer die hören will, muss aber aktiv danach suchen.


Sham Jaff behält im wuseligen Berlin den Überblick und zeigt Haltung. Wie in ihrem Newsletter What Happened Last Week, den sie seit 2014 jeden Montag verschickt. 11.000 Menschen erklärt Jaff darin leicht verständlich, was in der Woche zuvor passiert ist. (Foto: Holger Talinski)

Du schreibst auch mal über Polizeigewalt in Nigeria oder LGBTQ-Abgeordnete in Neuseeland. Alles keine “Tagesschau”-Themen. Wen interessiert das?
Mein Publikum ist größtenteils zwischen 20 und 40. Ich glaube, sie haben dasselbe Bedürfnis wie ich und denken: Vielleicht ist es ein bisschen Old School, nur über Europa und Nordamerika zu sprechen. Wir sollten zum Beispiel darüber reflektieren, was ein Krieg mit zwei Völkern macht. Viele Menschen können nicht nachvollziehen, warum sich Serben und Bosnier so hassen. Es gibt so viele Fragen, die für Aha-Effekte sorgen, wenn man sie nur gut beantwortet. Nach diesen Aha-Effekten suche ich. Ich jage sie.

Sind dir die Mainstream-Medien zu lame?
Ich ziehe meine Nachrichten aus sehr vielen Quellen. Natürlich auch aus dem Mainstream, vor dem ich großen Respekt habe. Die klassischen Medienmarken leisten sehr gute Arbeit. Aber irgendwann haben sie, finde ich, den Schuss nicht gehört. Für mich kann es nicht sein, dass die “New York Times“ erst nach der Trump-Wahl 2016 mehr People of Color eingestellt hat. Ich will gar nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Aber es gibt dieses Potenzial nach oben. Das haben viele Medien lange nicht gesehen. Wenn sie jetzt nicht aktiv werden, kommen neue, repräsentative Medien, die ihnen das Publikum wegnehmen. Die meisten in meinem Alter würfeln sich ihre Nachrichten-Quellen sowieso über Social Media zusammen.

Deine News verschickst du aber per Mail.
Ich traue Social Media nicht. Eine Weile war Facebook im Trend. Dann sind plötzlich alle zu Instagram gepilgert. Ich dachte mir, eine E-Mail ist der einfachste Weg. Das wird erstmal nicht weggehen.

Wie viel daran ist noch Hobby, wie viel Job?
Es ist definitiv mein Job. Über Patreon können mir Leser*innen monatlich Geld für den Newsletter schicken.

Das sind aktuell aber nur etwas mehr als 600 Euro pro Monat.
Genau, davon allein kann ich nicht leben. Der Rest kommt aus verschiedenen anderen Jobs wie einem Podcast-Projekt für Fyeo.


Kluge Beobachterin: Jaff will promovieren. Und träumt von einer Art Stiftung Warentest für Nachrichtenmagazine, die fragt: Ist Beitrag X divers genug? (Foto: Holger Talinski)

Darin geht es um Asylsuchende in Deutschland. Erscheint WHLW bald unter ProSiebenSat.1-Flagge?
Nein, wahrscheinlich nicht.

Warum – ist die Medienwelt noch nicht so weit?
Ich bin immer wieder überrascht, wie interessant andere es finden, dass ich nur globale Nachrichten mache. Eigentlich ist es ja verrückt, dass das als exotisch gilt. Indonesien hat nun mal mehr als 200 Millionen Einwohner, Afrika mehr als eine Milliarde. Ich denke dann immer: Es ist nicht alles Deutschland. Wir sind nur 80 Millionen. Wir sind sehr wenige im Vergleich.

In Podcast und Newsletter kommentierst du das Geschehen oft sehr persönlich. Die Trennung von Nachricht und Meinung ist nicht dein Anspruch, oder?
Neutralität – ganz großes Stichwort. Natürlich gibt es die bei mir in dem Sinne nicht, weil ich Themen kuratiere. Ich sage den Leser*innen, was sie aus meiner Sicht wissen müssen. Das ist eine Vorauswahl und de facto nicht neutral. Wenn ich eine persönliche Wertung abgebe, dann stelle ich das sofort klar, wie neulich zur Sterbehilfe.

Du findest, dass sie in jedem Land der Welt legal sein sollte.
Genau. Ich bemühe mich, dass mein Newsletter so wirkt, als antworte dir der beste Freund oder die beste Freundin aus dem Politik-Studium auf die Frage, wie du eine Nachricht verstehen kannst. Ich versuche, das Gesamtbild zu beschreiben.

Du hast als Kind Behördengänge für deine Eltern übernommen. Kommt daher dein Wille, Sachen in einfache Sprache zu übersetzen?
Definitiv. Bei diesen Terminen war es wichtig, dass ich das Gesagte zuerst verstehe, um es erklären zu können. Es gab nämlich Vieles, für das ich anfangs keine Begriffe hatte. Es waren neue Konzepte, für die es keine kurdischen Übersetzungen gab. Dazu passt der Satz von Albert Einstein: “Erst wenn du es einem Fünfjährigen erklären kannst, hast du es wirklich verstanden.“ Das war und ist meine Devise. Jeder hat das Recht, Kompliziertes einfach zu verstehen.


Schritt halten: Als Kind schwärmt Jaff ihren kurdischen Verwandten in Briefen von Rolltreppen vor. Deutschlernen – für sie damals “ganz normal“. (Foto: Holger Talinski)

Was bedeutet Heimat für dich?
Familie. Das ist für mich Heimat. Egal, wo sie ist.

Welche Werte haben dir deine Eltern mitgegeben?
Sie haben eine große Dankbarkeit gegenüber Deutschland. Für sie war das Land 1998 ein Paradies. Die Wertschätzung ist geblieben – trotz Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen. Ich bin aufgewachsen mit der Ansage: Du musst uns beweisen, dass sich unser Weg gelohnt hat. Du musst von der Grundschule aufs Gymnasium, vom Gymnasium an die Uni und so weiter. Du musst auch den anderen, den weißen Deutschen zeigen, dass wir auch schlau sein können. Als ich in der Grundschule von der Ausländerklasse in den Regelunterricht durfte, war das der erste Meilenstein für meine Eltern. Dass ich dafür meine Nachmittage aufgeopfert habe, war kein Thema für sie. Wenn ich das heute anspreche, sagen sie, ich solle doch froh sein, dass sie mir damit zum Erfolg verholfen haben. Sie haben mir aber auch beigebracht, mich zu wehren, nicht gleich klein bei zu geben. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

Du hast mal gesagt, die Fraktion der Weltverbesserer sollte unbedingt ihre eigene “Bild“-Zeitung rausbringen. Wie oft liest du “Bild“?
Hin und wieder. Ich folge ihnen auf Social Media und muss sagen, ich finde so gut, wie sie es machen. Sie wissen, wie sie Aufmerksamkeit erregen. Sie wissen, dass Menschen emotionale Sprache und emotionale Geschichten brauchen. Wenn meine Eltern oder einige meiner Freunde die “Bild“ in die Hand nehmen, haben sie nicht das Gefühl, dass die Zeitung auf sie herabguckt oder sie bewertet, weil sie mal eine Vokabel nicht kennen. Sie erhebt sich nicht über sie. Es ist super wichtig, dass Menschen das Gefühl bekommen, mitreden zu können. Alles andere ist richtig fatal für eine Demokratie. Und ich glaube, das ist ein Fehler, den viele intellektuelle Nachrichtenangebote machen.

Überraschend viel Lob für Boulevard.
Ich bin sehr offen gegenüber allem, will jetzt aber keine Werbung für “Bild“ machen. Natürlich gibt es Texte, die gar nicht gehen, wirklich unter aller Sau sind. Ein Freund von mir hat einen ähnlichen Hintergrund wie ich, ist auch als Kind nach Deutschland gekommen. 2015 hat er aus der “Bild“ die Argumente der AfD zitiert. Da habe ich gemerkt, dass die Zeitung als Propaganda-Maschine einen Effekt auf ihr Publikum hat. Ich habe mich damals hingesetzt und ihm in Ruhe erklärt, dass solche Inhalte gefährlich sind. Ohne ihm mit Links der “FAZ“ oder der “Süddeutschen Zeitung“ zu kommen. Dann hat er zugehört. Man muss auf die Menschen zugehen und ihnen zutrauen, Dinge zu verstehen, statt sie gleich abzustempeln. Alle lechzen nach Nuancen. Nuancierter Journalismus ist aber oft langweilig formuliert. Da frage ich mich: Wieso, liebe Journalist*innen, macht ihr euch die Demokratie so schwer?

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Wie hast du 2015 die Debatten um Asyl und Geflüchtete erlebt?
Für mich war das erstmal eine sehr schöne Zeit. Als ich die Bilder vom Hauptbahnhof in München gesehen habe, sind mir Tränen in die Augen gekommen. Ein paar Monate hatten wir Ruhe vor Ausländerfeindlichkeit – vermeintliche Ruhe. Dann kam die Silvesternacht. Die Diskussionen über junge syrische Männer fand ich schrecklich. Ich wollte in die Welt hinausschreien: Wann versteht sich Deutschland endlich als Einwanderungsland? Ihr seid schon seit Jahrzehnten eines.

Was heißt das für den Journalismus?
Wenn die Aussage kommt, junge syrische Männer seien gefährlich, ist das eine Generalisierung. Dann ist es unser Job, bei Fachleuten nachzufragen und die Aussage einzuordnen, sie nicht unkommentiert wiederzugeben. Statt ganze Gruppen unter Generalverdacht zu stellen, wünsche ich mir in der Berichterstattung mehr kritische Distanz und Fakten. Sonst schüren Medien Vorurteile: Auf der einen Seite steht der “gefährliche Geflüchtete“, auf der anderen die “super erfolgreichen Impfstoff-Entwickler“…

…wie bei Biontech mit Özlem Türeci und Uğur Şahin.
Die beiden sind jetzt die großen Helden, “Integrationsvorbilder“, “Musterbeispiele“. Wenn wir über Menschen mit Zuwanderungsgeschichte sprechen, dann immer in Extremen. Wo ist da die Mitte? Die Nachrichten spielen eine super große Rolle dabei, wie wir unser Umfeld und die Welt sehen. Ungeheuerlich finde ich zum Beispiel auch, wie wir über afrikanische Länder sprechen. Da passiert unglaublich viel, afrikanische Startups entwickeln teilweise mehr als in Europa. Aber wir reden ständig nur über die vielen militärischen Konflikte.

Was hast du 2020 über die Menschen gelernt?
Das klingt jetzt sehr klischeehaft und cheesy. Aber: Dass wir stärker sind, als wir denken. Ich glaube, die beiden Lockdowns waren und sind so dermaßen große Herausforderungen für sehr viele Menschen. Letztlich haben wir alle 2020 unsere Lebensweisen verändern und auf so vieles verzichten müssen. Im Großen und Ganzen haben wir das gut hinbekommen.

Was erwartest du von 2021?
Ich wünsche mir mehr thoughtfulness. Wir sollten uns, bevor wir weitergehen, Gedanken darüber machen, was wir aus den neu gewonnenen Gewohnheiten und Erkenntnissen machen. Es wäre sehr schade, wenn wir wieder zurück ins normale Office-Leben gehen würden. Wenn wir wieder genauso viel wie vorher und auf dieselbe Art und Weise reisen, auf dieselbe Art und Weise essen würden. Ich wünsche mir, dass wir aus dieser Phase mehr als nur Memes und ein paar krasse Geschichten für die nächste Generation mitnehmen. Wenn jemand in 10 oder 15 Jahren einen Film über diese Zeit dreht, stelle ich mir vor, dass es darin heißt: “Das war der Zeitpunkt, als die Dinge endlich besser wurden.“


News-Junkie Sham Jaff begibt sich jede Woche auf Weltreise. Seit Corona vorwiegend digital. (Foto: Holger Talinski)

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