turi2 edition #13: Thilo Mischke über Sex und seriösen Journalismus.


Schlechte Prognose: Früher hat Thilo Mischke Sex-Kolumnen geschrieben, heute ist er der politischste Reporter im deutschen Privatfernsehen. Im Interview mit Tatjana Kerschbaumer für die turi2 edition #13 erklärt er, dass er das Privatfernsehen mutiger findet als ARD und ZDF. Für die Menschheit hat er wenig Hoffnungen: “Wir werden an unserer eigenen Dummheit vergehen.” Sie können den Text im kostenlosen E-Paper lesen oder gedruckt bestellen.

Herr Mischke, haben Sie den Spaß am Sex verloren?
Ja, ich habe tatsächlich den Spaß am Sex verloren. Also den Spaß daran, darüber zu berichten, zu schreiben, ein Autor zu sein, der sich mit diesen
Themen beschäftigt. Sexualität an sich ist natürlich nie auserzählt, aber so, wie ich sie sehe und wie ich mich dazu äußern will, schon.

Das ist aber ein radikaler Wandel: Vor zehn Jahren sind Sie bundesweit bekannt geworden mit dem Buch “In 80 Frauen um die Welt“. Außerdem hatten Sie lange Zeit Sex-Kolumnen bei “Prinz“ und “Jolie“ und forschten “unter fremden Decken“ nach dem besten Geschlechtsverkehr des Globus. Heute sehen wir Sie stattdessen in politischen Infotainment-Formaten wie “Rechts. Deutsch.
Radikal.“.

Diese Dinge haben mir damals einfach sehr viel Spaß gemacht. Ich habe gerne darüber geschrieben, ich war Mitte 20. Aber so mit Anfang 30, zu der Zeit als “Unter fremden Decken“ im Fernsehen kam, hatte ich schon das Interesse daran verloren. Heute werde ich ab und zu noch zu Talkrunden eingeladen – oder wenn es ein neues Dokuformat gibt. Arte hatte mal angefragt, ob ich nicht Bock hätte, was zu Pornografie zu sagen. So etwas lehne ich dann tatsächlich ab, das passt nicht mehr zu mir. Persönlich habe ich das Gefühl, es ist nicht mehr Teil meiner Identität.

Leben wir in einer Zeit, in der das Politische wichtiger ist als das Private? Oder zumindest: Ihnen wichtiger?
Wir leben in einer Zeit, inder Privates und Politisches mittlerweile Hand in Hand gehen. Personen des öffentlichen Lebens, die sich auf Instagram, TikTok oder Twitter äußern, müssen das mittlerweile politisch tun. Wenn wir uns recht erinnern, gab es vor zwei Jahren eine Debatte, die sagte: Leute, ihr müsst eure Reichwei te nutzen, um politisch zu sein. Es war nämlich ganz lange nicht en vogue, in den sozialen Medien eine Haltung zu haben. Da ging’s eher darum: Was hab’ ich zu Mittag gegessen, was ziehe ich an, womit schminke ich mich, wohin fahre ich in den Urlaub? Das hat sich aber geändert. Und so wie ich früher über Sex berichtet habe und jetzt aus Kriegsgebieten be richte, hat natürlich auch ein Influencer das Recht darauf, seine Haltung so im Internet darzustellen.

Politische und kritische Formate lassen sich ja auch bei den Öffentlich-Rechtlichen machen. Abgesehen von einem zweijährigen Talkshow-Ausflug zu ZDFneo kennen Zuschauer*innen Sie eher aus dem Privatfernsehen. Wollen die Öffentlich-Rechtlichen Sie nicht oder wollen Sie nicht zu denen?
In meiner gesamten Karriere als Journalist gab es nur eine einzige Sache, die ich wollte. Ich wollte mal zum “stern“. Ich wollte wirklich gerne für dieses Reportagemagazin arbeiten, was ich dann auch drei Jahre gemacht habe. Aber es gab in meiner Karriere keinen Punkt, an dem ich gesagt habe: Ich möchte zu den Öffentlich-Rechtlichen. Es ist eher so: Ich bin beim Fernsehen, weil meine Auslandsreportagen im Print nicht mehr bezahlt wurden. Und ich wollte immer ins Ausland, das war das Ding. Ansonsten will ich einfach meine Filme machen.

Was leistet Privatfernsehen in Ihrem Bereich, was die Öffentlich-Rechtlichen nicht können? Oder nicht wollen?
Die Privaten haben keine Angst und nicht 70 Redakteure auf einer Position, für die du eigentlich nur zwei Redakteure brauchst. Es fehlt zumindest bei Pro SiebenSat.1 dieser riesige Apparat an Journalisten, die alle eine Meinung zu einer Sache haben und mitbestimmen wollen. Das ist ja auch verständlich: Niemand von uns möchte 40 Jahre für eine Anstalt arbeiten und dann wegen den “Jungen“ zum alten Eisen gehören und in die sogenannte “Entwicklungsredaktion“ gesteckt werden, wo man auf seinen Tod warten darf. Bei den Privaten gibt’s nicht dieses Beweisen, Belegen, dass man ein echter Journalist ist. Wie oft hatte ich in meinem Leben das Problem: Weil ich fürs Fernsehen arbeite und schreibe, muss ich mich auf beiden Seiten rechtfertigen. Bei den einen bin ich kein richtiger Fernsehmacher, bei den anderen kein richtiger Journalist. Das gibt es bei den Privaten einfach nicht, bei den Öffentlich-Rechtlichen schon.

Haben Sie da ein konkretes Beispiel?
Bei ProSieben sagt dir kein alter Journalisten-Silberrücken: “Also, als ich 1974 im Kongo war, haben wir das so und so gemacht.“ Die sagen: Dann macht mal. Wie sieht das denn aus, wenn ihr eine richtig intensive Auslandsrecherche macht? Bei unserem Rechtsextremismus-Film saßen die abnehmenden Redakteure da und waren begeistert. Und Daniel Rosemann, der Senderchef von ProSieben, meinte: “Keine Werbung, das zeigen wir genau so um 20:15 Uhr.“ Alleine, dass du so eine Abnahme hast – das würde doch bei den Öffentlich-Rechtlichen nie passieren. Deren Sendeplan steht bis 2090, die können da nichts ändern, das geht nicht. Mut, eine gewisse Ahnungslosigkeit und Neugierde sind die großen Vorteile des Privatfernsehens.

Laufen die Privaten den Öffentlich-Rechtlichen den Rang ab, wenn es um politische Formate für junge Leute geht?
Ich glaube, sie laufen ihnen den Rang bei einer ganz spezifischen Zielgruppe ab, nämlich bei den 30- bis 50-Jährigen. Die gehen nicht zu YouTube, die kucken noch fern, sind aber noch zu jung für ARD und ZDF.

Was müssen politische und gesellschaftlich relevante TV-Formate der Zukunft bieten, um Zuschauer*innen zu gewinnen? 2021 und darüber hinaus?
Der politische Journalismus muss es 2021 schaffen, eine emotionale Stimmung in eine journalistische Frage zu übersetzen – besonders vor dem Hintergrund der anstehenden Bundestagswahl. Oder anders herum: Olaf Scholz stellt Handlungsanweisungen für die Wirtschaftsentwicklung der nächsten 50 Jahre vor. Wir verpacken es als Journalisten so, dass man das emphatisch nachvollziehen kann. Warum werden bestimmte Entscheidungen getroffen, wie betreffen sie mich und warum betreffen sie mich?


Im Krisengebiet: Thilo Mischke sagt, er sei vor allem beim Fernsehen, weil seine Auslandsreportagen “im Print nicht mehr bezahlt wurden”.

Sie haben gerade die Wahl angesprochen und sind ja auch SPD-Mitglied. Schon mal daran gedacht, zu kandidieren?
Das Interesse an Politik und Tagespolitik ist groß, aber ich liebe auch das zu sehr, was ich aktuell mache. Der Gedanke ist manchmal da, aber ich habe einfach keine Zeit. Und: Wenn ich mich entscheide, in die Politik zu gehen – wie oft muss ich mich bitte für das Buch “In 80 Frauen um die Welt“ rechtfertigen? Es ist vollkommen richtig, dass ich mich dafür rechtfertigen muss. Aber das wird dann wahrscheinlich immer wieder aus der Kiste geholt.

Einerseits sind Sie mittlerweile das “Investigativ-Gesicht“ von ProSieben, das Missstände thematisiert und aufdeckt. Andererseits sind Sie ein Testimonial der Deutschen Bahn, in deren Kundenmagazin Sie eine regelmäßige Kolumne haben und für die Sie podcasten. Eine Undercover-Recherche bei der Deutschen Bahn dürfen wir von Ihnen also eher nicht erwarten?
Doch! Da möchte ich ein Beispiel geben: Seit ich für “DB Mobil“ schreibe, will ich eine Geschichte über die Zusammenarbeit der Reichsbahn mit dem Deutschen Reich machen – und deren Aufarbeitung. Kritik an der Deutschen Bahn ist mir absolut erlaubt, insbesondere als Kolumnist. Wenn ich etwas über die Deutsche Bahn machen will, mache ich was über die Deutsche Bahn. Wenn ich Testimonial für Rohdiamanten aus Afrika wäre – dann wär’s schwieriger.

Sie meinten gerade, Sie würden diese Geschichte gerne machen. Sie haben sie aber noch nicht gemacht. Warum?
Der Chefredakteur sagt jedes Jahr richtigerweise zu mir: “Schlag’s vor.“ Und ich schlage jedes Jahr etwas vor, aber ich gebe zu, dass es mir schwerfällt, einen Ansatz zu finden, der auf eine gute Art funktioniert. Es ist also eher mein Problem, nicht das der Deutschen Bahn. Aber ich denke jedes Jahr darüber nach, wie man diese Geschichte erzählen könnte, ohne dem Leser in der Bahn mit erhobenem Zeigefinger zu begegnen.

Es passt für Sie also zusammen, seriösen Journalismus aus Krisengebieten zu machen und gleichzeitig bei einem Großkonzern in Diensten zu stehen, bei dem Sie eher die PR bedienen?
Das macht mir überhaupt nichts aus. Es ist tatsächlich die journalistische Wirklichkeit von vielen, auch vielen meiner Kollegen. Man kann in diesem Beruf mittlerweile nur überleben, wenn man auch für Kundenmagazine arbeitet, weil das die einzigen sind, die vernünftige Honorare zahlen. Ich bin Hobby-Etymologe, also Insektensammler, und habe für das “Lufthansa-Magazin“ mal eine 12-Seiten-Geschichte über die Schönheit des Insektensammelns im Thailändischen Urwald geschrieben. Wo soll man so etwas sonst unterbringen? Und ich musste nicht einmal schreiben: Lufthansa, top!

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Stichworte Krise und Krisengebiete: In der Welt bröselt es an allen Ecken und Enden, nicht nur durch Corona. Was werden die Probleme sein, mit denen wir uns in den kommenden Jahren politisch und journalistisch beschäftigen müssen?
Es sind die gleichen Probleme, die wir in den letzten drei Jahren erfolgreich ignorieren: Der Klimawandel wird noch schlimmer werden, es wird neue Flüchtlingsströme geben, die Wirtschaft wird sich verschieben. Wir leben in einer Welt der Widersprüche, die immer größer werden. Außerdem glaube ich, dass die Konflikte in Zentralasien stärker werden, von Kasachstan über Turkmenistan, Armenien, Georgien bis Aserbaidschan. Man kann es ja jetzt schon mit Aserbaidschan und Armenien beobachten. Irgendwas liegt da im Argen.

Haben Sie den Eindruck, dass Sie mit Ihrer Arbeit etwas verändern können? Bei “Rechts. Deutsch. Radikal.“ hat das ja teilweise geklappt, Stichwort AfD und Christian Lüth. Aber ist Ihnen das genug?
Als ich in der 10. Klasse gefragt wurde “Was willst du mal werden?“, habe ich gesagt: Ich will Journalist werden, weil ich etwas verändern möchte. Das sagt sich so schön, aber: Dass Lüth entlassen wurde, hat das etwas verändert? Für Christian Lüth, ja. Was ich viel wichtiger finde, ist: Ich will die Konsumenten meiner journalistischen Produkte verändern. Denen möchte ich gerne eine andere Perspektive anbieten. Aber das Ziel ist, es nur anzubieten. Diejenigen sollen selbst entscheiden, ob sie sich verändern wollen.

Bräuchte es mehr Thilo Mischkes in den Medien?
Es gibt ja Kollegen, die so ähnlich arbeiten. Und es gibt auf jeden Fall mehr als einen Mischke im deutschen Fernsehen. Das ist auch gut so, wir haben‘s ja nicht erfunden.

Kommen Sie manchmal von einer Recherche nach Hause und wünschen sich zehn Jahre zurück, als es noch um Sex ging?
Nee. Wenn ich aus Orten des Unglücks zurückkomme, stelle ich fest: Ich bin ein grundsätzlich glücklicher Mensch.

Nach 2020 kann uns ohnehin nichts mehr schocken. Mit Blick auf 2021: Oder doch?
Ich kann nicht in die Zukunft kucken, aber es geht auf jeden Fall noch schlimmer. Durch meine letzte Ukraine-Reise wurde mir wieder sehr bewusst, dass wir zwei Flugstunden von Berlin einen Krieg haben, der kein Schwein interessiert. Und wenn der zwei Stunden von uns entfernt ist, kann es auch mal sein, dass ein Krieg eine Stunde von uns entfernt ist. Das sollten wir nicht vergessen. Ich habe ein bisschen den Glauben an die Menschheit verloren durch das, was ich alles gesehen und erlebt habe. Wir werden glaube ich an unserer eigenen Dummheit vergehen. Weil wir
nur uns selbst sehen.

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