Hohe Resonanz: Tilmann Gangloff zur Berichterstattung von ARD und ZDF über die Frauen-EM.
6. August 2022
Erwachtes Interesse: Nie zuvor haben so viele Zuschauerinnen und Zuschauen ein Fußball-Länderspiel der Frauen im Fernsehen verfolgt. Tilmann Gangloff analysiert bei epd Medien die Berichterstattung von ARD und ZDF und blickt auf weitere Aspekte des aktuell hohen Interesses am Frauenfußball. Er findet bis auf einige schräge Metaphern “wenig auszusetzen” und lobt den Durchmarsch des deutschen Teams, der auch die Sender gefreut haben dürfte: “Das Turnier war Werbung für den Fußball.” turi2 veröffentlicht seinen Beitrag in der wöchentlichen Reihe Das Beste von epd Medien bei turi2.
albfinale, Deutschland gegen Frankreich, 45. Minute: Die Französinnen erzielen den Ausgleich. Die deutschen Frauen stürmen gleich nach dem Anstoß Richtung französisches Tor, aber das Fernsehpublikum sieht davon nichts – denn die Bildregie ergötzt sich noch an Emotionen und Zeitlupen. Das Ärgernis ist typisch für wiederholte Verstöße gegen ein Fußballgebot, das Kinder von klein auf lernen: Immer den Ball im Blick haben!
Für TV-Übertragungen heißt das: Ist der Ball nach An- oder Abstoß wieder im Spiel, hat das Live-Bild oberste Priorität. Stattdessen setzte sich bei der Frauen-Fußball-EM auch im Finale ein Trend fort, der bereits bei den vergangenen großen Turnieren zu erkennen war: Die Folklore auf den Rängen wird mitunter wichtiger genommen als das Geschehen auf dem Rasen. Früher haben die mutmaßlich männlichen Kameraleute bevorzugt nach attraktiven Stadionbesucherinnen Ausschau gehalten, heute sollen sie offenbar möglichst illustre Aufmachungen ausfindig machen. Den Sendern ist das nicht anzulasten, sie müssen bei solchen Turnieren das produzierte Bild des Veranstalters übernehmen. Die eigenen Kameras sind in erster Linie für Interviews vorgesehen.
Schräge Metaphern
Ansonsten gab es jedoch wenig an der Berichterstattung auszusetzen. Natürlich haben sich auch ARD und ZDF von den zum Teil mitreißenden Darbietungen der deutschen Frauen anstecken lassen, aber das ist menschlich und rein gar nichts im Vergleich zum unverhohlenen Patriotismus der Kolleginnen und Kollegen aus England oder Spanien, vom überschwänglichen Enthusiasmus der Radioreporter, mit denen die ARD gern die Bilder von ZDF-Spielen unterlegte, ganz zu schweigen (deren Geschrei wirkt schon bei Bundesligaspielen maßlos übertrieben).
Selbst die sonst so besonnene Claudia Neumann (ZDF) war “on fire” und schaute beim Halbfinale großzügig über die teils haarsträubenden Fehlpässe der in der Defensive allerdings herausragenden Innenverteidigerin Martina Hegering hinweg. Die Reporterin gilt nach wie vor als personifiziertes Feindbild vieler männlicher Fußballfans. Hass und Hetze in den digitalen Medien sind laut ZDF dieses Mal zwar weitgehend ausgeblieben. Es gebe dennoch “einen harten Kern der Unbelehrbaren, die einfach keine Frauen als Kommentatorinnen wünschen”, hieß es.
Im Ersten feierte die einstige Bundesligaspielerin Christina Graf, Mitglied der Sportredaktion des SWR, ihre Turnierpremiere als Kommentatorin. Das machte sie im Großen und Ganzen gut, aber wenn es laut wird, gerät ihre Stimme leicht in unangenehme Frequenzbereiche. Irgendjemand sollte ihr auch mal sagen, dass der Begriff “La-Ola-Welle” eine Tautologie ist. BR-Kollege Bernd Schmelzer hingegen, ähnlich wie Neumann ein Veteran des Fernsehfrauenfußballs, tut sich gern durch schräge Metaphern hervor (“dann steht die Keeperin auf der Lichtung”). Sich bei der spanischen Torhüterin für ihre unfreiwillige Vorarbeit zum deutschen 1:0 zu bedanken, war außerdem ausgesprochen unsportlich. Einen sachlichen Einwurf von Nia Künzer ergänzte er um “cool, cooler, Künzer” – das war fast zum Fremdschämen.
Die frühere Nationalverteidigerin Künzer verrichtet ihren Job als ARD-Expertin an der Seite von Moderator Claus Lufen schon seit vielen Jahren wohltuend unaufgeregt. Im Brotberuf ist die Pädagogin mit abgeschlossenem Studium übrigens Dezernatsleiterin beim Regierungspräsidium Gießen; ihre Tätigkeit als ARD-Expertin nimmt sie allerdings laut NDR außerhalb der Dienstzeit wahr.
Kurzes Rahmenprogramm
Eine echte Entdeckung war die frühere Schweizer Nationalspielerin Kathrin Lehmann im ZDF: als Orakel ein Debakel, aber als gutgelaunte Analytikerin eine spritzige Ergänzung zu Moderator Sven Voss. Das ZDF kann gern dem ARD-Beispiel mit Almuth Schult folgen und die frühere Torfrau des FC Bayern auch bei Männerspielen einsetzen. Die gelegentlichen Ergänzungen der beiden Duos, etwa durch Ex-Nationalspielerin Tabea Kemme (ARD) oder Torwart Andreas Luthe (ZDF), erwiesen sich als kluge und kompetente Verstärkung. Das hat man auch bei Sky mitbekommen: Kemme, die fürs ZDF außerdem im VW-Bus interessante “Inselbegegnungen” gesammelt hat, wird ab der kommenden Saison beim Pay-TV gemeinsam mit Lothar Matthäus die Samstags-Topspiele analysieren.
Das Rahmenprogramm hatte noch einen weiteren Vorzug: Es war erfreulich überschaubar. Während Turnierauftritte der Männer regelmäßig von ausufernden Berichten inklusive meist wenig ergiebiger Ausflüge ins Basiscamp begleitet werden, begnügten sich die Sender bei der Frauen-Fußball-EM mit knappen Einstimmungen, die aufgrund von Sondersendungen über aktuelle Ereignisse jenseits des Fußballs mitunter nur eine gute halbe Stunde währten. Die Analysen nach den Spielen waren meist auch nicht länger.
Der Sport-Streamingdienst DAZN hat die EM ebenfalls übertragen. Aber kurze Stippvisiten dort genügten, um alsbald zu ARD und ZDF zurückzukehren. Expertin und Kokommentatorin bei DAZN war unter anderem die frühere Nationalspielerin Verena Schweers, deren Ausführungen auch dank des ständig mitten im Satz sinnfrei eingestreuten “ja” wie ein Interview mit Leroy Sané klangen. Die jeweiligen Duos saßen ohnehin im heimischen Studio – eine Szene wie den von Neumann geschilderten deutschen Angriff im Spiel gegen Frankreich konnten sie gar nicht mitbekommen.
Ohne nervige Attitüden
Fußballturniere bergen aus Sendersicht immer ein gewisses Risiko: Scheidet das deutsche Team – wie bei den jüngsten Herren-Turnieren – allzu früh aus, geht auch das Interesse des Publikums deutlich zurück. In die Freude über den Durchmarsch von Alexandra Popp und ihren Mitstreiterinnen wird sich bei ARD und ZDF daher auch viel Erleichterung gemischt haben. Das Traumfinale gegen England war zwar wie so viele Endspiele kein fußballerischer Leckerbissen, bot den 17,9 Mio Zuschauerinnen und Zuschauern der ARD aber 120 Minuten lang Hochspannung (Marktanteil: 64,8 %, beim jungen Publikum sogar 71 %). Noch nie zuvor haben so viele Menschen ein Frauen-Länderspiel im deutschen Fernsehen angeschaut, nicht einmal bei der Heim-WM 2011.
Schon das Halbfinale gegen Frankreich bescherte dem Zweiten die eindrucksvolle Zahl von 12,18 Mio Zuschauern (vgl. Meldung in dieser Ausgabe). Das nicht minder spannende Viertelfinale zwischen Deutschland und Österreich hatte im Ersten fast zehn Mio Zuschauer (38,2 % Marktanteil) und brach damit den alten Frauen-EM-Rekord aus dem Jahr 1997.
Spätestens mit der Qualifikation fürs Halbfinale stand fest, dass das Turnier im Vergleich zur Frauen-EM 2017 insgesamt deutlich höhere Akzeptanzwerte erzielen würde, zumal ab dem Viertelfinale auch die Partien ohne deutsche Beteiligung auf große Resonanz stießen. Während der Gruppenphase hatten ARD und ZDF rund ein Dutzend Spiele nur online übertragen; auch hier lag die Nutzung deutlich höher als etwa im Vergleich zur WM der Fußballfrauen 2019. Trotzdem haben die Frauen in Sachen Gleichberechtigung nicht nur bei der Bezahlung noch einen weiten Weg vor sich: Männerturniere erreichen nach wie vor ein wesentlich größeres TV-Publikum. Obwohl die deutsche Herren-Mannschaft bei der letztjährigen EM bereits im Achtelfinale ausschied, lag die durchschnittliche Zuschauerzahl ihrer Spiele bei fast 24 Millionen (epd 28/21).
Es wäre interessant zu untersuchen, ob Frauenfußball ein anderes Publikum erreicht als die Länderspiele der Männer. Falls dem so ist, wird das auch und vor allem mit den Spielerinnen zu tun haben. Technisch und taktisch müssen sie sich längst nicht mehr hinter den Herren verstecken, aber sie verzichten in der Regel auf viele der Attitüden, die beim Männerfußball nerven, etwa die dauernden Diskussionen mit den Unparteiischen oder die “Sterbender Schwan”-Einlagen nach Fouls; von der ständigen Spuckerei ganz zu schweigen. All das schlägt sich auch in der Atmosphäre nieder. Die Stimmung inner- und außerhalb der Stadien ist deutlich friedlicher.
Unklare Doku-Finanzierung
Selbst wenn das rustikale Finale längst nicht so hochklassig wie andere EM-Partien war und stellenweise wenig mit Fair Play zu tun hatte: Das Turnier war Werbung für den Fußball. Die ARD hatte sich übrigens von Anfang an der Initiative “NotWomensFootball” von EM-Sponsor VW angeschlossen und “Women’s” aus dem Dauerlogo “Uefa Women’s Euro 2022” gestrichen – das ist löblich.
Für kritische Diskussionen sorgte hingegen die in der ARD-Mediathek abrufbare Doku-Serie “Born for this – Mehr als Fußball” über die Vorbereitung des Frauenteams auf die EM. Die Produktion von Warner Bros. International ist mit Unterstützung des DFB und seiner Sponsoren VW und Adidas zustande gekommen, zu sehen ist sie auch bei Sky und MagentaTV. Der DFB teilte dazu am 15. Juni auf seiner Internetseite mit: “Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) dreht zusammen mit der Filmproduktionsgesellschaft Warner Bros. ITVP Deutschland seit mehr als einem Jahr die erste serielle Frauenfußball-Doku über eine Nationalmannschaft fürs TV weltweit.” Um möglichst viele Menschen zu erreichen, hätten sich “zum ersten Mal im deutschen Fernsehen für eine Doku-Serie ARD, Sky und Magenta TV zu einer Senderallianz vereint”.
Wer die Finanzverhältnisse innerhalb dieser Sender- und Sponsorenallianz näher betrachten will, dringt nicht durch. Der NDR teilt auf Anfrage mit, die ARD habe von Warner Bros. die Sendelizenz für die Produktion erworben. Im Abspann und im Begleittext in der ARD-Mediathek werde auf alle beteiligten Partner hingewiesen. Dort heißt es: “Ein Projekt von ARD, Sky, MagentaTV, Warner Bros., DFB, VW und Adidas.” Der DFB bleibt eine konkrete Antwort ebenfalls schuldig und erklärt, er gebe keine Auskünfte zu Vertragsinhalten.
ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky lässt sich auf der Webseite der “Sportschau” wie folgt zitieren: “Kooperationen bei solchen Projekten, wie auch im gesamten Sport, sind zur Finanzierung erforderlich. Sie sorgen aber auch dafür, dass eine vielfältige Verbreitung des Themas stattfindet.” Deshalb sei die ARD “jederzeit dafür offen, mit Partnern gemeinsam solche Projekte zu stemmen”. Der Verdacht eines DFB-Werbefilms, der geschickt verschiedenen TV-Anbietern angedient wurde, lässt sich so nicht aus der Welt schaffen. Erstaunlich ist aber: Das Ergebnis, für sich betrachtet, ist durchaus sehenswert.
Tiefergehende Einblicke
Die Machart von “Born for this” orientiert sich am Stil jener Dokumentationen, wie sie zuletzt vor allem für Streamingdienste gedreht worden sind, etwa über den FC Bayern. Vorbild für alle diese Produktionen ist Sönke Wortmanns Dokumentarfilm “Deutschland. Ein Sommermärchen” über die WM 2006. Der Titel des Dreiteilers deutet an, dass die Verantwortlichen eine ähnliche Zielgruppe im Sinn hatte.
Tatsächlich brauchen die 210 Minuten den Vergleich im Hinblick auf Machart und Aufwand nicht zu scheuen; schon der kunstvoll gestaltete Vorspann ist beeindruckend. Anders als die Männer-Dokus gibt die Reihe jedoch ungleich tiefergehende Einblicke. Dass Almuth Schult erzählt, wie schwierig es ist, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bekommen, kommt bei männlichen Kollegen nur selten zur Sprache. Das gilt auch für die Offenheit, mit der die Spielerinnen über ihre Beziehungen reden. Sara Doorsoun zum Beispiel lebt mit einer Frau zusammen. Es fällt ihr sichtlich nicht leicht, die Probleme zu beschreiben, die ihr aus dem Iran stammender konservativer Vater mit dieser Beziehung hat.
Auch Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg lässt sich auf eine Weise in die Seele schauen, wie das bei männlichen Trainern in derart exponierter Position kaum vorstellbar wäre. Neben sehr persönlichen Aspekten schildert sie unter anderem, welchen Wandel sie selbst im Verlauf der Zusammenarbeit mit den Spielerinnen durchlaufen hat. Auch das trägt zur Qualität der Reihe bei: Sie dokumentiert, wie jener Geist entstanden ist, der das Team bei der EM ausgezeichnet hat.
Höhere Ansprüche
Faszinierend ist “Born for this” zudem in fußballerischer Hinsicht, zumal sich die Frauen während der Dreharbeiten für die WM qualifizieren mussten. Martina Hänsel und Björn Tanneberger haben die Spielerinnen über ein Jahr lang begleitet. Sie waren beim Training dabei und durften auch Besprechungen und Ansprachen filmen. Gerade diese Momente, wenn etwa ein Co-Trainer den Frauen nach einem enttäuschenden Auftritt abspricht, wirklich mit Herzblut bei der Sache zu sein, gehen unter die Haut: Lina Magull kommen anschließend die Tränen. Der eigentliche Wert der gelegentlich überraschend witzigen Dokumentation liegt jedoch in den Aspekten, mit denen sich der ergebnisorientierte Sportjournalismus viel zu selten beschäftigt – da wäre zum Beispiel der Einfluss des Menstruationszyklus auf die Leistungsfähigkeit.
Auch die “Equal Pay”-Debatte, die während der EM nach einem Tweet von Bundeskanzler Olaf Scholz kurz aufflammte, wird in der Reihe abgedeckt. Almuth Schult wäre schon froh, wenn es in der Bundesliga ein Mindestgehalt von 30.000 Euro gäbe. Im Jahr, wohlgemerkt, und brutto. Bayern-Stars wie Manuel Neuer oder Thomas Müller verdienen solche Summen Berichten zufolge ungefähr pro Tag. Immerhin überlegt Sky, die Spiele der Frauen-Bundesliga zu übertragen; das wäre ein weiterer wichtiger Schritt in die richtige Richtung.
Und noch eins offenbart die Reihe: Anders als die männlichen Kollegen vertreibt sich das halbe Frauenteam die Zeit zwischen den Trainingseinheiten nicht an der Playstation, sondern mit Hausarbeiten – fürs Studium. Tabea Waßmuth steckt gar mitten in ihrer Promotion (Neuropsychologie). Im Rahmen eines Lehrgangs haben viele Spielerinnen die Lizenz “B+” des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) erworben und somit die Berechtigung, Nachwuchsmannschaften zu trainieren. Kein Wunder, dass ihre reflektierten Interviews höheren Ansprüchen genügen.
Ein weiterer Unterschied zu den vergleichbaren Streaming-Dokus liegt in der Art, wie die Kamera (Jonas Knüdeler) die Frauen auch körperlich zelebriert. Kritikerinnen werden dies womöglich als typischen männlichen Blick monieren, aber die Bilder sind weder sexistisch noch anstößig. Trotzdem ist das natürlich dünnes Eis, zumal Sexismus im Frauenfußball, wie ein “Panorama”-Beitrag während der EM zeigte, immer noch alltäglich ist. In dieser Hinsicht hat sich in den letzten 50 Jahren anscheinend nicht viel getan. In der Reportage beschreibt eine Kreisligaspielerin die von der männlichen Vereinsleitung bagatellisierte toxische Männlichkeit in ihrem Club. Eine Erstligakickerin, die nicht erkannt werden will, berichtet vom Mannschaftsarzt, der wegen seiner anzüglichen Sprüche von den Frauen gemieden wird.
Der DFB gibt in dieser Frage wie so oft kein gutes Bild ab: Das sei ein gesellschaftliches und kein fußballtypisches Problem, heißt es aus dem Verband. Die wenig rühmliche Haltung des DFB zum Frauenfußball ist unter anderem auch Gegenstand der gleichfalls sehenswerten ZDF-Doku “Fußball.Frauen.Power!”. Bis 1974, als sich der Verband endlich dazu durchgerungen hatte, einen Ligabetrieb zu organisieren, waren die – selbstverständlich männlichen – Funktionäre demnach der Ansicht, im Kampf um den Ball verschwinde die weibliche Anmut.(Foto: Paul Terry / Newscom / Picture Alliance)