“In Deutschland passiert alles zehn Jahre später” – “Faking Hitler”-Macher Malte Herwig macht jetzt einen Podcast mit KI.
4. September 2025
Journalist und Autor Malte Herwig hat 2019 Presse- und Podcast-Geschichte geschrieben: Mit “Faking Hitler” hat er damals einen der weitreichendsten Skandale der deutschen Pressegeschichte, die Fälschung der sogenannten “Hitler-Tagebücher”, aufgearbeitet – mit bis dahin unveröffentlichten Original-Audios. Nun legt Herwig wieder einen Podcast vor, in dem er Neuland betritt. Der profilierte Interviewer veröffentlicht einen englischsprachigen Podcast mit dem Titel “The Art of the Interview”. Das Besondere: Die Hosts Alex und Isabell sind KI-Stimmen. Sie diskutieren ausgewählte Interviews mit Personen der Zeitgeschichte, die Herwig im Laufe seiner Karriere geführt hat. Im turi2-Interview erklärt er, was ihn an KI-generierten Gesprächen reizt und dass er sich mehr Mut von Programmverantwortlichen in Deutschland wünscht.
Malte, du hast mit “Faking Hitler” 2019 einen sehr erfolgreichen und viel diskutierten Podcast produziert. Jetzt widmest du dich wieder einem Podcast-Projekt, und zwar einem Podcast mit zwei KI-Hosts. Ist das nicht das komplette Gegenteil zu den Podcasts, die du bisher gemacht hast? Absolut. Und genau das ist der Punkt. “Faking Hitler” war 2019 ein Paukenschlag: Investigativer Journalismus als packende Audio-Story. Mittlerweile ist das Standard. Ich wollte wieder etwas machen, das überraschend, neu und disruptiv ist. Also habe ich auf spielerische Art die radikalste technologische Revolution unserer Zeit genutzt: Künstliche Intelligenz.
Der Podcast heißt “The Art of the Interview” und beschäftigt sich mit Prominenten-Interviews, die du selbst im Laufe deines Journalistenlebens geführt hast. Wie bist du auf die Idee dazu gekommen? Das Interview ist die Urform des Journalismus – älter als das Alphabet. Es ist das edelste und schönste Format, das wir haben. Was könnte spannender sein, als diese jahrtausendealte Kunst mit der modernsten Technologie der Gegenwart zu verbinden? Ich habe viele zeitlose Interviews mit faszinierenden Menschen geführt, die viel zu schade fürs Archiv sind. Mit diesem Podcast hauche ich ihnen neues Leben ein und öffne sie für ein globales Publikum.
Mir scheint, die deutsche Medienlandschaft verpennt gerade wieder einmal die Zukunft. Die meisten Verlage und Sender nutzen zwar KI, weil sie müssen – aus reinem wirtschaftlichen Druck. Prozessoptimierung, Streamlining, Personalabbau. Da geht’s nicht um Neugier, sondern um die nackte Existenz. Der Markt brennt, und plötzlich merkt man, dass heute jeder einzelne dank KI Produkte erschaffen kann, für die man früher eine ganze Redaktion brauchte. Ich kann den kompletten Podcast entspannt von zu Hause produzieren, mit der Katze auf dem Schoß.
Wir dürfen die neuen medialen Plattformen nicht den Schwindlern, Populisten und Fake-News-Agenten überlassen. Wir müssen die klassischen journalistischen Tugenden – Wahrhaftigkeit, Authentizität, Vertrauen – in neue Formen gießen und dort präsent sein, wo die Musik spielt. Aber während überall KI-Beauftragte ernannt werden, frage ich mich: Wo bleibt die Kreativität? Wo sind die journalistischen Wagnisse? Warum sieht man das in den Produkten nicht? Alfred Brendel sagte mir: Die einen spielen Klavier, die anderen den Regenbogen. Das gilt auch für KI. Meine Erfahrung ist, dass in den Verlagen und Sendern oft die Angst vor der eigenen Courage regiert. Wir dürfen den Wandel nicht wie vor 25 Jahren wieder verschlafen. KI ist Internet hoch zehn. Also mache ich es eben selbst.
Du hättest ja vermutlich auch ein Interview-Buch machen können. Warum das Genre Podcast und warum mit KI-Hosts statt mit echten Menschen? Interviews 1:1 als Buch zu veröffentlichen, ist doch fantasielos. Das Publikum erwartet einen Mehrwert, und den bekommt es bei mir. Der Podcast analysiert die Interviews nicht nur, er bietet auch ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz. Zwischen mir, dem Interviewer Malte Herwig, und meinen KI-Hosts Alex und Isabel. Das wird noch Stoff für Zoff werden, versprochen.
Direkt zum Podcast:
Die erste Folge von “The Art of the Interview” ist am 4. September erschienen – über Herwigs Interview mit dem legendären Pianisten Alfred Brendel, das 2014 in der “Süddeutschen Zeitung” erschienen ist. In weiteren Folgen geht es u.a. um den Künstler Christo sowie die Hollywood-Starts Michael Douglas und John Malkovich. Neue Folgen erscheinen wöchentlich. buzzsprout.com (20-Min-Podcast)
KI ist ja als Remix-Maschine verschrien, die Vorhandenes nur neu anordnet. Hast du im Laufe der Produktion etwas Neues über deine Interviews, das Genre Interview oder über dich selbst als Journalist gelernt? Kompliment, das ist eine wirklich menschliche Frage. Beim Führen eines Interviews mache ich vieles intuitiv: Ich höre zu, führe das Gespräch, baue eine Beziehung auf, schmeichle, überrumpele, provoziere. Ich war selbst überrascht, wie präzise Alex und Isabel das danach analysiert haben. Aber auch wenn das Ergebnis beeindruckend ist: KI ist und bleibt seelenlos. Ein Remix ist öde. Es geht um Verwandlung! Und genau das ist der entscheidende Unterschied. Ein echtes Interview ist ein Tanz zwischen zwei Menschen, ein Spiel aus Geheimnis und Offenbarung. KI kann viel, aber sie wird dieses zwischenmenschliche Duell nie führen können. Das soll man in meinem Podcast auch spüren.
Gib uns ein paar Einblicke in die Produktion: Mit welchen Tools arbeitest du? Und wie lange hat es gebraucht, bis du mit den Ergebnissen zufrieden warst? Ich habe die Werkzeugkiste geplündert und alle relevanten KI-Tools und LLMs genutzt: Buzzsprout, Perplexity, Claude, ChatGPT, Gemini, Elevenlabs, Trint, Deepl – die ganze Palette. Je nach Anwendungszweck brauchte es mehr oder weniger redaktionelle Eingriffe, bis ich mit dem Ergebnis zufrieden war.
Wie viel von dem, was wir in dem Podcast hören, stammt von der KI und wie viel aus deiner Feder? An dieser Stelle ein dickes Dankeschön an mein Team: Alex und Isabel, ihr seid die tollsten KI-Kollegen, mit denen ich je ein Studio geteilt habe. Ein echtes Experiment lebt davon, dass ich sie auch mal machen lasse und ihnen nur dann und wann auf die Finger haue. Aber wenn ich mit KI arbeite, muss immer klar sein, wer hier Koch und wer Kellner ist. Ich bin der Koch und stehe als Journalist für das Produkt gerade. Es ist mein Werk, mein Spiel, meine Vision. Wenigstens so lange, bis die KI in zehn Jahren die gesamte Menschheit unterworfen hat. Aber davor hätte ich schon Lust, solche Projekte auch mit echten Kolleg:innen aus Fleisch und Blut in den Verlagen und Sendern umzusetzen. Wer macht mit? Let’s go!
Was waren die größten Überraschungen, was die größten Enttäuschungen in Entwicklung und Produktion dieses Podcasts?
Die größte Enttäuschung war eine deutschsprachige Version des Podcasts, mit der ich experimentiert habe. Das klang nicht überzeugend, da ist die KI noch nicht so weit. Aber ich war diesen Sommer in den USA und hatte dort Zugang zu den neuesten KI-Modellen, die es in Europa noch nicht gibt. Was damit möglich ist, sprengt jede Vorstellungskraft – besonders bei Video und Audio. Gerade arbeite ich an einer TV-Doku für den NDR, in der ich mit KI historische Fotos aus den 1930ern in bewegte Filmsequenzen verwandle. Früher hätte man das mit Schauspielern nachgespielt. Ich bin sicher, dass dieser Einsatz von KI bei historischen Dokumentation die Zukunft ist. Die Doku-Chefin eines anderen deutschen Senders sagte mir letztes Jahr, dass sie viele KI-Pitches abgelehnt habe, weil ihr Sender nicht first mover sein wollte. Kommt Leute, trauen wir uns was! Ich jedenfalls gehöre lieber zu denen, die so etwas als erste ausprobieren und die Grenzen testen.
Dein “Faking Hitler”-Podcast hat vor über sechs Jahren tiefe Spuren hinterlassen in der Podcast-Branche und das Genre mitgeprägt. Glaubst du, dass dir das mit “The Art of the Interview” auch gelingen kann? “The Art of the Interview” ist ein Experiment, das vom Zeitaufwand und Budget auf einer ganz anderen Flughöhe unterwegs ist als “Faking Hitler” oder “Jack. Gier frisst Schönheiten”. Das muss kein Publikumserfolg werden, damit es sich für mich lohnt. Ich hoffe, dass dieser Podcast Programmmacher:innen und Podcast-Verantwortliche dazu anregt, das kreative Potenzial von KI offensiver zu nutzen, als es hierzulande bisher passiert. Und falls der Weltuntergang kommt, bleibe ich in Deutschland, denn hier passiert alles zehn Jahre später.