artcount
  • News
  • Sport
  • themenwochen
  • Köpfe
  • Jobs
  • Termine
  • edition
  • podcast
  • werben bei turi2
  • suchen auf turi2
  • FAQ
  • werben bei turi2
  • Team
  • Newsletter
  • themenwochen
  • Köpfe
  • Firmen
  • Termine
  • Edition
  • podcast
  • turi2.tv
  • turi2 folgen
  • Partner
  • RSS-Feed
  • Datenschutz
  • Impressum

Gedenken auf Tiktok: Wenn alte Erinnerung junge Menschen erreicht.

6. November 2025

Weniger Pathos und klarere Worte – das fordert Susanne Siegert. Ihre Aufklärungsarbeit über die NS-Zeit auf Social Media ist preisgekrönt. Mit Siegerts Account @keine.erinnerungskultur auf TikTok und Instagram hat sich Paula Konersmann für unsere Reihe NewsKNAcker, die wir in Kooperation mit dem KNA-Mediendienst veröffentlichen, beschäftigt. Die Influencerin wünscht sich von seriösen Institutionen mehr Präsenz im Netz. Oft fehle eine Social-Media-Strategie.

Von Paula Konersmann (KNA)

Auschwitz – dieser Name gilt als Inbegriff für industriell begangenes Töten; er steht für eine Monstrosität, nach der es für den Philosophen Theodor W. Adorno “barbarisch” wäre, weiter Gedichte zu schreiben. Allerdings: Laut einer Umfrage aus dem Frühjahr sagt der Name des größten NS-Konzentrationslagers jedem zehnten jungen Erwachsenen hierzulande nichts. Zeitzeugen sterben, zuletzt die Tänzerin Ruth Posner oder Margot Friedländer, die noch bei ihrem letzten öffentlichen Auftritt rief: “Seid Menschen!”.

Verblasst also die Erinnerung an die Naziverbrechen? Eine, die gegensteuert, ist Susanne Siegert, geboren 1992. Auf Sozialen Medien erreicht ihr Account @keine.erinnerungskultur über 400.000 Follower; im Vorjahr wurde sie für ihre Aufklärungsarbeit mit dem Grimme-Online-Award geehrt. “Natürlich sollte man Auschwitz benennen können”, sagt Siegert im Gespräch. Ob man die Relevanz des Themas erkenne, hänge jedoch nicht davon ab, “ob man jedes Lager aufzählen kann”.

Verbrechen geschahen nicht weit entfernt

Aufzählen würden wohl die wenigsten das Außenlager Mühldorfer Hart in Oberbayern, wohin ab Juli 1944 über 8.000 Häftlinge verschleppt wurden. Für Siegert waren Recherchen zu diesem Außenlager nahe ihres Heimatortes der Auslöser für ihre Social-Media-Accounts, die vor fünf Jahren an den Start gingen, und für ihr Buch “Gedenken neu denken”, das soeben erschienen ist. “Wir besuchen Auschwitz, machen die Guided Tour durchs Stammlager mit, schütteln den Kopf über die anderen Tourist:innen, die trotz Verbotsschildern Fotos in der ehemaligen Gaskammer machen”, schreibt die Autorin. Solche Orte umgebe “eine trügerische Exotik”.

Dagegen sei es “ein Aha-Moment, zu erkennen, dass sich dieses abstrakt verortete Geschehen vor der eigenen Haustür abgespielt hat”. Es mache einerseits deutlich, wie sehr das NS-System alles durchdrungen habe, andererseits auch, “wie sichtbar bestimmte Verbrechen waren”.

Siegert legt den Finger in die Wunde, wenn sie Befragungen zitiert, nach denen über zwei Drittel der Menschen in Deutschland angeben, unter ihren Vorfahren seien keine Täterinnen und Täter gewesen. Dabei sei es nicht hilfreich, ausschließlich über “Hitler, Himmler und Heydrich” zu sprechen – dann nämlich fühle sich Erinnerung an reale Geschehnisse an wie eine Geschichte, “die einen selbst nicht betrifft. Sie wird in Schwarzweiß-Bildern erzählt und wirkt sofort altertümlich.”

Wenn “Studis” präziser klingt als “Nazis”

Die lokale Nähe zu früheren Tatorten sieht die Influencerin als Möglichkeit, diese Geschichten greifbar zu machen, ebenso einen Blick in den eigenen Stammbaum – und eine andere Sprache. In ihren Videos spricht sie selten von “den Nazis” und erläutert an einem Beispiel, warum: Die Bücherverbrennung, die sie dort kürzlich thematisierte, “das waren deutsche Studentenschaften, Studis. Das klar zu benennen, verändert die Perspektive”.

Von Medien wünscht sie sich, vorhandenes Material besser zu nutzen, statt ständig neues zu produzieren. “Es braucht nicht jedes Jahr kurz vor Gedenktagen neue Interviews von jedem lokalen Radiosender, mit Senior:innen, die möglichst kompakt und mediengerecht ihre schmerzhaften Erinnerungen nochmal erzählen sollen, sondern mehr Beschäftigung damit, das, was sie schon einmal gesagt haben, nicht versanden zu lassen.” In diesem Zusammenhang sieht Siegert zudem Gedenkinstitutionen gefragt, die oft keine – oder keine gute – Social-Media-Strategie hätten.

Vom Bekenntnis zur Worthülse

Ritualisiertes Gedenken habe durchaus eine Berechtigung, sagt die Expertin. Allerdings erklärt sie auch, warum ein Ausspruch wie “nie wieder”, ursprünglich ein Ausdruck jüdischer Selbstbehauptung, nicht so inflationär genutzt werden sollte, bis er gar kein Bekenntnis mehr ist. Auch Slogans wie “AfD wählen ist so 1933” nimmt sie auseinander – als eine Art moralischer Erpressung, die “recht wenig mit Gedenken zu tun” habe.

Der Erfolg der AfD und grassierender Antisemitismus spielten für ihre Arbeit durchaus eine Rolle. “Manche heutigen Akteurinnen und Akteure spielen mit Vokabular aus der Nazizeit oder schrecken zumindest nicht davor zurück”, erklärt Siegert. Dagegenhalten sei ihr wichtig – auch wenn sie wisse, “dass keines meiner Videos Menschen davon abhalten wird, sich antisemitisch zu äußern oder die AfD zu wählen”.

Häufig werde erwartet, dass genügend Aufklärung über den Holocaust heutige Menschenfeindlichkeit verschwinden lasse. Siegert zitiert in diesem Zusammenhang den Historiker Ulrich Herbert, der bereits vor einem Vierteljahrhundert mahnte, man müsse nichts über die SA wissen, “um zu wissen, dass man das Haus der türkischen Nachbarn nicht anzünden darf”. Siegert fügt hinzu, dass Lehren für die Gegenwart nicht darüber entscheiden dürften, ob man überhaupt über Geschichte spreche. “Das finde ich respektlos gegenüber den Opfern”, erklärt sie. Man könne nicht sagen, “aus diesem Massenmord muss zumindest eine Wahlempfehlung entstehen. Hilfreich kann es aber sein, Muster zu erkennen: Warum brennen heute bestimmte Häuser, und warum kommen Menschen erst so spät zu Hilfe?”

(Foto: KNA/Harald Oppitz)

Dieser Text ist Teil unserer Lese-Reihe “NewsKNAcker”: Alle 14 Tage veröffentlicht turi2 ein Lese-Stück aus dem Ticker der Nachrichten-Agentur KNA – im Wechsel mit der Medienkolumne Kurz und KNAckig.
weitere Beiträge

    • EU vs. Musk: Warum die Politik X besser heute als morgen verlassen sollte.

      X-Besitzer Elon Musk ist Anführer eines rhetorischen Feldzugs gegen die Europäische Union, beobachtet “KNA-Mediendienst”-Redakteurin Jana Ballweber in unserer Kolumne “Kurz und KNAckig”. Sie wundert sich, dass die EU der Plattform des Multimilliardärs dennoch weiter die T...
      weiterlesen
    • Kooperation trotz Konkurrenz – über den Rechercheverbund von NDR, WDR und “Süddeutscher Zeitung”.

      NDR und WDR arbeiten seit 2014 mit der “Süddeutschen Zeitung” in einem Rechercheverbund zusammen. Zu den gemeinsamen Enthüllungen gehörten Exklusivgeschichten zu Terrorbekämpfung, Wirtschaftskriminalität und illegalen Parteispenden. Luka Simon hat die Recherchekooperation für eine Ma...
      weiterlesen
    • “Drei Haselnüsse für Aschenbrödel” – TV-Klassiker feiert 50 Jahre.

      Maul- und Klauenseuche am Drehort, klirrende Kälte: Es waren einige Probleme zu überwinden, bis einer der zauberhaftesten Märchenfilme im Kasten war, schreibt Alexander Brüggemann in unsere Reihe NewsKNAcker, die wir in Kooperation mit der KNA veröffentlichen. Ohne den tschechisch-deutschen Klas...
      weiterlesen
    • “Wir sind keine Bittsteller” – Wie die Vorstände Matthias Ditzen-Blanke und Stefan Hilscher den BDZV jetzt aufstellen.

      Wer Mitte September den Kongress der Zeitungsverleger und Digital-Publisher in Berlin besucht hat, konnte Aufbruchstimmung und Geschlossenheit erleben. Selbst der Dauerstreit mit dem ÖRR um Presseähnlichkeit scheint vor der Mammut-Aufgabe der Plattformregulierung in den Hintergrund zu rücken. Ge...
      weiterlesen
    • Kurz & KNAckig: Warum ein langjähriger Springer-Manager im Verwaltungsrat “beim ZDF niemanden mehr groß in Wallung bringen” dürfte.

      Wird Christian Nienhaus, lange hochrangiger Springer-Manager, bald Mitglied im Verwaltungsrat des ZDF? Wenn man einer Meldung von “Medieninsider” glauben mag, ist das nicht ganz unwahrscheinlich. Entsprechend groß ist die Aufregung, u.a. beim DJV, der vor einer Auflösung der Trennung...
      weiterlesen
    • 50 Jahre Abrafaxe: Ein Besuch beim Kult-Comic aus der DDR.

      Seit Jahrzehnten reisen die Abrafaxe durch Raum und Zeit – von der DDR-Zeit bis heute. Zum Jubiläum erscheint die 600. Ausgabe des “Mosaik”. Matthias Jöran Berntsen hat für unsere Reihe NewsKNAcker, die wir in Kooperation mit dem KNA-Mediendienst veröffentlichen, die Schaffenswerksta...
      weiterlesen
    • Doppelte Zweitverwertung: Sportdokumentationen bei Sendern und Streaming-Portalen.

      Streaming-Portale und Sender setzen zunehmend auf Sportdokumentationen, auffallend sind die vielen seriellen Formate. Medienwissenschaftler Dietrich Leder schreibt in seiner Analyse für epd Medien, viele dieser Dokumentationen seien nicht im eigentlichen Sinne dokumentarisch, vielmehr werde meis...
      weiterlesen
    • Kurz und KNAckig: Warum wir nicht alle im selben digitalen Omnibus sitzen.

      Mit ihrem “Digitalen Omnibus” will die EU nicht weniger als Digitalregulierung grundlegend überarbeiten und vereinfachen. Ziel ist es, verschiedene bestehende Regelungen u.a. zu Datenschutz, Datennutzung und KI in einem einheitlichen Rahmen zusammenzuführen. Doch leider gelingt das n...
      weiterlesen
    • Geschichten schreiben, die die KI nicht kann: “NOZ”-Chefredakteur Burkhard Ewert über digitale Erfolge, politische Vorwürfe und historische Vergleiche.

      Die “Neue Osnabrücker Zeitung” und die Blätter der Medienholding Nord schaffen es inzwischen, ihre Redaktionen durch die Einnahmen aus digitalen Abo-Modellen zu finanzieren, freut sich Chefredakteur Burkhard Ewert im turi2 Podcast. Für ihn ist das ein “wichtiger Meilenstein...
      weiterlesen

    Artikel-Navigation

    ← turi2 am Abend: Neue Pressegesellschaft, Madsack, Burda. turi2 am Morgen: WDR, dpa, ARD. →

Werktags um 7 und 17 Uhr die wichtigsten News aus Medien, Marketing und PR als Newsletter. Jetzt abonnieren!

Loading...

Suchen auf turi2.de

Banner turi2 Themenwoche
Impressum, Datenschutz, Mediadaten, FAQ, RSS-Feed, Termine
Dieses Blog läuft mit WordPress