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Ihr müsst leider draußen bleiben! Online-Gesetz zum Jugendschutz sorgt für Streit in Großbritannien

28. August 2025

Großbritannien streitet über Jugendschutz im Netz: Im Kern der Debatten stehen Vorgaben zur Altersverifikation, die für alle Nutzer gelten. Die Netflix-Serie “Adolescence” befeuerte zuletzt das Thema. Jana Ballweber hat sich den Problemen und dem Diskurs auf der Insel für unsere Reihe NewsKNAcker, die wir in Kooperation mit der KNA veröffentlichen, angenähert. Sie blickt auch auf die EU, die auch auf der Suche nach dem richtigen Weg ist.

Von Jana Ballweber (KNA)

Es ist erst wenige Monate her, dass die britische Netflix-Serie “Adolescence” das Vereinigte Königreich in Aufruhr versetzte. Politiker, Lehrer und Eltern waren erschüttert über die Geschichte des 13-jährigen Jamie, der eine Mitschülerin ermordet, nachdem er sich in einschlägigen Online-Kreisen in seinem Frauenhass radikalisiert hat.

Eine Serie, die den Alltag junger Menschen im Netz zeigen soll. Sie führte zu aufgeregten Debatten über die Gefahren des Internets, und trafen auf ein Land, das wie viele andere Staaten weltweit seit Jahren über die besten Wege zur Internetregulierung streitet. 2023 hatte die britische Regierung den Online Safety Act erlassen, ein Gesetz, das Anbieter von Online-Plattformen zwingt, das Alter aller Nutzer abzufragen, um zu verhindern, dass Kinder Zugang zu schädlichen Inhalten bekommen.

Ende Juli sind nun die letzten Vorgaben des Gesetzes endgültig in Kraft getreten – und sorgen seitdem für Diskussionen in Großbritannien. Das Gesetz besagt unter anderem, dass Plattformen das Alter ihrer Nutzer kontrollieren müssen. Das bezieht sich vor allem auf Pornografie, aber auch auf Inhalte, die zu Essstörungen, Selbstverletzung oder Suizid ermuntern, und die potenziell auf zahlreichen Plattformen zu finden sein können. Wer sich nicht daran hält, muss mit Bußgeldern in Höhe von bis zu zehn Prozent des Jahresumsatzes rechnen.

Kritik an Altersverifikation

Für den Nachweis des Alters gibt es mehrere Möglichkeiten. Nutzer können bei der Anmeldung ihren Ausweis scannen, um ihr Geburtsdatum nachzuweisen. Einige Anbieter setzen auf biometrische Gesichtserkennung mit Hilfe von KI. Dabei schaltet man die Kamera an, lässt das Gesicht scannen und eine KI soll dann schätzen, ob man über 18 Jahre ist oder nicht. Alternativ können auch Banken oder Mobilfunkanbieter eine verlässliche Information über das Alter ihrer Kunden an die Betreiber von Online-Plattformen weitergeben.

An all diesen Möglichkeiten gibt es Kritik. Wer seinen Ausweis im Netz hochlädt, gibt neben der eigentlich benötigten Information, ob man über 18 ist oder nicht, auch noch eine Menge anderer Daten weiter. Außerdem schließt diese Möglichkeit Menschen von der Nutzung des Internets aus, die keine Ausweispapiere haben, etwa Obdachlose, Sinti und Roma, Geflüchtete oder Kinder.

Diskriminierung durch KI

Der Einsatz von KI-Gesichtserkennung birgt gleich mehrere Probleme. Gerade bei Heranwachsenden ist die genaue Schätzung des Alters oft nicht möglich. Menschen, die knapp über 18 sind, könnten also von Angeboten ausgeschlossen werden, auf die sie eigentlich ein Recht hätten. Außerdem zeigen KI-Systeme immer noch Schwächen bei der Erkennung von Gesichtern schwarzer oder trans Personen, denen das Surfen damit schwerer gemacht wird. Und nicht zuletzt gibt es auch offene Fragen beim Datenschutz: Biometrische Daten sind hochsensibel, die Anbieter der Technik sind aber oftmals private Unternehmen.

Dazu kommt, dass all diese Maßnahmen ohne viel technisches Vorwissen ausgehebelt werden können. Die Nutzerzahlen von VPN-Software sind Medienberichten zufolge sprunghaft angestiegen, seit die Vorgaben in Kraft sind. Mit VPN können Nutzer verschleiern, in welchem Land sie sich befinden und so tun, als käme der Klick auf einer Webseite aus einem Land mit weniger strengen Vorgaben. Gerade Jugendliche kennen sich oft gut mit dieser Technik aus.

EU plant App

Einen Königsweg, der alle Anforderungen an ein zuverlässiges und gleichzeitig die Privatsphäre schonendes Altersverifikationssystem erfüllt, gibt es bislang nicht. Das gilt auch für die Pläne der EU.

Die Kommission arbeitet an einer App, die der Altersverifikation dienen soll. Die Bürger sollen dort mit den bekannten Möglichkeiten zur Altersverifikation einmal ihr Alter nachweisen. Wenn sie dann auf ein Online-Angebot mit Altersschranke zugreifen wollen, gibt die App nur die Information weiter, ob die Person über 18 ist oder nicht, und behält alle anderen Infos aus den offiziellen Dokumenten oder aus Gesichtsscans für sich.

Eine Option, die datenschutzfreundlicher als andere Varianten ist. Doch auch hier fallen Menschen aus dem System, die keine gültigen Papiere besitzen. Auch die Sicherheit der sensiblen Daten ist wie bei jedem IT-System angreifbar.

Gefahr von Overblocking

In der Debatte um Altersverifikation stellt sich außerdem noch ein ganz anderes Problem: Wer entscheidet, auf welche Inhalte Kinder und Jugendliche Zugriff haben sollten? Bei Pornografie oder Gewaltdarstellungen ist unstrittig, dass sie für Kinder unter bestimmten Altersgrenzen nicht geeignet sind. Doch bereits in der Vergangenheit gab es Fälle, in denen technische Systeme zum Jugendschutz Informationsangebote über Sexualität, die sich an Jugendliche richteten, fälschlicherweise als jugendgefährdend eingestuft und blockiert hatten.

Mehrere Kinderschutzorganisationen in Deutschland, darunter der Deutsche Kinderschutzbund und das Kinderhilfswerk, veröffentlichten vor einigen Wochen ein Grundsatzpapier zum Thema Altersverifikation. Darin bekräftigen sie, dass Altersverifikation zwar – wenn sie datenschutzfreundlich, sicher und barrierefrei ausgestaltet ist – einen Teil zum Jugendschutz im Netz beitrage könne. Unter den aktuell existierenden Varianten könne man aber keine uneingeschränkt empfehlen.
Und so bezeichnen viele die Maßnahmen der Politik beim Thema Jugendschutz als Symbolpolitik. Das zeigt sich in der aufgeregten Debatte in Großbritannien. Dort treibt der Aktionismus inzwischen die schönsten Blüten: In der eingangs erwähnten Netflix-Serie “Adolescence” beklagen Polizisten, die nach dem Mord an der Schülerin ermitteln, dass die Kinder in der Schule nicht erzogen oder gebildet, sondern bloß aufbewahrt werden und die Lehrer den Unterricht mit dem Zeigen von Filmen herumbringen. Um den realen britischen Schüler jetzt die Probleme von Online-Hass und Mobbing zu vermitteln, hat die Regierung sich etwas Besonderes ausgedacht: Die Serie soll an Schulen gezeigt werden.

(Foto: Corinne Simon/KNA)

Dieser Text ist Teil unserer neuen Lese-Reihe “NewsKNAcker”: Alle 14 Tage veröffentlicht turi2 ein Lese-Stück aus dem Ticker der Nachrichten-Agentur KNA – im Wechsel mit der Medienkolumne Kurz und KNAckig.
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