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Kurz & KNAckig: Jana Ballweber über “Sensationslust” im Fall Burgard.

22. Januar 2026

In der Berichterstattung über den Rückzug von Jan Philipp Burgard als “Welt”-Chefredakteur haben Medien eine “fußballkommentatorenhafte Sensationslust” an den Tag gelegt und “jede Umdrehung scheibchenweise vermeldet”, schreibt KNA-Redakteurin Jana Ballweber in unserer Kolumne Kurz und KNAckig. Die Berichte glichen einer “halböffentlichen Treibjagd”, gleichzeitig sei “erschreckend zu sehen, wie schnell Medien über den Zustand der Empathie hinwegkommen”. Ballweber wirft Verlagen einen “laschen Umgang” mit eigenen #MeToo-Fällen vor. Machtmissbrauch beginne nicht erst bei sexualisierter Gewalt.

Die Kolumne “Kurz und KNAckig” vom KNA Mediendienst erscheint alle 14 Tage donnerstags bei turi2.
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von Jana Ballweber, KNA

Der Einsatz gegen #MeToo-Fälle, Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt hat in vielen Redaktionen schon seit einigen Jahren hohe Priorität. Immer wieder werden in den unterschiedlichsten Lebensbereichen Netzwerke, systematische Übergriffe und Täter enthüllt – und damit die Alltäglichkeit dieser Art von Gewalt. Das ist eine sehr gute Entwicklung, die ein Schattenreich enthüllt, das der Journalismus viel zu lange ignoriert hat. Wie so oft kommt es bei der Berichterstattung aber nicht nur auf das Ob, sondern auch auf das Wie an.

Als Anfang dieser Woche die ersten Berichte über ein möglicherweise unangemessenes Verhalten des “Welt”-Chefredakteurs Jan Philipp Burgard bei einer firmeneigenen Weihnachtsfeier durch die Landschaft geisterten, waren viele Brancheninsider nicht mehr wirklich überrascht. Glaubt man etwa den Kolleginnen und Kollegen der “Süddeutschen Zeitung”, glich die Recherche um die Springer-Weihnachtsfeier seit Tagen einer “halböffentlichen Treibjagd”.

Was genau sich zugetragen hat, wird wohl wie so oft nie zu hundert Prozent das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Burgards Anwälte verschicken Warnschreiben und weisen darauf hin, dass hinter Burgards Rückzug als “Welt”-Chefredakteur, wie auch von Springer bereits letzte Woche mitgeteilt, ausschließlich gesundheitliche Gründe steckten. Dennoch berichten “New York Times”, “Correctiv”, “Süddeutsche”, “Spiegel“ und Co relativ ähnlich, was interne Quellen gesehen oder gehört haben wollen. Festzuhalten ist: Nichts davon wäre strafrechtlich relevant, auch einen Vorwurf der Übergriffigkeit gibt es gegen Burgard laut Springer nicht.

Die Gemengelage erhält ihre Brisanz vor allem durch die bei Springer reichlich vorhandenen unrühmlichen Vorgeschichten mit männlichen Führungskräften – vor allem um den ehemaligen “Bild”-Chef Julian Reichelt. Auch wenn niemand Burgard öffentlich übergriffiges Verhalten vorwirft – die meisten Medien sprechen von “unangemessen” –, erhielt die Wahrnehmung des Falls gerade durch die Vergleiche mit Julian Reichelt schnell diese Schlagseite.

Klar ist aber auch: Machtmissbrauch kann auch bei einvernehmlichen Beziehungen zwischen Führungskräften und Mitarbeitern bestehen. Nämlich dann, wenn keine Vorsorge getroffen wird, dass die Person, die auf der weniger privilegierten Seite des Machtungleichgewichts steht, diese Beziehung ohne berufliche Nachteile auch wieder beenden kann. Wenn ein Chefredakteur sich aufgrund seines Alkoholkonsums nicht mehr erinnern kann, ob er eine Mitarbeiterin geküsst hat, verhält er sich definitiv unangemessen. Unabhängig davon, ob diese Frau direkt in seinem Wirkungs- und Weisungsbereich oder bei einem anderen Teil des Konzerns arbeitet.

Ganz unabhängig von der Frage von Schuld oder Unschuld hatte die Berichterstattung über die Vorgänge bei Springer etwas Irritierendes. Rasend schnell analysierten sich Medien die Eskalationsleiter hinauf und fragten etwa, was der Fall (oder Nicht-Fall) Burgard für Springers Unternehmensstrategie in den USA bedeuten könnte.

Es ist ein Muster, das bei Berichterstattung über (vermeintlichen) Machtmissbrauch häufiger vorkommt. Berichte über die eigentlichen Vorfälle werden verdrängt von ausufernden Spekulationen, welche Auswirkungen die Vorfälle haben – meist für Leben und Wirken der oft prominenten Führungskräfte – oder wie jetzt des Medienkonzerns Axel Springer. Schnell legen Medien dabei eine fußballkommentatorenhafte Sensationslust an den Tag, die jede Umdrehung scheibchenweise vermeldet, bis der letzte Klick abgezapft ist – Investigation als Sportberichterstattung. Doch so verschwinden die wirklich Betroffenen nach und nach endgültig aus dem Diskurs.

Es ist erschreckend zu sehen, wie schnell Medien über den Zustand der Empathie hinwegkommen, wie selten die Perspektive der Betroffenen bei der fortgeschrittenen Berichterstattung noch wirklich aus Texten herauszulesen ist. Nicht selten dreht sich der Wind und Betroffene selbst geraten früher oder später ins Kreuzfeuer, wenn Zweifel an ihren Berichten gestreut wird oder sie nicht der perfekten Schablone eines Opfers entsprechen, die gesellschaftlich immer noch so verbreitet ist.

Das journalistische Problem liegt nicht nur in der überhitzten redaktionellen Bearbeitung dieser Themen, sondern auch im laschen Umgang der Branche mit eigenen #MeToo-Fällen. Wer es nicht erlebt hat, kann sich nicht vorstellen, was es mit Menschen macht, wenn sie sich am Arbeitsplatz nicht sicher fühlen können. Wenn sie sich nicht darauf verlassen können, dass ihre Chefs nicht cholerisch, anzüglich, übergriffig, unberechenbar, unreflektiert sind. Wenn keine qualifizierten Ansprechpersonen bereitstehen, die ausgebildet sind und deren Befugnisse sich an den realen Machtverhältnissen in Redaktionen orientieren.

Es muss gar nicht bis zum sexualisierten Übergriff kommen, damit Menschen in ihrem beruflichen Wohlbefinden und Fortkommen vom flegelhaften Verhalten ihrer Führungskräfte und anderer Kollegen behindert werden. Da genügen unangemessene Sprache, körperliche Nähe, die nicht mehr dem Anstandsempfinden unserer Zeit entspricht, oder die Vermischung von beruflichen und privaten Kommunikationskanälen.

Wer in der Medienbranche arbeitet und derlei Geschichten im eigenen beruflichen Umfeld noch nie zu hören bekommen hat, hatte keineswegs unverschämtes Glück mit seinen Arbeitgebern und Kollegen. Er oder sie ist einfach nicht die Person, der sich Menschen (meistens Frauen) anvertrauen, wenn sie davon betroffen sind. Wer davon ausgeht, dass so etwas im eigenen Haus nicht vorkommt, öffnet Machtmissbrauch Tür und Tor.

Dieser Text ist Teil der Kolumnen-Reihe “Kurz und KNAckig”, die alle 14 Tage erscheint.
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(Fotos: IMAGO / Horst Galuschka, KNA, Montage: turi2)

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