Kurz und KNAckig: Mailand oder München – Hauptsache Europa!
4. September 2025
“Es ist schon etwas überraschend, dass ausgerechnet Gewerkschaften wenig anderes einfällt, als die Staatsbürgerschaft des Investors in den Blick zu nehmen”, schreibt Jana Ballweber, Redakteurin des “KNA-Mediendienstes” zur Debatte um die bevorstehende Übernahme von ProSiebenSat.1 durch den italienischen Berlusconi-Konzern MFE. In unserer Kolumne Kurz und KNAckig erinnert sie mit einem Augenzwinkern “an die guten inländischen Medienunternehmer mit Herz, die ihre Verlegerehre stets über ihre finanziellen Interessen” stellten. Auf welche grundsätzlichen Probleme von Medienunternehmen die Gewerkschaften stattdessen hätten hinweisen können…
Die Kolumne “Kurz und KNAckig” vom KNA Mediendienst erscheint alle 14 Tage donnerstags bei turi2. weitere Beiträge
von Jana Ballweber, KNA
Obwohl die offizielle Frist erst Montagnacht auslief, stand im Grunde schon in der vergangenen Woche fest: Bei ProSiebenSat.1 weht künftig ein mediterraner Wind. Nachdem der tschechische Investor PPF in der Übernahmeschlacht mit dem italienischen Medienkonzern MFE die weiße Flagge hissen musste, war klar, dass Familie Berlusconi die gewünschte Mehrheit würde erringen können.
Die Italiener gingen mit einem gehörigen Vorsprung und dem höheren Angebot in den Kampf um die Anteilsmehrheit. Unklar, ob PPF wirklich den Plan verfolgte, das deutsche Unternehmen zu übernehmen, oder ob es von vorneherein der Plan war, das Berlusconi-Angebot in die Höhe zu treiben, um den eigenen Anteil teuer verscherbeln zu können. So oder so: Bei ProSiebenSat.1 bricht ein neues Zeitalter an.
Und das könnte es in sich haben: Den eher zweifelhaften Ruf von Berlusconi senior konnte Sprössling Pier Silvio nie wirklich loswerden. Auch ihm werden gute Kontakte zu rechtspopulistischen Kräften in seiner Heimat Italien und eine eher robuste Konzernführung nachgesagt. Nicht die vertrauenswürdigste Basis, um ein deutsches Medienunternehmen zu übernehmen.
Das sah zumindest Medienstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) so, als er ungewöhnlich deutliche Bedenken anmeldete. In einem “Spiegel”-Interview zeigte er sich Ende Juli alarmiert über die Übernahmepläne und zitierte Berlusconi zum Rapport ins Kanzleramt. Nach dem Treffen zeigte Weimer sich am Dienstag außerordentlich befriedet. Immerhin hatte Berlusconi das geforderte Lippenbekenntnis zur journalistischen Unabhängigkeit (und zum Steuerzahlen in Deutschland) abgegeben.
Ob er damit auch die notorisch nörgelnden deutschen Gewerkschaften zufriedenstellt, ist aber fraglich. Denn die hatten noch ganz andere Bedenken geäußert, als PPF in der vergangenen Woche ausgestiegen war und die MFE-Übernahme so besiegelt hatte. Der Deutsche Journalisten-Verbandwarnte davor, die künftigen Eigentümer könnten die deutschen Privatsender zu „rechtspopulistischen Dampfmaschinen“ machen.
Die Deutsche Journalistinnen und Journalisten Union (DJU) in Verdi ging noch einen Schritt weiter: „Es steht zu befürchten, dass MFE stärker als deutsche Großverleger versuchen wird, die politischen Agenden internationaler Finanzinvestoren medial zu verbreiten.“ Anders als bei inländischen Anteilseignern könne bei Investoren aus dem Ausland kein Interesse unterstellt werden, die publizistische Entwicklung des Mediums langfristig zu fördern, so der DJU-Co-Vorsitzende Lars Hansen.
Hach ja, wer kennt sie nicht, die guten inländischen Medienunternehmer mit Herz, die ihre Verlegerehre stets über ihre finanziellen Interessen stellen. Die Zerschlagung der Südwestdeutschen Medienholding haben die Familien Ebner und Schaub sicherlich ausschließlich mit den besten Absichten fürs Publizistische beschlossen. Der beschleunigte Vormarsch der KI im Springer-Konzern dient sicher auch nicht in erster Linie dem Personalabbau, sondern einzig der journalistischen Exzellenz der Produkte. Und seine persönlichen Ansichten über Gewerkschaften lässt Dirk Ippen auch ganz bestimmt nicht in unternehmerische Entscheidungen seines Verlags einfließen.
Es ist schon etwas überraschend, dass ausgerechnet Gewerkschaften wenig anderes einfällt, als die Staatsbürgerschaft des Investors in den Blick zu nehmen. Es wäre die Gelegenheit gewesen, auf die grundsätzlichen Probleme für Medienunternehmen im derzeitigen System aufmerksam zu machen und die verquere Vorstellung, Unternehmen hätten nur eine Existenzberechtigung, wenn sie viel Gewinn machen, aufs Korn zu nehmen. Sie hätten ein Plädoyer für gemeinnützigen, nicht gewinnorientierten Journalismus unterbringen können, der weder einheimischen noch ausländischen Profitinteressen unterworfen wäre. Oder man hätte auf schwierige Rahmenbedingungen hinweisen können, die deutsche Medienunternehmen überhaupt anfällig für Übernahmen machen.
Zumindest Letzteres übernahm dann ausgerechnet wieder der Medienstaatsminister, der in einem Interview des Branchendienstes DWDL sagte, dass ihn eine Übernahme durch ein europäisches Unternehmen grundsätzlich erstmal überhaupt nicht schmerze. Und überhaupt: Europa zu stärken ist Berlusconi zufolge ja gerade der ganze Sinn der Aktion. Mit vereinten Kräften will er den US-Tech-Konzernen ein europäisches Projekt entgegensetzen – selbstredend ganz im Sinne des Publikums und abseits jeden Eigennutzes. Ob der Spaß dann aus München oder Mailand gesteuert wird, ist fast egal: Hauptsache Europa!
Dieser Text ist Teil der Kolumnen-Reihe “Kurz und KNAckig”, die alle 14 Tage erscheint. weitere Beiträge