Wörter wie Ungeheuer: Initiative kürt das “Wortgetüm des Jahres”.
11. September 2025
Für viele Deutsche sind Reden von Politikern oder Behördenmitteilungen ein Graus. Endlose Wörter, abstrakte Sätze und viele Fremdwörter schließen viele Menschen aus. Eine Initiative wirbt für verständlichere Sprache und kürte erstmals das “Wortgetüm des Jahres”. Für unsere Reihe NewsKNAcker, die wir in Kooperation mit dem “KNA-Mediendienst” veröffentlichen, geht Christoph Arens auf die Suche nach Bandwurmwörtern.
Von Christoph Arens (KNA)
Wörter wie Bergketten, Wortdreimaster, Bandwurmwörter oder Wortungeheuer. Schon der amerikanische Schriftsteller Mark Twain verzweifelte bei seiner Europareise 1878 an der deutschen Sprache. “Eine der seltsamsten und merkwürdigsten Besonderheiten ist die Länge der deutschen Wörter”, schrieb er in seinem 1880 erschienenen satirischen Reisebericht “Bummel durch Europa”. Ausdrücke wie Generalstaatsverordnetenversammlung seien keine Wörter, sondern alphabetische Prozessionen. “Und sie sind nicht selten; man kann jederzeit eine deutsche Zeitung aufschlagen und sie majestätisch quer über die Seite marschieren sehen.”
Dem Sprachkünstler Twain, vor allem bekannt durch die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, blieb da nur Spott übrig. Denn die deutsche Sprache hat nichts dagegen, dass ihre Sprecher und Schreiber lange Worte bilden, indem sie viele Hauptwörter aneinanderreihen. Eines der berühmtesten ist sicherlich der Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän.
Diskriminierende Barrieren
Man kann darüber lachen. Aber für viele Menschen ist das gar nicht so lustig. Deshalb wirbt eine neue Sprachinitiative in diesen Tagen für einfache und verständliche Wörter. Zum Weltalphabetisierungstag am Montag hat sie eine neue Aktion ins Leben gerufen und das Wort “Antidiskriminierungsbeauftragte” zum “Wortgetüm des Jahres” gekürt.
“Mit seinen 31 Buchstaben, elf Silben und (Fremd-)Wortbestandteilen wie ‘Anti’ und ‘Diskriminierung’ ist das Wort sehr komplex und dadurch sowohl schwer lesbar als auch schwer verständlich”, erläuterten die Initiatoren, darunter das “Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache” an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, zur Begründung mit. Gerade für die Menschen, die von der Antidiskriminierungsbeauftragten Unterstützung erhalten sollten, stelle die Bezeichnung eine zusätzliche und diskriminierende Barriere dar.
Millionen Menschen haben Schwierigkeiten beim Lesen
Die Initiatoren der Aktion verweisen darauf, dass rund 6,2 Millionen Erwachsene in Deutschland Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben. Für sie seien Amtsbriefe, Formulare oder Fachbegriffe tägliche Stolperfallen. Lange und komplizierte Wörter versperrten diesen Menschen Zugänge zum Leben, die anderen offenstünden. Gerade solche Menschen saßen auch in der Jury für das “Wortgetüm”.
Dabei sind es gerade die Gesetzesmacher und die Behörden, die eine Schwäche für endlose Begriffe haben. Der “Bezirksschornsteinfegermeister” ist da noch vergleichsweise leichte Kost. Bis 2013 galt der Begriff “Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz” (63 Buchstaben) – ein Wort aus dem mecklenburg-vorpommerischen Landesrecht – als längstes Wort der deutschen Sprache. Dann wurde das Gesetz glücklicherweise aufgehoben. Die Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung, sogar vier Buchstaben länger, war schon 2007 zu den Akten geheftet worden.
Bandwurmwörter im Duden
In den Duden schaffen es solche Bandwurmwörter eigentlich nie. Denn dort werden nur Begriffe aufgenommen, die mit gewisser Häufigkeit im deutschen Sprachgebrauch auftauchen. Das längste deutsche Wort, das sich auch im Rechtschreibduden finden lässt, kommt lediglich auf 44 Buchstaben. Dort rangiert das Wort “Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung” (mit und ohne Bindestrich) auf Platz eins, gefolgt von “Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung” und “Donau-Dampfschifffahrtsgesellschaft” mit 36 beziehungsweise 34 Buchstaben.
“Ein Wort ist umso verständlicher, je weniger Silben es hat”, hat schon Sprachpapst Wolf Schneider geschrieben. Mit “Auto-Haftpflichtversicherung” tut man sich vermutlich leichter als mit “Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung”. Doch kurze Wörter sind nicht genug, betont Frank Brettschneider, Verständlichkeitsforscher von der Uni Hohenheim in Stuttgart. Wichtige Faktoren sind demnach auch kurze Sätze, gebräuchliche Wörter, die Übersetzung von Fachbegriffen und kräftige Verben statt Passivkonstruktionen. Für verständliche Sprache sorgt auch die Regel: ein Gedanke, ein Satz.
Dieser Text ist Teil unserer neuen Lese-Reihe “NewsKNAcker”: Alle 14 Tage veröffentlicht turi2 ein Lese-Stück aus dem Ticker der Nachrichten-Agentur KNA – im Wechsel mit der Medienkolumne Kurz und KNAckig. weitere Beiträge