Kleben und kleben lassen: Warum Sticker im öffentlichen Raum ein Ort des Austauschs sein können.
18. Dezember 2025
Sticker sind aus dem Stadtbild kaum noch wegzudenken. Manch einer ist davon genervt, sie können sogar zur Gefahr werden. Doch die Aufkleber sind mehr als nur Vandalismus, sie bergen ein großes Potenzial, erklärt Historiker Ferdinand Leuxner. Für unsere Reihe NewsKNAcker, die wir in Kooperation mit der KNA veröffentlichen, hat sich Hannah Krewer auch mit der Entwicklung des “Stickern” beschäftigt und mit Lösungen gegen die Stickerflut.
Von Hannah Krewer (KNA)
Man findet sie an Laternen. An Stromkästen. An Verkehrsschildern, Aussichtspunkten und eigentlich überall: Sticker pflastern längst den ganzen öffentlichen Raum. Sogar Deutschlands höchsten Punkt, das Gipfelkreuz auf der Zugspitze haben sie schon erreicht. Manch einer spricht da schon von Vandalismus. Manch anderer von gesellschaftlichem Austausch, in dem die Vielfalt der Bevölkerung sichtbar wird.
Zu letzteren zählt sich der Historiker und Stickerforscher Ferdinand Leuxner. Der arbeitet an der Universität Würzburg, stammt aber aus Duisburg und hat dort schon viele Sticker fotografiert, die er auf einem eigenen Blog präsentiert. Begonnen hat alles, nachdem er seine Doktorarbeit abgegeben hatte: “Ich bin durch die Straßen gelaufen und habe diese Vielfalt gesehen. Es ist faszinierend, wie sich ganz unterschiedliche Gruppen so austauschen und mit den Stickern in die Öffentlichkeit treten.”
Diese unterschiedlichen Gruppen reichen von Sportvereinen über politische Gruppierungen jedweder Ausrichtung bis hin zu Privatpersonen, wie Leuxner erklärt. Sticker seien niederschwellig, günstig und heutzutage leicht für jeden zu designen. Austausch könne so leicht stattfinden. “Man drückt durch einen Sticker eine Meinung aus und jemand mit einer anderen Meinung überklebt diese oder ergänzt sie, indem er seinen Sticker daneben klebt.”
Anfänge im 20. Jahrhundert
Angefangen hat dieser Trend laut dem Experten schon in den 1960er und 1970er Jahren – einerseits als Gegenmittel zu Werbung, andererseits zur Individualisierung. “Eines der bekanntesten Motive, das ursprünglich für Autos geschaffen wurde, ist der Fisch als christliches Symbol. Damit wollte man sein Auto personalisieren.” Später seien dann auch andere Dinge auf den Autos aufgetaucht, etwa die berühmten Insel-Umrisse. In den 2000er Jahren wanderten die Sticker dann weg vom Auto und mehr in den öffentlichen Raum.
Aus dem seien sie auch nicht mehr wegzudenken, sagt Leuxner. Und dass Menschen an Orten, die sie besuchten, Spuren hinterlassen wollten, sei gar kein modernes Phänomen. “Wir haben Inschriften römischen und griechischen Ursprungs”, weiß der Historiker. “Menschen haben schon immer versucht, die Botschaft zu senden, dass sie ihren Ursprungsort verlassen haben.” Daher fänden sich gerade an touristisch geprägten Orten heute so viele Aufkleber.
Besonders gut funktionierten dabei Motive, die sofort ins Auge fielen und direkt verstanden werden könnten, sagt Leuxner. Auch Parodien bekannter Sticker, etwa von Firmen oder Regionen, gingen gut, abgesehen von jenen mit Fußballmotiven, die sich vor allem in der Nähe von Stadien und Sportplätzen fänden. “Motive mit satirischem Charakter spielen zunehmend eine Rolle, auch süße Tiere funktionieren immer.” Zunehmend machten auch Privatpersonen Sticker aus lustigen Fotos, zum Beispiel aus dem Urlaub.
Wo Sticker zur Gefahr werden können
“Ich möchte nicht, dass das Stickern als etwas Anrüchiges gesehen wird, dazu hat es einen viel zu hohen gesellschaftlichen Nutzen”, sagt Leuxner. Alle seien mit Stickern konfrontiert, gerade in Zeiten gesellschaftlicher Spaltungen brauche es solche Orte des Austauschs, auch im Kleinen. Eine klare Grenze ist für ihn aber dort erreicht, wo Sticker die Sicherheit gefährden – etwa auf Wander- oder Verkehrsschildern. Jüngst warnte etwa der Alpenverein München und Oberland, dass es sogar lebensgefährlich werden könne, wenn Informationen wie Zeitangaben nicht mehr sichtbar seien.
“Solange aber Menschen an solchen Orten unterwegs sind, werden solche Sticker auch dorthin kommen”, lautet Leuxners Einschätzung. Ziel müsse sein, Orte zu schaffen, die explizit beklebt werden dürfen, um die Stickerflut anderswo einzudämmen. So ähnlich habe es auch schon bei Graffiti-Sprayern funktioniert. Die Zugspitzbahn hat zum Beispiel extra ein alternatives Gipfelkreuz aufgestellt, das ausdrücklich beklebt werden darf.
Problematisch sieht er auch die Instrumentalisierung von Stickern, um eine Meinungsdominanz auszudrücken. “Das haben wir in einigen kleineren Orten leider, wo unwidersprochen rechte Inhalte angebracht werden können”, so Leuxner. “Teilweise rufen die Bürgermeister dort schon um Hilfe, weil über die Sticker eine rechte Meinungsmacht in den öffentlichen Raum getragen wird.”
Dass das Stickern irgendwann wieder aufhört, glaubt Leuxner nicht. “Aber die Inhalte werden sich verändern”, glaubt er. So hätten etwa in den letzten 20 Jahren Kunstschaffende Sticker für sich entdeckt, um ihre Werke im öffentlichen Raum sichtbar zu machen. Derartige Veränderungen will er weiter im Auge behalten.
(Foto: Hannah Krewer/KNA)
Dieser Text ist Teil unserer neuen Lese-Reihe “NewsKNAcker”: Alle 14 Tage veröffentlicht turi2 ein Lese-Stück aus dem Ticker der Nachrichten-Agentur KNA – im Wechsel mit der Medienkolumne Kurz und KNAckig. weitere Beiträge