turi2 edition #10: Michael Lohscheller über Opel und Optimismus.


Auf, auf: Innovationen sind manchmal wie Popcorn – erst passiert lange nix und dann macht es plötzlich plopp, sagt Opel-Chef Michael Lohscheller im Interview mit Peter Turi für die turi2 edition #10. Lohscheller setzt beim Autobauer auf deutsche Ingenieurskunst, Optimismus und Respekt – und hasst Populismus. (Fotos: Selina Pfrüner)

Michael Lohscheller, fahren wir im Jahr 2030 zum Interview im selbstfahrenden E-Mobil vor?
Das könnte sein – die Vision ist durchaus realistisch. Die Frage ist nur: Wann setzt sich diese Innovation durch? Meine persönliche Einschätzung ist: Es wird ein bisschen länger dauern.

Man sagt, dass Innovationen oft kurzfristig überschätzt werden – und langfristig unterschätzt.
Völlig richtig. Innovationen sind ja manchmal wie Popcorn – erst passiert lange nix und dann macht es plötzlich plopp.

Wird das Auto, mit dem ich Sie 2030 besuche, noch ein Lenkrad haben?
Es könnte unterschiedliche Versionen geben. Manche möchten vielleicht ein Lenkrad haben, weil ihnen das Sicherheit gibt, ein Gefühl der Kontrolle. Viele möchten aber aufs Lenkrad verzichten – denken Sie an ältere Menschen, für die es eine Erleichterung ist, nicht mehr steuern zu müssen. Oder Jüngere, die noch keinen Führerschein haben.

Und Sie persönlich?
Es gibt Situationen, in denen ich gerne das Lenkrad abgeben würde: Wenn ich lesen möchte oder mich unterhalten. Ich glaube, wir werden sehr schnell lernen, Vertrauen ins autonome Auto zu haben.

Michael Lohscheller im Video-Fragebogen über seine Agenda 2020

Werde ich in zehn Jahren überhaupt noch mit dem eigenen Auto kommen müssen – über die verstopfte Autobahn von Wiesbaden nach Rüsselsheim? Oder holt mich ein autonomes Auto am S-Bahnhof ab?
Die Möglichkeit werden Sie bestimmt haben. Sicher ist für mich aber, dass es auch weiter Leute geben wird, die ein eigenes Auto fahren möchten.

Viele Jüngere sagen: Es kommt mir mehr auf die Nutzung an als aufs Besitzen – steuern wir auf die Sharing Economy zu?
Nur zum Teil, das ist ähnlich wie bei Immobilien: Der eine lebt gern in einer Mietwohnung, der andere möchte die Wohnung oder sogar ein Haus lieber besitzen. Wir werden unseren Kunden nichts vorschreiben, sondern viele verschiedene Optionen anbieten.

Hat mein Auto im Jahr 2030 einen E-Motor?
Sehr wahrscheinlich. Vielleicht schon nächstes Jahr, denn dann werden wir vier elektrifizierte Modelle im Angebot haben, 2021 schon acht und bis 2024 wird unsere komplette Modellpalette elektrifiziert sein. Opel wird elektrisch! Die nächsten zehn, 15 Jahre werden in der gesamten Branche sehr geprägt sein von Elektromobilität. Es wird dabei auch weitere Innovationen geben wie die Brennstoffzelle.

Wird das Auto, mit dem ich komme, ein Opel sein?
Das hoffe ich doch sehr. Die Menschen suchen in Zeiten der Veränderung starke Marken, die Vertrauen geben. Opel baut seit mehr als 120 Jahren in Deutschland Autos und ich bin überzeugt, dass es uns gelingen wird, Elektromobilität populär zu machen. Die Marke Opel wird wieder eine coole Gewinnermarke.

Wird mein Auto 2030 ein SUV sein – oder siegt mit Blick aufs Klima die Vernunft?
Ich glaube, es wird nach wie vor SUVs geben. Nicht unbedingt fünf Meter lang oder länger. Unser größter SUV, der Grandland X, ist vier Meter sechzig, ein sogenannter Kompakt-SUV. In elektrifizierter Form ist das ein Fahrzeug der Zukunft.

Die Dinger werden immer größer und blockieren in der Tiefgarage inzwischen zwei Parkplätze.
Hier muss man differenzieren. Auf einen Mokka X, Crossland X und Grandland X trifft das sicherlich nicht zu. Grundsätzlich sieht man momentan: Die Menschen lieben SUVs. Und warum? Weil sie hoch sitzen. Sie haben das Gefühl, so sicherer durch diese chaotische Welt zu kommen.


The Normal One: Michael Lohscheller, CEO der Opel Automobile GmbH
in Rüsselsheim, hat das Gesicht eines Lausbubs, Erfolg im Beruf, Jürgen Klopp als Markenbotschafter und eine Abneigung gegen Wichtigtuerei. Er führte Opel in weniger als zwei Jahren in die schwarzen Zahlen. Der 51-Jährige lief in seinem Leben über 100 Marathons, einige davon in unter drei Stunden

In Zeiten des Klimawandels hört mancher Kritik von seinen eigenen Kindern. Kommt zur Flugscham die SUV-Scham?
Wir haben keine Anzeichen, dass das passiert. Die Vorteile des SUV wie die hohe Sitzposition überwiegen solche Argumente. Aber ich glaube, dass die Zeiten der ganz großen Autos ohnehin vorbei sind. Autos in Europa werden ja schon heute kleiner, das Segment des Corsa beispielsweise wächst. Und das Kompaktsegment, in dem wir den Astra anbieten, ist immer noch eines der größten im Markt.

Wo liegt die Zukunft von Opel?
Opel hat es immer geschafft, Innovationen für viele Menschen bezahlbar anzubieten. Es gibt teure E-Autos, die sich nicht jeder leisten kann. Ein Corsa-e kostet 29.000 Euro, Förderungen noch nicht abgezogen. Das ist natürlich immer noch eine Menge, aber eines der günstigsten Angebote im Markt. Und durch die niedrigeren Unterhaltskosten von E-Autos wird das Angebot dann richtig attraktiv. Deutsche Ingenieurskunst zu bezahlbaren Preisen – das bleibt unser Markenkern.

Was bleibt von der Marke Opel? Sie wurden erst Teil von PSA, also dem Konzern hinter Peugeot, Citroën und Vauxhall. Jetzt soll die Fusion zu Fiat Chrysler PSA Opel kommen. Beherrschen 2030 eine Handvoll globaler Automultis die Welt?
Wer weltweit vorankommen will, muss weltweit zusammenarbeiten. Und das machen wir. In der Vergangenheit dachten alle Autohersteller: Wir müssen wachsen, wachsen, wachsen – um fast jeden Preis, denn Wachstum löst alle Probleme. Heute haben wir ein anderes Leitmotiv, und das heißt Effizienz. Wir können effizienter werden, wenn wir Herausforderungen gemeinsam angehen. Das haben wir schon bei Opel und PSA ganz gut hingekriegt.

Effizienz ist das neue Wachstum?
Ja. Mit dem Zusammenschluss der beiden Gruppen PSA und FCA soll der weltweit viertgrößte Autobauer in Bezug auf den Jahresabsatz entstehen. 8,7 Millionen Fahrzeuge würden wir gemeinsam verkaufen. Der kombinierte Umsatz läge bei fast 170 Milliarden Euro und das wiederkehrende Betriebsergebnis bei mehr als elf Milliarden. Damit wäre die kombinierte Gruppe gut aufgestellt. Das würde uns helfen, die großen Investitionen zu stemmen, in Elektromobiliät und das autonome Fahren, in Shared Mobility und Connectivity.

Welche Rolle wird Deutschland im Automobilmarkt des Jahres 2030 spielen?
Das Automobilland Deutschland wird meines Erachtens seine Vorreiterrolle behalten. Wir gehen jetzt durch eine schwierige Phase. Aber die deutsche Automobilindustrie ist stark. Wir haben wahnsinnig viel Know-how, und ich glaube, wir sind auch gut darin, uns anzupassen.

Im Marketing haben Sie mit Jürgen Klopp als Testimonial einen absoluten Glücksgriff getan. Erst hat er Ihre Kampagne “Umparken im Kopf” angeführt, jetzt verkörpert er Ihren neuen Slogan “The Normal One”. Wie happy sind Sie mit Klopp?
Wir haben mit ihm bereits 2012 angefangen – und es hat von Anfang an gepasst. Er steht für Werte, für die auch Opel steht. Er ist ein extrem cooler Typ, der aber überhaupt nicht abgehoben ist, sondern sehr bodenständig. Wenn Klopp auf einer Veranstaltung bei Opel spricht, wird klar: Er ist einer von uns. Und der Mann hat Erfolg. Die Champions League muss man erstmal gewinnen. Und auf den Titel des “Welttrainers des Jahres” kann er auch stolz sein.

Und fährt Klopp wirklich Opel?
Ja, klar. Als einer von ganz wenigen fährt er in England einen Opel Insignia mit Rechtslenker. Und er liebt unser Flaggschiff.

Beim Fußball werden die besten Spieler gern abgeworben – gibt’s die Gefahr bei Klopp?
Wir haben unseren Vertrag erst dieses Jahr langfristig verlängert, und Jürgen Klopp ist mit viel Herzblut dabei.

Digitalisierung und Globalisierung verändern unsere Welt im immer schnelleren Tempo. Welche Werte sollten wir dabei nicht aus den Augen verlieren?
Für mich ist der wichtigste Wert: Optimismus. Der fehlt manchmal ein bisschen in Deutschland. Die Wirtschaft boomt seit Jahren, wir haben die höchsten Beschäftigungszahlen – und viele laufen mit einem Gesicht herum, als wären wir in einer tiefen Krise. Das größte Problem ist für mich der Populismus. Es gibt Menschen, denen es objektiv gut geht, die aber trotzdem wütend und sauer sind.

Wofür stehen Sie persönlich?
Ein Leitgedanke für mich ist Respekt. Wir sollten respektvoll miteinander umgehen. Jederzeit, auch in Konfliktsituationen. Das geht leider derzeit manchmal verloren. Wenn ich mir anschaue, wie mit Politikern umgegangen wird und wie Politiker miteinander um- gehen – das ist teilweise schlimm. Ich bin der Überzeugung, dass wir an bestimmten Werten und Traditionen festhalten sollten, aber veränderungsbereit sein müssen.

Woraus ziehen Sie Kraft?
Wenn ich merke, dass wir erfolgreich sind in dem, was wir anpacken – das gibt schon einen Motivationsschub. Opel hat 18 Jahre Verlust gemacht, von 1990 bis 2017. Da haben verschiedene Managementteams, CEOs und Berater versucht, Opel in die schwarzen Zahlen zu bringen; und wir sind jetzt die Ersten, die es geschafft haben. Und nicht irgendwie, sondern mit dem höchsten Betriebsgewinn in 157 Jahren Firmengeschichte. Das ist, als wenn Sie als Fußballspieler von der zweiten in die erste Liga aufsteigen.

Was treibt Sie an?
Opel nachhaltig wetterfest aufzustellen und dabei attraktive Autos zu bauen, Innovationen für viele anzubieten. Das hat auch eine gesellschaftspolitische Komponente: Wir müssen schauen, dass Mobilität bezahlbar bleibt. Wir haben in Frankreich gesehen, was passiert, wenn die Dieselsteuer plötzlich stark steigt und die Gefahr droht, dass sich viele Mobilität nicht mehr leisten können.

Macht Ihnen die Klimakrise Sorge?
Natürlich. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir als Unternehmen, als Gesellschaft und als Individuen Lösungen finden. Wir fahren in der Familie jetzt schon Elektroautos, wir haben die Ernährung umgestellt. Und ich finde es gut, dass die jungen Leute für ihre Überzeugung auf die Straße gehen. Ich habe früher auch gegen den Schnellen Brüter in Kalkar demonstriert – und jetzt ist er weg.

Wie sehen Sie die Lebenschancen Ihrer Kinder? Wird es denen einmal besser gehen als Ihren Eltern?
Materiell nicht unbedingt. Ich glaube, die junge Generation fragt mehr nach Work-Life-Balance oder selbstbestimmter Zeit, zum Beispiel Elternzeit. Sie sind bereit, auch mal weniger zu verdienen, wenn sie weniger arbeiten. Sie definieren Glück und Zufriedenheit ganz anders als die Generation vor ihnen.

Finden Sie es gut, wenn ein Bewerber gleich fragt: Wann kann ich das erste Sabbatical nehmen?
Am Anfang fiel mir das schwer, muss ich ehrlich sagen. Ich selbst habe nie an Sabbatical gedacht und auch die Elternzeit für Väter war damals noch unbekannt. Aber das ist jetzt so – das ist Reality of Life. Wir Älteren müssen umlernen.

Was erhoffen Sie sich von 2020?
Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass die Elektromobilität bei Opel und in Deutschland den Durchbruch schafft. Wir haben lange genug darüber geredet, wir haben hart daran gearbeitet – jetzt muss es uns nur noch gelingen, den Käufer mitzunehmen.

Auf was wollen Sie im Jahr 2030 zurückblicken?
Ich wünsche mir, dass Opel dann sehr erfolgreich ist – nicht nur in Europa, sondern in der Welt. Ich würde mich freuen, wenn ich auf Reisen mit meinen Kindern auch außerhalb von Europa viele Opel sehen würde. Und wenn ich sagen könnte, ich habe einen Beitrag dazu geleistet, Opel zu drehen, neu zu erfinden und auf wirtschaftlich gesunde Füße zu stellen.

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