turi2 edition #10: “Es gibt noch keinen Avatar von mir” – Tijen Onaran im Porträt.


Früher schüchtern, heute maximal vernetzt: Tijen Onaran will Frauen sichtbar machen und ist dabei selbst zum Popstar geworden. Die 34-jährige Frontfrau der Frauenvernetzung hat einen glamourösen Knochenjob. Für die turi2 edition #10 porträtiert Tatjana Kerschbaumer sie als dauerreisende Menschen-Entdeckerin. (Fotos: Holger Talinski)

“Könnt ihr mal kurz halten? Ich komm‘ ja sonst zu nix …”, sagt Tijen Onaran und gibt die pink-orangen Leinen von Cocker Spaniel Paul und Labradormix Leo aus der Hand. Frauchen verschwindet mit einer blauen Strickmütze unterm Arm in einer kleinen Boutique in Berlin-Charlottenburg; es ist ein grauer, kalter Novembersamstag – und so ziemlich der einzige Nachmittag der Woche, an dem Onaran mal Zeit für Shopping hat.

Paul und Leo machen unnötigerweise Sitz, denn fünf Minuten später ist Onaran schon wieder da: ohne blaue Mütze, dafür mit frisch erworbenem rosa Wollschal. Beißt sich der mit ihrem roten Mantel? Egal – Fashionistas würden das “Colour Blocking” nennen. Und Onaran steht sowieso auf Farbe: “Ich sage zu anderen Frauen immer: Zieht das an, in dem ihr euch wohl fühlt!” Sie hat nämlich öfter mal den Eindruck, dass Frauen sich auch modisch dem männlichen Business-Diktat unterwerfen: Schwarze Hose, schwarzer Blazer und bittebitte bloß nicht auffallen.

Tijen Onaran im Agenda-Fragebogen

Das ist nicht unbedingt die beste Strategie, wenn man gesehen werden will – und genau das ist Onarans Mission: Sie will Frauen sichtbar machen. Mit ihrem erst 2017 gegründeten Unternehmen GDW – Global Digital Women – baut sie Frauen eine Plattform, die in Digital-Berufen arbeiten, in Tech-Konzerne einsteigen oder ihr eigenes Geschäft aufbauen. Mehr als 30.000 Personen sind mittlerweile Teil von GDW, und abgesehen davon, dass die meisten davon Frauen sind und etwa 90 Prozent von ihnen einen digitalen Background mitbringen, haben alle eines gemeinsam: Sie wollen ein Selfie mit Onaran.

Stuttgart, eine Woche zuvor. Tijen Onaran stellt die erste Studie vor, die GDW zusammen mit der Universität Flensburg erarbeitet hat. “Zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Digitalisierung und Diversität in Unternehmen” lautet der Titel, auf den Stühlen im Raum sitzen bis auf zwei, drei Männer ausschließlich Frauen. Die Studie, so Onaran, habe unter anderem ergeben, dass Diversität in Unternehmen vor allem von Frauen profitiere. Soll heißen: Arbeiten in einem Konzern viele Frauen, steigen auch andere Diversitätsmerkmale deutlich an – etwa was den kulturellen Hintergrund, die sexuelle Orientierung oder die Religion betrifft. Gerade junge Bewerber und Bewerberinnen fragen mittlerweile aktiv nach gelebter Diversität im Unternehmen, nach Förderprogrammen für Frauen, nach Vereinbarkeit von Familie und Job. Es folgt ein Panel, das die Themen vertieft und dann: Networking. Für Onaran bedeutet das einerseits Small- und Deeptalk, andererseits: Fotos.

Einzeln, zu zweit, zu dritt, im schnatternden Schwarm: “Wir müssen noch ein Selfie mit ihr machen!” ist die laut ausgesprochene Devise fast aller Frauen auf der Veranstaltung. Ein Lächeln hier, ein Gruppenbild dort, mit Angestellten von Bosch, der Telekom, kleineren PR-Agenturen. Um Vernetzerin Onaran herrscht ein Wirbel wie um einen Pop- oder Filmstar, bald werden viele dieser Fotos auf Facebook, Twitter und Instagram zu sehen sein. Unangenehm ist ihr das nicht: “Wenn ich Sichtbarkeit vermitteln will, muss ich ja auch selbst sichtbar sein”, sagt sie.


“Ich dachte irgendwann: Alle diese tollen Frauen, die ich kenne, sollen sich untereinander kennen lernen”

Dabei war Onaran früher eher schüchtern. Als Jugendliche jobbte sie in einem Kosmetikladen und hätte sich vor den ersten Kunden am liebsten versteckt. 2009, als sie die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin im Europawahlkampf begleitete, bestand diese darauf, dass Onaran sie auf großen Bühnen ankündigte. “Die wollen doch dich sehen”, protestierte Onaran – und Koch-Mehrin antwortete: “Du sollst aber üben.” Selbst Onarans erster Versuch, sich und andere Frauen zu vernetzen, startete holprig: “Ich dachte irgendwann: Alle diese tollen Frauen, die ich kenne, sollen sich untereinander kennen lernen. Also habe ich sie in eine Berliner Kneipe eingeladen, um 19 Uhr. Aber ich hatte vergessen: Berlin! Und dann saß ich da wie ein versetztes Date. Um 19 Uhr 30 kam die erste und fragte: ‘Bin ich zu spät?'”

Onaran verneinte – und der Abend wurde zum Start des Netzwerks Women in Digital e.V., dem 2017 GDW folgte. Diversität und Digitalisierung kristallisierten sich schnell als Herzensthemen heraus; Diversität liegt durch Onarans türkische Wurzeln nahe. Aber Digital Business? Ist das nicht eine Welle, die gerade jeder surft, der sich davon Erfolg, Aufmerksamkeit und Geld verspricht? Onaran findet das nicht, sie glaubt: Die Digitalisierung ermöglicht Frauen Jobs, die es so vor einigen Jahren noch nicht gab. Und natürlich machen digitale Netzwerke Frauen auch sichtbarer. Onaran selbst ist das beste Bei- spiel: Mehr als 14.000 Follower bei Twitter kommen nicht von ungefähr. Sie selbst habe angefangen zu zwitschern, weil sie die Plattform anfangs nicht verstanden habe, sagt Onaran: “Ich wusste nicht mal, was ein Hashtag ist. Immer wenn von einem Hashtag zu einem Event die Rede war, dachte ich: Wie? Bringt den jeder in seiner Tasche mit?”


Fast immer recht freundlich: Selfies sind für Tijen Onaran Tagesgeschäft. Nur selten ist sie – wie hier in der Alten Jakobstraße im Kleinen Wedding – allein auf dem Foto

Die Hashtag-Problemchen sind mittlerweile Geschichte; stattdessen bastelt Onaran mit GDW an so vielen Projekten gleichzeitig, dass sie damit nicht nur sich selbst, sondern auch zwölf Mitarbeiter auf Trab hält. Früher arbeitete das Team tatsächlich in ihrer Berliner Altbauwohnung im fünften Stock, seit kurzem gibt es ein Büro, nur zehn Minuten entfernt. Darüber ist Onaran doch recht froh – sie und ihr Ehemann Marco Duller-Onaran können jetzt auch mal nach Hause kommen, ohne dass noch eine überstundenbeseelte GDW-Kraft auf dem grauen Modulsofa Mails checkt. Zu Hause arbeiten, ja – aber das bleibt jetzt mehr oder weniger ihnen als Paar vorbehalten.

Wobei: Zu Hause, das betrifft eher Onarans Mann Marco, wahlweise als “Brain” oder “Manager” bezeichnet. Während Tijen Onaran oft die ganze Woche unterwegs ist, hütet er Haus, Hunde und Business. “Marco macht viele strategische Sachen”, sagt Onaran – und meint damit: Er baut gerade die neue GDW-Abteilung Achievement-Change-Impact mit auf, die Unternehmen in Diversity-Fragen beraten soll, koordiniert Termine, hat nebenbei noch Onarans Reisestationen im Kopf und kennt – natürlich – alle anderen regelmäßigen Gassigeher im Viertel. Auf Fotos und Bühnen zeigt sich Herr Duller-Onaran nicht so gerne, er zieht lieber still an manchen Strippen und überlässt seiner Frau die öffentlichen Auftritte. Platt sind am Abend meistens trotzdem beide, Tijen Onaran sagt: “Also wenn am Telefon mit Marco dann noch ein ‘Hallo’ rauskommt, ist das schon gut.”


Rote Jacke, rosa Schal – Tijen Onaran will Frauen voranbringen und widersetzt sich auch klamottentechnisch dem männlichen Business-Diktat

Immerhin wollen bei GDW drei Geschäftsbereiche betreut sein. Neben der neuen Diversity-Beratung für Konzerne gibt es den klassischen Veranstaltungsbereich: Unternehmen bezahlen GDW zum Beispiel dafür, dass ein Panel bei ihnen stattfindet, möglichst mit Tijen Onaran als Speakerin oder Moderatorin.

Die Firmen versprechen sich davon ein positives Employer Branding, wollen ihre Expertinnen besser positionieren und neue Zielgruppen erschließen. Dazu kommt der Digital Female Leader Award, mit dem GDW starke Digital-Führungsfrauen auszeichnet – gesponsert durch Unternehmen wie etwa die Telekom. Zusätzlich gibt es noch „Female One Zero“, ein englischsprachiges Online-Magazin, das die Geschichten erfolgreicher Frauen erzählt. Und natürlich auch die hauseigenen Veranstaltungen bewirbt.

Für Tijen Onaran bedeutet das alles: mehrere Städte in einer Woche, bis zu drei Vorträge am Tag, eine Kolumne fürs “Handelsblatt” will geschrieben und Social Media gefüttert sein. Da kann es schon mal vorkommen, dass selbst das freundlichste Kommunikationstalent seine Ruhe will. “Neulich im Zug saß mir eine ältere Frau gegenüber. Ich habe gemerkt, dass sie sich gerne mit mir unterhalten möchte und meinte: ‘Es tut mir leid, aber ich bin so müde!’ Zum Glück hat die Frau gesagt: ‘Schlaf, Kindchen, schlaf'”. Ein Rat, den Onaran prompt beherzigte.

Frauen sichtbar zu machen ist, wenn man es richtig anpackt, ein Knochenjob. Onaran mag es gar nicht, ihre rosa Schals und neon-gelben Pullis in Koffer zu packen. Trotzdem macht sie es fast jeden Sonntag wieder. Gebürtig aus Karlsruhe wollte sie immer nach Berlin, aber: “Die meisten unserer Koopera- tionspartner sitzen nicht in Berlin.” Deshalb steigt sie fast jede Woche wieder in Züge, fährt von Stuttgart nach Nürnberg, von Nürnberg nach München, von München nach Bonn – und generell überall dorthin, wo ihr Typ gewünscht wird. Einmal eine ganze Woche an einem Ort zu bleiben: Das steht ganz oben auf ihrer Wunschliste für 2020.


Früher war Tijen Onaran eher schüchtern. Heute hält sie manchmal drei Vorträge an einem Tag

Kürzer treten, das wäre schon was. Onaran kann sich vorstellen, künftig auch Teammitglieder zu Veranstaltungen zu schicken, anstatt selbst anzureisen. Das ist aber gar nicht so einfach. Wenn große Konzerne nach GDW rufen, erwarten sie in der Regel auch, dass Onaran in persona vorbeikommt. “Gerade bei großen Events wollen sie halt schon mich. Ich bin eben die Gründerin.” Andererseits: Vierteilen ist in Deutschland verboten, Klonen zumindest umstritten und: “Es gibt noch keinen Avatar von mir.”

Aber: Ist es nicht auch kritisch, wenn Digitalisierung und Diversität in Deutschland nur ein weibliches Gesicht haben? Nämlich das von Onaran? Na gut: Es gibt noch eine Handvoll weiterer Frauen, die in diesem Bereich als profiliert gelten. Magdalena Rogl von Microsoft und Janina Kugel von Siemens etwa sind dankbare, medienwirksame Beispiele. Danach wirkt die Luft eher dünn, obwohl sie es nicht ist. Tausende Frauen mit allen erdenklichen Hintergründen arbeiten in der Digitalwirtschaft. Sie werden oft nur nicht wahrgenommen – oder sind zumindest nicht so öffentlich präsent. Tijen Onaran überlegt kurz, nickt und sagt dann: “Es stimmt, es müsste eine breitere Palette von Frauen abgedeckt werden. Und man sollte keinen Gap in der Community haben – die Leute dürfen nicht zu weit weg sein.” Wenn es thematisch passt, sollen übrigens auch unbedingt ältere, weiße Männer mit auf Podien. Auch davon gibt es einige in Onarans diversem Netzwerk, das täglich weiter wächst: “Ich bin ein Fan davon, Menschen zu entdecken.”

Selbst entdeckt werden will Onaran zumindest am Wochenende nicht. In ihren wenigen freien Stunden hängt sie gern vorm Fernseher mit Talkshows ab. “Aber nichts Politisches! Lieber so etwas wie den ‘Kölner Treff’. Wenn ich da einen Gärtner oder Physiker sehe, der so gar nicht zu meiner Bubble gehört – da kann ich richtig abschalten.” Manchmal fällt sie auch mit Mann Marco in eine altehrwürdige Berliner Kneipe ums Eck, deren Name auf gar keinen Fall verraten werden darf. Nicht dass noch jemand vorbeikommt, die rare Ruhe stört. Und ein Selfie will.


Tijen Onaran wird am 25. März 1985 in Karlsruhe geboren. Nach dem Abitur studiert sie erst VWL in Heidelberg und sattelt später auf Politische Wissenschaft, Geschichte und Öffentliches Recht um. Alle drei Fächer schließt sie 2012 ab. Zwischendurch kandidiert Onaran noch für die badenwürttembergische Landtags-FDP (2006), arbeitet im Büro von Silvana Koch-Mehrin (2007 bis 2011) und im Wahlkampfteam von Guido Westerwelle (2009). Es folgen Stationen an der Quadriga Hochschule Berlin, dem Verband der Automobilindustrie und dem Händlerbund. 2017 gründet sie die Global Digital Women GmbH. Außerdem moderiert Onaran den Podcast “How to hack” und schreibt eine regelmäßige Kolumne für das “Handelsblatt”

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