turi2 edition #10: Michael Schaper über die alten und neuen Zwanziger Jahre.


Der Tanz auf dem Vulkan: Voraussagen über die Zukunft sind selten seriös, findet der frühere “Geo”-Multi-Chefredakteur Michael Schaper. Peter Turi spricht mit ihm für die turi2 edition #10 trotzdem über die alten und neuen Zwanziger Jahre und darüber, was wir aus der Vergangenheit über die Zukunft lernen können – und was nicht.

Michael Schaper, Sie haben vor 20 Jahren für Gruner + Jahr das Geschichtsmagazin “Geo Epoche” erfunden und waren bis Ende 2019 dessen Chefredakteur. Wenn wir mal nach vorne schauen: Wie wird das neue Jahrzehnt und wie werden wir es nennen?
Ernsthaft jetzt? Ich weiß in der Welt von Trump, Putin und Xi Jinping nicht einmal, wie die nächsten zehn Monate sein werden, geschweige denn die nächsten zehn Jahre. Kein Mensch hat im November 1988 den Fall der Mauer ein Jahr später vorhergesagt, oder im Sommer 1992 den weltweiten Siegeszug des Internets, oder im April 2018 den Bundesliga-Abstieg des HSV – na, den vielleicht schon. Wir haben 1995 bei “Geo Wissen” ein Heft über das 21. Jahrhundert produziert – und uns danach geschworen: nie wieder! Voraussagen über die Zukunft sind selten wirklich seriös.

Ach, kommen Sie, wir sind Journalisten – wir dürfen spekulieren. Wie wird das neue Jahrzehnt denn heißen: “die neuen 20er Jahre” oder die “2020er Jahre”?
Vermutlich die “2020er” – aber ich denke, da wird jemand noch eine bessere Chiffre finden. So wie das angloamerikanische Datum “9/11” auch in Deutschland inzwischen für die Anschläge vom 11. September 2001 steht, obwohl wir Tage eigentlich umgekehrt datieren.

Es fällt auf, dass sich die 00er und 10er Jahre weder im 20. noch im 21. Jahrhundert als Begriff etabliert haben. Woran liegt das?

In vielen Sprachen gibt es damit Probleme – es klingt halt nicht gut. In den USA sind die Begriffe “Aughts” und “Teens” durchaus gebräuchlich, im Deutschen haben die “00er Jahre” oder die “10er Jahre” nicht gerade einen guten Sound. Zum anderen wurde das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts eindeutig vom Drama des Ersten Weltkriegs überschattet, weshalb diese Dekade auch nie besonders im Fokus stand.

Die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts werden in Deutschland die “Goldenen 20er Jahre” genannt, in England heißen sie “roaring twenties”, die tosenden 20er Jahre. Zu recht?
Ja, das war schon eine durchgeknallte Zeit: das dekadente Berlin der Weimarer Zeit, das Paris der Surrealisten und von Hemingway, Buñuel und Scott Fitzgerald, das New York des aufkommenden Jazz. Nach der Jahrhundertkatastrophe des ersten industriell geführten Kriegs mit seinen 20 Millionen Toten und Abermillionen Verletzten, nach den Schrecken des Gaskriegs und des elenden Sterbens an der Front, suchten die Menschen Ablenkung und Abwechslung und waren bereit, alles nur denkbar Neue auszuprobieren: ob es dabei nun um Drogen ging, eine neue Musik, die entstehende Theater- und Filmkultur – oder einen anderen Zugang zum Sex.

Verklären wir die 20er vielleicht auch deshalb, weil mit den 30er, 40er und 50er Jahren Krise, Faschismus, Krieg und Wiederaufbau kamen?

Ganz sicher. Der Tanz auf dem Vulkan ist eben weniger grausam als der eigentliche Ausbruch eines Feuerbergs.

Positiv besetzt sind erst wieder die 60er und 70er, als Zeit des Aufbruchs, der Hippies und des Wohlstands.
Das geht mir etwas anders. Ich glaube, in Deutschland stehen die 50er Jahre vor einem Comeback. Wir werden erkennen, wie großartig die Wiederaufbauleistung dieser Generation war – trotz der berechtigten Kritik an der anfangs lächerlich schwachen Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen; trotz der Wut über Karrieren von Nazi-Mittätern wie Josef Neckermann, dem Deutsche-Bank-Chef Hermann Josef Abs oder auch dem “stern”-Gründer Henri Nannen im Nachkriegsdeutschland; trotz des Hohns über den Muff der Adenauer-Jahre. Wenn man sich die Situation im Mai 1945 vor Augen hält und dann schaut, wo Deutschland zehn Jahre später stand – schon unglaublich.

Wenn man aus der Geschichte lernen kann – was lernen wir aus den 1920er Jahren?

Dass die Demokratie wehrhaft sein muss. Das haben auch die Väter des Grundgesetzes gewusst und deshalb die Möglichkeit des Verbotes verfassungsfeindlicher Parteien vorgesehen. Daher sollten wir viel stärker als bisher mit der Härte des Gesetzes gegen die Feinde der Republik vorgehen – auch mit Verboten. Es kann nicht angehen, dass Verfassungsgegner die Verfassung in Anspruch nehmen, um sie de facto abzuschaffen. Daneben halte ich es für inakzeptabel, dass wir immer noch kein Mittel gegen jene angeblich “sozialen” Medien gefunden haben, in denen von offener Lüge bis zum hate speech der abscheulichsten Art alles von dem Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt sein soll. In Wirklichkeit geht es Mark Zuckerberg und Co nicht um einen offenen Diskurs, sondern um ihr Geschäftsmodell. Das aber ist zerstörerisch für die Demokratie.

Was glauben Sie, wie werden die 2020er?
Das können wir nicht wissen. Wenn Sie mich nach meinen Wünschen fragen, so kann ich nur hoffen, dass die Kartellbehörden in allen Ländern endlich die Monopole zerschlagen, die sich in den vergangenen 20 Jahren im Silicon Valley gebildet haben: vor allem Facebook und Google. Da waren die amerikanischen Behörden vor über 100 Jahren schon weiter: Die haben damals den Ölkonzern Standard Oil in 34 Firmen aufgeteilt – obwohl der längst nicht so marktbeherrschend war wie heute die riesigen Digital-Monopole. Und vor 70 Jahren haben die US-Behörden verboten, dass Hollywoodstudios zugleich auch Kinos besitzen durften, um so eine Marktverzerrung zu verhindern. Wie kann es dann angehen, dass Google mit seiner Suchmaschine sowohl die Plattform für – sagen wir mal: Stellenanzeigen – beherrschen und zugleich eine eigene Firma für die Jobsuche gründen darf – die dann auch noch gleich in seiner Suche ganz oben platziert wird. Wenn das kein Fall für das Kartellamt ist.

Was könnte der prägende Trend werden nach Globalisierung und Digitalisierung?
Wenn ich das wüsste… Ganz sicher wird es mehr von dem geben, was wir jetzt schon als Reaktion auf Globalisierung und Digitalisierung sehen: nämlich eine Wiederentdeckung von Heimat sowie des Analogen. In den westlichen Industriegesellschaften wird es überdies einen weiteren Trend zur Mäßigung geben, als Reaktion auf die Klimakrise. Aber das vorherzusagen, ist nicht allzu schwer, es liegt ja auf der Hand. Es wird ganz sicher auch eine Rückbesinnung auf das Echte, Authentische geben – schon allein als Reaktion auf die derzeitige Fake-Kultur. Und natürlich wird uns die Künstliche Intelligenz überrollen, im Guten wie im Schlechten. Aber wenn wir aus den vergangenen Jahrzehnten eines lernen, dann dieses: Das Mega-Phänomen des nächsten Jahrzehnts ist jetzt vermutlich noch gar nicht erfunden.

Wächst sich die Klimakrise zur Klimakatastrophe aus? Schafft es die Menschheit, hier umzusteuern?
Ich glaube nicht an eine Klimakatastrophe. Die Erderwärmung wird zwar kommen – aber die Menschheit wird Mittel und Wege finden, sich darauf einzustellen. Geschichte ist nun mal ein extrem dynamischer Prozess. Im übrigen möchte ich gern auf die Wortmeldungen des hochangesehenen Klimaforschers Hans von Storch verweisen, der darauf verweist, dass wir bei aller sinnvollen Diskussion über die Erderwärmung nicht die anderen Dramen unserer Zeit vergessen dürfen: Krieg, Vertreibung, Armut, Rassismus sowie die Bedrohung durch totalitäre Regime.

Sind Sie fürs neue Jahrzehnt insgesamt eher positiv oder negativ gestimmt?
Ich bin im Prinzip immer Optimist – auch wenn einen die derzeit politische Großwetterlage und die Wiederkehr des Totalitären etwa in Russland und China oder der in jeder Hinsicht besorgniserregende Niedergang der USA im Moment nicht froh stimmen kann.

Welche Schlagzeile fürchten Sie?
Die Krise der Printmedien beschleunigt sich.

Welche Schlagzeile würden Sie sich wünschen?
Die Green Bay Packers gewinnen den Super Bowl.

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