Stirbt die elaborierte Literatur-, Film- und Theaterkritik aus, Julia Encke?


Sozial-mediale Verantwortung: Für Julia Encke, Feuilletonchefin der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, leistet Kulturkritik einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs. Aber die Kritik hat Grenzen – und zwar dort, wo Kritiker*innen sie für politische Generalabrechnungen nutzen, wie im Fall von Igor Levit geschehen. Enckes Gastbeitrag ist Teil der turi2 edition #13, Sie können das Buch hier als kostenloses E-Paper lesen oder gedruckt bestellen.

Ich könnte mir nichts Langweiligeres vorstellen als ein Feuilleton, das nur aus Rezensionen besteht. Das Feuilleton ist für mich nicht vorrangig ein Ort des Urteilens und Meinens mit der weltfremden Suggestion, dass Kulturjournalist*innen über den Dingen stehen und stets den Durchblick haben. Es geht um Analyse, Reflexion und Recherche; um politische Essays genauso wie um Investigation. Und darum, die Stimmen derer abzubilden, die etwas beizutragen haben zu gesellschaftspolitischen Fragen.

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Die Literatur-, Film-, Theaterkritik darf nicht aussterben, sondern leistet, wenn sie eine Einschätzung aus Argumenten ableitet, einen entscheidenden Beitrag. Sie zeigt, welche Kunst unsere Zeit hervorbringt, und wie Künstler*innen unsere Gegenwart darstellen, deuten oder verändern wollen. Sie braucht dabei nicht immer alles schrecklich ernst nehmen, schon gar nicht, wenn Werke völlig daneben gegangen sind, kann auch polemisch sein, satirisch, gerne lustig. Sie muss allerdings wissen, was sie tut. Wenn die Debatte um eine Kritik an Igor Levit aus den Fugen gerät, dann auch, weil das Genre der Musikkritik benutzt wurde, um gegen die Twitter-Aktivität eines Pianisten zu polemisieren, der sich gegen Rechts engagiert und Morddrohungen erhält. Das ist keine Kritik mehr, sondern Kritik als Tarnung für eine ressentimentgeladene Abrechnung. An anderer Stelle können Kritiken Wissensgrundlagen im emotionalen Meinungskampf liefern: Als bekannt wurde, dass sich der Verlag S. Fischer nach 40 Jahren von Monika Maron trennt, weil sie ohne Rücksprache einen Essayband in der Edition des Buchhauses Loschwitz veröffentlicht hatte, in der neurechte Autor*innen publizieren, hatten dazu alle eine Meinung. Die wenigsten aber kannten die letzten Publikationen Marons. Die Kritik ist genau hier gefragt. Sie ermöglicht eine Differenzierung, die in schnellen Kommentaren oft keine Rolle spielt. Und leistet damit ihren Beitrag zur politischen Debatte.

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