turi2 edition #13: Roland Tichy über seine Liebe zum Widerspruch.


Gut und Böse: Roland Tichy hat 2020 Fehler gemacht – einen richtig großen “wie auch ein paar kleinere”, schreibt der Gründer von “Tichys Einblick” in seinem Gastbeitrag für die turi2 edition #13. Er freut sich, dass der “Widerspruch den ‘Constructive Journalism’ einfach überlebt” hat. Sie können das Buch hier als kostenloses E-Paper lesen oder gedruckt bestellen.

2020 hatte persönlich schwere Momente, ein richtiges Getwitter, das steht außer Frage. Bekanntlich weinen die Gänseblümchen, wenn der Rasenmäher brummt. Aber erstaunlich: Sie wachsen wieder, und zwar viele. Also die Gänseblümchen. Der Löwenzahn mit seiner tiefen Wurzel ist sowieso gelassen in solchen Sachen.

Ohne Allegorien gesprochen: Politik und Medien haben 2020 Exklusion geübt statt Inklusion, was man eigentlich von Einrichtungen erwarten müsste, die auf große Zustimmung und hohe Auflagen angewiesen sind. Gleichzeitig zerfällt die große Gemeinschaft der Guten und stets gerechten ihrerseits sichtbar in immer mehr miteinander rivalisierende und auseinanderdriftende Gruppen. Anhänger einer Identitätspolitik nennt man die neuen Stammeskrieger mit der fein ausdifferenzierten Tätowierung, die Zugehörigkeit signalisieren soll und die für Außenstehende kaum mehr lesbar ist wie frühere Wappen konkurrierender Häuser. Die Abscheu über Trump schweißt noch viele zusammen, aber der ist ja weg. (Höre ich da ein leises Bedauern, Feindbilder sind doch praktisch?)

Der US-Philosoph Ralph Waldo Emerson sagte: “Diese Zeit ist, wie alle Zeiten, eine sehr gute, wenn wir nur wissen, was wir damit anfangen sollen.“ Also, was fangen wir damit an? Ganz einfach: wachsen. Das betrifft Leser und Unterstützer, also die vielen Gänseblümchen und die vielen Löwenzahnblüten, die mit ihren schönen Flugschirmen überall mehr werden, obwohl der brave Gärtnersmann immer wieder mit Harke und Rasenmäher ausrückt.

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2020 hat für sehr viele Menschen harte Einschnitte und Umbrüche in ihrem Leben bedeutet. Darüber wurden aber auch viele Wege, die sich in den Jahren davor durch konträre politische Ansichten gegabelt haben, wieder zusammengeführt. 2020 war eine Herausforderung, aber auch die Besinnung darauf, was wirklich wichtig ist. Dazu haben in meinem jungen Laden auch Fehler, ein richtig großer wie auch ein paar kleinere, beigetragen.

Man hat nie genug erlebt, um nicht jeden Tag wieder neues hinzuzulernen. Ich befürchte, Anpassung lerne ich nicht mehr und auch nicht, dass ich dem Rasenmäher den Gefallen tun kann, so zu sein, wie er es gerne hätte: kurz und klein. Dafür mag ich ihn zu gerne, den Widerspruch, und der ist produktiv, besonders im Journalismus. Im Survival of the Fittest hat der Widerspruch den “Constructive Journalism” einfach überlebt. Wenn alle zu sehr in eine Richtung rufen, braucht es auch solche, an denen sich alle reiben können. Und die vielen Gänseblümchen können sich nicht irren. Alles falsch gemacht habe ich in 2020 dabei dann wohl nicht: Für 2021 sind viele neue Autoren an Bord. Viele junge Talente neben der bislang älteren Truppe Haudraufs. Nach dem Gewitter wächst der Löwenzahn.

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