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turi2 edition #19: Warum lebt die Schallplatte ewig, Dennis Plauk?

1. Oktober 2022

Unendlicher Kreis: „Wer Vinyl wählt, wählt Entschleunigung“, sagt Dennis Plauk. Das Auflegen einer Schallplatte bedeutet für den Chefredakteur des Vinyl-Magazins „Mint“, dem Diktat der Zeitoptimierung unserer Gesellschaft zu entkommen. In seinem Gastbeitrag in der turi2 edition #19 Audio schwärmt Plauk vom Knistern in den Boxen, von Ehrfurcht und Vorfreude sowie musikalischer Offenbarung.

Von Dennis Plauk

Vinyl ist der Inbegriff von Zeitlosigkeit. Damit meine ich weniger die ungebrochene Faszination für das Format oder seine physische Beständigkeit. Sondern vor allem, dass der Faktor Zeit für uns Plattenfans keine entscheidende Rolle spielt. Während fast unser gesamtes Leben darauf ausgelegt zu sein scheint, unsere begrenzte Zeit möglichst effizient zu nutzen, widersetzt sich Vinyl diesem Ansatz völlig.

Eine Schallplatte aufzulegen, ist eigentlich ein hoffnungslos umständliches Ritual. Alles andere als gutes Zeitmanagement – erst recht, seit es mit dem Streaming eine Alternative gibt, die dem Zeitgeist der vielbeschworenen „Convenience“ in jeder Hinsicht Rechnung trägt: Streamen ist schneller, billiger, mobiler. Und allumfassend. Die ganze Welt der Musik nur einen Mausklick oder Touch übers Handydisplay entfernt.


Dennis Plauk mit einer seiner Lieblingsplatten, dem Album “Californication” von den Red Hot Chili Peppers

Warum wir trotzdem lieber zur Schallplatte greifen? Weil sie uns das Versprechen gibt, für wenigstens ein paar Stunden des Tages der Stechuhr zu entkommen. Wer Vinyl wählt, wählt die Entschleunigung. Steht minutenlang vor dem Plattenregal, um eine richtige Wahl zu treffen. Zieht mit dieser unerreichten Mischung aus Ehrfurcht und Vorfreude die Platte aus dem Cover. Legt sie auf, lässt die Nadel in die Rille hinab und wartet auf den kurzen Plopp, dem sich manchmal eine musikalische Offenbarung anschließt.

Alle Geschichten der turi2 edition #19 – direkt hier im Browser als E-Paper:

Wer Vinyl wählt, stört sich nicht am Knistern oder Hintergrundrauschen. Und erst recht nicht an der Aussicht, sich Song für Song und Seite für Seite durch ein Werk zu hören. Weil es so gehört werden soll. Kein Plattenfan vermisst die Skip-Taste. Kein Plattenfan schaut beim Hören auf die Uhr. Deshalb haben Plattenspieler keine Digitalanzeigen. Vinyl ist Zeitlosigkeit.

(Fotos: Anna Merten/privat)

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