turi2 edition #10: Philipp Welte fürchtet um die digitale Souveränität Europas.


Digitale Souveränität: Philipp Welte, Vorstand der Hubert Burda Media, fordert von der Politik ein härteres Vorgehen gegen das “hegemoniale Streben gigantischer Plattformen”. Mit Peter Turi spricht er für die turi2 edition #10 über Verlagsjournalismus als Gegenentwurf zu Lügen in sozialen Netzwerken, den Markt für Medienhäuser in den kommenden zehn Jahren und die Zukunft von Burda.

Philipp Welte, hat Burda eine politische Agenda?
Wir haben eine klare medien- und wirtschaftspolitische Haltung, aus der sich die Notwendigkeit ergibt, in der politischen Willensbildung aktiv zu werden. Im Kern treibt uns die Sorge um die Zukunft der freien, unabhängigen Presse an. Eng verbunden damit ist aus unserer Sicht die Frage der Zukunftsfähigkeit des Technologiestandorts Europa.

Was fordern Sie von der Politik?
Faire Rahmenbedingungen. Das ökonomische Fundament unserer gesamten Branche wird unterhöhlt, weil die größten Konzerne, die dieser Planet jemals gesehen hat, völlig unkontrolliert in unsere Märkte eingedrungen sind. Wenn wir verhindern wollen, dass unsere pluralistische Demokratie bedauernswertes Opfer der digitalen Evolution wird, müsste die Politik jetzt zügig die Ärmel hochkrempeln. Weder Berlin noch Brüssel können länger so tun, als ob sie die Regulierung dieser gigantischen US-amerikanischen Tech-Plattformen nichts angehen würde.

Burda galt als der unpolitischste unter den großen Verlagen – warum hat sich das geändert?
Das ist ja eine mutige These… Außer Springer kenne ich keinen Verlag, der in den letzten beiden Dekaden intensiver sowohl in Brüssel als auch in Berlin am medien- und ordnungspolitischen Frontverlauf für unsere Industrie gekämpft hat. Was stimmt: All diese Schlachten – vom Widerstand gegen die ersten Werbeverbote in den 90ern bis hin zum Einsatz für eine Liberalisierung des Kartellrechts in der Frage von Kooperationen heute – führen wir nicht für uns. Wir erheben unsere Stimme aus der gesellschaftspolitischen Überzeugung heraus, dass der Journalismus der Verlage von existentieller Bedeutung für die Stabilität unserer Demokratie ist. Wer würde das unpolitisch nennen?

Ich meinte mehr die Inhalte von “Bunte” und Co. Bei der Bambi-Verleihung im November in Baden-Baden hatte man allerdings den Eindruck, es würden mehr gesellschaftspolitische Initiativen ausgezeichnet als Schauspieler.
Wenn das so rüberkam, haben wir alles richtig gemacht. Der Bambi ist heute kein Filmpreis mehr, sondern eine multimediale, journalistische Plattform, die in der Momentaufnahme eines Jahres würdigt, was den Menschen in Deutschland wichtig ist. Wir zeigen hier tatsächlich eine gesellschaftspolitische Haltung, weil wir Menschen ehren, deren Leistungen und deren Überzeugungen uns journalistisch begeistern.

Was läuft schief in der deutschen Politik?
Ich bin kein Politikberater, aber aus der Perspektive eines Menschen, der Teil der europäischen Medienindustrie ist, wundere ich mich schon darüber, mit welcher Blauäugigkeit es die Politik zugelassen hat, dass die gesamte digitale Infrastruktur Europas heute von US-amerikanischen Monopolen beherrscht wird, denen alleine noch ein paar chinesische Firmen gefährlich werden könnten. Was wir erleben, ist die digitale Interpretation des Morgenthau-Plans von 1944 – Deutschland ist wirtschaftliche Nutzfläche für US-amerikanische Megakonzerne.

US-Finanzminister Henry Morgenthau wollte Deutschland 1944 zum Agrarstaat machen, der Kalte Krieg führte dazu, dass mit dem Marshallplan das Wirtschaftswunder kam.
Heute droht uns der Verlust der digitalen Souveränität Europas, und in letzter Konsequenz bedeutet das eine existentielle Gefahr für unsere freiheitliche, pluralistische Grundordnung. Warum? Weil die wirtschaftliche Basis des freien, unabhängigen Journalismus der Verlage erodiert, der aber das letzte Gegengewicht zu den unkontrollierten Manipulationsmaschinen der sozialen Massenmedien ist.

Was macht Print schwach?
Am Ende ist es dieses hegemoniale Streben gigantischer Plattformen in den für uns wichtigen Medienmärkten. Dass die Innovationskraft der Verlage im Grunde groß genug ist, um die digitale Transformation zu bewältigen, zeigen wir in Deutschland deutlicher als in jedem anderen Markt der Welt: Neun der zehn erfolgreichsten digitalen Nachrichtenangebote Deutschlands kommen von uns, von den Verlagen. Aber zwei Drittel des digitalen Werbemarktes sind in der Hand von drei US-Konzernen. Was uns Verlage also schwach macht, ist nicht etwa, dass die Menschen unsere Marken oder unsere Inhalte nicht mehr wollten. Aber die digitale Dimension unserer Märkte wird von Monopolisten kontrolliert, die sich nicht an unsere europäischen Spielregeln halten. Das macht es durchaus herausfordernd, unserem verlegerischen Auftrag auch in Zukunft gerecht zu werden. In letzter Konsequenz ist Überleben für Verlage keine Selbstverständlichkeit mehr.

Und was macht Print stark?
Die belastbare Qualität unserer Inhalte und die nachhaltige Glaubwürdigkeit unserer Marken. Zwei Drittel der 36.000 in Deutschland fest angestellten Redakteurinnen und Redakteure arbeiten für die Verlage, also über 20.000 Journalisten, die sich nach Ziffer 1 des deutschen Pressekodex zur Achtung der Wahrheit, zur Wahrung der Menschenwürde und zur wahrhaftigen Unterrichtung der Öffentlichkeit verpflichtet haben. Der Journalismus der Verlage ist der wertegebundene Gegenentwurf zur nicht enden wollenden Flut an Lügen und manipulativen Halbwahrheiten in den sozialen Massenmedien. Print ist also nicht nur stark, sondern unersetzlich für die Stabilität unserer Gesellschaft.

Warum haben Sie eine Kampagne gestartet: Print macht stark?
Weil es Zeit ist für ein breites gesellschaftliches Bekenntnis zum Journalismus der Verlage. Das Wort “Print” steht für hochwertige, glaubwürdige und zuverlässige Inhalte unserer Marken – nicht einfach nur für bedrucktes Papier. In unseren Redaktionen leisten Journalisten einen unersetzlichen Beitrag zum Gelingen der pluralistischen Gesellschaft. Print macht unsere Gesellschaft stark, Print macht unsere Demokratie stark, Print macht unsere Freiheit stark.

Wo liegt die Zukunft für Burda?
Dort, wo sie auch in der Vergangenheit immer verortet war: in einer sehr eigenen Kombination aus Technologie und Medien. Ein wesentlicher Teil der Wertschöpfung wird auch in Zukunft bei journalistischen Inhalten beginnen. Was uns aber besonders macht, ist die Fähigkeit, Technologie nicht nur zu nutzen, sondern in der Tiefe zu verstehen, sie zu entwickeln und so unseren Fortschritt voranzutreiben.

Wie verändert sich der Markt für Medienhäuser in den kommenden zehn Jahren?
Am Bedürfnis der Menschen nach zuverlässiger Information und hochwertigen Inhalten wird sich nichts ändern, alles andere steht unter hohem Veränderungsdruck. Die technologische Entwicklung wird die Wege der Inhalte zu den Menschen weiter verändern, und mit dieser evolutionären Veränderung stehen wir immer wieder erneut vor der Frage nach der Finanzierung der journalistischen Arbeit. Am Anfang von allem aber steht die Frage, ob es uns in Europa gelingen wird, die monopolistischen Strukturen in den digitalen Märkten aufzubrechen. Wenn nicht, sehe ich schwarz für die weltweit einzigartige Vielfalt an freien, unabhängigen journalistischen Medien in Deutschland.

Was könnte im schlimmsten Fall passieren?
Dass Europa keine eigene digitale Infrastruktur mehr hat und die Wertschöpfung mit den Daten der europäischen Bürger vollständig in der Hand amerikanischer und asiatischer Gigakonzerne liegt. Ich halte das leider für eine nicht unrealistische Perspektive.

Was passiert im besten Falle?
Im besten Fall besinnen wir Europäer uns auf unsere Werte, vor allem auf den Wert der Freiheit. Sollte das passieren, dann erkennen die politisch Verantwortlichen, dass die Zukunft dieses Kontinents und seine Freiheit sehr stark davon abhängen, ob es uns gelingt, ein digitales Europa zu bauen als Gegengewicht zu den digitalen Monopolisten aus den USA oder China. Unabhängigkeit ist eine Funktion von Freiheit.

Wird die Digitalisierung den vollständigen Sieg davontragen?
Sieg und Niederlage sind keine adäquaten Kategorien, um die Dimension der Digitalisierung einzuordnen. Wir reden über eine nicht endende, sich exponentiell beschleunigende, alle Lebensbereiche umfassende Evolution.

Werden US-Plattformen wie Google, Amazon, Facebook und Apple die ganze Macht haben?
Sie haben heute schon eine totale Macht und das ist im engeren Sinne bedrohlich.

Was wird analog bleiben?
Ich hoffe sehr: der Mensch.

Was würden Sie machen, wenn Sie mal was ganz anderes machen würden?
Ein Kaffeehaus…

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