Köpfe der Kommunikation

Holger Talinski

Status: Holger Talinski ist ein freier Portrait- und Reportagefotograf, der maßgeblich an der turi2 edition mitarbeitet.

Geboren am 6. September 1981 in Recklinghausen

Bio: Holger Talinski macht eine Ausbildung zum Tischler und beginnt seine Fotografen-Karriere damit, seine Skateboard-Freunde und ihre Tricks zu dokumentieren. Es folgt eine Assistenz bei Ben J. Fernandez in New York – dem Fotografen Martin Luther Kings. Danach studiert Talinski Fotografie in Bielefeld. Seit 2009 lebt und arbeitet Talinski in Berlin, wo er für verschiedene Kunden und Magazine tätig ist – unter anderem für die “turi2 edition”. Gemeinsam mit der Sängerin Peaches, die er 6 Jahre lang begleitete, veröffentlicht er 2015 den Fotoband “The Teaches of Peaches”, der international Beachtung findet.

E-Mail: hello@holgertalinski.de

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Holger Talinski bei turi2:

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  • Zitat: Sara Nuru über ihre Erfahrungen mit Rassismus.

    “Als ich mit 19 Jahren plötzlich in die Öffentlichkeit geriet, stand mein ‘Berühmtsein’ plötzlich vor dem Schwarzsein.”

    Sara Nuru, Gewinnerin von Germany’s Next Topmodel 2009, erzählt im Interview mit der “Süddeutschen Zeitung”, dass sie Rassismus in ihrer bayerischen Heimat früher “nicht bewusst” erlebt hat: “Aber heute weiß man ja, dass Rassismus mehr ist, als das N-Wort zu sagen.”
    sueddeutsche.de (Paid)

  • “FAZ”: RBB-Intendantin Patricia Schlesinger wünscht sich mehr Flexibilität von der Politik.


    Gegenpol zur Stimmungsmache: RBB-Intendantin Patricia Schlesinger wünscht sich im “FAZ”-Interview von der Politik mehr Flexibilität bei den Programmstrukturen und Verbreitungswegen: “Wir müssen schneller und flexibler als bisher reagieren können, sonst verlieren wir Publikum. Wir müssen besser als bisher auf neue Entwicklungen vorbereitet sein, die vielleicht schneller kommen, als wir denken.”

    Schlesinger sagt, wenn die USA der “Schrittmacher neuer digitaler Kommunikationstechnologien” sind, zeigt das, “dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk in einer Demokratie zur Basis-Infrastruktur gehört”. Teilöffentlichkeiten entstünden aus wirtschaftlichen Überlegungen, besonders im Netz will sie dazu ein starken Gegenangebot bieten: “Der digitale Raum ist de facto im Privatbesitz, mit den dazugehörigen Geschäftsmodellen, die vielfach empörungsgetrieben sind.” (Foto: Holger Talinski für die turi2 edition)
    “FAZ”, S. 12 (Paid), turi2.de (Interview mit Schlesinger in der turi2 edition #13)

    Aus dem turi2.tv-Archiv (01/2021): Patricia Schlesinger im Videofragebogen.

  • turi2 edition #13: Christian Pfennig über Fußball, Fans und Fernsehen.


    Bleibt am Ball:
    Christian Pfennig zieht als DFL-Kommunikationsdirektor diskret die Strippen im Bundesligageschäft. Im Interview mit Peter Turi für die turi2 edition #13 tritt er im Clubhaus des FC Kalbach ausnahmsweise selbst ins Rampenlicht – und spricht über die gesellschaftliche Bedeutung des Fußballs: “Während Kirchen, Gewerkschaften und Parteien kontinuierlich an Zuspruch verlieren, bleibt der Fußball eines der letzten verbindenden Elemente unserer Zeit.” Sie können den Text im kostenlosen E-Paper lesen oder das Buch gedruckt bestellen.

    Wenn das Jahr 2020 ein Fußballspiel wäre: Wie wäre dann die Überschrift zum Spielbericht?
    Ich würde sagen: über den Kampf zum Spiel.

    Was heißt das?
    Zunächst einmal, dass wir kämpfen mussten, um nach dem Lockdown im Frühjahr zurückzukommen. Die DFL hat ein medizinisch-hygienisches Konzept erstellt und gemeinsam mit den Vereinen umgesetzt, das bis ins Detail durchdacht ist – und sich als wegweisend entpuppt hat. Es war aber alles andere als ein Selbstläufer, gegen enorme Widerstände wieder ins Spiel zu kommen. Und es ging und geht um viel.

    Wer würde in dem Spielbericht 2020 die Bestnoten kriegen?
    Die Bundesliga und 2. Bundesliga, alle Vereine, Spieler, Betreuer und Mitarbeiter, die jeden Tag unter den skeptischen Augen der Öffentlichkeit das anspruchsvolle Konzept von Professor Tim Meyer umgesetzt haben. Auch die Fans verdienen Bestnoten, denn sie haben verständnisvoll reagiert und sich viel disziplinierter verhalten, als viele es vorausgesagt hatten.

    Wer wäre Man of the Match?
    Christian Seifert hat beim Krisenmanagement einen Riesenjob gemacht und dafür zurecht viel öffentliche Anerkennung bekommen. Er ist im Interesse des Profifußballs vorangegangen, hat zugleich Empathie gezeigt und den Primat der Politik nie in Frage gestellt. Profi-Ligen aus aller Welt haben unser Konzept übernommen.

    Umso schlimmer, wenn der Topspieler auf die Transferliste gerät, um in einer anderen Liga zu spielen.
    Ich arbeite seit mehr als 15 Jahren gerne und sehr gut mit Christian Seifert zusammen. Bis 2022 ist er ja noch da – was dann passiert, müssen wir sehen. Aber schade ist es in jedem Fall, dass er die DFL dann verlässt.


    Christian Pfennig wird wird im WM-Sieg-Jahr 1974 in Osnabrück geboren und startet seine Karriere im defensiven Mittelfeld und bei der “Neuen Osnabrücker Zeitung“. Er besucht die Deutsche Journalistenschule in München und wird Spezialist für den FC Bayern beim Sport-Informations-Dienst (SID). 2004 wechselt er ins Team der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Dort verantwortet er heute Marketing, Design, Unternehmenskommunikation und Lobbying der Bundesliga. (Foto: Holger Talinski)

    Eigentlich ungewöhnlich, dass Leute den Profifußball verlassen – über den geht in Deutschland ja eigentlich nichts. Ist der angekündigte Abgang von Christian Seifert ein Fingerzeig, dass der Fußball in Deutschland seine beste Zeit hinter sich hat?
    Nochmal: Ich finde seine Entscheidung schade, aber ich kann seine Beweggründe nachvollziehen. Das ist eine persönliche Entscheidung und sagt nichts über den Stellenwert des Fußballs in Deutschland.

    Wer bekommt im Spielbericht zum Jahr 2020 die Note ungenügend?
    Alle, die im Lockdown mit Halbwissen, Vorurteilen und Populismus Stimmung gegen den Fußball gemacht haben. Oftmals ohne Berücksichtigung von Fakten, wurde in einer Ausnahmesituation an einigen Stellen mit der Angst der Menschen Politik gemacht – während mehr als 50.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel standen. Ich habe mit Interesse gelesen, dass auch Herr Lauterbach seine Einschätzungen aus dieser Zeit mittlerweile zum Teil revidieren musste.

    Müssten nicht auch einige Spieler schlechte Noten kriegen – die per Video oder auf Instagram geteilt haben, dass sie sich nicht an Regeln halten?
    Dafür gab es Sanktionen. Die übergroße Mehrheit hat sich diszipliniert verhalten. Und: Wir haben auch in anderen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens erlebt, dass sich Abstands- und Hygiene-Regeln erst einspielen mussten.

    Spätestens seit Herbst spielt Corona in fast allen Teams mit.
    Es gibt aber nahezu keine bestätigten Ansteckungsketten innerhalb der Mannschaften. Das Hygiene-Konzept funktioniert also. Aber die Rückkehr von Reisen mit der Nationalmannschaft, aus Urlauben oder das Privatleben an sich sind eben auch Faktoren. Und Privatleben bedeutet nicht zügellose Partys, sondern ganz normale Kontakte – beispielsweise durch Schulkinder. Auch hier ist der Fußball Teil der Gesellschaft.

    Sie sind dem Fußball doppelt verbunden: Als Direktor Marketing und Kommunikation und Mitglied der Geschäftsleitung der Deutschen Fußball Liga sowie als Vater eines Fußball spielenden Sohnes hier in der A-Jugend des FC Kalbach. Was war das Schlimmste an 2020?
    Eindeutig das Fehlen von echter Kommunikation. Klar kann man im Home-office mit Videokonferenzen arbeiten. Aber das Inspirierende, Unmittelbare des persönlichen Austauschs fehlt. Wenn jeder nur noch auf sein Smartphone guckt und sich in seiner digitalen Blase bewegt, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn die Gesellschaft auseinanderdriftet.

    Wo fehlt der persönliche Kontakt mehr: im Job oder hier am Spielfeldrand beim FC Kalbach?
    Sowohl als auch – ich spiele ja selbst noch ab und an: Direkte Kommunikation ist durch nichts zu ersetzen.

    turi2.tv: Christian Pfennig im Videofragebogen.

    Was haben Sie im Jahr 2020 gelernt?
    Mit Einigkeit, Klarheit und Partizipation lassen sich auch sehr komplexe Probleme lösen. Der Profifußball ist sonst im Wettbewerb naturgemäß sehr von Individualinteressen getrieben. Aber in der Zeit des ersten Lockdowns wurde so viel und offen miteinander gesprochen wie noch nie. Dieser Zusammenhalt hat sehr geholfen, uns durch diese Krise zu manövrieren.

    Das nächste Spiel ist immer das Schwerste: Droht dem Fußball durch Corona ein Bedeutungsverlust?
    Nein. Diese Bewertung ist zu einfach.

    Die Einschaltquoten gehen aber nach unten.
    Das stimmt nicht. Natürlich hatten die Menschen im ersten Moment des Lockdowns andere Sorgen. Aber schauen Sie sich die Fakten an: Die “Sportschau“ ist im Aufwind, Sky verzeichnete sogar Quotenrekorde. Hinzu kommen die steigenden digitalen Reichweiten.

    Christian Seifert hat eine Studie zitiert, wonach der Fußball in vielen Ländern für Junge zwischen 14 und 24 “stark an Bedeutung verliert“. Seifert sagt auch: “Unsere größte Konkurrenz in Zukunft sind die Premier League und – Überraschung! – Netflix”.
    Da hat er völlig recht. Das sind übergeordnete Trends, ganz abseits von Corona. Sie betreffen die Demografie, eine veränderte Mediennutzung, ein anderes Freizeitverhalten. Den jeweiligen Zielgruppen im Sinne unserer Medienpartner die passenden Angebote zu machen, ist seit jeher Teil unserer Strategie.


    Peter Turi und Christian Pfennig in der Spielerkabine des FC Kalbach. (Foto: Holger Talinski)

    Durch die Digitalisierung globalisiert sich der Fan. Er folgt vielleicht medial seinem Lieblingsspieler in die Premiere League.
    Letztlich ist alles ein weltweiter Wettbewerb um Aufmerksamkeit und die Lebenszeit von Menschen. Anders als früher ist das Alternativ-Programm im digitalen Zeitalter immer nur einen Klick oder eine App entfernt. Es bleibt die Frage, inwieweit 90 Minuten live auf technisch hohem Niveau mit einem 0:0 die junge Generation noch vor den Bildschirmen hält.

    Wohl kaum. Die Aufmerksamkeitsspanne der Jungen wird durch die digitale Überflutung immer geringer.
    Das ist richtig – und die Antwort darauf geben wir und unsere Medienpartner bereits. Zum Beispiel mit In-Match-Clips bei Sky: Dort kann der Fan schon während des Spiels die gerade erzielten Tore seiner Lieblingsmannschaft als Clip auf dem Smartphone oder Tablet ansehen.

    Im Stadion könnte es leerer werden, auch nach Corona. Viele Fußballfans haben gelernt, dass man den Samstagnachmittag auch anders verbringen kann als im Stadion. Droht der Bundesliga da ein Strömungsabriss?
    Wir alle erleben zum ersten Mal eine Situation, in der ein Virus die ganze Welt lahm legt. Natürlich macht das etwas mit den Menschen, das spüren wir alle. Aber was? Das weiß niemand. Mindestens genauso gut könnte es sein, dass viele sich erst recht nach dem Gemeinschaftserlebnis im Stadion sehnen. Irgendwann wieder ein volles Stadion – das wäre jedenfalls ein starkes Zeichen, dass wir als Gesellschaft einigermaßen über den Berg sind.

    Wann wird das nach Ihrer Einschätzung sein?
    Wenn ich das wüsste, ginge es mir besser.

    Lesen Sie alle Geschichten der turi2 edition #13 – direkt hier im Browser als E-Paper oder bestellen Sie das Buch.

    Ist inzwischen nicht die Kluft zwischen den Stars und ihren Fans zu groß? Kaum kommt ein Spieler meiner Herzensmannschaft groß raus, wird er von Bayern oder Dortmund gekauft oder wandert ins Ausland ab. Da fällt es schwer, sich noch zu identifizieren.
    Solche Kritik nehmen wir ernst. Natürlich gibt es objektive und vermeintliche Fehlentwicklungen, über die man sprechen muss. Andererseits: Diese Debatte um die Kommerzialisierung begleitet die Bundesliga seit ihrer Gründung 1963. Und dennoch ist der Profifußball in Deutschland insgesamt eine Erfolgsgeschichte. Auch weil die Bundesliga immer lernfähig ist. Sie hat seit Jahrzehnten die Kraft bewiesen, mit der Zeit zu gehen – zum Beispiel mit der Etablierung von Fan-Projekten in den achtziger und neunziger Jahren oder dem gesellschaftlichen Engagement von Vereinen und Verbänden. Aber klar: Wie jede Institution muss sich auch der Fußball hinterfragen, um erfolgreich zu bleiben.

    Konkret?
    Die DFL hat die “Taskforce Zukunft Profifußball“ gestartet, um aus verschiedenen Blickwinkeln über Themen wie Finanzen, Nachhaltigkeit, Fan-Dialog, die Förderung von Frauenfußball oder Sinn und Zweck eines möglichen Ethik-Katalogs ergebnisoffen zu diskutieren. Zum Beispiel mit Fanvertretern, aktiven Spielern und Sponsoren, aber auch Unternehmensberatungen und Spitzenpolitikern. Wo in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik gibt es noch einen so intensiven Diskurs?

    Okay, aber was wäre für Sie persönlich eine Herzensangelegenheit?
    Die Integrationskraft des Fußballs in einer Zeit der gesellschaftlichen Fliehkräfte zu bewahren – das ist es, was mich antreibt. Ich sehe es als meine Aufgabe, ein funktionierendes Miteinander unterschiedlicher Interessen im Sinne des großem Ganzen zu ermöglichen. Während Kirchen, Gewerkschaften und Parteien kontinuierlich an Zuspruch verlieren, bleibt der Fußball eines der letzten verbindenden Elemente unserer Zeit.

    Fußball war in Deutschland nie nur Fernseh-, sondern auch Volkssport bis ins kleinste Dorf. Auch da gibt es Nachwuchsprobleme, der Zulauf in den Vereinen sinkt. Straßen-Fußball gibt‘s kaum noch, weil die Kinder lieber vor ihren digitalen Geräten sitzen. Da könnte man zum Kulturpessimisten werden, oder?
    Pessimismus hat noch niemandem geholfen. Klar ist aber: Auch an der Basis gibt es große Herausforderungen. Das fängt damit an, dass Kinder häufig länger in der Schule sind und der Sportverein mit anderen Freizeitangeboten konkurrieren muss.

    Letzte Frage: Wer wird am Ende der Bundesligasaison Dritter hinter Meister Bayern und Vize Dortmund?
    Alte Fußballweisheit: Der kluge Prophet wartet den Eintritt der Ereignisse ab.

    Allerletzte Frage: Auf welcher Position spielen Sie eigentlich privat?
    Innenverteidiger – auch hier gilt: über den Kampf zum Spiel: Und Pässe in die Tiefe des Raumes.


    Hinweistafel des FC Kahlbach. (Foto: Holger Talinski)

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  • turi2 edition #13: Patricia Schlesinger über Gebühren und Geduld.


    Under construction:
    Patricia Schlesinger lässt beim RBB kaum einen Stein auf dem anderen. Die Intendantin holt mehr Frauen in Führungsjobs und organisiert die journalistische Arbeit neu. Im Gespräch mit Markus Trantow für die turi2 edition #13 stellt sie ARD und ZDF in der Pandemie ein gutes Zeugnis aus und wirbt für “mehr Geduld” mit der Politik: “Was hier passiert, ist neu für uns alle, wir sind eine Lerngemeinschaft.” Sie können das Interview im kostenlosen E-Paper lesen oder das Buch gedruckt bestellen.

    Patricia Schlesinger, war 2020 ein gutes oder ein schlechtes Jahr für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland?
    Ein schwieriges Jahr. Covid-19 führt uns wie kaum eine andere Krise die Folgen der Globalisierung vor Augen: Alle sind gleichermaßen betroffen. Positiv fand ich im vergangenen Jahr, dass die Menschen gezeigt haben, wie sehr sie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nutzen. Sie haben unsere Angebote in Fernsehen, Radio und TV intensiver angesteuert als in den vergangenen Jahren. Im Idealfall sind wir für die Menschen wie ein guter Freund, der ihnen Informationen und Rat gibt, wenn sie danach fragen, der da ist, wenn es ihnen schlecht geht – aber auch, wenn sie einfach eine gute Zeit haben wollen.

    Nun will der gute Freund mehr Geld – doch das wurde ihm jetzt verwehrt.
    In der Diskussion wurden zwei Dinge vermischt, die eigentlich nicht vermischt werden dürfen: Auf der einen Seite steht unser gesellschaftlicher Auftrag, auf der anderen Seite die auskömmliche Finanzierung. Wir haben nicht umsonst eine von uns und der Politik unabhängige Kommission zur Ermittlung unseres Finanzbedarfs – und deren Vorschlag für eine Erhöhung hat nichts mit der Politik zu tun. Das haben die Mütter und Väter unseres Grundgesetzes so vorgesehen. Jetzt muss das Gericht entscheiden.

    Wenn der Rundfunkbeitrag an die Inflationsrate gekoppelt wäre, würde es keine Politisierung mehr geben.
    Wir müssen uns zwei Punkte für die Zukunft überlegen: Erstens, was ist der gesellschaftliche Auftrag von ARD, Deutschlandradio und ZDF? Zweitens, wie werden wir auskömmlich finanziert? Dabei darf es nicht nur um Bestandssicherung gehen, sondern – gerade in Zeiten der Digitalisierung – auch um die Entwicklungsmöglichkeiten. Ich begreife uns als Teil des Rückgrats unserer liberalen Demokratie, wir haben eines der besten Rundfunksysteme der Welt, um das uns andere beneiden.

    Im Osten bekommt das Bild vom Rückgrat der Demokratie Risse. Geht der gesellschaftliche Konsens über die Rolle von ARD und ZDF gerade verloren?
    Ja und nein. Denn auch im Osten des Landes werden wir viel eingeschaltet und die Menschen vertrauen uns, das sagen alle Umfragen. Von daher ist die Diskussion das eine, die tatsächliche Nutzung das andere.

    Die Querdenker rufen auf der Demo “Lügenpresse“ und schalten dann die “Abendschau“ ein?
    Und sie beschweren sich, wenn sie nicht genügend, aus ihrer Sicht falsch oder nicht im richtigen Zusammenhang vorkommen. Ganz unwichtig scheinen wir bei diesen Gruppen demnach nicht zu sein.

    Die Angriffe auf Journalist*innen haben 2020 zugenommen. Geben Sie Ihren Leuten Personenschutz?
    Wir ergreifen Vorsichtsmaßnahmen. Es kommen häufiger Personenschützer mit. Was mir wirklich Sorgen macht, sind solche Vorkommnisse: Mitarbeitende werden zu Hause angerufen und es heißt: “Wir wissen, wo deine Kinder zur Schule gehen.“ Oder wenn es Handgreiflichkeiten gibt. Das ist leider alles vorgekommen.

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    Wie hat Corona den RBB verändert?
    Die Arbeit ist durch Corona für viele Kolleginnen und Kollegen schwieriger geworden. Es macht mich glücklich, dass ich trotzdem eine so große Motivation erlebe. Die Mitarbeitenden im Programm und in der Produktiontragen die größte Last, weil sie unter schwierigen Bedingungen deutlich mehr Programm machen müssen als in normalen Zeiten, dazu kommt die Angst vor Ansteckung. Ich glaube, Corona hat unseren Kompass im Sender und in der Gesellschaft noch mal zurechtgerückt in den Fragen: Was ist uns wichtig? Welche Kultur wollen wir haben? Wie wollen wir leben?

    Was sind Ihre Antworten?
    Wir müssen zwar kein Geld verdienen, aber wir müssen uns immer wieder fragen, für wen wir unser Programm machen. Machen wir den richtigen Journalismus? Bieten wir die richtige Unterhaltung an? Gerade in Zeiten, in denen die Räume enger werden, Kinos, Theater und Museen geschlossen sind, müssen wir den Raum erweitern. Unsere Haltung muss sein, den Raum groß zu machen. Ich finde, das gelingt uns bisweilen ganz gut.

    Viele finden ARD und ZDF nicht kritisch genug.
    Das kommt darauf an, wo Sie hingucken: “Tagesschau“, “Tagesthemen“ und “RBB24“ sind Nachrichtensendungen, die es ganz mit Rudolf Augstein halten: “Sagen, was ist.“ Die Meinungsmagazine in der ARD, wie “Kontraste“, “Panorama“ oder “Monitor“, zeigen schon das ganze Bild. Und in unserer Reihe “Wir müssen reden“ kommen nicht nur alle Seiten zu Wort, sondern auch ins Gespräch. Da fragt etwa ein Fitnessstudio-Besitzer, warum er schließen muss, obwohl er alles tut, damit seine Kundinnen und Kunden sich nicht anstecken – und Berlins Regierender Bürgermeister antwortet. Ich finde, dass wir als Berichterstatter, aber auch als Menschen insgesamt vielleicht ein bisschen mehr Geduld haben müssen mit der Politik. Denn das, was hier passiert, ist neu für uns alle, wir sind eine Lerngemeinschaft.

    Wenn wir mal vom Corona-Hoch, das ARD und ZDF gerade erleben, absehen: Kommen klassisches Radio und Fernsehen langsam aus der Mode?
    In den Zeiten der Krise zeigt sich, was den Menschen wichtig ist. Wir sehen, dass lineares Fernsehen und Radio gerade mehr gebraucht werden. Klar bekommen die Menschen News zuerst übers Smartphone, für die Hintergründe und die Einordnung schalten sie aber die langen Formate im Fernsehen oder im Radio ein.

    Wie gewichten Sie die digitalen und die linearen Ausspielwege?
    Das Bild ist nicht von mir, ich nutze es trotzdem gern: Wir reiten beide Pferde, das Unglückliche ist, beide fressen. Das lineare ist ein gutes Rennpferd, das digitale ein wildes Fohlen. Wir wissen noch nicht, wann wir komplett umsteigen können. Beide zu reiten bedeutet aber, unser Programm immer wieder zu optimieren: mit weniger Menschen und weniger Geld das gleiche qualitative wie quantitative Programm zu machen. Der Wandel wird sich in den kommenden fünf Jahren beschleunigen und da müssen wir nicht nur mithalten, sondern Maßstäbe setzen.

    Ihre Antwort sind Content-Boxen – die Baustelle für den neuen Newsroom haben wir gerade besucht. Was wird sich ändern?
    Das beginnt schon in wenigen Monaten: Im neuen System ist nicht mehr der Ausspielweg die erste Maßgabe. In den Content-Boxen entscheiden wir, welche Relevanz eine Nachricht hat und dann geht sie ins Fernsehen, ins Radio oder ins Netz. Das ist ein ganz anderes Arbeiten als bisher – wahrscheinlich der größte Wandel seit der Fusion von ORB und SFB. Der neue Newsroom ist aber nur eine Zwischenlösung. Parallel wird unser neues Medienhaus gebaut, in dem wir das neue System perfektionieren.


    Baustellen-Begehung: Der neue Newsroom des RBB ist “wahrscheinlich der größte Wandel seit der Fusion von ORB und SFB“, findet Patricia Schlesinger. (Foto: Holger Talinski)

    In der digitalen Welt herrschen Facebook, Google und Co. Wann kommt endlich eine Mediathek für ARD und ZDF?
    Wir sind auf dem Weg: Wir verlinken aufeinander, wir haben den gemeinsamen Login. Darüber, wie weit die Zusammenarbeit noch gehen wird, ist noch nicht endgültig entschieden. Wir beim RBB haben mit der Zusammenarbeit mit dem ZDF ganz exzellente Erfahrungen gemacht, wir machen ja das “Mittagsmagazin“ zusammen – in derselben Technik, aber mit unterschiedlichen Redaktionen.

    Beim “Morgenmagazin“ arbeiten ARD und ZDF noch wie vor fast 30 Jahren.
    Da könnten wir uns überlegen, ob wir das vielleicht ähnlich machen.

    Brauchen wir wirklich ARD und ZDF?
    Ja, wir brauchen beide. Besser kann es einem Land doch gar nicht gehen: Wir haben zwei verlässliche, gute, kluge Systeme, die unterschiedlich geprägt sind. Die ARD ist regional bestens aufgestellt und vernetzt – da macht uns keiner was vor. Und das ZDF macht auch ein exzellentes Programm, das muss man gar nicht kleinreden.

    Wie weit sind RBB und ARD bei der Gleichstellung von Frauen?
    In den einzelnen Sendern ist es sehr unterschiedlich, beim RBB halte ich es für vorbildlich, und in der Intendanten-Riege kommt demnächst Katja Wildermuth dazu, was ich sehr schön finde, denn dann haben wir dort ein fast ausgewogenes Verhältnis. Hier beim RBB arbeiten fast 50 Prozent Frauen und in den ersten vier Hierarchie-Ebenen haben wir mit 48,8 Prozent Frauenanteil ein fast ausgewogenes Verhältnis. Wenn ich Führungskräfte suche, suche ich immer die besten Köpfe – und möglichst Frauen.

    Gruner + Jahr-Chefin Julia Jäkel hat geschrieben, dass sie die Home-Office-Zeit als Rückfall in alte Rollenbilder erlebt hat: Die Frauen kümmern sie um die Familie, die Männer sitzen in der Video-Konferenz.
    Meine Erfahrung ist eine andere. Bei uns gab es auch viele Männer, die ausgefallen sind, weil die Frauen in einer mehrstündigen Schalte saßen. Das muss aber nicht heißen, dass die Beobachtung falsch ist. Vielleicht liegt es daran, dass bei uns in etwa gleich viele Männer und Frauen arbeiten – auch in Führungspositionen – und die haben zu Hause genauso gearbeitet wie im Sender.

    Sie sind Mitglied bei ProQuote – warum?
    Ich war jahrelang überall die erste oder die einzige Frau und habe gedacht, wir Frauen beißen uns schon durch. Bei mir gab es Männer wie Frauen, die gesagt haben: “Der Kleinen trauen wir das zu.“ Dafür bin ich zwar total dankbar, aber es war zum Teil auch Zufall. Und weil es so nicht sein sollte, brauchen wir die Quote. Sie ist eine Krücke: nicht schön, aber sie hilft. Wenn man gehen kann, kann man sie ja zur Seite legen.

    Diversität hat noch mehr Dimensionen: Wie selten arbeiten im RBB Arbeiterkinder, Migrant*innen oder CDU-Wähler*innen?
    Welche Partei sie wählen, frage ich die Leute nicht, wenn ich sie einstelle. Auch nicht, ob und in welche Kirche sie gehen. Ich freue mich, dass wir inzwischen mehr Menschen mit Migrationshintergrund vor der Kamera sehen. Aber das muss in den hierarchischen Ebenen noch weitergehen. Und der Hochschulabschluss darf auf Dauer kein entscheidendes Kriterium sein, der Beruf der Eltern ist es schon heute nicht mehr.

    turi2.tv: Patricia Schlesinger im Videofragebogen.

    Was tun Sie für mehr Diversität?
    Wir haben ein Diversity Management eingerichtet, eine Gruppe von Leuten, die sich genau darum kümmert. Sie veranstalten interne und externe Workshops, bieten konkrete Beratung, laden Experten ein, achten aber auch auf Barrierefreiheit oder geschlechtergerechte Sprache.

    2022 wollen Sie den ARD-Vorsitz übernehmen. Was haben Sie sich dafür vorgenommen?
    Ich habe Interesse angemeldet, mehr noch nicht. Wenn die Intendantenrunde zustimmt, dann besprechen ich die Pläne zuerst mit meinen Kolleginnen und Kollegen, dafür haben Sie sicher Verständnis.

    Seit der Wiedervereinigung 1990 standen erst zwei Ost-Intendant*innen an der Spitze der ARD, Sie wären die dritte. Haben die Ost-Sender den richtigen Stellenwert in der ARD?
    Zunehmend, ja. Vielleicht gab es mal Zeiten, in denen man lauter trommeln musste. Aktuell sehe ich aber nicht in erster Linie ein Ost-West-Problem. Wobei wir es als Hauptstadtsender auch leichter haben: Wir sind wahrscheinlich der einzige Sender, auf den die ganze Republik einmal am Tag blickt.

    ARD-Chef *innen haben für ihre eigenen Sender nur noch wenig Zeit. Was nehmen Sie sich bis 2022 für den RBB vor?
    Die Content-Boxen und der Spatenstich für unser digitales Medienhaus sind die wichtigsten Vorhaben. Außerdem bauen wir unsere Regional-Berichterstattung in Brandenburg weiter aus. Gerade in Zeiten, in denen Verlage leiden, Zeitungen eingestellt oder Redaktionen zusammengelegt werden, wollen wir mit mehr Landeskorrespondenten weiter in die Fläche gehen, dahin, wo die Menschen sind.

    Welche Schlagzeile wünschen Sie sich für 2021?
    “Das ist so gut, das muss vom RBB sein.“


    (Foto: Holger Talinski)

    Alle Geschichten aus der turi2-edition #13 lesen: turi2.de/edition13

  • turi2 edition #13: Sham Jaff über Deutschland und Diversität.


    Blick für das Big Picture: Weiblich, jung, migrantisch – braucht es das, um die Welt als Ganzes zu sehen? Die Newsletter-Publizistin
    Sham Jaff spricht im Interview mit Elisabeth Neuhaus für die turi2 edition #13 über westliche Gedankenlosigkeit und Respekt für die “Bild”. Im turi2-Videofragebogen verrät sie, dass sie schon als Kind gerne “alles” geworden wäre. Sie können das Interview hier im kostenlosen E-Paper lesen oder das Buch gedruckt bestellen. Hier geht’s zum Videofragebogen. (Fotos & Video: Holger Talinski für turi2)

    Sham, wenn du dein Leben bis hierher in einen Newsletter packen würdest, was stünde drin?
    Wahrscheinlich wäre der erste Teil meine Kindheit in Kurdistan. Ich bin dort geboren und bis in die zweite Klasse gegangen. Dann ging es mit meiner Familie nach Deutschland. Das wäre der zweite Teil: Schule, Gymnasium, Bachelor und Master in Nürnberg. Der dritte Teil wäre Berlin. Hier habe ich bis vor Kurzem in der Politischen Kommunikation eines Konzerns gearbeitet. Mitten in der Pandemie habe ich gekündigt.

    Ehrlich? Um einen sicheren Job hätten dich viele Selbstständige wahrscheinlich beneidet.
    Klar, finanziell musste ich mir keine Sorgen machen. Aber die Arbeit wurde mir irgendwann zu einseitig.

    Und das ausgerechnet im Chaos-Corona-Jahr.
    Die Pandemie ist schuld! Ich dachte: Krass, so vieles kann sich ändern von heute auf morgen. Ich habe mich gefragt, ob ich wirklich die ganze Zeit diesen Konzernjob machen will. Es war keine schlechte Arbeit. Aber man sagt ja, bei einem Job, den man gerne macht, schaut man nicht auf die Uhr. Ich habe sehr oft auf die Uhr geschaut. Im ersten Lockdown dachte ich dann: Die Welt da draußen ist sowieso gerade total verrückt. Da kann ich es auch versuchen. Es war die richtige Zeit für mich.

    turi2.tv: Sham Jaff im Videofragebogen.

    Da gehört viel Mut zu, oder?
    Irgendwie schon. Heute würde ich mich auch als mutig bezeichnen. Vor einem Jahr noch nicht. Mein Leben war lange von Angst geleitet und von der Frage: Was mache ich eigentlich mit meiner Zeit auf dem Planeten Erde? Berlin hat mir Mut gemacht. All die Jahre in Nürnberg waren anders. Die Franken sind eben ein eigensinniges Volk, nicht gerade international unterwegs. In Berlin geht es schon eher um europäische oder transatlantische Politik. Aber auch hier machen sich nur wenige Menschen Gedanken darüber, wie die Wahlen in Myanmar ausgegangen sind oder was gerade in Burundi los ist.

    Mit deinem Newsletter versuchst du, das zu ändern. Ist dir der Blick auf die Welt so wichtig, weil du selbst in zwei unterschiedlichen Ländern aufgewachsen bist?
    Das ist einer der Gründe, warum What HappenedLast Week (WHLW) existiert. Du musst wissen: Als Kurdin bist du automatisch super politisiert, weil es so oft um dein Land geht – oder um das Fehlen deines Landes. Ein Deutscher oder eine Französin werden geboren und wissen gleich, dass es Deutschland oder Frankreich gibt, sie lernen das spätestens in der Schule. Du hast also ein sehr selbstverständliches Bewusstsein dafür, woher du kommst. Bei mir ist das anders. Als Teil eines Volkes, bei dem dieses Suchen, dieses Streben nach Unabhängigkeit ein so großes Motiv ist, zieht sich das überall durch. Während meines Studiums habe ich mich gefragt, warum es nie um meine Region ging. Dabei haben so viele Menschen von dort unglaublich krasse Geschichten zu erzählen. Wer die hören will, muss aber aktiv danach suchen.


    Sham Jaff behält im wuseligen Berlin den Überblick und zeigt Haltung. Wie in ihrem Newsletter What Happened Last Week, den sie seit 2014 jeden Montag verschickt. 11.000 Menschen erklärt Jaff darin leicht verständlich, was in der Woche zuvor passiert ist. (Foto: Holger Talinski)

    Du schreibst auch mal über Polizeigewalt in Nigeria oder LGBTQ-Abgeordnete in Neuseeland. Alles keine “Tagesschau”-Themen. Wen interessiert das?
    Mein Publikum ist größtenteils zwischen 20 und 40. Ich glaube, sie haben dasselbe Bedürfnis wie ich und denken: Vielleicht ist es ein bisschen Old School, nur über Europa und Nordamerika zu sprechen. Wir sollten zum Beispiel darüber reflektieren, was ein Krieg mit zwei Völkern macht. Viele Menschen können nicht nachvollziehen, warum sich Serben und Bosnier so hassen. Es gibt so viele Fragen, die für Aha-Effekte sorgen, wenn man sie nur gut beantwortet. Nach diesen Aha-Effekten suche ich. Ich jage sie.

    Sind dir die Mainstream-Medien zu lame?
    Ich ziehe meine Nachrichten aus sehr vielen Quellen. Natürlich auch aus dem Mainstream, vor dem ich großen Respekt habe. Die klassischen Medienmarken leisten sehr gute Arbeit. Aber irgendwann haben sie, finde ich, den Schuss nicht gehört. Für mich kann es nicht sein, dass die “New York Times“ erst nach der Trump-Wahl 2016 mehr People of Color eingestellt hat. Ich will gar nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Aber es gibt dieses Potenzial nach oben. Das haben viele Medien lange nicht gesehen. Wenn sie jetzt nicht aktiv werden, kommen neue, repräsentative Medien, die ihnen das Publikum wegnehmen. Die meisten in meinem Alter würfeln sich ihre Nachrichten-Quellen sowieso über Social Media zusammen.

    Deine News verschickst du aber per Mail.
    Ich traue Social Media nicht. Eine Weile war Facebook im Trend. Dann sind plötzlich alle zu Instagram gepilgert. Ich dachte mir, eine E-Mail ist der einfachste Weg. Das wird erstmal nicht weggehen.

    Wie viel daran ist noch Hobby, wie viel Job?
    Es ist definitiv mein Job. Über Patreon können mir Leser*innen monatlich Geld für den Newsletter schicken.

    Das sind aktuell aber nur etwas mehr als 600 Euro pro Monat.
    Genau, davon allein kann ich nicht leben. Der Rest kommt aus verschiedenen anderen Jobs wie einem Podcast-Projekt für Fyeo.


    Kluge Beobachterin: Jaff will promovieren. Und träumt von einer Art Stiftung Warentest für Nachrichtenmagazine, die fragt: Ist Beitrag X divers genug? (Foto: Holger Talinski)

    Darin geht es um Asylsuchende in Deutschland. Erscheint WHLW bald unter ProSiebenSat.1-Flagge?
    Nein, wahrscheinlich nicht.

    Warum – ist die Medienwelt noch nicht so weit?
    Ich bin immer wieder überrascht, wie interessant andere es finden, dass ich nur globale Nachrichten mache. Eigentlich ist es ja verrückt, dass das als exotisch gilt. Indonesien hat nun mal mehr als 200 Millionen Einwohner, Afrika mehr als eine Milliarde. Ich denke dann immer: Es ist nicht alles Deutschland. Wir sind nur 80 Millionen. Wir sind sehr wenige im Vergleich.

    In Podcast und Newsletter kommentierst du das Geschehen oft sehr persönlich. Die Trennung von Nachricht und Meinung ist nicht dein Anspruch, oder?
    Neutralität – ganz großes Stichwort. Natürlich gibt es die bei mir in dem Sinne nicht, weil ich Themen kuratiere. Ich sage den Leser*innen, was sie aus meiner Sicht wissen müssen. Das ist eine Vorauswahl und de facto nicht neutral. Wenn ich eine persönliche Wertung abgebe, dann stelle ich das sofort klar, wie neulich zur Sterbehilfe.

    Du findest, dass sie in jedem Land der Welt legal sein sollte.
    Genau. Ich bemühe mich, dass mein Newsletter so wirkt, als antworte dir der beste Freund oder die beste Freundin aus dem Politik-Studium auf die Frage, wie du eine Nachricht verstehen kannst. Ich versuche, das Gesamtbild zu beschreiben.

    Du hast als Kind Behördengänge für deine Eltern übernommen. Kommt daher dein Wille, Sachen in einfache Sprache zu übersetzen?
    Definitiv. Bei diesen Terminen war es wichtig, dass ich das Gesagte zuerst verstehe, um es erklären zu können. Es gab nämlich Vieles, für das ich anfangs keine Begriffe hatte. Es waren neue Konzepte, für die es keine kurdischen Übersetzungen gab. Dazu passt der Satz von Albert Einstein: “Erst wenn du es einem Fünfjährigen erklären kannst, hast du es wirklich verstanden.“ Das war und ist meine Devise. Jeder hat das Recht, Kompliziertes einfach zu verstehen.


    Schritt halten: Als Kind schwärmt Jaff ihren kurdischen Verwandten in Briefen von Rolltreppen vor. Deutschlernen – für sie damals “ganz normal“. (Foto: Holger Talinski)

    Was bedeutet Heimat für dich?
    Familie. Das ist für mich Heimat. Egal, wo sie ist.

    Welche Werte haben dir deine Eltern mitgegeben?
    Sie haben eine große Dankbarkeit gegenüber Deutschland. Für sie war das Land 1998 ein Paradies. Die Wertschätzung ist geblieben – trotz Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen. Ich bin aufgewachsen mit der Ansage: Du musst uns beweisen, dass sich unser Weg gelohnt hat. Du musst von der Grundschule aufs Gymnasium, vom Gymnasium an die Uni und so weiter. Du musst auch den anderen, den weißen Deutschen zeigen, dass wir auch schlau sein können. Als ich in der Grundschule von der Ausländerklasse in den Regelunterricht durfte, war das der erste Meilenstein für meine Eltern. Dass ich dafür meine Nachmittage aufgeopfert habe, war kein Thema für sie. Wenn ich das heute anspreche, sagen sie, ich solle doch froh sein, dass sie mir damit zum Erfolg verholfen haben. Sie haben mir aber auch beigebracht, mich zu wehren, nicht gleich klein bei zu geben. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

    Du hast mal gesagt, die Fraktion der Weltverbesserer sollte unbedingt ihre eigene “Bild“-Zeitung rausbringen. Wie oft liest du “Bild“?
    Hin und wieder. Ich folge ihnen auf Social Media und muss sagen, ich finde so gut, wie sie es machen. Sie wissen, wie sie Aufmerksamkeit erregen. Sie wissen, dass Menschen emotionale Sprache und emotionale Geschichten brauchen. Wenn meine Eltern oder einige meiner Freunde die “Bild“ in die Hand nehmen, haben sie nicht das Gefühl, dass die Zeitung auf sie herabguckt oder sie bewertet, weil sie mal eine Vokabel nicht kennen. Sie erhebt sich nicht über sie. Es ist super wichtig, dass Menschen das Gefühl bekommen, mitreden zu können. Alles andere ist richtig fatal für eine Demokratie. Und ich glaube, das ist ein Fehler, den viele intellektuelle Nachrichtenangebote machen.

    Überraschend viel Lob für Boulevard.
    Ich bin sehr offen gegenüber allem, will jetzt aber keine Werbung für “Bild“ machen. Natürlich gibt es Texte, die gar nicht gehen, wirklich unter aller Sau sind. Ein Freund von mir hat einen ähnlichen Hintergrund wie ich, ist auch als Kind nach Deutschland gekommen. 2015 hat er aus der “Bild“ die Argumente der AfD zitiert. Da habe ich gemerkt, dass die Zeitung als Propaganda-Maschine einen Effekt auf ihr Publikum hat. Ich habe mich damals hingesetzt und ihm in Ruhe erklärt, dass solche Inhalte gefährlich sind. Ohne ihm mit Links der “FAZ“ oder der “Süddeutschen Zeitung“ zu kommen. Dann hat er zugehört. Man muss auf die Menschen zugehen und ihnen zutrauen, Dinge zu verstehen, statt sie gleich abzustempeln. Alle lechzen nach Nuancen. Nuancierter Journalismus ist aber oft langweilig formuliert. Da frage ich mich: Wieso, liebe Journalist*innen, macht ihr euch die Demokratie so schwer?

    Lesen Sie alle Geschichten der turi2 edition #13 – direkt hier im Browser als E-Paper oder bestellen Sie das Buch.

    Wie hast du 2015 die Debatten um Asyl und Geflüchtete erlebt?
    Für mich war das erstmal eine sehr schöne Zeit. Als ich die Bilder vom Hauptbahnhof in München gesehen habe, sind mir Tränen in die Augen gekommen. Ein paar Monate hatten wir Ruhe vor Ausländerfeindlichkeit – vermeintliche Ruhe. Dann kam die Silvesternacht. Die Diskussionen über junge syrische Männer fand ich schrecklich. Ich wollte in die Welt hinausschreien: Wann versteht sich Deutschland endlich als Einwanderungsland? Ihr seid schon seit Jahrzehnten eines.

    Was heißt das für den Journalismus?
    Wenn die Aussage kommt, junge syrische Männer seien gefährlich, ist das eine Generalisierung. Dann ist es unser Job, bei Fachleuten nachzufragen und die Aussage einzuordnen, sie nicht unkommentiert wiederzugeben. Statt ganze Gruppen unter Generalverdacht zu stellen, wünsche ich mir in der Berichterstattung mehr kritische Distanz und Fakten. Sonst schüren Medien Vorurteile: Auf der einen Seite steht der “gefährliche Geflüchtete“, auf der anderen die “super erfolgreichen Impfstoff-Entwickler“…

    …wie bei Biontech mit Özlem Türeci und Uğur Şahin.
    Die beiden sind jetzt die großen Helden, “Integrationsvorbilder“, “Musterbeispiele“. Wenn wir über Menschen mit Zuwanderungsgeschichte sprechen, dann immer in Extremen. Wo ist da die Mitte? Die Nachrichten spielen eine super große Rolle dabei, wie wir unser Umfeld und die Welt sehen. Ungeheuerlich finde ich zum Beispiel auch, wie wir über afrikanische Länder sprechen. Da passiert unglaublich viel, afrikanische Startups entwickeln teilweise mehr als in Europa. Aber wir reden ständig nur über die vielen militärischen Konflikte.

    Was hast du 2020 über die Menschen gelernt?
    Das klingt jetzt sehr klischeehaft und cheesy. Aber: Dass wir stärker sind, als wir denken. Ich glaube, die beiden Lockdowns waren und sind so dermaßen große Herausforderungen für sehr viele Menschen. Letztlich haben wir alle 2020 unsere Lebensweisen verändern und auf so vieles verzichten müssen. Im Großen und Ganzen haben wir das gut hinbekommen.

    Was erwartest du von 2021?
    Ich wünsche mir mehr thoughtfulness. Wir sollten uns, bevor wir weitergehen, Gedanken darüber machen, was wir aus den neu gewonnenen Gewohnheiten und Erkenntnissen machen. Es wäre sehr schade, wenn wir wieder zurück ins normale Office-Leben gehen würden. Wenn wir wieder genauso viel wie vorher und auf dieselbe Art und Weise reisen, auf dieselbe Art und Weise essen würden. Ich wünsche mir, dass wir aus dieser Phase mehr als nur Memes und ein paar krasse Geschichten für die nächste Generation mitnehmen. Wenn jemand in 10 oder 15 Jahren einen Film über diese Zeit dreht, stelle ich mir vor, dass es darin heißt: “Das war der Zeitpunkt, als die Dinge endlich besser wurden.“


    News-Junkie Sham Jaff begibt sich jede Woche auf Weltreise. Seit Corona vorwiegend digital. (Foto: Holger Talinski)

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  • turi2 edition #13: Gabor Steingart über Politik und Populismus.


    Canale grande:
    Gabor Steingart will in Berlin der wichtigste Kanal für Politikberichterstattung werden. Der große Welterklärer und Selbstdarsteller spricht in der turi2 edition #13 mit Peter Turi über Populismus, peinlichen Journalismus und Steingarts Platz in der Welt. Sie können das Buch hier als kostenloses E-Paper lesen oder gedruckt bestellen.

    Käpt’n Steingart, sagen Sie als großer Welterklärer und Metaphernschmied uns Leichtmatrosen doch bitte mal: Was war 2020 für ein seltsames Jahr?
    Das Leben wird nach vorne gelebt, aber nach hinten verstanden. Der Satz stammt nicht von mir, sondern von dem dänischen Philosophen Søren Kierkegaard. Aber er ist trotzdem wahr. Und er trifft in besonderer Weise auf dieses Pandemiejahr zu.

    Das heißt? In welche Fahrwasser sind wir geraten?
    Es gibt zur Zeit keine funktionierende Fahrrinne und die Sicht nach vorne ist getrübt. Nebel, überall Nebel. Begleitet vom Gesang der Sirenen, die auch dann Sirenen bleiben, wenn sie sich selbst “Querdenker“ nennen.

    Wo ist die Not am größten?
    Diese Pandemie spaltet in einer nie dagewesenen Weise. Der Staatsdienst dreht mächtig auf und steht dicke da. Er hat Geld, Personal und Executive-Power. Aber überall da, wo Menschen schon vorher in prekären Arbeitsverhältnissen lebten, ist die Not zurückgekehrt. Tagelöhner, Leiharbeiter, Geringqualifizierte und Millionen von Soloselbständigen sind die Verlierer einer wirtschaftlichen Kontraktion, die – durch den doppelten Lockdown verschärft – zu ihrer Aussteuerung führt. Wir erleben den größten Diebstahl von Lebenschancen seit Gründung der Bundesrepublik.

    Was läuft schief auf der MS Deutschland?
    Die heimliche Verehrung von Regierung und Staatsgewalt scheint bei vielen Zeitgenossen im Gencode gespeichert. In der Krise kommt diese autoritäre Prägung durch, leider auch bei vielen Journalisten. Sie trauen sich den Gedanken, dass es anders gehen könnte als von Angela Merkel vorgegeben, gar nicht mehr zu. Jeder Lockdown wird medial wie die Erlösung gefeiert. Zuweilen könnte man meinen, Heinrich Manns “Der Untertan“ wird in der Schule gelesen und im Leben nachgespielt.

    Einspruch! Heinrich Manns Untertan Diederich Heßling ist ein kaisertreuer Opportunist am Ende des Wilhelmismus. Was hat das damit zu tun, dass eine Mehrheit der Deutschen den Regierungskurs in der Pandemie unterstützt?
    “Wie wohl man sich fühlte bei geteilter Verantwortlichkeit und einem Selbstbewusstsein, das kollektiv war.“ So beschreibt Mann den Prototypen des Wendehalses. Der deutsche Opportunismus, leider auch der Opportunismus der Medien, hat das Kaiserreich überlebt; oder wie mein zu früh verstorbener Spiegel-Kollege Jürgen Leinemann zu sagen pflegte: “In der Bundespressekonferenz besitzt ein jeder Kanzler die absolute Mehrheit.“ Damit beschrieb er den selben Sachverhalt, nur höflicher.

    Was läuft super?
    Die Welt kooperiert. Gott sei Dank. Über alle geografischen, politischen und religiösen Grenzen hinweg arbeiten Mediziner, Politiker und Pharmaforscher zusammen, um den Anti-Corona-Impfstoff zu entwickeln, zu produzieren und schließlich zu verteilen. Kein Populist, sondern der wissenschaftlich-technische Fortschritt wird uns retten.

    Viele könnten über 2020 schreiben: Mein Jahr in der Niemandsbucht. Wie war’s für Sie persönlich?
    Ich habe das Jahr nicht nur, aber auch als beglückend empfunden. Weniger Flughafen, mehr Denkraum. Der Familie und dem Aufbau der Firma Media Pioneer hat die Abwesenheit von Routinen gut getan. Die Rituale der gehetzten Gesellschaft vermisst doch kein Mensch.


    Käpt’n Gabor Steingart hält an einem sonnigen Novembertag auf der Spree im Berliner Regierungsbezirk Wache an Bord der Pioneer One. Das “Patrouillenboot eines unabhängigen Journalismus“ (O-Ton Steingart) soll 2021, im Jahr der Bundestagswahl, über Elbe, Rhein, Oder und Inn auf Deutschlandreise gehen. (Foto: Holger Talinski)

    Wie wird 2021?
    Ich hoffe auf ein Jahr der Transformation. Die Welt von gestern verabschiedet sich. Ich freue mich auf die Welt von morgen. Meine Tür ist angelehnt.

    Was ist Ihr mentaler Rettungsring in schweren Zeiten?
    Keine Dramatisierung, bitte. Ich persönlich habe in 2020 keine Sekunde gelitten. Wir erleben eine Gesellschaft in einer historisch einmaligen Extremdrucksituation. Alles wird getestet: Unsere demokratische Verfasstheit, unsere Institutionen, unser Geldsystem, der Bildungskomplex. Es klingt frivol, aber diesem Echtzeitexperiment wohnt ein journalistischer Zauber inne.

    Was haben Sie 2021 vor? Wohin steuern Sie Ihren Spreekahn?
    Sie meinen unsere stolze Pioneer One? Die werden wir in 2021 auch quer durch Deutschland bewegen. Das Patrouillenboot eines unabhängigen Journalismus geht auf Deutschlandreise. Es gibt überall in Deutschland Pioniere, auch entlang von Elbe, Rhein, Oder und Inn. Und es gibt in 2021 überall eine Bundestagswahl.

    Kommen wir mal mental zum Landgang: Ich bewundere den Mut, mit dem Sie sich in neue Abenteuer stürzen und dabei stets das größtmögliche Rad drehen. Zugleich fürchte ich, Sie könnten dem Übermut anheimfallen. Wie unterscheiden Sie Mut, Tollkühnheit und Übermut?
    Ich empfinde das Rad, das wir deutsche Unternehmensgründer insgesamt drehen, nicht als zu groß. In Amerika wurden Google und Facebook erfunden – und hier? Im Medienbereich sehen wir Politico, HuffPost und Axios. Das sollte uns stimulieren und nicht ängstigen. Das Neumacher-Rad in Deutschland ist eher zu klein als zu groß.

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    In welcher der drei Kategorien verorten Sie Ihr Handeln?
    Ich sage, was ich denke und versuche zu liefern, was ich verspreche. Wenn das schon tollkühn ist, dann Gute Nacht, Marie.

    Was wäre in Ihren Augen Übermut?
    Wenn ich mich als Selfmademan bezeichnen würde. Den gibt es nämlich nur als Wort, nicht aber als realexistierendes Wesen. Ich arbeite im Team mit herausragenden Journalisten, mit wunderbaren Technikern und Marketingmenschen und einem CEO, der den Laden und seine Kasse zusammenhält. Mit Axel Springer, die 36 Prozent der Anteile halten, und unseren Leseraktionären, denen zum Ende des Jahres 10 Prozent von Media Pioneer gehören werden, haben wir leidenschaftliche Investoren an unserer Seite. Auch das ist für den gemeinsamen Erfolg eine wichtige Zutat.

    Sie haben Ihren Morgennewsletter mit Podcasts gepimpt und zum Canale Grande der Hauptstadt-Berichterstattung gemacht. Sie fangen gerade erst an, Fahrkarten zu verkaufen. Ist es Mut oder Übermut, bei 50 Mitarbeitern und tiefroten Zahlen jetzt auf 70 Köpfe zu erhöhen?
    Diese “tiefroten Zahlen“ sind das, was man in der Betriebswirtschaftslehre “Investition“ nennt. Wir investieren in einen neuen, unabhängigen, werbefreien Journalismus und haben für das Erreichen der Gewinnzone einen realistischen Businessplan. Ob Sie es glauben oder nicht: Trotz Covid-19 haben wir unsere Auflagen-, Erlös- und Ergebnisziele in 2020 erreicht und teilweise überschritten. Unser Bezahlmodell, das wir im Frühsommer gestartet haben, funktioniert. Das ist die Grundlage für unsere verstärkten Investitionen in 2021.

    turi2.tv: Gabor Steingart im Videofragebogen.

    Sie lieben die amerikanischste aller Business-Philosophien: eine Marke mit Investorengeld groß machen und erst später profitabel. Hat das nicht einen entscheidenden Nachteil?
    Welchen?

    Sie müssen nach und nach Anteile abgeben, Sie sind irgendwann nicht mehr Herr im eigenen Haus.
    Für mich ist das altes Denken. Schon aus biologischen Gründen ist kein Gründer auf Dauer “Herr im Haus“. Jeder sollte schon deshalb über sich hinausdenken. Rudolf Augstein, das nur nebenbei, hatte zuletzt mit 25 Prozent eine starke und vernehmbare Stimme. Bis der Herr ihn rief. Wir sind alle nur Mieter.

    … auf Erden, Amen! Tatsache ist: Springer hat den größten Gesellschafteranteil bei Ihren jungen Pionieren und bei Springer hat die Heuschrecke KKR das Sagen. Die werden schwarze Zahlen von Ihnen verlangen. Sie haben Ihre Freiheit gegen die Kapitänsmütze auf einem Spreeschipper eingetauscht.
    Vorsicht Irrtum: die absolute und relative Mehrheit der Kapitalanteile und damit auch der Sitze im Aufsichtsrat halten der Gründer und sein Management-Team. Und: Ich habe die Freiheit des Privatmannes gegen die Freiheit eines Gründers getauscht; eines Gründers mit professionellen Partnern, mit leidenschaftlicher Mannschaft, mit ehrgeizigen Zielen. Insofern handelt es sich um eine Freiheit mit Verantwortung.

    Wann haben Sie gespürt, dass die Zukunft der Tageszeitung der Morgennewsletter ist und die adäquateste Form des Interviews die Ohrenzeugenschaft?
    Meinen Newsletter habe ich im Jahr 2010 gestartet, nachdem ich als Washington-Korrespondent des “Spiegel“ erlebt hatte, wie Barack Obama mit diesem einfachen, sehr direkten und maximal persönlichen Instrument eine Massenkommunikation gestartet hatte. Heute nennen wir intern Steingarts Morning Briefing ein pre-breakfast-medium, der heimliche Claim lautet: Mehr Tageszeitung braucht kein Mensch. Das ist übertrieben, aber die Rückmeldung, die wir von unseren Leserinnen und Lesern bekommen. Zuweilen erreichen wir mit einem einzigen Briefing eine Million Menschen pro Tag. Der Morning Briefing Podcast ist das perfekte Drive-Time-Medium für mobile Menschen. Hier erzielen wir derzeit fast 800.000 Streams pro Woche. Beide Produkte legen weiter zu.


    Spreekommando: Nahezu lautlos schippert die elektrisch angetriebene Pioneer One zwischen Hauptbahnhof und Reichstag. (Foto: Holger Talinski)

    Was planen Sie an Live-Events post corona?
    Der Live-Journalismus hat eine große Zukunft, weil er den bisher passiven Zuschauer in eine aktive Rolle versetzt. Er ist nicht nur Konsument, sondern auch Produzent. Er undsie schauen zu, hören mit, fragen nach – und widersprechen. Wir erleben in den Medien die Demokratisierung der Demokratie. Wir wollen helfen, diese Partizipation der Bürger zu ermöglichen, auch mit neuen Formaten, gerade im Wahljahr. Wir brechen uns bei dem, was die Amerikaner “Citizen Journalism“ nennen, keinen Zacken aus der Krone, denn die Krone gehört den Bürgern sowieso, auch medial.

    Viele haben Ihre Vermarktungsstrategie nicht verstanden, ich finde sie logisch: Sie bauen eine Bühne, lenken das Scheinwerferlicht auf Ihre Gäste. Das Publikum zahlt nicht dafür, im Zuschauerraum zu sitzen, sondern gelegentlich auf die Bühne zu dürfen. Gabor, der Bühnenvermieter?
    Der Bühnenbauer, würde ich sagen. Derjenige aber auch, der die Bühne anderen überlässt. Die Zeit des medialen Frontalunterrichts ist vorbei.

    Beim “Handelsblatt“ haben Sie Ihren Bühnengästen Live-Event-Pakete und Werbung verkauft, heute lassen Sie sich Strom und Bier spendieren, vergeben sauteure Mitgliedschaften und vermieten Ihren Spreekahn als Event-Location. Völlig in Ordnung, finde ich. Aber warum beschimpfen Sie Kolleg*innen, die Ihr Geld weiter mit Werbung verdienen?
    Ich beschimpfe niemanden, ich glaube nur inzwischen, dass die Werbefinanzierung von Medien keine gute Idee ist. Die Werbeindustrie wird immer dreister in ihrem Anspruch, Redaktion und Werbung zu vermischen. Dem sollten wir Einhalt gebieten. Es dient unserer Glaubwürdigkeit, wenn das Gehalt eines Chefredakteurs nicht zur Hälfte von Daimler, Deutsche Bank, Aldi und Unilever stammt. Wir sind keine Influencer. Es stärkt die geistige, die innere Beziehung zu den Lesern, Hörern und Zuschauern enorm, wenn wir nur für sie arbeiten. Das setzt allerdings voraus, dass wir ehrlich mit ihnen kommunizieren – auch über die Kosten des Qualitätsjournalismus.

    Einspruch! Sie verkaufen Ihr spezielles Geschäftsmodell als das einzig richtige und werten Kolleg*innen ab, die ein anderes haben. Was zum Beispiel ist falsch daran, dass turi2 eine Bühne baut, auf der kluge Köpfe die Zukunft der Kommunikationsgesellschaft diskutieren – und das mit sauber gekennzeichneter Werbung finanziert?
    Wir sollten nicht drumherum reden und auch nicht drumherum denken: Das klassische Werbegeschäft ist seit mehr als einer Dekade rückläufig, die Printanzeige verliert an Bedeutung, die Online-Werbung konnte das bisher nicht kompensieren. Das ist Fakt Nummer 1. Fakt Nummer 2: ein zunehmend selbstbewusstes Publikum mag die Werbung nicht und gibt uns darauf deutliche Hinweise, zum Beispiel durch Werbe-Blocker. Im Podcast ist die von Journalisten verlesene Werbung eine einzige Peinlichkeit. Wir sollten von den Demokraten in den USA lernen, die sich von den großen Spendern losgesagt haben – kein big oil, kein big pharma und nicht mehr die fat cats der Wall Street. Stattdessen nur noch die Unterstützung von Wählerinnen und Wählern. Das hat mich überzeugt.

    Wann haben Sie bemerkt, dass Sie zu Höherem berufen sind?
    Der Mensch hat sich mit der Aufklärung aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit befreit, sagt Kant. Damit hat er, Kant, uns – auch Sie übrigens – zu Höchstem berufen, nämlich zur Mündigkeit. Diesem Imperativ sollten wir beide versuchen, gerecht zu werden. Meine Kollegin Chelsea Spieker sagt: “Go big or go home.“

    Mir hat ein Ex-Chefredakteur aus Düsseldorf mal eine Anekdote aus den späten 80er Jahren erzählt. Die erste Frage des damaligen Journalistenschülers Gabor Steingart beim ersten gemeinsamen Kantinenessen lautete: Wie wird man Chefredakteur?
    Ich liebe diese Frage bis heute. Ich frage einen VW-Chef, “wie wird man VW-Chef“ und einen Chefarzt “wie wird man Chefarzt“? Von nichts versteht der Chefredakteur mehr, als davon, wie er es geschafft hat. Auch mein damaliger Gesprächspartner in der Kantine sprudelte beglückt vor sich hin.

    Was hat die Erkenntnis, dass Sie deutlich schneller und präziser denken und formulieren als die anderen, mit Ihnen gemacht?
    Ich kenne viele, die präzise denken, die es verstehen, schnell und scharf zu formulieren. Auch viele Nicht-Journalisten. Angefangen bei der Kanzlerin bis hin zu meinen drei Kindern. Ich habe nicht das Gefühl von Singularität, leider.

    Ein schneller Kopf neigt dazu, zu überziehen. Kennen Sie das bei sich?
    Klar überziehe ich auch, immer wieder und immer wieder gern. Ich mag mich nun mal ungern bremsen lassen, auch wenn der Konformitätsdruck zum Teil enorm ist. Es gibt eine ganze Spezies von Medienmenschen, die wissen ganz genau, was man nicht denken und nicht sagen darf. Die Folgekosten meiner Unbotmäßigkeit trage ich mit Fassung.

    Der viel zu früh verstorbene Johannes Groß hat einmal gesagt: “Die Grundregel des Journalismus lautet: erst vereinfachen, dann übertreiben.“ Folgen Sie dieser Regel?
    Ich mag den Satz von Einstein lieber: “Mache die Dinge so einfach wie möglich. Aber nicht einfacher.“

    Bekennen Sie sich schuldig, gelegentlich zu viele, zu starke, manchmal widersprüchliche Sprachbilder zu verwenden?
    Verantwortlich, nicht schuldig.

    Verantwortlich auch dafür, manchmal zu viel emotionale Sauce und kitschige Musik über Ihren Content zu gießen?
    Noch einmal: verantwortlich, nicht schuldig.

    Waren Sie nicht eine Weile in Gefahr, im Morning Briefing zu überziehen? Erst war Corona nur ein Medienphänomen, eine Grippe, plötzlich hatte die Bundesregierung die Menschheitsbedrohung verpennt.
    Oh, dieser Frage liegt ein dickes Missverständnis zugrunde: Positionen werden bei mir nicht verkündet, sondern gesucht. Und alle sind dabei und suchen mit. Nur wer das Morning Briefing als Gedankensplitter liest, als Fragment, als gemeinsame Dehnübung für den Kopf, der trägt einen Gewinn davon. Alle anderen werden sich immer nur ärgern.

    Sagen Sie manchmal mit Adenauer: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?
    Ich sage mit Keynes: Wenn sich die Fakten ändern, dann ändere ich meine Meinung.

    Sie werden geliebt oder gehasst – es gibt wenig dazwischen. Wann immer Sie bei turi2 auftauchen, sind Sie der meistgeklickte Link. Zu Recht?
    Ich glaube schon: Bei mir wissen Ihre Leserinnen und Leser, der serviert keine von anderen vorgedachte Konserve, sondern der denkt und würzt noch selber. So gesehen bin ich ein Bio-Journalist.

    Welcher Vorwurf trifft Sie?
    Wenn einer schreibt, der Steingart sei langweilig.

    Welcher gar nicht?
    Wenn einer sagt: Gabor, damit stehst du aber alleine da. Für mich ist der natürliche Platz eines Journalisten der zwischen den Stühlen.


    (Foto: Holger Talinski)

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  • turi2 edition #13: Tijen Onaran über Networking und Nähe.


    Aus der Krise gelernt:
    Tijen Onaran, Gründerin der Global Digital Women, ist Event-Dauergast. Dann ändert Corona alles. Arbeitslos wird sie nicht – im Gegenteil. Die Pandemie lehrt sie, wie wichtig Anpassungsfähigkeit ist. In ihrem Gastbeitrag für die turi2 edition #13 schreibt sie, wie aus dem Corona-Schock Neues entsteht. Sie können das Buch hier als kostenloses E-Paper lesen oder gedruckt bestellen.
    (Foto: Holger Talinski)

    Das Jahr 2020 wird in die Geschichte eingehen als meine größte unternehmerische Vollbremsung. Von 100 Offline-Events im Jahr ging es runter auf null. Ich gebe zu, dass ich eine Zeit lang zu denen gehörte, die glaubten: ist alles schnell wieder rum. Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Eine Veranstaltung nach der anderen wurde abgesagt, Unternehmen fielen in Schockstarre, nichts war mehr plan- oder gestaltbar. Ein Teil unseres Business sind Veranstaltungen – jede*r kann sich vorstellen, was deren Wegfallen für ein junges Unternehmen wie uns bedeutet. Für meine Schockstarre blieb keine Zeit. Was gut ist, denn Unternehmertum bedeutet, nicht im Schock zu verharren, sondern aus dem Schock heraus Neues zu gestalten. Und ja: Diesen Satz musste ich mir jeden Tag aufs Neue vorsagen.

    Eine Sache, in der ich wirklich gut bin: Krisenmanagement. Was können wir tun in einer Zeit, in der alle um uns herum noch konsolidieren? Ich entscheide mich für ausprobieren. Gleich im März stellen wir auf digitale Formate um. Bei unserem Namen, Global Digital Women, liegt es nahe, dass wir schon digital erprobt waren. Also testen wir verschiedene Formate: angefangen beim Personal-Branding-Lunch – zunächst auf YouTube, dann parallel auf Linked-in – über digitale GDW-Events zu Diversity oder Digitalisierung. Sogar Live-Instagram-Formate sind dabei. In dieser Zeit vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht ein “Hallo und herzlich willkommen“ in meine Laptop-Kamera spreche.

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    Wir mussten aber auch lernen, dass sich nicht jedes Format digitalisieren lässt. Online-Events müssen viel stärker als Story gedacht werden. Wie erzählen wir die Geschichte des Events, damit es spannend ist? Plötzlich fanden wir uns deshalb in der Funktion einer Art Filmproduktionsfirma wieder. Überhaupt nicht unsere Kernkompetenz. Trotzdem gelang es.

    Die Insights, die wir in unzähligen Versuchen bekamen, führten dazu, dass wir uns ein völlig neues Geschäftsfeld erarbeiteten: Konzeption, Organisation und Koordination von neuen Online-Formaten. Bald organisierten wir zum Beispiel eine Online-Konferenz des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg, einen Female Hackathon für Henkel oder eine Online-Konferenz für P&G unter dem Motto: “Umbruch – ready for change“. Weitere Unternehmen fragten uns für genau diese Kompetenzen an. Ein entscheidender Heimvorteil war und ist, dass wir die Gäste gleich mitbringen – sprich: dass wir eine Community haben, die eine spannende Zielgruppe für solche Events ist. Die Krise beweist einmal mehr, dass sich ein gutes Netzwerk auszahlt.

    Ja: Es ging auch einiges schief. Technische Patzer oder zu komplexe Themen für Online-Veranstaltungen waren Faktoren, die unseren Perfektionsanspruch herausforderten. Die Erkenntnis: in Schönheit sterben – oder lernen und besser werden! Weil sich die politische Lage gefühlt stündlich änderte, waren Unternehmen sehr unsicher hinsichtlich ihrer Diversity- und Inklusions-Maßnahmen. Diese Themen sind stark mit Sichtbarkeit verknüpft, analoge Events waren deshalb häufig Standard. Wir mussten deshalb agil im Kopf und in unseren Plänen bleiben. Mindestens genauso wichtig war Transparenz. Wir sagten ehrlich, was unter den gegebenen Voraussetzungen möglich ist. Und was nicht.

    Unser eigentliches Geschäftsfeld, Unternehmen in Diversity- und Inclusion-Fragen zu beraten, ist übrigens nicht weggefallen. Stattdessen haben unsere Veranstaltungen dazu geführt, dass Unternehmen, die unsere Kernkompetenz bisher nicht kannten, auf uns aufmerksam geworden sind. Der Spruch: “Leben im Hier und Jetzt“ könnte nicht passender sein. Ich plane, ohne zu planen. Die wahrscheinlich wichtigste Erkenntnis ist deshalb, dass wir unser Unternehmen neu gründen müssen. Als Unternehmer*in musst du bereit sein, dich immer wieder neu zu erfinden. Jeden Tag.

    turi2.tv: Wie geht’s dem Networking in Zeiten von Corona, Tijen Onaran?

    Alle Geschichten aus der turi2-edition #13 lesen: turi2.de/edition13

  • Meinung: Deutsche Umsetzung von EU-Urheberrecht vernichtet die Lokalpresse, schreibt Sebastian Turner.

    EU-Urheberrichtlinie: Die Umsetzung in deutsches Recht, so wie das Justizministerium es vorhat, wäre ein “Enthauptungsschlag” für die Lokalpresse, schreibt Ex-“Tagesspiegel”-Herausgeber Sebastian Turner in der “FAZ”. Er kritisiert den Plan, dass etwa Suchmaschinen bis zu 1.000 Zeichen ohne Zustimmung des Urhebers übernehmen dürfen – viele Texte im Lokalen seien jedoch kürzer. Antworten auf die wichtigsten W-Fragen stehen meist am Anfang, eiligen Leser*innen reiche das oft aus.
    “FAZ”, S. 15 (Paid)

  • Zitat: Sebastian Turner will das Presserecht auf soziale Medien anwenden.

    “Auch asoziale Medien sind Medien und sollten damit dem Presserecht unterliegen.”

    Ex-“Tagesspiegel”-Herausgeber Sebastian Turner fordert in einem “FAZ”-Gastbeitrag, soziale Netzwerke in die Verantwortung für ihre Inhalte zu nehmen. Außerdem wünscht er sich eine belastbare Datengrundlage über historische Entwicklungen im Lokaljournalismus und vielfältigere Journalist*innen-Biografien: “Es ist viel einfacher, jemandem, der Physik studiert hat, Journalismus beizubringen, als einem Journalisten Physik.”
    faz.net

  • Netzwerkerin Tijen Onaran will einen Risikokapital-Fonds für Gründerinnen auflegen.


    Geld für Gründerinnen: Unternehmerin und Netz­werkerin Tijen Onaran plant einen Risiko­kapital-Fonds für von Frauen gegründeten Startups, sagt sie dem “Handelsblatt”. Der Fonds soll 2021 starten und Gründerinnen Risikokapital geben, aber auch Zugänge eröffnen. Onaran selbst will als Business Angel bei der Vermarktung helfen. Mit eigenem Geld hat sie bereits beim Bio-Babynahrungshersteller Pumpkin Organics investiert.

    In der Investoren-Szene gebe es zu wenige Frauen­netzwerke, sagt Onaran. Dabei seien Startups von Frauen oft nachhaltiger orientiert – und daher nach ihrer Einschätzung langfristig auch als Investment attraktiver. Laut Deutschem Start-up Monitor lag der Frauenanteil unter den Gründer*innen zuletzt bei 15,9 %. (Foto: Holger Talinski für turi2 edition #10)
    handelsblatt.com (Paid), turi2.de/koepfe (Profil Onaran)

    Aus dem Archiv von turi2.tv: Wie geht’s dem Networking in Zeiten von Corona, Tijen Onaran? (03/2020)