Was macht eigentlich Jan-Eric Peters?

 

Jan-Eric Peters ist der König der “Welt”. Die konservative Springer-Zeitung wurde dutzendfach totgesagt, präsentiert sich für einen Toten aber erstaunlich lebendig.

 

Jan-Eric Peters, der "Welt"-Herrscher (Foto: Welt)

Jan-Eric Peters, der “Welt”-Herrscher (Foto: Welt)

Jan-Eric Peters, wo stecken Sie in diesem Moment?
Im Newsroom. Alles da, was man braucht: gute Leute, gute Geschichten, viel Kaffee und noch mehr Süßigkeiten.

 

Was machen Sie gerade?

Watergate-Enthüller Carl Bernstein ist gerade zu Besuch, morgens waren Kollegen von “El Pais” und “Newsweek Polska” hier, um sich den Newsroom anzuschauen. Ist überhaupt viel los: Vor ein paar Tagen haben wir mit Mario Testino als Creative Director die “Welt am Sonntag” gemacht, davor war Haruki Murakami in der Redaktion, dem wir unseren Literaturpreis verliehen haben; Patti Smith hat ihm a cappella ein Ständchen gesungen. Und bald kommt Cindy Sherman, die eine Ausgabe der “Welt” gestalten wird.

 

Und sonst so?
Könnte man den Eindruck bekommen, dass Newsroom-Besichtigungen die Antwort auf die Frage nach einem neuen Geschäftsmodell für Journalismus sind. Ich freue mich natürlich, dass mein Modell “Online to print” jetzt sogar exportiert wird. Der “Daily Telegraph” hat sich bei uns in Berlin alles genau erklären lassen und übernimmt das Modell – und selbst unsere Wortwahl: “Online to print”, “Newsroom der drei Geschwindigkeiten”, “Print nur vom Buffett der Online-Geschichten”. Und es gibt weitere Interessierte aus dem Ausland, auch die “New York Times” hat schon geguckt.

 
Klingt nach mächtig viel Wirbel. Kommen Sie überhaupt noch zum Blattmachen?
Klar, wenn auch leider nicht so oft, wie ich mir wünschte bei 3.000 Zeitungsseiten und 5.000 Online-Geschichten im Monat. Für die “Welt am Sonntag” bin ich praktisch jeden Sonnabend im Büro, da steht Blattmachen im Vordergrund – mein liebster Arbeitstag der Woche.
 

Die “Welt” ist, nun ja, wie soll ich sagen: nicht meine Lieblingszeitung. Ein bisschen zu konservativ, ein bisschen zu populistisch – und seit Jahren fragt sich die Branche: Wann wird das defizitäre Blatt eigentlich eingestellt?
Darf ich mal herzhaft gähnen? Die Frage nach einem “Welt”-Untergang stellen mir Medienjournalisten, seit ich vor zwölf Jahren Chefredakteur geworden bin. Und wie man sieht: Sie ist quicklebendig. Umso erstaunlicher, dass trotzdem immer als erstes nach dem Schicksal der gedruckten Tageszeitung gefragt wird, wenn es um die “Welt”-Gruppe geht. Bei uns steht schon lange das Digitale im Fokus neben der “Welt am Sonntag”. “Online first” gilt seit mehr als acht Jahren! Unsere traditionellen Wettbewerber, die alle auch heute noch mit getrennten Chefredaktionen und nicht integriert arbeiten, haben wir in der Gesamtreichweite von Print und Online längst überholt. Und das wirkt sich auch wirtschaftlich positiv aus. Für “zu konservativ” und “zu populistisch” können uns übrigens nur die halten, die uns schon lange nicht mehr gelesen haben.

 

Jeden Morgen, Herr Peters, als eine von fünf Tageszeitungen. Schreibt die “Welt” denn schwarze Zahlen?
Mit einem Augenzwinkern könnte ich sagen, dass die “Welt” heute sogar die profitabelste Zeitung der Welt ist. Sie wird ja nur noch von einem kleinen Team gemacht, Stichwort “Online to print”. Alle Geschichten werden für Online erstellt, die besten davon müssen anschließend für die Zeitung nur noch von wenigen Redakteuren produziert werden. Aber klar, natürlich gilt auch für uns: Der Druck im Printgeschäft ist hoch. Andererseits stellen wir gerade Journalisten ein. Aktuell habe ich Christian Meier aus der Chefredaktion von Meedia als verantwortlichen Medienredakteur verpflichtet, weitere Neueinstellungen stehen bevor.

 
Wenn die gedruckte Zeitung nur noch eine Zusammenstellung von Online-First-Artikeln ist, dann kann sie eines Tages auch wegfallen.
Sicher. Genau wie Journalisten, deren Denken nur um das Bedrucken von Papier kreist… Wir wollen unsere Leser, Nutzer, Zuschauer auf möglichst allen Kanälen erreichen, künftig mit N24 auch im Fernsehen. So lange es genug Menschen gibt, die eine gedruckte Tageszeitung lesen möchten, werden wir ihnen die liefern. Aber das sind letztlich nur Vertriebsfragen. Es geht mir um Geschichten, um Inhalte, um Journalismus, nicht um den Medienkanal, in dem wir veröffentlichen.

 
Nur Vertriebsfragen? Wieviele Journalisten arbeiten für die “Welt”? Wie wollen Sie die bezahlen, wenn die Print-Erlöse wegfallen?
Erst fragen Sie, wann “das defizitäre Blatt” eingestellt wird, und jetzt ernährt es plötzlich die Redaktion – schon eine eigenwillige Logik. Wir machen mit einigen Hundert Journalisten ein Dutzend Titel und Formate, darunter sehr erfolgreich Welt.de oder die “Welt am Sonntag”, die seit ewigen Zeiten Marktführer unter den Qualitätszeitungen am Sonntag ist, und nun zusätzlich Nachrichten-Fernsehen. Auch die gedruckte tägliche “Welt” wird es noch lange geben, da können Sie sicher sein.
 
Was mir immer noch nicht klar ist: Ist die ganze blaue Welt-Gruppe in den roten oder in den schwarzen Zahlen?
Fragen Sie einfach mal beim Vorstand nach Zahlen, ich bin für die Buchstaben zuständig.
 

Nicht nur für Buchstaben. Seit dem Kauf von N24 sind Sie auch Herr über die bewegten Bilder. Wie soll die Integration laufen? Wie arbeiten Print, Online und TV jetzt schon zusammen?
Eng. Wir sind im permanenten Austausch, beispielsweise sind fast jeden Tag “Welt”-Experten im Fernsehen. Große Geschichten werden immer häufiger gemeinsam geplant. Nehmen Sie die “Welt am Sonntag” von Testino – das Projekt ist natürlich mit Kameras begleitet und im Fernsehen gezeigt worden. Umgekehrt sind bei welt.de Livestreams von N24 zu sehen, wir nutzen auch täglich Filmmaterial von N24 für unsere Videos. Im Moment sind wir damit beschäftigt, die Strukturen der Welt-Gruppe und von N24 zusammenzubringen – wir bauen schließlich ein neues Unternehmen auf.
 

Wie soll die Zusammenarbeit künftig laufen?
Noch enger. Wir verstehen uns als eine gemeinsame trimediale Redaktion. Die Herausforderung ist es, aus eins plus eins nicht nur zwei, sondern drei zu machen, also zusammen neue Projekte und Formate zu entwickeln. Das wird ein langer Prozess. Zumal wir noch einige Jahre räumlich getrennt arbeiten müssen, bis der Axel-Springer-Neubau neben dem Verlagshaus fertig ist und wir genug Platz für Fernsehstudios haben. Aber die Chancen sind groß. Und was das Digitale betrifft, das auch künftig im Zentrum unserer redaktionellen Arbeit steht, werden N24.de und überhaupt alle digitalen Produkte schon von Januar an aus unserem Newsroom heraus gemacht werden.

 

Welt.de liegt auf einem soliden dritten Platz bei den Nachrichtenangeboten im Web, hinter Bild.de und Spiegel Online. Wie wollen Sie da näher kommen?
Wir sind schon deutlich näher gekommen. Vor zehn Jahren waren wir nicht einmal in den Top-10 der Nachrichtenangebote, vor fünf Jahren hatten wir gerade halb so viele Unique User wie Spiegel Online, und heute liegen wir bei mehr als 80 %, in manchen Monaten bei mehr als 90 %. Das spornt uns an, auch wenn der Weg weit ist. Ich sehe unter anderem Chancen darin, mehr Bewegtbild auf unseren Plattformen auszuspielen. Aber es gibt natürlich noch mehr Ideen.

 

Nicht geholfen haben dürfte, dass die “Welt” wegen des Streits um das Leistungsschutzrecht eine Weile lang bei Google News nicht mit Snippet und Thumbnail gezeigt wurde. Da brach der Traffic geradezu ein. Jetzt liefern Sie doch wieder – verstehen Sie noch die Politik Ihres Verlages in Sachen Leistungsschutzrecht?
Eines ist klar: Journalistische Arbeit muss bezahlt werden, darin sollten sich alle Journalisten einig sein.

 

jan-eric.peters@axelspringer.de, Telefon 030 2591-788 11, * 1.4.1965 in Berlin
 
welt.de/autor/jan-eric-peters, kress.de/kopefe, wikipedia.de, twitter.com/jep_, turi2.de, mediumagazin.de, youtube.com (33-Min-Vortag, 2014), youtube.com (2 Min aus dem Newsroom)

2 Gedanken zu „Was macht eigentlich Jan-Eric Peters?

  1. Leser

    Ein super Aufmacher für das Interview wäre doch eigentlich die Einordnung von Herrn Peters, dass “Bild am Sonntag” keine Qualitätszeitung ist.

  2. Uwe Ostertag

    Deshalb liebe ich ja auch den Springerverlag, weil diese Zeitung die beste Realsatire der Welt darstellt, es liegt wohl auch daran, dass deshalb die Welt sehr schwarze Zahlen schreibt. Nur wäre Peters etwas risikofreudiger und weniger pragmatisch, dann müsste er aber auch erkennen, dass man der Welt leicht das Wasser reichen könnte, unter Umständen sogar in die Tasche stecken.

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