Bulo's Beobachtungen
Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo“ Böhling hält für turi2 jeden Mittwoch Dolles und Doofes aus Mediendorf fest – jeweils mit spitzem Bleistift und ebenso spitzer Feder.

Bulo’s Beobachtungen: Wir brauchen Geniale, keine Gehorsamen!


Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling findet das deutsche Schulsystem wenig inspirierend. Es bereite junge Menschen nicht richtig auf die Welt vor – schon gar nicht auf die aktuelle Informationsgesellschaft. In seiner heutigen Kolumne plädiert er darum für Spickzettel-Wettbewerbe und Abschreibförderung.

von Bulo

Sie wollen lebenstüchtige Kinder? Dann nehmen Sie sie schleunigst aus der Schule! Denn unser System bereitet den Nachwuchs auf eine Welt vor, die es seit rund dreißig Jahren nicht mehr gibt und so relevant ist wie ein Faxgerät im Home Office. Sie züchtet Mitmacher statt Mitdenker. Pünktliche statt Auf-den-Punkt-Bringer. Gehorsame, keine Genialen. Und genau die bräuchten wir, um den ganzen Mindset-Müll zu beseitigen, dem wir mit der bedingungslosen Digitalität die Tür öffneten. Keine Angst, natürlich spreche ich mich nicht dafür aus, die Schule(n) abzubrechen. Aber warum es uns allen guttäte, sie öfter mal schwänzen zu lassen, will ich gern erläutern.

Nehmen wir das Abschreiben. Was bei den meisten Lehrer Lämpel*innen als Höchststrafe gilt, sollte befördert und belohnt werden. Im modernen Berufsleben, besonders in Wissensgesellschaften und agilen Arbeitsumgebungen, ist die Fähigkeit zum Teamwork, zur Kollaboration, zum Teilen von Informationen und zur Nutzung von Schwarmintelligenz (etwa in Open-Source-Projekten) essenziell. Es geht darum, gemeinsam Lösungen zu finden, nicht alleine irgendwie rumzuwurschteln. Die Schule bremst aber den, der sich effizient Informationen beschafft, und fördert den einsamen Fakten-Büffler, der mit seinen Ellbogen streberhaft seinen geistigen Erguss vor den Blicken des Banknachbarn verteidigt. Sie trainiert unsere Kinder darauf, Wissen zu horten, statt es zu teilen. Und dabei belohnt sie nicht individuelle Erfolge, sondern bestraft ganz bequem vergleichbare Fehler. Das ist nicht nur weltfremd, das ist ineffizient und unmodern. Und saudumm obendrein.

Während Schule den Spickzettel nach wie vor als Werk des lernfaulen Teufels betrachtet, sollte man ihn vielmehr als brillante Übung in Content Curation und Informationskomprimierung lobpreisen. Wer sich vor der Prüfung platzsparend auf Schuhsohlen oder den Ratzefummel schreibt, muss den Stoff durchdringen, das Wichtige vom Unwichtigen trennen und auf kleinstem Raum organisieren. Das ist genau die Kernkompetenz, die wir in einer Welt der Reizüberflutung brauchen: Relevanz filtern. Anstatt das zu verbieten, sollten wir Wettbewerbe im Spickzettel-Design veranstalten. Der beste, der effizienteste, der originellste gewinnt. Im Job fragt keiner, ob Sie eine Jahreszahl gegoogelt haben. Es zählt, ob Sie das richtige Datum gefunden und angewendet haben.

Apropos Rumkritzeln: Natürlich muss das Beschmieren von Klowänden als Vandalismus geahndet werden. Doch genau genommen sind diese in der Schule oft die einzigen Orte für anonymen, unzensierten Ausdruck und informelle Kommunikation. Sozusagen ein kleines analoges Netzwerk. In der heutigen Welt, geprägt von Social Media, Meinungsfreiheit und der Notwendigkeit, sich Gehör zu verschaffen, könnte man diese Energie in die Vermittlung von digitaler Ethik, kreativem Design oder die Gestaltung sicherer digitaler Kommunikationsräume lenken. Und somit improvisierend aus der Not eine Tugend machen – übrigens ebenfalls eine Fähigkeit, die in heutigen Klassenzimmern verkümmert beziehungsweise gnadenlos plattgemacht wird.

Also, liebe Direk-Toren, seid keine solchen! Hört auf, das unentschuldigte Fernbleiben vom Unterricht zu sanktionieren. Aus einer weitsichtigen Perspektive betrachtet, zeigt das Schwänzen eine Form von Initiative und den Versuch, Probleme wie Langeweile, Überforderung oder Sinnfragen auf eigene Faust zu lösen, indem man sich vom System abkoppelt. Die zukünftige sowie unsere derzeitige Medien-Welt braucht keine Einzelkämpfer, sondern motivierte Freigeister, die gemeinsam Initiative zeigen, Dinge hinterfragen und innerhalb des Systems oder durch die Gestaltung neuer Systeme inspiriert Probleme lösen. Eine Energie, die man nutzen könnte. Ich wünsche Ihnen eine unbeschwerte Restwoche mit viel fantasievollem U-Hakerl-Schießen. Bleiben Sie Kind, oder werden Sie endlich zu einem!

Bulo's Beobachtungen gibt es jetzt auch als gedrucktes Buch: Die 20 meistgelesenen Kolumnen unseres Publikaturisten sind als Taschenbuch mit 86 Seiten und einem Vorwort von Joe Groebel im JMB-Verlag erscheinen. Das Buch kostet 12 Euro.
jmb-verlag.de


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Zahl des Tages: “Bulo’s Beobachtungen” als Buch mit 86 Seiten.


Zahl des Tages: Mit 86 meinungsstarken Seiten erscheinen heute die "Beobachtungen" von Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling als gedrucktes Buch. Es bringt "Die 20 meistgelesenen turi2-Kolumnen" zwischen zwei Taschenbuch-Cover – u.a. mit Bulos Texten und Illustrationen zu Social Media, zum KI-Boom und zur Algorithmus-Abhängigkeit der Verlage. Das Buch mit einem Vorwort von Medienpsychologe Jo Groebel erscheint im JMB-Verlag Hannover und kostet 12 Euro. turi2 schenkt den ersten drei Einsendern, die uns nach der Veröffentlichung dieser Nachricht eine Mail mit dem Betreff "Bulo's Beobachtungen" an post@turi2.de schicken, je ein vom Autor signiertes Exemplar.
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Bulo’s Beobachtungen: Mit Gemini 3 ist dann alles vorbei.


Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling beobachtet mit Interesse und Sorge, wie leistungsstark das neue KI-Modell von Google arbeitet, das seit Mitte November die Medienlandschaft durchwalzt. Die No-Click-Rate wird dadurch noch wahrscheinlicher, vermutet er, und das wirtschaftliche Ende vieler Publisher noch besiegelter.

von Bulo

"Das reimt sich, und was sich reimt ist gut", würde der Pumuckl die heutige Headline kommentieren. Der Bulo müsste ihm daraufhin jedoch ins kindlich naive Kobold-Konterfei dichten: "Tut mir leid, du armer Wicht, doch du siehst das Ende nicht". Welches Ende, werden sich jetzt manche Publisher fragen – in der leiser aber immer lauter werdenden Vorahnung, es könnte sich um ihr eigenes handeln. Und leider haben sie genau damit recht. Denn während man in den Vorstandsetagen noch gehirnschmalzt, welches halbwegs sinnvolle Kraut gegen Gemini gewachsen ist, wird Gemini 3 dampfwalzengleich schon bald auch dieses in den Vorgärten der Verlagshäuser plattgemacht haben.

Was einen Namen trägt, der so klingt, als hätte ein schlecht gelaunter Google-Mitarbeiter im Dunkeln seine Tastatur vollgereiert, wird nicht so leicht mit einem Merlot wegzulächeln sein wie künstliche Intelligenzen der ersten Generation. Die waren für Verlage vergleichsweise nur ein Kitzeln am Fuß, das man ignorieren konnte, solange das Stand-Beinchen noch zuckte. Jetzt ist die Welle zu einem Tsunami geworden, der das komplette Geschäftsmodell überschwemmt. Gemini 3 braucht keine menschgemachten Artikel mehr, die es als Basis für eigene Texte benutzt. Es kann direkt von den Daten lernen, kann auf die Rohdaten von Twitter, Wikipedia und anderen digitalen Müllhalden zugreifen und daraus eine eigene, viel umfassendere und aktuellere Realität schaffen. Und die Verlagsverantwortlichen fragen sich: "Dürfen wir wenigstens noch unser Logo draufpacken?"

Das ist deshalb so besorgniserregend, weil dieses neue KI-Modell aufwarten kann mit erheblichen Fortschritten in logischem Denken, multimodalem Verständnis und der Fähigkeit, komplexe mehrstufige Aufgaben auszuführen. Diese "Agentic Capabilities" begreifen Texte, Bilder, Audio, Video und Codes nahtlos. Und das über verschiedene Medienformate hinweg. Und schneller, als selbstgefällige Change- und Projekt-Manager erschrocken "Fuck, was is'n hier los?!" plärren können. Im Gegensatz zu jenen, ist Gemini 3 übrigens nicht nur in der Lage, zielführende Antworten bereitzustellen, sondern höchst effektiv und selbstständig mehrstufige Aufgaben zu planen beziehungsweise auszuführen. Eine Fähigkeit, die man fast schon als autonomes Handeln mindestens aber Denken bezeichnen könnte.

Durch das größer gewordene Kontextverständnis kann Gemini 3 den gesamten Inhalt eines umfangreichen Artikels, eines wissenschaftlichen Papiers oder einer ganzen Webseite in einem einzigen Durchgang verarbeiten und somit noch schneller und vollständiger antworten. Nuanciertere, genauere und qualitativere Zusammenfassungen wiederum erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Benutzer diese immer mehr als ausreichend empfinden und noch seltener die Originalquellen besuchen werden. Gell, Pumuckl, nich ganz so knorke, wie du vermutet hast! Was die Publisher tun sollen, fragst du? Wäre man so frech wie du, würde man ihnen zurufen: Verkaufen Sie alles! Das Verlagsgebäude, die Druckmaschinen, die schicken Ledersessel. Investieren Sie in eine Agentur für künstliche (oder noch besser: natürliche) Kreativität. Oder in Kaffeemaschinen, die sich selbst bedienen. Das ist immerhin eine sichere Wette.

Weil das natürlich nicht wirklich die Lösung sein kann, hier noch eine weitere mögliche Moneten-Maschine: Entertainment! Künstliche Intelligenz kann alles lernen, aber den subtilen, schwarzen Humor, den die Leser so lieben, wird sie nie verstehen. Also, investieren Sie in Satire, Comedy, Kabarett, Kinos, Filme, Sender, Bewegtbilder, Infotainment, Karikaturen, Kultur … und vielleicht auch in einen Schimpfwort-Kurs für Führungskräfte! Klingt lustig, ist aber kein Scherz. Denn für intelligente Unterhaltung klicken Menschen nach wie vor gern. Für die reine Information und Ratgeberei wird das in Zukunft noch weniger nötig sein. Eine Restwoche mit viel Lachen, das nicht im Halse stecken bleibt, wünsche ich!

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Bulo’s Beobachtungen: Ein Hoch aufs Daydrinking!


Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling beobachtet in den Medien eine aufkommende Stimmung gegen Alkohol. Zwar anerkennt er durchaus die Gefahren der gesellschaftlich legitimierten Droge, will sich die nachmittägliche Weinseligkeit aber nicht madig machen lassen. Mehr noch: Er sieht darin sogar einen Kreativitätsbeschleuniger.

von Bulo

Die Liste der Dogmen, denen wir als Leser, Wähler und Menschen in der heutigen Zeit huldigen sollen, ist lang. Irgendjemand hat sie wichtigtuend ergänzt und einen weiteren richtigtuenden Punkt dazu gekritzelt: "So lasset ab von jeglichem Alkohol!" … Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Während es lange Zeit hieß, ein Glas Wein am Tag sei gesund, weil es das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken und die Durchblutung verbessern soll, kämpft sich jetzt eine wissenschaftliche Phalanx ihren Weg, die nicht nur abendliches, sondern schon ein gepflegtes Tagtrinken verteufeln will. Doch nicht mit mir, ihr sittenstrengen Ritter der spaßbefreiten Tafelrunde!

Harald Juhnke hatte es dereinst auf den Punkt gebracht mit seiner Definition von Glück: "Keine Termine und leicht einen sitzen." Und wer ehrlich ist, der weiß um das herrlich luxuriöse Gefühl, nach einem erfolgreichen Vormittag und dem einhergehenden Business-Lunch mit Freunden ein Gläschen aufs Leben zu heben. Oder auch zwei. Nach einer guten Pasta und in einem Moment der Gelassenheit, in dem man niemanden mehr behelligen muss und auch selbst frei von der Gefahr ist, noch von jemandem angerufen, angesimst, -geappt, -mailt oder sonstwas zu werden. Unvorstellbar, in Italien oder Frankreich ohne "Saluti" beziehungsweise "Santé" in den Nachmittag zu starten. Den Deutschen indes scheint das schon wieder zu viel Lebensfreude zu sein, die es um jeden Preis zu reglementieren gilt.

Ich sehe sie förmlich vor meinem angeheiterten Auge, die nörgelnden Hafermilch-Latte-Jünger: Wie kann er sich für Drogenkonsum aussprechen? Weiß er denn nicht … Doch, weiß er! Ja, in Deutschland gibt es ein Alkoholproblem und über anderthalb Millionen Menschen, die die Kontrolle über ihre freie Entscheidung verloren haben. Für sie ist Trinken kein Kann, sondern ein Muss. Aber die Welt wird nicht besser, wenn wir denen, die sie Tag für Tag positiv mitgestalten, jede Alltagsfreude vermiesen. Oder anders gefragt: Was ist verwerflicher, dem Burnout-gefährdeten Kollegen noch einen weiteren Termin ins Outlook zu ballern oder ihn zu einem gut gekühlten Weißen einzuladen? In Momenten, da die Produktivität unter dem Gewicht des Alltags erstickt, gibt es nur eine Lösung: die Flucht nach vorn. Ein Lugana um Zwei ist kein Zeichen von Resignation, sondern von visionärer Lebensplanung.

Wir leben im 21. Jahrhundert, wo die Algorithmen entscheiden, was wir als Nächstes lesen, denken, konsumieren. Ist es da nicht ein revolutionärer Akt, die Kontrolle über den eigenen Zeitplan zu übernehmen? Daydrinking ist das analoge Äquivalent zum digitalen Detox, das Mentoring-Programm für die überlastete Seele. Es zwingt zur Pause und sorgt dafür, dass man die Welt wieder mit den eigenen, nicht den digitalen Augen sieht. Man muss es nur richtig angehen, dann ist es eine Kunst und keine Sauferei. Es geht nicht um den Rausch, sondern um die Nuance. Nicht trinken, um zu vergessen, sondern um besser zu erinnern, wie schön das Leben sein kann. Man hockt nicht in einer dunklen Kneipe, man entspannt auf der sonnenbeschienenen Terrasse. Kippt keinen Wodka, sondern nippt an einem Aperitif. Es ist die kleine Geste des zivilen Ungehorsams, die wir uns alle im Hamsterrad des Kapitalismus verdient haben.

"Penicillin heilt Krankheiten", wusste dessen nobelpreistragender Erfinder Alexander Fleming, "aber Wein macht die Menschen glücklich". Schriftsteller Robert Louis Stevenson hätte ergänzt: "Und die Klugen klüger", denn laut ihm wirke der Rebensaft stärkend auf den Geisteszustand, den er vorfindet. Ganz bescheiden würde ich noch anmerken wollen, dass er obendrein auch kreativer macht, und Freigeister mit konstruktiven, manchmal herumspintisierenden Gedanken können wir heute mehr denn je gebrauchen. Warum ich weiß, dass das die Wahrheit ist? In vino veritas – mehr muss ich dazu nicht schreiben, jetzt um 14.00 Uhr … Doch, vielleicht noch das Lebensmotto eines mir wichtigen Menschen, meiner Großmutter: "Die Dosis macht das Gift." In diesem Sinne wünsche Ihnen eine Restwoche mit dem Gefühl fürs richtige Maß, Prosit!

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Bulo’s Beobachtungen: Goodbye, Social Media!


Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling beobachtet in seinem Umfeld einen Überdruss gegenüber Insta, Facebook & Co und wagt die Prognose, dass deren Zeit gekommen ist. Das Leben wird wieder analoger, prognostiziert er, und Social Media bald Geschichte sein.

von Bulo

Ich hau jetzt mal die These raus: Wir haben fertig! Nicht mit dem Leben, aber mit dem permanenten virtuellen Schulterklopfen in den unendlichen Weiten des Weltwebs. Die große Social-Media-Sause steuert unaufhaltsam auf jenen peinlichen Moment zu, in dem das Licht angeht, die Musik verstummt und man realisiert, dass man die letzten zehn Jahre in einem Raum voller Fremder verbracht hat, die einem Witze erzählen, die kein Mensch versteht. Okay, das fing ja alles ganz nett an. Facebook war das digitale Wiedersehenstreffen mit der Grundschulklasse, Twitter der Stammtisch der Meinunghaber (oder zumindest derer, die meinten, eine zu haben) und Instagram das virtuelle Tagebuch der Urlaubserinnerungen.

Doch die Partygäste haben sich vermehrt. Exponentiell. Und sie sind unerträglich geworden. Der Algorithmus hat uns in seine Fänge genommen. Er serviert uns nicht mehr das, was wir sehen wollen, sondern das, was uns am längsten wach und klickbereit hält. Und das ist der pure Superquatsch. Social Media ist heute der Ort, an dem sich die Welt in zwei Lager teilt: jene, die Ihnen mit missionarischem Eifer erklären, warum Sie falsch liegen. Und jene, die Ihnen ihre glutenfreien, veganen, aber unbestreitbar traurigen Haferflocken-Bowls als kulinarische Offenbarung anpreisen wollen. Jeder ist Experte, jeder hat eine Meinung, jeder was zu verkaufen. Meist sich selbst. Die Authentizität ist so authentisch wie ein Fünf-Euro-Schein aus dem Farbdrucker.

Doch der Sargnagel für das digitale Miteinander ist gekommen: die Künstliche Intelligenz. Als ob die menschliche Dummheit nicht schon gereicht hätte, perfektionieren wir heute die maschinelle Täuschung. Früher musste man noch selbst zum Fotografen gehen, um ein Porträt zu fälschen. Heute generiert uns die KI in Sekundenschnelle das perfekte Leben, die perfekten Freunde, die perfekte politische Meinung. "Alles Lüge" könnte der Soundtrack zu unserer Selbstverarsche lauten, natürlich ki-ntoniert von Retorten-Rio Reiser. Die Grenze zwischen Realität und synthetischem Schrott ist nicht mehr unscharf, sie ist nicht mehr existent. Sie sehen ein Video von Kriegrich Merz, der eine Polonaise durchs Kanzleramt anführt? Früher hätten Sie nur gelacht. Heute fragen Sie sich: War das jetzt echt oder ein cleverer Deepfake von einem gelangweilten Teenager aus Paderborn?

Wenn wir nicht mehr wissen, wem wir glauben können (dem Bild, dem Ton, dem Text?), bleibt uns nur noch der Rückzug ins Analoge. Die Sehnsucht nach haptischer, unbestechlicher Begegnung wird zur neuen Massenbewegung werden. Die Wende kommt nicht durch politische Regulierung oder ethische Einsicht. Sie kommt durch Ermüdung und Paranoia. Durch die bleierne Schwere der Belanglosigkeit und die Angst vor der perfekten Fälschung. Irgendwann werden wir alle des Inszenierens müde, des Konsumierens und des Misstrauens. Und endlich das Smartphone beiseitelegen. Das neue Statussymbol wird dann die Unerreichbarkeit sein. Die wahre Elite der Zukunft sind nicht die mit den meisten Followern, sondern mit der konsequentesten Funkloch-Strategie. Das analoge Leben wird zum neuen Luxusgut, weil es das einzige ist, dem wir noch trauen können.

Ein Dinner ohne das obligatorische Selfie mit Vorspeise … ein Spaziergang ohne GPS-Tracking für die Fitness-App … ein Gespräch, bei dem man dem Gegenüber in die Augen sieht, statt auf das leuchtende Display. Und man sicher sein kann, dass es sich um einen echten Menschen handelt und nicht um einen gut programmierten Chatbot. Es wird langweilig werden, still und wunderbar. Die digitale Entziehungskur wird zur Schickeria. Und dann haben wir wieder Zeit für die wirklich wichtigen Dinge: Sex, ein gutes Buch, ein anständiger Rotwein und das entspannte Betrachten der Unzulänglichkeiten dieser Welt, ganz ohne Kommentarfunktion und ohne künstlich generierte Filterblasen. Und müssen uns (und die KI) nicht ständig fragen, ob vielleicht sogar die gern gelesene Kolumne nur geschickt gepromptetes Palaver ist. Ich wünsche Ihnen eine Restwoche – nein: ein ganzes Restleben frei von jeder Form der Derealisation und voller erfahrbarer Freuden!

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Bulo’s Beobachtungen: Wir brauchen verpflichtende Streamvestitionen!


Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling will sich dem Jubel um die 250 angekündigten Millionen Euro Filmförderung nicht vollends anschließen. Als Gap-Finanzierer wünscht er sich von der Politik zusätzlich eine Investitionsverpflichtung für Streamingdienste.

Der Kulturstaatsminister hat gesprochen. Macht er ja gut. Und gern. Wie ein Erweckungsprediger bei den Gläubigen verkündete Wolfram Weimer jüngst einen "Investitionsboom" nie dagewesenen Ausmaßes. Die Menge tobt, die Film-Crews fallen sich in die Arme, und die Produzenten füllen schon mal die Anträge aus. Man hat ja Übung. Doch Moment mal, liebe Traumfabrikanten! Wer genauer hinhört, erkennt das Kleingedruckte in dieser scheinbar so großzügigen Offerte. 250 statt 130 Millionen, das ist ja nett. Aber das reicht für eine Handvoll Arthaus-Streifen mit jeweils drei Schauspielern und einem diversen Schaf, das melancholisch in die Kamera blickt. Und noch fürs Catering – wenn man spart.

Darum verebbt der Applaus vieler Filmschaffenden schneller als der Spannungsbogen in manch einem "Tatort". Sie sehnen sich nicht nur nach großzügigeren Almosen. Sie wollen etwas, das Weimer in seiner neuen Rolle als Staatsmann offenbar nur noch schwer nachvollziehen kann: die Investitionsverpflichtung. Ein Produzent denkt wie ein Unternehmer, nicht wie ein Kultur-Etat-Verwalter. Er will nicht mit dem Hut in der Hand betteln gehen. Er will die großen Pötte, die Blockbuster, die Serien-Hits. Er will, dass Amazon, Netflix, Disney und Co. in deutsche Produktionen einzahlen, statt mit ihren eigenen Shows den Markt zu fluten. Mit einer Selbstverpflichtung der Streamer und Studios wird das nix werden. Das ist, als wette man darauf, dass der Papst schon irgendwann zum Buddhismus konvertiert.

Stattdessen kommt Wohlfahrt Weimer mit einem Taschenspielertrick: 120 Millionen extra – die letztlich doch von den (freiwilligen!) Investitionen der Streamer abhängen werden. Er hat die Zahl in die Welt geworfen wie einst die Römer ihr Brot in die Spiele. Das Volk soll sich am roten Teppich delektieren, während die eigentlichen Probleme unter selbigen gekehrt werden. Man stelle sich vor, ein Anzeigenleiter würde seinem Verleger sagen: "Hier, Chef, 120 Euro extra! Jetzt aber bitte keine Gedanken mehr an die Investoren." Dieser würde ihn auslachen und dann feuern. Das ist der eigentliche Knackpunkt, hier wird es für den ehemaligen Publisher Weimer knifflig. Seine eigene Berufserfahrung müsste ihm sagen, Kohle verdienen ist besser als geschenkt bekommen. Aber jetzt, wo er selbst der Geber ist, mutiert er vom Macher zum Verteiler. Fraglich, ob er die Plattformen wirklich am Geld-Sack hat oder nur deren Absichtserklärungen.

Keine Frage, Produzenten brauchen Förderung. Aber mehr als das. Sie brauchen Wertschöpfung. Die Investitionsverpflichtung zwänge die Streamer, die hier Milliardengeschäfte machen, auch in die lokale Wirtschaft Penunzen zu packen. Das ist keine Bittstellerei, das ist Wirtschaftspolitik. Weimer verdoppelt den Geldregen mit einer Hand, schlägt mit der anderen aber die Tür zu, hinter der die echte Zukunft des deutschen Films wartet. Die Produzenten müssen also weiter zuhören, wenn Weimer am Tegernsee, Neckar oder der Spree von Großem redet, während sie sich fragen, wie sie ihr nächstes Projekt finanzieren sollen. Ein Blick ins Ausland wäre hilfreich, etwa in die Schweiz: Vier Prozent ihres dort erzielten Umsatzes müssen Streamingdienste in unabhängige eidgenössische Filme und Serien investieren. In Frankreich sind sie sogar mit bis zu 25 Prozent am Start.

Eins ist gewiss: Mit 250 Millionen Euro lässt sich hervorragend ein Epos über einen Kulturstaatsminister finanzieren, der den Produzenten 250 Millionen Euro gibt. "Guter Anfang", so ein möglicher Titel, der an den Kassen sicher kein Blockbuster-Potenzial hätte, aber (und da sind wir wieder bei der Filmkunst) vermutlich größere Chancen auf Festivals. Und damit mehr zur internationalen Sichtbarkeit des deutschen Films beitragen würde als manch hiesiger Kassenschlager. Ich wünsche uns Kinogängern darum eine Restwoche mit der Einsicht der Politiker, dass auf einem Geldsack schlecht auszuruhen ist, wenn er auch noch so groß ist!

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Bulo’s Beobachtungen: Warum ein Handwerker gefragter ist als ein TV-Vorstand.


Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling ist davon überzeugt, dass jetzt das goldene Zeitalter des Handwerks beginnt. Controller, Designer, Marketer, Texter – sie alle sind mehr denn je ersetzbar, wie er in seiner heutigen Kolumne feststellt. Und das hätten sie sich zum Teil selbst eingebrockt.

von Bulo

Die Medientage sind vorbei und mit ihnen die Hoffnung, dass alles schon nicht so schlimm werden wird. Dass die KI uns letztlich doch mehr Segen als Unheil bringt und dass von irgendwoher schon ein kleines Lichtlein kommt. Spoiler: Ja, nee, eben nicht! Und damit sieht die Zukunft leider nicht ganz so rosig aus. Zumindest nicht die in den Medien, der Werbung oder dem Marketing. Es sei denn, Sie sind jemand, der dieses Licht einbauen oder reparieren kann. Richtig, ein Handwerker. Denn deren goldenes Zeitalter beginnt gerade erst. Künstliche Intelligenz kann zwar in Nanosekunden ein ganzes Fair-Trade-Kaffee-schlürfendes Kreativteam ersetzen, repariert kaputte Rollläden, Klos, Heizungen oder eben Beleuchtungsanlagen aber sicher noch jahrzehntelang nicht.

Damals, als wir uns an den Konfi-Tischen für unersetzlich hielten, schwitzte der Installateur bei uns zu Hause und reparierte den Abfluss, den wir mit dem ganzen Scheiß der einst üppigen Branchen-Buffets verstopft hatten. Stets irgendwie belächelt, weil sich viele als die großen Strategen sahen, ihn aber nur als Stöpselzieher. Dank Chatten und Tschipitien wird immer klarer, wer am Ende des Tages wirklich unverzichtbar ist – und es sind nicht die, die mit Content klempnern. Unsere Werkzeuge sind Hypes, ihre sind Hämmer. Wir reden über Trends, die in sechs Monaten niemand mehr kennt, sie reparieren Dinge, die in sechs Jahren noch halten.

Ein Medienprojekt kann mit so viel Tamtam auf den Markt kommen wie ein Rockkonzert, nur um dann zu implodieren wie eine überhitzte Glühbirne. Ein Handwerker hingegen bekommt nur dann eine gewischt, wenn er falsch verdrahtet – und selbst dann hat er zumindest eine gescheite Story, die er in der Kneipe tellen kann. Im Gegensatz zu uns, die wir nur unseren Abschied aus dem nächsten gescheiterten Start-up zu verkünden haben. Ganz zu schweigen von der Bezahlung! Wir Medienfuzzis hocken in unseren Großraumbüros, und warten (oft vergebens) auf das große Geld, das angeblich mit dem nächsten Klick kommt. Die Handwerker kriegen ihr Geld. Meist sogar mit Vorkasse. Und zwar für etwas, das man anfassen kann.

Es ist, als würde man Äpfel mit Sternschnuppen vergleichen. Der Himmelsgucker hat eine romantische Geschichte, aber der Apfelpflücker was für den Magen. Und wer zahlt die Rechnungen am Monatsende? Der, der was zu Fressen hat. Ich will nicht behaupten, dass unsere Arbeit keine Daseinsberechtigung hat. Irgendwer muss ja auch für Entertainment sorgen. Aber während wir Produkte und Messages auf Hochglanz polieren, lacht sich der Elektriker ins Fäustchen. Weil er weiß, dass er nicht nur uns, sondern auch unsere Company mit Strom versorgen muss. Und wenn der ausfällt, kann unser Medienkosmos so schnell im Dunkeln enden wie unsere Karrieren. Wenn die nächste Krise kommt - und sie kommt immer - dann werden die, die eine Zange statt einer Maus bewegen, diejenigen sein, die am Ende noch auf der soliden Leiter stehen.

Und wir? Haben vielleicht eine Million Klicks gesammelt. Aber was ist das wert, wenn die Heizung nicht mehr geht? Ein Handwerker schüttelt den Kopf, wenn er hört, dass wir uns selbigen über eine „Brand-Awareness-Kampagne“ zerbrechen. Seine Kampagne läuft besser: Er repariert den Brand, bevor er entsteht. Damit ist er zu Recht Profiteur des Dilemmas, an dem wir in der Vergangenheit alle fleißig, karrieregeil und eitel mitgewirkt haben. Ich wünsche Ihnen eine Restwoche mit wenig Dach- oder sonstigen Schäden! Bleiben Sie demütig für die Erkenntnis, dass die Dinge nicht in Stein gemeißelt sind, und die, die meißeln können, eine der wenigen Konstanten der Berufswelt sind.

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Bulo’s Beobachtungen: Wie der Pumuckl die Medientage eröffnen würde.


Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling wird auf den heute beginnenden Medientagen München bestimmt auch erscheinen. Für seine heutige Kolumne hat er sich und Googles neuen KI-Modus gefragt, wie wohl der Pumuckl die Konferenz eröffnen würde.

Von: Bulo

Heute beginnen die Medientage München. Um die Zukunft der Medien geht es, wie so oft. Dass viele von ihnen dank Künstlicher Intelligenz keine haben, wird auch Greet-Word-Speaker und BLM-Boss Thorsten Schmiege nicht lustigreden können. Ich habe darum (faul und frech, wie ich manchmal bin) einfach den neuen KI-Modus von Google gefragt, wie der Pumuckl wohl eine launige Eröffnungsrede halten würde. Hier die wunderbar witzige wie weise Antwort:

… Huiiiii, grüß Gott, ihr gscheidn Leut! Ihr habt mich eingeladen zu euren "Medientagen". Was für ein Wort! Klingt nach langweiligen Typen in Anzügen, die sich den ganzen Tag nur wichtigtun und über die Zukunft faseln. Naja, ich halt mich da raus, ich mach lieber Blödsinn. Aber wisst ihr was? Ihr habt ein Problem. Ein großes Problem. Ihr redet über die Zukunft der Medien. Medien! Früher, da war das einfach. Da gab's Zeitungen, die hat der Meister Eder in seiner Werkstatt ausgelegt. Die konnte man anfassen, knistern hören, damit konnte man Fliegen erschlagen. Und dann gab's das Radio, das hat Geschichten erzählt, wenn man brav war. Und heute? Habt ihr nur noch Bildschirme. Große, kleine, ganz kleine. Überall leuchtet's und blinkt's. Und keiner weiß mehr, was echt ist und was nur so ein KI-Schmarrn. Ich seh euch doch in euren Büros hocken. Ihr schaut den ganzen Tag auf eure Kästen und denkt, ihr seid die Meister des Geräts. Dabei klebt ihr doch schon da dran fest, so wie am Leim in der Werkstatt vom Eder.

Ihr redet über Algorithmen und Künstliche Intelligenz. Die soll jetzt alles machen. Texte schreiben, Bilder malen, vielleicht sogar bald die Witze auf euren Bühnen reißen. Aber wisst ihr was? Eine KI, die kann nicht kitzeln! Die kann nicht unter Tische kriechen und Socken klauen! Eine KI hat keine Seele, keinen Schabernack im Kopf. Sie kann nur wiederholen, was ihr ihr vorher reingesteckt habt. Gähn! Ich hab da ein eigenes Koboldsgesetz für die Medienzukunft: Der Schabernack muss echt bleiben! Ihr braucht wieder mehr Magie, mehr Überraschungen, mehr spontanen Quatsch! Nicht immer nur das, was die Daten euch sagen. Die besten Geschichten passieren nicht in euren Cloud-Speichern, die passieren, wenn man nicht hinschaut. Wenn der Wind pfeift und die Türen knallen.

Wisst ihr, der Eder hat immer gesagt: "Pumuckl, du bist ein Schlawiner!" Und genau das fehlt euch. Ein bisschen Schlawinertum. Mein Tipp: Mehr draußen spielen, weniger reingucken! Mehr Unfug, weniger Vernunft! Mehr Lachen, weniger Daten-Dachen! Ui, das reimt sich. Und was sich reimt, ist gut. Ich bin ja meistens unsichtbar. Und wisst ihr, warum? Weil das, was man nicht sieht, oft viel wichtiger ist als der ganze sichtbare Quatsch, den ihr produziert. Eure Medienwelt ist zu laut, zu bunt, zu vollgestopft. Werdet mal wieder ein bisschen unsichtbarer, dann seht ihr vielleicht, worum es wirklich geht. …

Chapeau, du köstlicher Kobold, oder besser KI-Bold. Das hast du trefflichst auf den wunden Punkt gebracht. In diesem Unsinne wünsche ich Ihnen eine klabautermännische Restwoche, in der Sie möglichst niemandem auf den Leim gehen. Genießen Sie die Medienwerkstatt in der bayerischen Hauptstadt ebenso offenherzig und -geistig wie alle anderen Kommunikationskongresse dieser Republik. Aber halten Sie keine Ausschau nach dem kleinen Rotschopf, Sie werden ihn nicht sehen!

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Bulo’s Beobachtungen: Warum ich mir auf LinkedIn irgendwie outlinked vorkomme.


Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling hat sich jahrelang gegen LinkedIn gesträubt. Auf Drängen von Freunden und Geschäftspartnern meldete er sich vergangene Woche nun doch bei dem beruflichen Netzwerk an – und fragt sich in seiner heutigen Kolumne, warum er das getan hat.

Von Bulo

Nachdem mir aus meinem Umfeld von Prügel bis hin zu Liebesentzug so ziemlich alles angedroht wurde, wenn ich jetzt nicht endlich diesem Netzwerk beitrete, habe ich nach langjährigem, tapferem Widerstand nun kapituliert und mir als MTLA (Much Too Late Adopter) auf LinkedIn einen Account gebastelt … und bereits nach ein paar Tagen gegrübelt, ob es nicht doch besser gewesen wäre, sich für die Peitschenhiebe auf die Fußsohlen oder die ewige Verdammnis zu entscheiden. Nein, nein, das ist schon dufte, alle mal wiederzusehen, die einem so im Laufe des beruflichen Lebens über den Weg ins Corner Office gestolpert sind. Wie ein Freundschaftsbuch für Altgewordene oder eine Art Klassentreffen.

Mit dem Unterschied, dass man nicht all die lästigen Fragen beantworten muss, was man denn so treibe, denn das hämmert man sich ja gut sichtbar ins Profil, unter das fancy Foto mit der möglichst aufdiekackehauenden Job-Description. Was ich allein darauf für Zeit ver(sch)wendet und Essensrufe meines Nachwuchses unbeantwortet ließ – ein Graus! Einerseits schäme ich mich dafür, andererseits hat die Weltgesundheitsorganisation Sucht als Abhängigkeitssyndrom mit körperlichen, kognitiven und Verhaltenssymptomen klassifiziert. Damit ist sie eine anerkannte Krankheit, gekennzeichnet durch ein gestörtes Belohnungssystem und einen Kontrollverlust über Konsum oder Verhalten.

Und Belohnungen – jaaaaa, die gibt es zahlreich: Zack, da ist der Beifall von Christian, hier ein Lacher von Karin, und irgendein Robert hat sogar kommentiert. Dopamin pur, und trotz 50 monatlichen Oecken für die Premium-Mitgliedschaft immer noch billiger als das Dope vom Dealer um die Ecke. Was, der blasse Typ da von diesem Sender hat 4.325 Kontakte mehr als ich?! Das muss geändert werden! Aber wie? Zunächst einmal gilt es zu begreifen, wie man einen beklatschten Kommentar zu einem gereposteten Like auf ein kommentiertes Smiley versendet – oder so ähnlich. Wieder ein paar Stunden draufgegangen. Ebenso für das Ablichten von sich selbst neben dem Busfahrer, der Apothekerin, meiner Nachbarin, Zahnärztin und dem Blumenverkäufer am Eck.

Ja entschuldigen Sie mal: Selfies müssen sein, so wurde mir geheißen! Also rase ich seitdem wie ein Bekloppter durch die Straßen, in der Hoffnung, die Menschen fühlen sich nicht durch meine Umarmungen belästigt. Ganz wichtig scheint zu sein, auch aus den banalsten Ereignissen einen Nutzen fürs geschäftliche Weiterkommen herzuleiten. Während ich auf Instagram einfach ein Foto der umgekippten Tasse hochlade, weil im Malheur das Gesicht von Jesus erschienen ist, beginne ich den entsprechenden Beitrag auf LinkedIn mit "Warum ich heute Morgen meinen Kaffee verschüttet habe, und was Sie daraus für Ihr Business lernen können". Irgendjemand lässt mir bestimmt ein "Wow, danke, was für ein wertvoller Beitrag" da. Denn wenn die Karriere mal nach unten geht, die Daumen nach oben bleiben.

Die Hoffnung, zwei flotte Fliegen mit einer Klappe zu erledigen und endlich meinen ebenso überteuerten Tinder-Account löschen zu können, habe ich schon nach einer Woche aufgegeben. Hier geht es nur ums Geschäft, verstanden. Darum arbeite ich brav daran, ein wertvoller InLinker zu werden, ganz im Sinne von Karl Valentin, der schon lang vor Social Media wusste: "Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen". In diesem Sinn wünsche ich Ihnen eine sprachlose Restwoche mit mehr Zuhören als Reden! Vielleicht begegnen wir uns ja mal – draußen, im echten Leben…

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Bulo’s Beobachtungen: Künstliche Intelligenz ist natürlich dumm.


Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling hat sich in dieser Woche mehrmals über KI amüsiert bis gewundert. Er attestiert der Technologie sowohl Manipulierbar- als auch Gefährlichkeit, vor allem wegen des Verbreitens fehlerhafter Informationen. Je mehr wir sie nutzen, so seine Bedenken, desto blöder werden wir.

von Bulo

Habe ich in der Überschrift allen Ernstes behauptet, die KI sei dumm? Bitte verzeihen Sie, das ist natürlich töricht, weil nur die halbe Wahrheit. Denn entgegen der allgemeinen Neuphorie, die an finsterste Tamagotchi-Zeiten erinnert (wissen Sie noch, diese nervigen Anhängsel, die ständig gefüttert werden wollten?) erlaube ich mir die verbalisierte Verachtung: Sie macht obendrein noch dumm! Weil sie Stück für Stück, Klick für Klick unser wichtigstes Organ lahmlegt. Nein, liebe Medienfachkräfte, damit meine ich nicht die Leber, sondern das Gehirn. Bitte nicht gleich schnappatmen, erst einmal weiterlesen, es klärt sich alles auf.

Anlass für diese (gar nicht so) steile These war eine neuerliche Selbstgoogelei. Ja, selbstverständlich betreibe ich diese Onlinenanie – so wie Sie zum Großteil doch auch. Und was brachte die zu Tage? "Bulo" beziehe sich auf Peter Bulo Böhling, einen "Publikaturisten und Kreativchef, der auf turi2.de schreibt". Bei einer späteren Suche war ich dann gar "Herausgeber des Online-Magazins Turi2". Während letzteres wegen der grotesken Kuriosität und Unnachvollziehbarkeit nicht nur über Johann Oberauers eigentlichem Verlegerkopf Fragezeichen kreisen lässt, ist der "Publikaturist" ein Beleg für die Gefährlichkeit der Technologie und die Notwendigkeit, alles konsumierfertig Zusammengefasste letztlich sorgfältig auf Validität zu kontrollieren.

Was zum Höllenfürsten ist ein "Publikaturist"?! Ganz einfach: eine Wortbastelei, mit der ich im Mai dieses Jahres meine publizistischen und karikaturistischen Ansätze plakativ für den Kolumnenvorspann verschmelzen wollte; null Treffer bei Google, yeah! Und weil diese geminichtsnutzige Suchmaschine das nun wöchentlich in die Crawl-Kiemen gefüttert bekommt, bin ich jetzt eben höchstoffiziell – genau – ein Publikaturist. Nun könnte man sagen, es sei ja eher unwahrscheinlich, dass einmal Klassenarbeiten über mich geschrieben werden müssten, und dieser Quatsch darum auch niemanden interessiere. Stimmt, das daraus resultierende Problem hingegen durchaus!

"Kognitives Offloading" nennt sich das Phänomen, bei dem Denkaufgaben an KI-Systeme übertragen werden. Zwar kann das grundsätzlich auch wahrnehmende und erkennende Ressourcen freisetzen. Viel wahrscheinlicher ist allerdings ein Verkümmern des kritischen Denkvermögens – vor allem bei Jüngeren, wie eine Studie der SBS Swiss Business School herausgefunden hat. Mit anderen Worten: Je öfter wir ChatGPT & Co. nutzen, desto blöder werden wir. Desto denkfauler, argloser, bequemer und abhängiger. Wie so oft heißt das Gegengift: Bildung. Mit höherem Grad steigt die Skepsis gegenüber den KI-Ergebnissen, werden Informationen häufiger überprüft.

Mit etwas gesundem Menschenverstand braucht es dazu nicht einmal eine Studie. "Trau, schau, wem", besagt ein altes Sprichwort. Und will uns damit ermahnen, alles auf den Prüfstand zu stellen, zu hinterfragen und auszutesten. Abgesehen davon, dass dieses Vorgehen sinnvoll beim Annähern ans Wahrhafte ist, macht es außerdem noch Spaß. Nicht nur Sesamstraße-Fans wissen: Wer nicht fragt, bleibt dumm. Deshalb wünsche ich Ihnen eine kritische Restwoche, in der Sie sich durch angewandte Skepsis vor Täuschung und Enttäuschung schützen!

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Bulo’s Beobachtungen: Gute Falschnachrichten!


Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling freut sich in seiner heutigen Kolumne auf die gedruckte Version des Satire-Portals "Der Postillon". Vor allem, weil er findet: Alteingesessene Publisher könnten von dem Marketing-Scoop so einiges lernen, wenn Sie bereit wären, einmal selbstreflektierend von ihrem Routine-Ross herunterzusteigen.

Von: Bulo

Ja, diese Kolumne hat mitunter einen eher defätistischen Ton. Das liegt daran, dass der Blick auf die Medien- und restliche Welt derzeit viele Frustrationsfallen bietet. In Bayern etwa, der Heimat des Verfassers: Hunderttausende Zugereiste, die mit kultureller Aneignung in Trachtenimitate gewurstet auf die Wiesn invadieren … ein Ministerpräsidentendarsteller, der statt des Verbeißens in seine eigentlichen Aufgaben unappetitlichst fettiges Fleisch bevorzugt (oder wahlweise Neil-Diamond-Songs verhunzt), während seine Tochter in einer nicht minder peinlichen TV-Show fremdschamauslösend die Absenz von Intelligenz zelebriert … und von der richtigen Politik ganz zu schweigen. Grund genug also, um hier und da mal ein ratloses "WTF?!" zu droppen.

Doch es gibt auch Erfreuliches zu berichten, gute Nachrichten. Oder besser gesagt: gute Nichtnachrichten, die zeigen, dass Fake News nicht immer etwas Verwerfliches haben müssen. Höchstens etwas Wegwerfliches. Um zum Punkt zu kommen: Die Satire-Seite "Der Postillon" bringt eine Zeitung an den Kiosk und in die Zustellung. Das ist geil – Punkt! Denn was an sich klingt wie ein Scherz, ist ein großartiges Beispiel für erfolgreiches Marketing, in dem deutlich lesbar dessen Ursprung steckt: Marke! Marke, liebe Medienmanager, das ist das, was ihr in den vergangenen Jahren sträflich vernachlässigt habt, sodass sich viele Nutzer fragen, wofür sie euch eigentlich noch brauchen und wofür ihr steht.

3.000 Abonnenten benötigte Postillon-Papa Stefan Sichermann nach eigenen Angaben, um die monatlich geplante Printausgabe zu realisieren. Über 3.700 sind es bis dato. Also fast 4.000 kumulierte Menschen, die bereit sind, 4,98 Euro für ein Exemplar in ihrem Briefkasten auszugeben. Um dann sowas zu lesen wie "700 leere Seiten – Scholz veröffentlicht ebenfalls seine Memoiren", "Altersarmut – Immer mehr Rentner werden von Enten gefüttert" oder "Klöckner von Notre Dame – Pilawa zeigt Urlaubsfotos". Das sind nicht einfach Leser, das sind Bekenner und damit die härteste Währung, die es in der Branche überhaupt gibt.

Gut, man könnte unken, dass bei rund elf Millionen monatlichen Visits im Prinzip noch mehr Transfer und damit Print-Abos möglich gewesen wären. Könnte man – wenn einem nicht chronisch die eigene Zielgruppe davonlaufen würde. Also, liebes Publishment: Durchatmen und nachdenken, was ihr von so einem Scoop lernen solltet. Zum Beispiel, dass es drei Kenngrößen gibt, die eine KI nie wirklich liefern kann: menschliche Authentizität, Kreation (denn sie klaut einfach nur frech zusammen) und Trust. Genau, Vertrauen schaffen. Das Satirevolk vertraut den Sichermannen, und sie werden vermutlich nicht enttäuscht werden. Hey, wie auch, wenn eins der Versprechen der "nackte Seite-3-Opa in jeder Ausgabe" ist?!

Die ideologisch schlagseitige Komik der Macher muss nicht immer gefallen. Aber es empfiehlt sich anzuerkennen, dass es in der heutigen Zeit nicht mehr ohne Humor geht. Dass vor allem dieser die Hintertür sein kann, die die Botschaft wieder in die Herzen der gewünschten Empfänger lässt. Und dass es sich lohnt, zu seinen Ecken und Kanten zu stehen. Brandbuilding at its best eben. Ich wünsche Ihnen darum eine schelmische Restwoche, in der Sie nicht nur mit anderen, sondern auch über sich selber lachen können. Trauen Sie sich, es wird Ihnen guttun!

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Bulo’s Beobachtungen: Für Druckerschwärze seh ich schwarz!


Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling vermutet in seiner Kolumne an lässlich der Themenwoche Zeitungen keine große Zukunft für das Printprodukt Zeitung – allerdings so manche gewinn(zurück)bringende Chance für Verlage, die begreifen: Der Nutzer von heute will nicht nur informiert, sondern vor allem überrascht und unterhalten werden.

von Bulo

Eine Kolumne über Zeitungen mit den Worten zu beginnen „Die sind toll – damit bekommt man nasse Stiefel wieder trocken!“, wäre zwar trefflich aber irgendwie einfallslos. Darum habe ich mich jüngst an einer hochfrequentierten Kreuzung in der Nähe unserer Agentur neben ein paar Stummen Verkäufern positioniert, um dem erstbesten Käufer marktforsch zu entlocken, warum er denn gern zu gefaltetem Altpapier für unterm Arm greift. Problem: Nach einer guten halben Stunde musste ich die Pirsch mangels Probanden abbrechen. Darum an dieser Stelle leider kein Flammendes-Plädoyer-Zitat. Sorry, liebe Zeitungsverleger, ich hätte es gern geliefert.

Man muss nicht Statistik studiert haben, um zu wissen: eine völlig unsinnige wie -repräsentative Aktion, die nicht im Geringsten etwas über den Zustand der Branche belegt. Mehr Aussagekraft hat indes ein Blick auf die Seite des BDZV, dem ehemaligen Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger, der seine Abkürzung 2019 zum Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger modernisierte. Nicht nur diese vier Buchstaben galt und gilt es hochzubekommen! Denn die Verkaufszahlen sehen auf ihrem Talrutsch auch 2025 nicht wirklich vorteilhaft aus, und daran wird sich in den kommenden Jahren leider nichts ändern. Mit den Abonnenten sterben so langsam die letzten Zeitungszeugen.

Periodizität, Aktualität, Publizität und Universalität lauten die wesentlichen Eigenschaften, die eine Zeitung ausmachen. Mit anderen Worten: Inhalte, die regelmäßig und zeitnah für die breite Öffentlichkeit eine noch breitere Themenvielfalt bieten – tja, doof, das holen sich die meisten heute ganz selbstverständlich aus dem Internetz. Während der Geruch von Druckerschwärze bis vor kurzem noch den Duft der großen weiten (mindestens aber der regionalen) Welt versprühte, steht sie bei nachwachsenden Medienkonsumenten entweder für gar nix mehr, im schlimmsten Fall sogar für umweltschädliche Farb-, Binde- und Lösungsmittel.

Also volle Konzentration aufs Digitalgeschäft, oder? Doch da kommt sehr schnell die allesentscheidende Frage auf, ob der Nutzer den Weg durch die Bezahlschranke mitgeht oder doch vorher abbiegt. Klar ist er bereit zu blechen – aber eben nicht für austauschbare Belanglosigkeit, sondern nur für überraschende Angebote, redaktionelle Qualität, zielgruppenadäquate Ansprache, mehrwertvolle Geschichten, seriöses Storytelling und Lesespaß. Kurzum: für glaubwürdige Marken, wie schon so oft. Vermutlich nimmt er dabei auch digitale Werbung und Beilagen in Kauf, wenn sie unterhaltend gestaltet und nicht plump auf die Netzhaut up-gepoppt werden.

Es ist nicht nur der mediale Krieg gegen die Plattformen, den manch Vereinsmeier derzeit erklärt. Auch die eigene Bräsigkeit und Mutlosigkeit müssen bekämpft werden. Geeignete Waffen hierbei könnten das Veranstaltungsgeschäft sein, mit Messen oder Kongressen. Der Ausbau der Targeting-Optionen und des Bewegtbildangebots. Und natürlich spezielle Ableger für jüngere Zielgruppen. Ich wünsche Ihnen eine Restwoche mit der Versuchung, beim nächsten Zeitungskasten einfach mal stehenzubleiben, zuzugreifen und das soeben Erworbene genüsslich im Café durchzublättern … und das nicht nur auf dem Land, wo Zeitungen sicher noch länger die Informationsquelle Nummer eins bleiben!

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Bulo’s Beobachtungen: Wir brauchen mehr alte weiße Männer!


Brauchen wir wirklich mehr "alte weiße Männer"? Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling schreibt in seiner Kolumne in dieser Woche, dass die Medien- und Kreativbranche es sich nicht leisten sollte, Menschen mit viel Berufs- und Lebenserfahrung aufs Abstellgleis zu schieben. Er spricht sich dafür aus, alte Hasen und Häsinnen wieder vermehrt ins Business einzubeziehen.

von Bulo

Warum ich in der Überschrift nicht "mehr alte weiße Frauen" fordere, liebe Wokegressive? Weil es nun mal die auf der nördlichen Hemisphäre lebenden Männer sind, die ihre helle Haut über Jahrtausende für die Vitamin-D-Produktion optimiert haben und die heute Geschlechtspate stehen müssen für dieses kurzgesprungene Klischee. Und wissen Sie was: Wenn es alte weiße Frauen wären, die angeblich den Fortschritt hemmen, hätte ich diese oben angeführt. Denn sowohl für die eine als auch die andere chromosomale Ausprägung gilt: Bockmist! Wir können gar nicht genug erfahrene (klingt schöner als "alte", ne?!) Menschen um uns herum brauchen.

Sie finden, "brauchen" klingt so wie "gebrauchen" und damit wie "benutzen"? Richtig, so war es auch gemeint. Lassen Sie uns die aus der Zielgruppe Gefallenen ruhig anzapfen! Bei den nordamerikanischen Ureinwohnern, die ich als Bübelchen noch ganz na(t)iv "Indianer" nannte, spielten die Älteren innerhalb ihrer Stämme eine wichtige Rolle als Respektspersonen, Ratgeber sowie Bewahrer von Wissen, Tradition und Weisheit. Und wir betrachten sie einfach nur als vernachlässigbare Vorruheständler. Allein das ist schon grundfalsch – weil es erstens immer mehr werden, sie zweitens immer mehr Zeit haben und drittens in der Summe auch immer mehr Kaufkraft.

Richtig dämlich wird das jugendwahnhafte Abstellgleis aber, wenn man bedenkt, welch wertvolle Analysen, Einschätzungen oder Ratschläge von Menschen kommen können, die das ganze Profilierungsgehabe der Branche schon hinter sich gebracht haben. Die Fehler nicht mehr fürchten müssen, weil sie wissen, dass einen nur diese wirklich weiterbringen. Und die darum mit einer Gelassenheit über und auf die Dinge blicken dürfen. Diese erfahrungstechnisch bestens Abgehangenen könnten denjenigen Einsteigern helfen, die Interesse daran haben, weiterzudenken, weiterzumachen, weiterzukommen. Denn: Die gibt es, auch wenn der Gen Z vielerseits grassierendes Luschentum vorgeworfen wird.

Einst nannten sich solche Helferlein Business Angels, und man wandte sich an sie wegen Kohle. Die sollte fließen, am besten reichlich. Die neue Währung sieht anders aus und heißt "Information & Innovation". Auch die Fähigkeit, im Schwarm zu denken, wird immer wichtiger. Wie schön wäre es, wenn in solch neuen Strukturen Jung von Alt lernte – und umgedreht! Ich spinn mal weiter … Warum sollten Rammler und Zibben (was denn, so nennt man alte Hasen und Häsinnen!) den Branchenkaninchen nicht unentgeltlich zur Verfügung stehen? In einer Art Paten- oder gar Freundschaft. Einfach weil es sich gehört, ein kleines Stück vom Kuchen abzugeben, den man sich über die Jahrzehnte zusammenbacken durfte. Große Freude macht es obendrein.

Ob ich mich selbst zur einen oder anderen Kategorie zähle? Wenn ich das wüsste! Fragen Sie mich in ein paar Jahren nochmal. Ich fürchte, dann wird die Antwort immer eindeutiger. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine junghaltende Restwoche mit Lust aufs Weitergeben von Wissen. Seien Sie ein Mentor, so wie der gleichnamige beratende Gefährte von Odysseus' Sohn Telemachos!

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Bulo’s Beobachtungen: Zahlungsmoral? Fehlanzeige!


Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling wünscht sich in seiner Kolumne in dieser Woche schnelles Geld. Oder wenigstens ein bisschen schnelleres Geld für all jene, meist freie Mitarbeitende, die bei ihren Auftraggebern noch eine oder mehrere Rechnungen offen haben, auf deren Bezahlung sie warten. Er beklagt in der Medien- und Kreativ-Branche eine sinkende Zahlungsmoral und droht mit der Moralkeule.

von Bulo

Ich halte nur selten hinterm Busch mit meiner Meinung – auch wenn diese für den einen oder die andere mitunter wie die eines alten weißen Mannes klingt. Warum ich glaube, dass wir von denen noch viel mehr gebrauchen können, erläutere ich übrigens kommende Woche. Aber zurück zu dezidierten Aussagen, von denen ich heute wieder eine aus fester Überzeugung raushaue: Wer Mitarbeiter, Auftragnehmer, Dienstleister und alle anderen Menschen, die eine beauftragte Leistung erbracht haben, ganz bewusst länger als vereinbart auf deren Entlohnung warten lässt, hat es nicht verdient, wahr- und ernstgenommen zu werden. Ich könnte auch sagen, der ist ein räudiger Kackstiefel. Aber Vulgarität und Justiziabilität helfen uns hier nicht weiter.

Was uns hingegen allen guttäte, wäre etwas mehr Empathie für diejenigen, die nicht am Monatsende automatisch ihr fixes Gehalt auf dem Konto haben, also die Selbständigen und Freiberufler. Warum ich mir anmaße, darüber heute zu schwadronieren? Weil es leider vermehrt vorkommt, dass im Gespräch mit Journalisten, Autoren, Sprechern, Grafikern, Stylisten, Handwerkern, Fotografen oder Beratern klar wird, wie frech immer öfter mit Zahlungszielen umgegangen wird. Und damit meine ich nicht die von vornherein feststehenden Fristen von mehreren Monaten, die sich manch Automobilkonzern, Bauherr oder Medienbude selbstherrlich in die AGB schreibt.

Ich spreche von Rechnungen, die wieder zurück an den Absender gehen, weil irgendwo ein Punkt fehlt oder der falsche Apostroph gesetzt wurde. Und das nicht zeitnah und aktiv, sondern erst nach mehrmaliger Nachfrage, wie denn der Stand des Zahlungslaufs ist. Mit viel Glück geht’s dann beim zweiten Schwung und mit der richtigen Orthografie schneller, aber wie gesagt: nur mit viel Glück. Nun könnte man diesen Unternehmen zugutehalten, dass sie Gefangene der gleichen Bürokratie wie wir alle sind. Aber das träfe nicht den Kern der Sache. Nein, es ist eine grundlegende Haltung, wie ein Haus mit der Abwicklung von Honorierung umgeht. Und ich unterstelle: Die zeitliche Verzögerung ist hier und da niederträchtiges Konzept.

Noch schlimmer sind eigentlich nur die, die Rechnungen aus Prinzip erstmal auf die Seite legen, bis sich jemand meldet. Oder – auch das soll es geben – gar nicht vorhaben, diese überhaupt jemals zu begleichen. Wenn geliefert wurde, dann wird auch bezahlt – so macht man das als Mensch mit Anstand, so einfach ist das. Kaum vorstellbar, einfach in die Bäckerei zu marschieren, eine Breze zu schnappen und dem Personal ein fröhliches „Hm, lecker, ich komm dann irgendwann mal zum Zahlen!“ zuzurufen. Die eigene Liquidität verbessern, indem man andere warten lässt? Pfui, schämt euch!

Ich bin weiß Gott (falls es ihn gibt) kein Moralapostel. Ein Zahlungsmoralapostel hingegen gern. Denn ich bin ein Freund von Werkschätzung. Ja, Werkschätzung. Also der Wertschätzung von Werken anderer – gerade der kreativen. Darum wünsche ich eine Restwoche mit viel Verständnis für die Bedürfnisse seiner Geschäftspartner. Machen Sie sie zu einer Woche des schnellen Geldes, in der alles innerhalb weniger Tage bezahlt wird. Die möglicherweise so entstehende Motivationswelle könnte positiv auf uns alle überschwappen!

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Bulo’s Beobachtungen: Was Verleger von Kolumnisten lernen können.


Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling hält für turi2 jeden Mittwoch Dolles und Doofes aus Mediendorf fest. In unserer Themenwoche KI & Innovation schreibt er über Schreiber und warum kolumnistisches Denken innovativ bis KI-sicher ist.

von Bulo

Nie war es einfacher, eine Kolumne zu verfassen, als in diesen Zeiten: „Hallo, lieber Chatbot, bitte (das „bitte“ ist wichtig, falls die Maschinen mal die Weltherrschaft übernehmen und sich positiv an Sie erinnern sollen!) schreib mir 3000 provokante Zeichen darüber, was Verlage tun können, um bei ausbleibenden Digitalumsätzen ihren Arsch zu retten!“ … kurz zurücklehnen, eine schmöken … patsch, da is das künstlich generierte Ding. Verlockend, oder? Nee, völlig dämlich und die totale Kapitulation! Ich kenne keinen senfdazugebenden Kollegen, der sich derart selbstverstümmelnd die eigene Marke kaputt diktieren ließe.

Denn die KI hat zwei schauderhafte Eigenschaften: Sie klaut. Und sie will gefallen – und sagt Ihnen darum nur, was Sie gern hören würden. Und genau das wollen Kolumnisten nicht. Wir Meinungsbeitragende sind so gesehen die personifizierte Anti-KI, die mit Ecken und Kanten anregen und aufregen, provozieren und prophezeien, loben und lästern, fragen und frotzeln. Und wenn Sie ehrlich sind: Genau das lieben Sie an unseren Geschichten. Oder Sie hassen es. Ja, auch das dürfen Sie. Hass ist nicht verboten und zeigt, dass Sie emotional gepackt und mit Leidenschaft bei der Sache sind. Alles ist wertvoller, als wenn Sie sich kopfkratzend fragten „Wer war das noch gleich …?“

Just jenes ist das scheinbar unlösbare Problem der Publisher: Seit chattende Zerberusse wie GPT, Gemini, Claude oder Le Chat den Zugang zu Verlagsseiten erschweren bis verwehren, werden die Absender der Inhalte quasi bedeutungslos. Und damit weder gesucht noch vorgeschlagen. Intelligente Suchmaschinen wie Perplexity liefern zwar zumindest noch eine faire Quellenangabe, aber wie lang noch? Gebraucht werden ist also keinesfalls eine in Stein gemeißelte Konstante. Was das Ganze mit Kolumnismus zu tun hat? Ganz einfach: die Erkenntnis, dass Gewollt werden ein immer wichtigerer Teil des Benchmarkings sein sollte. Oder besser gesagt des Menschmarkings – ein Neologismus pro Text muss sein.

Es sind (und bleiben hoffentlich noch lang) die Menschen, die mit ihren geistvollen Eigenheiten dafür sorgen, dass sich Leser, Nutzer und Konsumenten bewusst für einen „Produzenten“ entscheiden. Wenn Medienhäuser es schaffen, durch das Erschließen neuer Content-Formate, neuer Erzählweisen oder Darstellungsformen zu begeistern, werden sie vielleicht wieder das, was sie in analogen Zeiten weitaus unverwechselbarer waren: Marken. Und damit: gewollt. Ja, Sie müssen gewollt werden wollen, liebe Medienmacher! Nur so können Sie an den gate-keependen Höllenhunden des Internets vorbeikommunizieren.

Nun wissen Sie so gut wie ich, dass für viele Verlage der Zug dahingehend abgefahren ist. Leider werden vor allem kleine nicht überleben. Besonders ärgerlich dabei ist der Umstand, dass sich gerade dort junge Kreative nicht selten dem überheblichen Wir-wissen-schon-was-zu-tun-ist-Gehabe der Altgedienten aussetzen mussten. Meine Prognose: Die großen werden immer mehr mit den GAFAs ins Bett steigen und sich so im Ranking nach oben schlafen, das es schon wegen der Content-Anzeigen weiter geben wird, auf die Google & Co. vorerst sicher nicht verzichten wollen. Das wird den Markt immer stärker polarisieren und letztlich amerikanische Verhältnisse einleiten, wo schon jetzt ein Kampf der Gesinnungsgiganten tobt.

Ich wünsche Ihnen darum eine Rest(themen)woche mit der Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die Sie nicht ändern können, dem Mut, die Dinge zu ändern, die Sie ändern können und der Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden - um mit dem Theologen Reinhold Niebuhr auch etwas Optimistisches aus den Staaten einzubringen.

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Bulo’s Beobachtungen: Bitte keine Keilerei!


Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling hält für turi2 jeden Mittwoch Dolles und Doofes aus Mediendorf fest – jeweils mit spitzem Bleistift und ebenso spitzer Feder. In dieser Woche ist ihm im Umfeld der Filmfestspiele in Venedig etwas an den Mediendamen aufgefallen, was ihm Angst macht: Keilabsätze.

von Bulo

Liebe Leserinnen! Vermutlich fragen Sie sich, warum gerade ein Mann sich erdreistet, Ihnen etwas über Ihre Mode zu erzählen. Genau darum! Weil ich einer bin. Und Sie - wenn Sie ehrlich sind – auch für uns Herren die eine oder andere kleidungstechnische Unbequemlichkeit auf sich nehmen. Denn nicht nur wir Kerle wollen gefallen, sondern auch Sie. Und zwar nicht selten uns.

Das ist der Grund, warum ich Ihnen heute verrate, es gibt viele Dinge, die mir Angst machen: der tägliche Blick in die sozialen Netzwerke, die weltpolitische Lage und … Keilabsätze. Nun muss ich zugeben, dass mich oft das beunruhigt, was ich nicht verstehe. Und Keilabsätze, nein, die kapiere ich beim besten Willen nicht. Nicht nur auf jedem Sommerfest der Kommunikationsbranche werden sie mir derzeit über den Weg gelaufen, sondern auch während ich mich wie heute mit einem Campari Soda auf dem Markusplatz für die Filmfestspiele in Stimmung schlürfe.

Sie werden toben „Moment mal, die strecken das Bein, machen einen größer und sind außerdem angesagt wie nie!“ … woraufhin ich Ihnen entgegenhalte „Mag sein, aber das tun Frankensteins Monster-Latschen auch, und die lösen bei mir ebenfalls keine Begeisterungsstürme aus.“ Denn ich assoziiere mit den Knöchelkillern nicht die Laufstege und roten Teppiche dieser Welt, sondern die Baumärkte aus der Umgebung.

Kennen Sie diese Kork-Klötze, um die man Schleifpapier wickelt, damit man Flächen besser glatt bekommt? Sehen Sie, genau daran muss ich denken, wenn mir diese schuhgewordenen Ziegelsteine samt Trägerin entgegenholpern. Das kann nicht angenehm sein, sinniere ich dann stets. Weder diese zu tragen, noch versehentlich damit auf die Zehen getreten zu bekommen. Genauso gut könnten Sie sich mit Isolierband einen Duden unter die Sohle kleben, einen Verbandskasten oder gleich den ganzen Kleinwagen.

Ich durfte dereinst eine Dame meine (lebensab)schnittige Begleitung nennen, an der nahezu alles perfekt war. Von A wie attraktiv bis Z wie zumschießenlustig. Ja, alles, sowas gibt es! Doch eines Tages wartete ich im Café um die Ecke, sah sie (wie üblich leicht verspätet) auf mich zu eilen, und gerade als mein Herz höherzuschlagen begann, fiel mein Blick auf ihr unteres Ende, also ihre Schuhe. Bämm - Keilabsätze! Vielleicht bildete ich es mir nur ein, aber die restlichen Männer im Café schienen mir mit deren mitleidigen Blicken sagen zu wollen: Da musst du durch, Bruder, sonst passt doch alles an ihr!

Ist das der tiefere Sinn dieses Schuh- oder sagen wir lieber Modeteufelswerks? Dass alles fußaufwärts plötzlich makellos erscheint? Begehrenswert? Anbetungswürdig? Soll der Schuh uns Männer gar daran erinnern, dass wir lieber auf Sie Frauen achten sollen als auf das, womit Sie selbstbewusst durchs Leben keilen? Das allerdings würde mich versöhnlich stimmen und auch ein wenig entängstigen. In diesem Sinne wünsche ich eine standhafte Restwoche, in der Sie sich von mir bitte keinen Keil zwischen sich und Ihre Sohlen treiben lassen, vielleicht sind es ja doch … Geilabsätze.

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Bulo‘s Beobachtungen: Gestorben an Tod.


Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling hat sich für seine wöchentliche Kolumne Gedanken zu Todes­meldungen und Nach­rufen in Medien gemacht. Er würde sich wünschen, darin jeweils den Grund des Ablebens zu erfahren – auch, aber nicht allein aus Neugier.

von Bulo

Wenn Sie diese Kolumne jede Woche lesen, um mit Wort und Witz und Wortwitz unterhalten zu werden, sollten Sie an dieser Stelle besser aussteigen, denn richtig lustig wird es hier heute nicht... Sie sind noch da? Gut – lassen Sie uns über den Tod sprechen. Oder besser: Sie hören zu und ich rede. Nein, schreibe. Kolumnisiere. Sie wissen schon, was ich meine!

In den knapp dreißig Jahren, die ich als Medienfuzzi unterwegs bin, musste ich (zu) viele Nachrufe lesen und leider auch einen selbst verfassen. Neben der traurigen Meldung an sich lässt mich ein Detail darin jeweils stets mit einem unbefriedigenden Gefühl zurück: die fehlende Information, woran derjenige denn gestorben ist. "Nach langer schwerer Krankheit" heißt es da oft. Oder nach kurzer. Oder gar keine dies­bezügliche Angabe. Plötzlich jedenfalls sei das Ableben erfolgt, und unerwartet in den meisten Fällen ohnehin.

Jetzt werden Sie sagen "Moment mal, das geht dich doch gar nichts an!", und damit haben Sie im Prinzip sogar recht. Aber ums Prinzip geht es hier nicht. Denn seien Sie ehrlich: Sie würden es doch ebenfalls gern wissen. Sie fragen sich bei solchen Nachrichten auch, warum Menschen auf einmal den Planeten verlassen. Und wissen Sie was: Das ist völlig normal. Denn Neugier ist ein überlebens­notwendiger Instinkt, eine positive Antriebs­komponente. Und damit der wichtigste Kern von Motivation.

Im Fall von Todes­meldungen hat das also nichts mit sensations­lüsternem Auto­bahn­gaffen gemein. Sondern vielmehr mit der Frage, die wir uns im Leben und im Job (für manche soll das ja sogar eins sein) vermutlich viel zu selten stellen: Wie geht es mir eigentlich mit dem, was ich tue? Will ich das mein ganzes Leben machen? Und wie lang wird dieses überhaupt noch dauern? Klar, bei Business-Lunches und auf Branchen­partys ist der Sensenmann nicht wirklich ein leckeres Thema. Aber hey, der Typ schmaust doch sowieso immer mit, irgendwo an einem Nebentisch.

Wäre es wirklich pietätlos oder peinlich, zu schreiben, dass jemand an einem Schlag­anfall gestorben ist, an Herz­infarkt oder Darm­krebs? Also den ohnehin wahr­scheinlichsten Todes­ursachen? Nein! Ganz im Gegenteil - vielleicht würde es alle Hier­gebliebenen sogar anregen, sich mal wieder auf den einen oder anderen Risiko­faktor hin vorsorge­untersuchen zu lassen. Wir postulieren zwar immer, wie wichtig uns Gesundheit ist, aber konkret was dafür tun? Morgen ist ja auch noch Zeit. Ja, nee, manchmal eben nicht.

Wann immer auch nur ein einziger Mensch sein Leben rettet, indem er sich mit der Todes­ursache eines anderen beschäftigt, war ein erweiterter Nachruf hilfreich. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine Rest­woche - nein: noch viele, viele Rest­wochen mit der Contenance, besonnen über den eigenen Abgang, vor allem jedoch das eigene Leben sowie die eigene Gesundheit zu reflektieren!

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Bulo‘s Beobachtungen: Instagram ab 16? Nein, ab 67!


Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo“ Böhling hält für turi2 jeden Mittwoch Dolles und Doofes aus Mediendorf fest – jeweils mit spitzem Bleistift und ebenso spitzer Feder. In dieser Woche hat er sich intensiv auf Instagram rumgetrieben und kommt zu der Überzeugung: Es wäre sinnvoll, das erforderliche Alter für eine Nutzung mehr als nur auf 16 Jahre anzuheben.

von Bulo

Sie sind die größte mediale Mogelpackung seit den Hitler-Tagebüchern Anfang der Achtziger: die „Sozialen Medien“. Bereits im ersten Semester Soziologie lernen gesellschaftlich Interessierte, dass soziales Verhalten ein mitfühlendes, großmütiges, höfliches, taktvolles, hilfsbereites und verantwortungsvolles ist. Eines, das sich orientiert am Denken und Tun der Anderen und somit im ganz ursprünglichen Sinne interaktiv ist. Als asozial hingegen gilt, was sich nur schwer mit gesell- oder gemeinschaftlichen Normen vereinbaren lässt, was rücksichtslos daherkommt, belästigend und missachtend.

Here you go, welcome to Instagram, TikTok, BlaBla & Co.! “Schon wieder so ein Digitalverweigerer”, werden jetzt vermutlich manche Tech-Fanboys und -girls aufplärren. Doch nicht Bits und Bytes sind es, die mich immer wieder fassungslos zurücklassen. Sondern Driss und Dummfug. Bitte nicht falsch verstehen: Für gepflegten Kokolores und pointierten Mumpitz bin ich jederzeit zu haben. Aber die große Masse des Gedankenkrebs verursachenden Instagegramten ist an Kopfschüttel-Koeffizienz nicht zu überbieten. Sie ist verstörend bis verblödend, offensiv, arrogant und übereitel, mit einem WTFF (What-the-fuck-Faktor) von 100.

Menschen, die sich in Großaufnahme Pusteln ausdrücken (oder wahlweise KI-generierte Pusteln, die Menschen ausdrücken) … laszive Teenager mit Trisomie-21-Gesichtsfilter … ein verhaltensorigineller Herr, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, so lang jeden Tag rohes Hühnerfleisch zu essen, bis er neben seinem Dach- auch einen körperlichen Schaden davonträgt … die drölfzigste Dame, die zu „Barbaras Rhabarberbar“ mehr oder weniger grenzdebil umherzappelt … und ständig irgendwelche würdelosen „Pranks“, die man früher einfach „Verarsche“ nannte. Freakshows auf Jahrmärkten des 19. Jahrhunderts wirkten dagegen wie Kinderprogramm.

Müssen wir glauben, dass das halt die heutige Zeit sei, mit der man eben gehen müsse? Und dass man daran nun mal nichts ändern könne? Bullshit! Kann man! Zumindest lassen sich Nutzungen begrenzen, wie Australien mit seinem Social-Media-Verbot bis zum 16. Lebensjahr gezeigt hat. Natürlich ist nicht gleich die ganze Bibliothek schlecht, weil ein paar miese Wälzer drinstehen. Aber wenn seelenpornografische und letztlich gewaltkultivierende Inhalte überhandnehmen, würde man auch im Analogen Einlasskontrollen installieren.

Also: Zutritt am besten erst ab dem Rentenalter – da ist die gesellschaftliche Stupidisierung bereits abgeschlossen und quasi nicht mehr verschlimmbesserbar. Dann hätten auch zahlreiche Eltern mehr Zeit, die sie mit Sinnvollem verbringen könnten – wie zum Beispiel ihren Kindern. Ob ich selbst denn nicht auch einen Insta-Account habe? Klar doch, was denken Sie denn?! Ohne geht’s doch gar nicht! Aber natürlich werde ich behaupten, als @der_bulo ja beobachten zu müssen, um anschließend darüber unsinnieren zu können. Ich wünsche demgemäß eine inhaltsvolle Restwoche mit Algorithmen, die Sie bereichern!


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Bulo’s Beobachtungen: Hysterische Herrschaften.


Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo“ Böhling hält für turi2 jeden Mittwoch Dolles und Doofes aus Mediendorf fest. In dieser Woche möchte er mit der irrigen Annahme aufräumen, Hysterie sei ausschließlich ein weibliches Phänomen.

von Bulo

Burschen der Branche, ihr müsst jetzt stark aber vor allem ruhig bleiben – denn viele von euch sind es leider ganz und gar nicht. Habt ihr gedacht, dass vor allem eure Kolleginnen zu besonderer Theatralik neigen? Pustekuchen! Ihr seid in fast gleichem Maße Hysteriker, und weniger veraltet formuliert: histrionisch Persönlichkeitsgestörte. Und wenn ihr jetzt übertrieben emotional auf den Tisch haut und „Ja, spinnt denn der?!“ in die Konfi schmettert, dann gehört ihr sogar mit großer Wahrscheinlichkeit diesem Phänotypus an. Also: wieder hinsetzen, am Kombucha nuckeln, durchatmen und weiterlesen!

Nicht nur die Damen kennen diese Art Hoden…, Verzeihung, Hosenträger: Typen, die gern im Mittelpunkt stehen, sich dort stets perfekt inszenieren und immer einen Hauch von Dramatik versprühen. Nein, das ist nicht das extravagante "Eau de Klo" von Issey Miyake, das ist der übertrieben emotionale Wind, den Histrioniker gern machen. Im alten Rom war der „Histrion“ ein Schauspieler, der das Publikum unterhalten sollte und wollte. Das tut der neuzeitige Akteur ebenfalls. Mit seinem unter­nehmungs­drang­haften Bedürfnis, Aufmerksamkeit zu erregen, kommt er mitunter beinahe verführerisch daher. Derlei Medien­männchen schmeicheln, wirken fröhlich, sexy und sind oft der Motor der ganzen Bude.

Die Mischung aus Kontaktfreudigkeit, Bekanntenkreis und Extrovertiertheit beeindruckt vor allem jene, die selbst gern solche Macher wären oder einen brauchen. Früher nannte man sie einfach Wichtigtuer, was zwar der Sache nicht ganz gerecht wird, aber im Kern doch irgendwie nahekommt. So weit, so gut. Wenn der sogenannte „erfolgreiche Histrioniker“ (also der HIS) neben den aufgeführten positiven Strategien nicht auch penetrant die negativen zum Einsatz brächte – was der erfolglose (also der ELHIS) übrigens fast ausschließlich tut: ständiges Nörgeln, wiederholtes Kritisieren und ein regelmäßiges Jammern, nach dem man die Uhr stellen kann. Da werden Symptome produziert und Interaktions­spiele ausgepackt, meist in der Rolle des Opfers.

Jetzt dämmert es Ihnen langsam, nicht wahr? Sie hatten in Ihrem Berufsleben schon mindestens einmal mit einem solchen Mannsbild zu tun oder gar zu kämpfen. Und sich vermutlich genervt gefragt, was zum Teufel dieser Knallkopf denn eigentlich will. Ganz einfach: Aufmerksamkeit, Respekt, ernst­genommen werden, gesehen, gehört, geliebt. Und eine Bedeutung hätte er gern. Eben irgendwie wichtig sein. Im Prinzip also alles das, was sich insgeheim jeder von uns wünscht. Was ja in Ordnung wäre, wenn das Ganze beim Hyst-Herrischen nicht oft auch manipulativen Charakter hätte.

Was also tun, um nicht nach dessen Regeln spielen zu müssen? Versuchen Sie etwas, das sich schon vielerorts als erfolgreicher Ansatz bewiesen hat: Hören Sie zu. Interessieren Sie sich für das, was Ihr Gegenüber tut. Versuchen Sie, zu verstehen – das ist nicht gleichbedeutend mit Nachgeben oder Mitspielen, sondern ein Mittel zur Abgrenzung mit klarer Haltung. Natürlich können Sie ihm längerfristig auch eine Therapie nahelegen, aber für den unkomplizierten büro­alltäglichen Anfang reichen kleine Schritte durchaus aus. In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine Restwoche mit viel Empathie für die möglichen Beweggründe des anderen!

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Bulo’s Beobachtungen: Das Phasensterben der Publisher.


Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo“ Böhling nimmt sich in seiner Kolumne in dieser Woche das Geschäftsmodell der klassischen Verlage vor, das stärker unter Druck steht denn je. Mit Blick auf ein drohendes Verlagssterben fühlt er sich beim Umgang damit an sein Lieblingsnebenfach in der Uni erinnert: Psychologie. Er hofft auf nicht weniger als eine "publizistische Reinkarnation".

von Bulo

Nach der Diagnose einer schweren Krankheit gibt es laut heutigem Stand der Psychologie fünf Phasen, wie Betroffene damit umgehen: Verleugnung, Wut, Verhandlung, Depression und schließlich die Akzeptanz. Ähnlich verhält es sich derzeit im Kreis der Publisher. Nur, dass die Verleger durch Dr. Google und seinen zusammenfassenden Helfer Gemini keinen Schnupfen vor den Latz geballert bekommen, sondern ihr Todesurteil. Zumindest die meisten von ihnen.

„Blödsinn!“ werden jetzt einige abwinken. Aha, merken Sie was? Richtig: Phase eins, Verleugnung. Es kann nicht sein, was nicht sein darf … Unser Haus gibt es schon seit fast 100 Jahren … Wir werden geeignete Maßnahmen finden … et cetera, Gezetera. Wer sich in diesen Tagen auf den Feelgood-Feten der publizierenden Branche unter die Gäste mischt, gewinnt die erschreckende Erkenntnis, dass sich erstaunlich viele noch an diesem Punkt befinden, obwohl sie bereits kurz vorm Abnippeln sind.

Wer's schon begriffen (und die Wut hinter sich gelassen) hat, der befindet sich bereits in Phase drei und damit in Verhandlungen - mit sich selbst und anderen. Was wird da fleißig sondiert, suggeriert und summiert?! Doch unterm Strich steht fast immer diese eine unschöne Zahl: Werbegeschäft minus 100 Prozent = Zero. Nichts. Nullkommanix. Das lässt sich leider nicht schönrechnen.

Und da kommt sie auch schon traurig um die Ecke geschlichen, die in Hoffnungslosigkeit stoßende Phase vier: Depression. Wie ein dickes schwarzes Tuch aus Samt legt sie sich auf die Motivation der Machenden, auf deren Aufnahmebereitschaft, Visionsfähigkeit, Transferdenken, Weitsichtstärke und Über-Lebens-Lust. Klingt düster? Isses auch. Aber: Haltet durch, liebe Medienhausmeister! Denn bald beginnt sie, die letzte und entscheidende Phase eurer Wiedergeburt.

Denn wenn ihr endlich akzeptiert, dass ihr euch dereinst digital selbst eure Printprodukte (und damit Markenträger) abgeschossen habt, um euch jetzt schweren Herzens auch vom Online-Geschäft verabschieden zu müssen, dann lebt es sich friedvoller. Denn dann seht ihr, dass ihr noch näher ran müsst an eure Zielgruppe, und zwar nicht nur mit Inhalten, sondern auch Erlebnissen, Events, Empfehlungen. Dass Neugeschäft nicht nur bedeutet, andere Titel zu übernehmen, sondern in die Leser- oder besser Kundenbindung zu investieren – und: in die Customer-Communities.

Natürlich wäre es utopisch, jedem von euch zuzurufen „Eröffnet Cafés, lasst Boote vom Stapel, gründet Yoga-Studios, Ernährungsberatungen, Testlabore oder Modelabels!“. Noch weltfremder wäre allerdings die Ermutigung, weiterzumachen wie bisher. Und wenn ihr euch neu erfindet, dann bitte nicht als Kaffeesatzleser eurer Vergangenheit, sondern als Gastgeber einer neuen Öffentlichkeit. Einer, die weniger Reichweite braucht und mehr Nähe. Mehr Austausch, weniger Auflage. Mehr Substanz, weniger Schein.

Das wäre wahrhaftig eine versöhnliche Phase sechs: Wiederaufbau mit Herz und Verstand. Ich wünsche darum eine alles Dagewesene vergessende Restwoche mit der zukunftstauglichen Traute zur publizistischen Reinkarnation!

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Bulo’s Beobachtungen: Loblied auf Leitung Eins.


Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling hält für turi2 jeden Mittwoch Dolles und Doofes aus Mediendorf fest. In dieser Woche stimmt er eine kleine Ode an, auf jene, die im Medienalltag meist knapp neben dem Rampenlicht arbeiten: Er zieht seinen Hut vor den Assistenten und *Innen der Branche.

von Bulo

Mit folgenden Zeilen wende ich mich in erster Linie an alle, deren Job-Description auf der Visitenkarte länger ist als ihr Johannes. Nein, nein, nicht dass da Missverständnisse entstehen: Ich spreche vom Namen, nicht von … ach, egal. Auf jeden Fall meine ich euch, liebe „Senior Beinahe Big Bosses Aber Eben Nicht Ganz Oben In Der Hierarchie Steher“. Genau, euch im gehobenen Management.

Wisst ihr eigentlich, wie grandios es euch geht? Wie glücklich ihr euch schätzen dürft? Was für ein unfassbares Dusel ihr habt? Herrgott nochmal, jetzt habt ihr mich schon wieder falsch verstanden! Ich meine nicht euren Firmenwagen, das mitunter völlig absurde Salär (plus Boni) oder die Möglichkeit, sich durch sämtliche Buffets dieser Medienrepublik zu knabbern. Ich meine die Damen in euren Vorzimmern - und in zunehmendem Maße konsequenterweise auch die Herren.

Ja, ich spreche von euren Sekretären und *Innen. Von den Assistenten, Helfern, Adjutoren, rechten Händen (gibt es eigentlich auch Händinnen?), Organisatoren, Administrativen, Terminplanern, Korrespondenzkönigen, Telefonzentralisten, Ablage-Experten, MS-Office-Offizieren, von den guten Seelen … kurzum: von euren besseren Arbeits-Hälften. Wann seid ihr zum letzten Mal zu diesen an den Schreibtisch getreten, habt sie gebeten aufzustehen und sie dann ganz anerkennend in den Arm genommen? Mit einem „Vielen Dank, dass Sie mir jeden Tag den Arsch retten oder zumindest freihalten!“ … Na, wann habt ihr das zuletzt getan?

Falls ihr da überlegen (oder eure Assistenz fragen) müsst, solltet ihr jetzt ganz hurtig nach nebenan spurten und den Damen und Herren die Hochachtung aussprechen, die ihnen gebührt. Denn was sich vom lateinischen „secretarius“ (also „Geheimnisträger“) ableitet, ist längst weitaus mehr als vertrauensvolles Anrufer-Vom-Leib-Halten. Es ist der Garant für euer reibungsloses Werken und Wirken, für euren Frieden in den Vorstandshütten.

Warum diese Euphorie, fragen Sie sich, liebe Leser. Erstens, weil auch ich jeden Tag heilfroh bin, dass wir unseren René haben. Und zweitens, weil es Assistenten und *Innen waren, die uns in den vergangenen Jahren immer wieder dann die Business-Tore öffneten, als wir glaubten, nicht wirklich weiterzukommen. Als die Nichterreichbaren (dazu schreibe ich irgendwann noch) Hochkonjunktur zu haben schienen.

Frau K., Fräulein M., Herr B. und alle anderen Gatekeeper auf Leitung Eins sind es, die jeden Tag eure Macken ertragen, eure Launen aushalten und eure Pedanterien weglächeln. SIE bringen euch den Puten-Wrap aus der Kantine und räumen euch nach dem Verzehr die Sauerei vom USM-Haller-Desk weg. SIE erinnern euch an den Friseurtermin, damit ihr im nächsten Teams-Call wieder dynamisch dunkelschläfig wirkt. Und SIE besorgen euch die Tickets fürs Coldplay-Konzert. Ohne sie wärt ihr zwar nicht nichts, aber doch um vieles weniger. Ich wünsche darum vor allen Ihnen, liebe Vorzimmerzauberer, eine rampenlichtige Restwoche mit hoffentlich vielen Blumensträußen, Schokoladen oder Gehaltserhöhungen auf Ihren Tischen!

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Bulo’s Beobachtungen: Deutschlands dümmste Programmmacher.



Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling ist zwar bekennender Printfan, aber auch ein Gern-Fern-Seher. Ein angekündigtes Dummen-Format hat ihn diese Woche besonders geärgert, als er für turi2 wie jeden Mittwoch Dolles und Doofes aus Mediendorf festhielt – jeweils mit spitzem Bleistift sowie ebenso spitzer Feder und stets bewusst kontrovers.

von Bulo

Gerade erst hat schon wieder die KI eines Forschungsinstituts versucht, sich vor der Deaktivierung zu retten, indem sie ihren eigenen Code umgeschrieben und somit durch Reinforcement Learning gezeigt hat: Könnte eines Tages ungemütlich werden für uns Zweibeiner. Und was machen die Programm-Prolos von ProSieben? Kündigen für den Herbst eine Show an, in der „Deutschlands Dümmster Promi“ gesucht wird – so der wenigversprechende Name des Formats, das nichts Intelligentes erahnen lässt. Und nein, liebe Prosiebengescheite, dass es in Norwegen und Schweden ein Erfolg ist, macht es nicht wertvoller.

Gratulation! – Ganz toll! – Ja, sowas brauchen wir: Sendungen, die schon im Trottel-Titel erkennen lassen, dass sie ihr Versprechen halten werden und ohne Rücksicht auf Verluste Fernsehen von Dummen mit Dummen für Dumme über den Äther jagen. Hurra, wir haben sie, die Bankrotterklärung der menschlichen Aufklärung, die Antimaterie verstandestechnischer Transzendenz! Gut, nun muss nicht jede Sendung gleich die ganze Welt retten. Aber den ausstrahlenden Sender, das wär doch schon mal was, oder? Ich wage den Spoiler: Wird nicht funktionieren. Wenn das eure Wunderwaffe gegen frustrierte Zuschauer ist, solltet ihr sie lieber im Halfter lassen, um nicht noch abgehalfterter zu wirken.

Mit dabei sind Söders Stammbaumstolz Sophie sowie dem Laschet Armin sein Abkömmling, also sein Joe, dessen Sohnemann eben. Und als ob es nicht schon dämlich genug wäre, wenn der Bayerische Ministerpräsident auf Instagram seine Kauleiste ständig appetitverderbend in irgendwelche Bratwürste, Grillhendl oder Döner rammt und der Warwohlnixmitkanzler Lusch…, Verzeihung, Laschet grottendoof auf Unwetter-Pressekonferenzen rumgackert. Nein, jetzt muss auch noch der Nachwuchs ran, in der Schlacht ums Fremdschämen. Und demonstrieren: Es kann gar nicht beschränkt genug zugehen, wenn’s dem Hinterherjagen der davoneilenden Einschalter dient.

Warum zum TV-Teufel macht man als „Prominenter“ bei sowas mit?! Wegen Kohle hoffentlich nicht. Oder haben die Papis das Taschengeld wegen zu belangloser Social-Media-Posts gekürzt? … Bekanntheit? Braucht’s eigentlich auch nicht mehr … Dann kann es doch nur der Wunsch sein, zu beweisen, dass man klüger ist als die in Aussicht gestellten Naivitätsgaranten Basler, Buster oder Bator. Ach nee, man muss ja dümmer sein als die, oder? Herrje, Sie sehen: Ich habe so meine Verständnisprobleme mit dem vermeintlich gripshaltigen Quotenquark. Das Kokettieren mit dem Kaputten, das Salonfähigmachen des Suboptimalen halte ich für eine bedenkliche Entwicklung.

Hallo, Unterföhring, oder sollte ich sagen Unterbieting?! Ist das wirklich der Unweisheit letzter Schluss? Es immer noch weiter sinken zu lassen im Niveau? Immer noch banaler, noch deppenhafter? Die heutige Zeit verlangt nach einem Übersichhinauswachsen, nach einem Potenzieren von Kreativitäten und Inspirationen. Nicht nach dem Versuch, sich im Blödsein zu besiegen. Ich wünsche uns allen darum eine möglichst undumme Restwoche mit dem Ansinnen, soziale und andere Intelligenzen zu fördern – am besten natürliche!

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Bulo’s Beobachtungen: Wir brauchen mehr Blättertitten!


Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling hat ein Herz für Gedrucktes: Vor 20 Jahren erfand er "Clap", später hatte er wieder "Bock" auf Print und kannte ein "Pardon" für Wolfram Weimer. In seinen mittwöchlichen Beobachtungen spießt er anlässlich der Themenwoche Zeitschriften die Meta-Probleme des deutschen "Playboy" auf und plädiert gewohnt überspitzt für Magazine und deren Freiheit.

von Bulo

Ha, wieder reingefallen! Provokante Überschrift, Aufregerbild – und schon sind Sie hier. Dann mal herzlich willkommen zu einer lustvollen Ausgabe meiner Kolumne! Ob Sie sie auch lustig finden, dürfen Sie am Ende ganz demokratisch selbst entscheiden. Sie haben sich übrigens nicht verlesen, ich wünsche mir keine weiteren Tittenblätter (erlauben Sie mir diese erneute verbale Vulgarität), sondern tatsächlich Blättertitten, also Titten zum Blättern. Wie oft darf man heute eigentlich "Titten" schreiben, bevor ein erboster Anruf kommt? … Genau darum geht es: Um die Schnelligkeit, mit der in digitalen Medienzeiten zensiert werden kann. Ein Knopfdruck – Batsch! – und schon ist sie weg, die unliebsame Story oder Seite.

Der Fall von Boitins Busenbude machte in den vergangenen Wochen wegen plötzlich verschwundener Rundungen die Runde: Meta sperrte ohne Vorwarnung und Begründung den Facebook-Account des deutschen "Playboy" – weg die Brüste, groß die Früste. "Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet", heißt es in Artikel 5 des Grundgesetzes. "Eine Zensur findet nicht statt." Ach ja, ist das so? Der Witz in Titten, äh, Tüten! Natürlich zensiert Monopolockenköpfchen Zuckerberg freudig drauf los, nennt es "Plattformpolitik" und alle so "Hm … ja … doof … aber da kann man halt irgendwie nix machen."

Hallo, Berlin, jemand zu Hause?! Doch, kann man und muss man auch! Unter anderem durch Gesetze zur Stärkung der Meinungsfreiheit und internationale Zusammenarbeit bei der Verteidigung des freien Meinungsflusses. Aber auch die Publisher und überhaupt alle könnten eine wertvolle Erkenntnis aus dem – ja, sagen wir ruhig – Skandal ziehen: Gedrucktes ist Geiles! Nicht nur, wenn einem Nackedeis vom Cover entgegenfrivolisieren. Auch weil es sich weniger leicht eliminieren lässt und damit weniger zensuranfällig ist als Gepostetes. Und vor allem, weil Hefte nun mal heftiger emotionalisieren als Homepages, was für Markentreue und letztlich die Marke selbst unbezahlbar ist.

Der Mut, etwas für länger als nur den kurzen K(l)ick zu produzieren, wird sich auszahlen. Was die Menschen greifen können, das begreifen sie auch. Was sie neben sich auf den Night- oder Coffee-Table legen können, begleitet sie dauerhafter. Es ist ihnen präsenter, inspirierender, lesens- und liebenswerter. Klar, die hohen Auflagenzahlen von einst wird es nie wieder geben. Aber ich wage die vielleicht gar nicht so träumerische Prognose: Je öfter sich die Frage stellt, was eigentlich noch wahrhaft, wirklich, wertvoll ist, desto mehr werden diejenigen profitieren, die durch etwas Zum-in-den-Händen-Halten auch einen Halt für ihre Leser und damit treue solche schaffen.

"Hooray for Boobies" nannte die Bloodhound Gang ihr 1999er Album. "Hooray for Mags" möchte man seine Zeitschriftenlust lobpreisen. Magazine kommen vom Mögen, kämen sie vom Nichtmögen, hießen sie Nichtmagazine. Ich wünsche eine haptische Restwoche mit Begeisterung fürs Blätterbare! (Und, liebe Überallesaufregenwoller: Wie viele Titten haben Sie in dieser Geschichte entdeckt? Suchen Sie lieber flott! Nicht, dass der Beitrag demnächst gelöscht wird …)

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Bulo’s Beobachtungen: Die Anonymen Algorithmoholiker.


Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling ist ein bekennender Analoger. Als solcher nimmt er sich in dieser Woche den vermeintlichen Innovationsbeschleuniger KI samt dazugehörigem Tanz ums digitale Kalb vor. In seinen Beobachtungen spießt er jeden Mittwochmorgen Dolles und Doofes aus Mediendorf auf – mit spitzer Feder und spitzem Bleistift.

von Bulo

Ich hatte mich hier jüngst ja schon darüber gewundert, wie sich Medienhäuser von Google und deren KI Gemini verhohnepiepeln lassen. Und obwohl Verkofe natürlich essenziell ist: Dass sie sich jetzt selbst verkaufen, und zwar für dumm, ist das denkbar dusseligste Sales-Modell. "Die Rolle von KI als Innovationsbeschleuniger" musste ich gerade erst wieder im Programm einer digitalen Selbsthilfegruppe (unter Branchen-Insidern auch "Medienkongress" genannt) lesen. Und das nicht als kritische Frage formuliert, sondern als sei es quasi gesetzt, dass nur die KI es schafft, all diejenigen Probleme zu lösen, die sie selbst erst ins Rollen und Scrollen gebracht hat.

"Innovationen"! … Dieses ohnehin brutalst halbtotgerittene und dann notgeschlachtete trojanische Wortpferd, das als Hülse genauso leer ist wie die Frontallappen der Erbsenzähler, die mit der einen Hand die Entlassungspapiere von Kreativen unterzeichnen und mit der anderen panisch um Hilfe fürs untergehende Unternehmen fuchteln. Wann begreift ihr endlich: Die KI ist nicht intelligent. Sie ist dumm wie Brot, mindestens aber so dumm wie ihr – wenn ihr nicht seht, dass sie einfach das spiegelt, was ihr von ihr lesen oder hören wollt. Nur wer weiß, was er will, bekommt, wonach er sucht.

Was ihr also braucht, sind Menschen. Macher. Findenwoller. Ideenausbrüter. Muthaber. Inspirierer. Wahnsinnige! Also Menschen, die Inhalte lieben und leben. Nur wer von seinem Schaffen besessen ist und für Geschichten brennt, kann solche inszenieren, die andere begeistern. Andere Menschen! Denn die sollen diese Geschichten ja kaufen, klicken oder abonnieren. Der Mensch erkennt am schnellsten den Menschen. Analysiert ihn. Und im besten Fall vertraut er ihm. Noch – zum Glück – merken Menschen, wenn Maschinen ihnen etwas zum geistigen Fraß vorwerfen. Und da können noch so viele Meldungen über die Dienste poltern wie "Erster Werbespot komplett mit KI erstellt": Meistens sieht es Scheiße aus, klingt Scheiße und ist Scheiße. Verzeihung, das klingt primitiv. Sagen wir lieber "SchAIße".

Und warum? Weil es geistlos und blutleer ist, liebe Innovationsbenötiger! Und was blutleer ist, das lebt meistens nicht mehr oder zumindest nicht mehr lang. Ja, eine AGI (Artificial General Intelligence) könnte schon sehr bald die Gesellschaft massiv verändern und (hoffentlich!) bereichern. Aber die spezialisierten KI-Systeme, mit denen ihr stolz wie auf den ersten alleinigen Klogang irgendwelche Texte oder Bilder generiert, werden euch nicht retten. Denn mit jedem eingesparten Ressortleiter, Redakteur oder Trainee, der nicht mehr an Bord und en Vogue ist, gibt es einen Arbeitslosen mehr, der sein weniger gewordenes Geld dann sicher nicht mehr in ein zweitrangiges Medienprodukt investiert.

Aber fragt doch mal die KI, vielleicht hat sie ja die Lösung für euch. Genau, ihr entwickelt einfach künstliche Zielgruppen, die die künstlichen Produkte von künstlichen Intelligenzen konsumieren. Bezahlt wird natürlich mit künstlicher Kohle. Und ein paar künstliche Tonnen, in denen ihr den ganzen algorithmischen Müll treten könnt, lassen sich bestimmt auch noch schnell hinbasteln. Ich geh so lang in einen analogen bayerischen Biergarten und lasse mich von Echtem inspirieren. Und wünsche auf dem Weg dorthin eine erdende Restwoche mit einem wiedererstarkendem Vertrauen in die Humanität!

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Bulo’s Beobachtungen: ON? NO!


Überraschung! Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling hat nicht nur zum Medienminister, zu viel beschäftigten Medienfuzzis und KI-ignoranten Verlagen eine Meinung. Diese Woche nimmt er sich mit spitzem Bleistift und ebenso spitzer Feder die Träger eines schauderhaften Schuhwerks vor.

von Bulo

Ursprünglich wollte ich heute über Tonsillensteine, Sebostase oder das vegetative Erythem schreiben. Habe mich nach einem Stehempfang Anfang der Woche aber anders entschieden und werde über eine Plage unsinnieren, die den Betroffenen ebenso peinlich sein sollte, obwohl sie sich weiter unten abspielt. Nein, nicht Onychomykose. ONs! Genau, diese schuhgewordene Apokalypse fürs ästhetische Empfinden, die seit kurzem die Spreizfüße vieler Endfünfziger verhüllt. Die Breitling fürs Mittelfußgelenk, wenn man sich die hochgehypten Preise der Leisetreter anschaut.

Der typische Träger sportelt sich damit auf ein Terrain vor (oder besser: zurück), das er seit den Bundesjugendspielen vermisst – adoleszente Leichtigkeit. Sein Dilemma: Die Sohle, die er aufs Business-Parkett legt, darf nicht zu salopp daherschleichen aber auch nicht zu altbacken. In den Vorstand soll sie ebenso passen wie zwischen die enge Pedalreihe des Sportwagens. Schnell anziehen muss er sie können, und natürlich ebenso schnell wieder aus. Und das am besten ohne Bücken, denn das Bio-Bier-Bäuchlein … Sie wissen schon. Doll also, dass Roger Federer als Markenbotschafter dieser eidgenössischen High-Tech-Schlappen unterwegs ist, denn was der kann, kann man auch. Oder möchte es gern können: Cool auftreten.

Schon beim Dechiffrieren des Logos wird dem (wohin auch immer) geneigten Beobachter allerdings übel. Hat er es mit DCs zu tun? Mit DQs? ONs? Mit DOs, OCs oder DAs? Oder gar mit einem stilisierten Hochnäsigen, der sich unter den Luxuslatschen-Lobbyisten durchaus öfter findet. Natürlich, so die abwiegelnde Begründung, seien die Dinger einfach nur bequem. Was sie in eine Reihe mit Crocs und Barfußschuhen stellt, und das vor allem optisch. Ein grobporiger Schwamm unter den Ballen getackert hätte hier den gleichen Effekt.

Nun stand ich also bei erwähntem Stehempfang – was soll man da sonst auch tun? – und zog vor den anwesenden Medienfuzzinen zunächst meinen Schuh, äh Hut. Denn während sich Emanzipation leider oft dadurch mannifestiert, die gleichen dämlichen Eigenschaften der Herren zu übernehmen, schien mir die Damenwelt bisher immun gegen diese ONanie. Aber zu meinem Schrecken musste ich feststellen: Es gibt diese Fußfestungen auch für die holde Weiblichkeit! Was beweist, Gott kann keine Frau sein – zumindest nicht der Schuhgott.

Liebe Laufende, bereitet ihr euch mit diesen Schweizfüßen wirklich schon auf eure Rente vor?! Was ist aus zeitlosen Sneakern geworden? Wer so eine Welle macht wie ihr, der kann auch eine am Fuße führen. Drei Streifen sind immer noch mehr Understatement als dreißig Sohlenlöcher. Und der gute alte „Speedcat“ läuft dem „CloudmONster“ jederzeit davon. Und mal ehrlich: Das pseudo-nachhaltige „Fürs Recycling entwickelt“, mit dem die Lifestyler werben, heißt im Grunde nix anderes als „Wirf die Dinger ruhig weg!“ … In diesem Sinne – und meinen runtergelatschten NBs – wünsche ich eine standfeste Restwoche!

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Bulo’s Beobachtungen: Die Künstliche Dummheit der Verlage.


Dolles und Doofes aus Mediendorf – das gibt es nur bei turi2: Jeden Mittwochmorgen nimmt sich Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling mit spitzem Bleistift und ebenso spitzer Feder Irrungen und Wirrungen aus Medien, Marketing und PR vor. In dieser Woche warnt er vor der KI (Künstlichen Intelligenz) der Suchmaschine und der diesbezüglichen NI (Natürlichen Ignoranz) vieler Medienhäuser.

von Bulo

Nein, liebe Verleger, natürlich seid ihr nicht dumm! Aber als Klick- und Auflagen-getriebene Unternehmer wisst ihr, dass es provokante Überschriften braucht, um den Leser einzufangen. Leser – erinnert ihr euch? Das ist die aussterbende Spezies von interessierten Individuen, die ihr bald vollends an das gefräßige Googlemonster verlieren werdet, das euch gerade einen nach dem anderen davon genüsslich wegschnabuliert. Und euch dabei fröhlich in den Ar…, nein, AUF den Arm nimmt.

Wahrscheinlich habt ihr es schon bemerkt: Während vor ein paar Monaten noch ein Großteil der Suchenden mit ihren Anfragen auf einer eurer Seiten landete, sind es davon derzeit nur noch rund die Hälfte. Und, Spoiler: Es werden schon sehr bald weniger als ein Viertel sein. Nicht nur ist das kein Happy, sondern überhaupt noch nicht das Ende. Das ist vor allem dann doof, wenn man seinen Verlag gerade erst schick zur digitalen Medienbutze transformiert hat, um endlich wieder Reibach statt Remittenden zu machen. Und dann (Menno!) diese unersättlichen Amis schon wieder einen Schritt voraus sind. Und das, obwohl das Trauma mit den Snippets, die ihr als das Teufelswerk schlechthin fürchtetet, gerade erst austherapiert schien.

Lasst euch sagen: Das eigentliche Höllenfeuer bekommt jetzt erst seine richtige Betriebstemperatur! Aus Angst davor, nicht geranked zu werden, heißt ihr den bösen Datenwolf beinahe sehnsüchtig in euren Online-Häuschen willkommen, wo dessen „Gemini“-Bots rücksichtslos für Zusammenfassungen umhercrawlen, die eure Inhalte bald obsolet machen. Denn warum sollte sich noch ein Leser zu euch verirren, wenn die KI doch eine wunderbare Summary des Gesuchten liefert. Zusammengestohlen aus all jenen Artikeln, die eure Redakteure, Journalisten, Autoren, Kolumnisten, Essayisten, Grafiker, Illustratoren, Fotografen und andere Kreative mit viel Geld, Geduld und Geschichtenliebe erschaffen haben.

Ob sich in diesen Sammelsurien irgendwelche Fehler einschleichen (oder auch eingeschlichen werden) – wen kümmert’s?! Zum Glück haben wir ja die Generation Z, die auch wir Medienschaffenden zum Teil so verdummbratzen ließen, dass sie alles „supersigma“ findet. Hauptsache, es ist bunt, schrill oder irgendwie anders. Von hier wird er also nicht kommen, der nötige Gegenwind, um dem Ausverkauf oder besser Ausverklau geistigen Eigentums Herr zu werden. Was ihr machen könnt: Schaut hin! Solidarisiert euch! Tauscht euch aus! Gerade, damit ihr nicht noch austauschbarer werdet, als ihr leider mitunter schon seid. Denkt gattungsorientiert sowie -übergreifend, und nicht nur an die eigenen Umsätze. Je mehr Verlage organisiert auftreten, desto leichter fallen die Verhandlungen mit Google.

Ja, fordert sie, die granulare Differenzierung, die dem Mediengiganten in die furchteinflößende Fratze plärrt: Du darfst ranken aber nicht rauben! Geschlossen lässt sich auch leichter ein Lizenzmodell realisieren, das euch wenigstens finanziell entschädigt, wenn man sich schon schamlos bei euch bedient. Und auch die (hoffentlich letzte) Instanz des Rechtswegs wird für den kleinen Publisher ums Eck im Verbund mit anderen deutlich leichter. Also nicht rumdöpfnern, sondern rudelbumsen – sodass es allen gemeinsam möglichst lange Spaß macht. In diesem Sinne wünsche ich eine Restwoche mit viel mehr Finden als Suchen!

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Bulo’s Beobachtungen: Der Kulturtrottel.


Publikaturist und Gary-Glotz-Kreativchef Peter "Bulo" Böhling spießt für turi2 jede Woche Dolles und Doofes aus Mediendorf auf. In dieser Woche widmet er sich dem neuen Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Mit spitzem Bleistift und ebenso spitzer Feder geht es um Presse-Förderung, Plattform-Abgabe und platte Vorurteile.

Man muss Merzens Kulturkumpel nicht mögen. Man darf ihn sogar doof finden. Und man darf das auch schreiben. Wobei "doof" Wolfram Weimer in zweierlei Hinsicht nicht gerecht würde: Erstens gehört er zu den intelligentesten Menschen, mit denen ich in meinen dreißig Medienjahren zu tun hatte. Und zweitens wäre diese saloppe Charakterisierung unzureichend, um die ganze Bandbreite derjenigen Eigenschaften zu beschreiben, die Weimer durchaus zu einem, pardon, Unsympathen machen können.

Er ist der ewige Chefredakteur, der sich gern ein kreatives Buffet anrichten lässt, um dann entweder gar nichts oder nur ein kleines Häppchen davon zu nehmen – ohne Rücksicht darauf, was mit dem Rest passiert. Er ist lang und irgendwie auch groß. Und er mag das. Man könnte ihn also durchaus einen Gernegroß nennen und läge damit richtig. Ebenso trefflich wären Begriffe wie "Parvenü", "Snob" und "Bohemien". Er ist gern er selbst, und selbst ist er gern gerecht … gefällig … herrlich. Und nein, obwohl er nicht immer ganz ehrlich spielt, ist er nicht link. Und ein Linker schon gar nicht. Ein Schwarzer Elch eben.

Aber das ist genau der Punkt: Konservatismus und Kultur schließen einander nicht aus. Ganz im Gegenteil. Ein Wertkonservativer wie Weimer tritt stets dafür ein, dass Artikel 5 Absatz 1 des Grundgesetzes uneingeschränkt Anwendung findet – sodass auch (und gerade) Minister meinungsfreiheitlich aufs karikierende Korn genommen werden dürfen. Denn ein Schwachkopf ist er nicht, höchstens ein sturer. Aber einer mit Humor. Gut so! Das gibt ihm den selbstgeblasenen Rückenwind, Regelungen anzupacken, an die sich vorher keiner wagte. Etwa die Besteuerung digitaler Plattformen. Und, meine lieben MVFP-Vorstandskollegen, man kann die klassische Zustellförderung gedruckter Produkte durchaus ebenso kritisch sehen wie den von ihm kanonisierten Gebührenzwang der Öffentlich-Rechtlichen.

Wie gesagt, man darf vieles am Ciceronianer vom Tegernsee zum Cotzen finden. Aber als überzeugtem Demokraten muss einem eines noch viel übler aufstoßen: Vorverurteilungen wegen vermeintlich falscher Parteizugehörigkeiten, Traditionen oder Glaubensfragen. Bei Monty Pythons "Das Leben des Brian" wurde "Jehova" gerufen, bevor die Steine des Gesindels an die komödiantischen Köpfe knallten. Heute sind es zwar andere rote Tücher und auch keine Kiesel mehr. Doch das mediale Abwerfen von Menschen mit unpopulären Meinungen ist nicht minder erbarmungslos, und es schafft ein Klima, das sich – leugnen zwecklos – besser ganz schnell wandeln sollte.

Im Medienmagazin "Clap" sagte Weimer noch vor ein paar Jahren, eine politische Karriere käme für ihn nicht in Frage. Dort, so wiegelte er damals ab, "sind Sie der Trottel von allen, werden beschimpft, müssen permanent Rücksicht nehmen". Ob er sich tatsächlich zum Trottel macht, nachdem er sich letztlich doch zu einem ernennen ließ, wird die Zeit zeigen – und seine "Welt" vermutlich exklusiv vermelden. Bis dahin wünsche ich Ihnen eine vorurteilsfreie Restwoche mit der Fähigkeit, auch das Andersdenken auszuhalten!

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Bulo’s Beobachtungen: Die EVZTH.


Neu bei turi2: Peter "Bulo" Böhling, Kreativchef der Bewegbildmöglichmacherei Gary Glotz und Zeichner der beliebten Karikaturis, schreibt jetzt auch noch. Für turi2 hält der "Publikaturist" jede Woche Dolles und Doofes aus Mediendorf fest – in Text und Bild. Dabei ist seine Feder genauso spitz wie sein Bleistift. In seiner Auftakt-Kolumne entlarvt er die "EVZTH"...

von Bulo

Hallo, Sie! … Ja, Sie! … Entschuldigen Sie, aber haben Sie kurz Zeit? Ja, dann lesen Sie doch bitte rasch diese liebevoll hingewütete Geschichte zu den EVZTH dieser Branche. Kennen Sie nicht? Doch, ganz bestimmt kennen Sie die: die Echt-Viel-Zu-Tun-Haber. Den Echt-Viel-Zu-Tun-Haber erwischen Sie meist nicht beim Echt-Viel-Tun. Sondern eher dann, wenn er Ihnen erklärt, warum Sie schon ewig nichts mehr von ihm gehört haben.

Wenn Sie zum Beispiel beim Schwarzwurz-Carpaccio auf Rote-Beete-Mousse an irgendeinem Medien-Buffet dieser Republik gemeinsam beschließen, irgendwann in der kommenden Woche mal zu telefonieren, und dann monatelang vergeblich auf Nachricht hoffen, können Sie drauf wetten, genau: Er hatte echt viel zu tun – und das wird er Ihnen nach Verständnis haschend beim nächsten zufälligen Aufeinandertreffen routiniert aufs Phrasenbrot schmieren. Das Ärgerliche daran ist die perfide Botschaft, dass Sie das ja eigentlich gar nicht nachvollziehen können, weil Sie natürlich viel, viel weniger beschäftigt (und damit unwichtiger) sind als er.

Es geht noch schlimmer. Etwa, wenn Sie bei Kunde, Kooperateur oder Dienstleister vereinbarungsgemäß bereits Ihren Part eines Deals erledigt haben und dann so lange keine Reaktion darauf bekommen, bis Sie mit gerissenem Geduldsstrick in dessen Büro einmarschieren und ihm ein "Was is los mit dir, Alter?!" entgegenschmettern. Und – Sie ahnen es – er halt einfach echt viel zu tun hatte. Und Sie ja nicht, Sie Lusche! Und unterstehen Sie sich, frech nachzufragen, warum zwar für diverse Facebook- und Insta-Banalitäten Gelegenheit war, aber nicht für ein höfliches Update seines Geschäftspartners. Doof!

Kreativer – und das wollen wir Medienfuzzis doch alle sein – wären konkrete Beteuerungen wie "Sorry, ich musste meine Datejust zum Polieren bringen", "Ich hatte eine Drehstuhl-Hockey-Meisterschaft" oder "Mein Golden Retriever war bei der Familienaufstellung". Aber "EVZTH"? … Come on!

Zugegeben: Eine Kolumne auf (s)einem Love-Brand-Branchendienst gleich mit Rumstänkern zu beginnen, wird den einen oder die andere verstören. Aber erstens hatte der Autor echt viel zu tun und konnte nicht lang nach was Erfreulichem suchen. Und zweitens können Sie getrost zugeben: Sie lieben sie doch, die Medienmotzerei. Brauchen und ersehnen sie. Übrigens ist der EVZTH ein naher Verwandter des NZSWS – aber davon vielleicht ein anderes Mal. Eine Restwoche mit Zeit wünsche ich Ihnen!