Blattkritik: Ursula Nuber, Chefredakteurin "Psychologie Heute", über "Wolf".


Ursula Nuber, Chefredakteurin von Psychologie Heute, liest im Auftrag von turi2 das Männermagazin Wolf, das als Ableger des Frauen-Magazins Flow zunächst als One Shot am Kiosk liegt. Es wird Zeit für ein Heft, das Männer anspricht, die "das übliche Männlichkeitsgehabe satt haben", urteilt Nuber, wünscht sich für eine Fortsetzung des Magazins aber mehr Inhalt für den Wolf im Manne.

Wolf. Als ich diese Neuerscheinung aus dem Hause Gruner + Jahr vor einiger Zeit zum ersten Mal in der Hand hielt, erschien vor meinem inneren Auge sofort dieses wunderschöne Tier, das für mich der Inbegriff von Stolz und Unabhängigkeit ist: Canis lupus, "das größte Raubtier aus der Familie der Hunde" (Wikipedia). Eine zweite Assoziation erinnerte mich an eine weit zurückliegende literarische Liebe: an das Buch Steppenwolf von Hermann Hesse. Den Roman um den einsamen und menschenscheuen Protagonisten Harry Haller habe ich als junge Psychologiestudentin nicht nur aus fachlichen Gründen mehr als einmal gelesen.

Mein Interesse war geweckt: An welchen Mann, an welchen Männertyp wendet sich eine Zeitschrift, die sich "Wolf" nennt und verspricht, das "Männer-Magazin fürs Wesentliche" zu sein? An den einsamen Wolf? Das Cover – es zeigt einen orangefarbenen Bulli, geparkt am Meer – bestätigt zunächst diese Vermutung, die sich aber beim Lesen des Editorials schnell als falsch herausstellt. "Wolf" nimmt den Mann ins Visier, der das übliche Männlichkeitsgehabe satt hat, der sich aufreibt zwischen Beruf und Familie, der ein guter Partner und ein perfekter Vater sein will und es doch irgendwie nie recht machen kann. Der kein Interesse an Saufgelagen hat, sondern sich Freunde wünscht, mit denen er mal über seine Probleme reden kann. Kurz, an einen Mann, der den Mut hat, sich dem Männer-Mainstream zu entziehen und sich neben Fußball, Autos und Karrierefragen auch noch für andere Dinge interessiert.

Eine reizvolle Idee, für diese Zielgruppe ein eigenes Magazin anzubieten. Ein Magazin, das "das Wesentliche" in Themen wie diesen erkennt: Der Autor der Titelgeschichte "Was wirklich zählt" räsoniert klug und wohltuend offen über Fragen wie "Was wäre, wenn wir die Laptops zu und die Handys aus ließen? Und wieder die Freunde treffen würden, die uns doch mal so wichtig waren?" Ein Text, den ich gerne las, weil er zum einen einfühlsam den Spagat zwischen ständiger Ansprechbarkeit und dem Wunsch nach Zeit für sich und die wichtigen Menschen beschreibt und gleichzeitig – das kann ich als Frau allerdings nur vermuten – auf unaufdringliche Weise Männern Identifikationsmöglichkeiten bietet.

Auch die anderen Texte propagieren auf verschiedenste Weise das Downshifting: Ein Bericht über ein Achtsamkeitsseminar, das Männern Mut macht zum langsameren Leben; der Artikel über "Die Rückkehr der Schallplatte" feiert das Analoge; und eine lange Kurzgeschichte aus dem "New York Times Magazin" möchte zum Lesen animieren.

Solche "weichen" Themen, in der Branche gerne auch abwertend als "Ich-Themen" bezeichnet, sind bislang den Frauen vorbehalten. Sie sind es, die psychologische Bücher lesen, die entsprechenden Zeitschriften kaufen, die sich für Fragen der Persönlichkeitsentwicklung interessieren – und die kein Problem damit haben, zuzugeben, dass sie nicht mehr weiter wissen, dass Selbstzweifel sie plagen und alles ihnen zu viel wird. Männer haben all diese Probleme auch. Aber wollen sie darüber in einer Zeitschrift lesen? Greifen sie zu einem Heft, das sie nicht als Männlichkeitssymbol mit sich herumtragen können? Identifizieren sie sich mit Geschlechtsgenossen, die sich am liebsten in "Eine Hütte im Grünen" zurückziehen, wollen sie lernen, wie man einen Hocker baut "in 10 Minuten mit 10 Schrauben und Holz für 10 Euro"?

Über das Themenangebot und die Themenmischung kann man diskutieren, natürlich. Auch hat sich mir der Sinn der ganzseitigen – zugegeben attraktiven – Schwarz-weiß-Fotografien von David Bowie, Ryan Gosling, Sean Penn und des jungen Paul Newman nicht erschlossen. Aber der Grundgedanke dieses Magazins ist richtig. Die Zeit ist reif für ein Magazin, das die Themen aufgreift, die Männer heute wirklich umtreiben, das sie ermutigt, auf sich zu achten und ihnen klar macht, dass ein moderner Mann heute kein "harter Hund" mehr sein muss (so formuliert es das Editorial).

Ich meine aber: Die Macher(innen) von "Wolf" sind bei der Umsetzung noch nicht konsequent genug. Vielleicht liegt das daran, dass "Wolf" das männliche Pendant zum Frauenmagazin Flow (rückwärts gelesen wird "Wolf" draus) sein soll? Einige Elemente verraten deutlich die Verwandtschaft: die verschiedenen Papiersorten, die eingehefteten Bögen mit den "lässigsten Autos unserer Lieblingsfilme als Kartenspiel zum Rausnehmen". Die Zielgruppe von "Flow" sind junge Frauen. Die Zielgruppe von "Wolf" dürfte älter sein: Man muss schon etwas erlebt haben, um über "das Wesentliche" nachdenken zu können. Und vielleicht muss auch ein anderes Männermagazin trotz allem Testosteron bieten. Denn Wölfe sind zwar soziale Tiere, aber Raubtiere sind sie eben auch.

Die Spekulation, dass die "Flow"-Leserinnen "den Männern in ihrem Umfeld 'Wolf' nahebringen", wie es Publisher Matthias Frei formulierte, wird nicht aufgehen. Denn das tun Frauen schon seit langem: Ihren Männern Texte hinlegen, von denen sie sich wünschen, dass sie diese lesen und mit ihnen darüber diskutierten. Das finden die meisten Männer nervig.

Wenn Verlag und Redaktion über eine Fortsetzung von "Wolf" nachdenken, dann wäre es wichtig, das vielversprechende Konzept weiter zu schärfen und das Bild des Mannes, der sich für ein "unmännliches" Magazin begeistern kann, zu konkretisieren. Wenn "Wolf" den Wolf im Manne nicht vernachlässigt, könnte es ein Magazin werden, das aufgeklärte Männer heute haben wollen.

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