lexikon2: Günter Wallraff.

Günter Wallraff ist der Godfather der Undercover-Recherche, der Säulenheilige des investigativen Journalismus. Der Mann, der bei “Bild” Hans Esser war, macht sich mit den Objekten seiner Reportagen gemein. Im Vorwort seines Bestsellers Ganz unten schreibt der Journalist, “man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren”.

Geboren wird Günter Wallraff mitten im Zweiten Weltkrieg, am 1. Oktober 1942 in Burscheid in der Nähe von Leverkusen. Sein Vater arbeitet bei Ford als Lackierer und erkrankt in der Folge schwer. Wallraffs Mutter muss für den Unterhalt der Familie sorgen und der Sohn wächst zeitweise in einem katholischen Waisenhaus auf.

Als Wallraff 1963 gegen seinen Willen zur Bundeswehr eingezogen wird, weigert er sich, eine Waffe anzufassen und wird Anfang 1964 “untauglich für Krieg und Frieden” erklärt. Seine Erfahrungen schreibt er für die Zeitschrift Twen und in zwei Büchern auf. Von da an ist der investigative Undercover-Journalismus Wallraffs Markenzeichen.

1977 schleicht Wallraff sich als Hans Esser bei “Bild Hannover” ein und deckt Verfehlungen der Redaktion auf. Springer überzieht ihn daraufhin mit Klagen. Immer wieder müssen Passagen in Wallraffs Buch geändert werden, seit 2012 erscheint es wieder in der Originalversion.

Der Journalist schreibt auf, was er als Arbeiter in Industriebetrieben erlebt – in den Personalbüros kursieren Steckbriefe, die den Untercover-Journalisten enttarnen sollen. Sein Buch “Ganz unten”, für das er Anfang der 1980er in die Rolle eines türkischen Gastarbeiters schlüpft, ist das erfolgreichste deutsche Sachbuch nach 1945.

Mit seinen Reportagen erntet Wallraff viel Anerkennung, aber auch viel Kritik. Der Presserat rügt ihn für seine “Bild”-Recherche. Viele Unternehmen klagen. Kollegen, die ihm beim Schreiben helfen und bei seinen Reportagen unterstützen, fühlen sich ungerecht behandelt. Von der Staatssicherheit der DDR wird er als Inoffizieller Mitarbeiter geführt.

Heute ist Wallraff bei RTL zuhause: Mit Team Wallraff will der Altmeister der verdeckten Ermittlung sein Wissen an eine neue Generation Reporter weitergeben. Für den Privatsender entscheidet er sich, weil die Kölner streitlustiger sind als ARD und ZDF. Dass er sich mit Sendungen wie “Schwiegertochter gesucht” und “Bauer sucht Frau” nicht anfreunden kann, sagt Wallraff trotzdem unverhohlen.

Wallraff ist in dritter Ehe mit der TV-Journalistin Barbara Munsch verheiratet und Vater von fünf Töchtern.

News über Günter Wallraff auf turi2.de

Geboren am 1. Oktober 1942 in Burscheid

buerokontakt@guenter-wallraff.com

Profile:
guenter-wallraff.com
facebook.com/team.wallraff
wikipedia.de


Der Mann, der bei “Bild” Hans Esser war (Dokumentation, 1977)
youtube.com (32-Min-Video)

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lexikon2.de

Ein Gedanke zu „lexikon2: Günter Wallraff.

  1. Uwe Herzog, Journalist

    Eigentlich wollte ich mich zu dem vielen Driss, der über Günter Wallraff anlässlich seines 75.Geburtstags mal wieder zu lesen ist, nicht mehr äußern. Aber im Interesse einer ausgewogenen Berichterstattung tue ich es doch. Hier mein Statement:

    75. Geburtstag von Günter Wallraff: Von Herrenmenschen, zwielichtigen Recherchemethoden und Moral im Journalismus

    Für den früheren Chefredakteur der “SZ”, Hans Werner Kilz, ist Wallraff eigentlich kein Journalist, sondern eher ein “Unterhaltungskünstler”. Da ist was dran. Wie kein anderer versteht Wallraff die Kunst der Selbstinszenierung. Der “Focus” nannte ihn zudem einen “Meister der Desinformation”. Auch das stimmt. Wobei es hauptsächlich die eigenen Schweinereien sind, die Wallraff bestens zu kaschieren weiß. Stasi-Connection, Urheberrechtsverletzungen, Prozessbetrug. Das Register ist lang.

    Ich selbst nenne Wallraff einen Rittmeister der Doppelmoral, Tag und Nacht umgeben von fleißigen Stallknechten, die ihm nur allzu gern die Stiefel wienern. Auch ich habe einmal dazugehört. Allerdings habe ich den Stall frühzeitig verlassen, eben weil es mir dort zu sehr gestunken hat. Seither werde ich von seinen Lakaien mit jeder Menge Dreck beworfen, der meiste davon ist auf Wallraffs persönlichem Mist gewachsen.

    Wallraff selbst wiederum nennt die Welt, in der wir leben, eine “kaputte Gesellschaft”. Ob sie wirklich so “kaputt” – etwa im Sinne von moralisch verkommen – ist, wie er behauptet, wage ich zu bezweifeln. Aber ganz sicher sind es Teile der Medienschaffenden – allen voran eine gewisse Armada alter 68er, die längst in den Chefredaktionen und Verlagsspitzen angekommen ist und es nun genießt, gemeinsam mit dem alten Haudegen durch die Lande zu galoppieren. Dabei singt dieser neue Typus von Herrenmensch noch immer die alten Lieder eines längst ausrangierten Klassenkampfes, während die Hufe der gestriegelten Gäuler auf all dem herumtrampeln, was diese Schießbudenfiguren der deutschen Kulturgeschichte selbst einmal ihre Ideale nannten. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Von wegen. Teure Autos, schicke Häuser, hohe Lebensversicherungen, dummes Gewäsch. Darum geht es.

    Es ist die Generation eines Arno Widmann, seines Zeichens früherer Chefredakteur der “taz”, der es fertig bringt, Wallraff anlässlich seines 75.Geburtstags mit Rembrandt zu vergleichen: “Wie weit die Bücher auch sein Werk sind, wissen wir nicht”, schreibt Widmann allen Ernstes im “Weser-Kurier”. Aber schließlich sei Wallraff nun mal der Chef seines “Ateliers”. Will heißen: Wenn Wallraff andere für sich schreiben lässt oder – wie ebenfalls mehr als einmal geschehen – bei anderen Autoren abkupfert, geht das schon ok.

    Man stelle sich vor, es käme eines Tages heraus, dass Gerhard Richter die wenigsten seiner Bilder selbst gemalt hat. Es wäre ein Schock für die Kunstwelt, obwohl auch die nicht gerade als Hort von Moral und Ethik bekannt ist. Aber die Herren und Damen der deutschen Journaille zucken nicht mal mit der Wimper, wenn in ihren Reihen in eklatanter Weise auch noch gegen die letzten in der Branche geltenden Rules verstoßen wird.

    Ein anderes Beispiel: Die “Frankfurter Neue Presse” stellt knochentrocken fest, dass Wallraff ein Journalist sei, der mit seinen Recherchen eigentlich nur seine vorgefasste Meinung bestätigt sehen will. Auch das ist treffend beschrieben. Jeden anderen Journalisten würde man dafür zur Hölle jagen. Doch Wallraff lässt sich auch noch für das adeln, was er nun gemeinsam mit RTL zum Geschäftsprinzip erklärt hat: Marginalien zu Skandalen hochstilisieren, den jeweiligen “Gegner” mit perfiden Mitteln aufs Kreuz legen, die sonst eher zu den geheimdienstlichen Instrumenten von Unterdrückungsregimen zählen – und natürlich Kasse machen. Mit sauberem Journalismus hat all das jedenfalls nichts mehr zu tun.

    Unterm Strich muss es daher bei dem Erkenntnisgewinn bleiben, den ich als früherer Weggefährte dieser mehr als zwielichtigen “Lichtgestalt” bereits vor Jahrzehnten aus eigener Anschauung gezogen habe: 1. Wallraff war nie bei der Stasi, 2. Wallraff schreibt seine Bücher selbst, 3. Die Erde ist eine Scheibe.

    Uwe Herzog, ehemaliger Ghostwriter von Günter Wallraff

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