Blattkritik: Jens Twiehaus über Spiegel Daily.

Spiegel Daily ist nach jahrelangem Vorlauf online. Trotz der beinahe unendlichen Geschichte haben die Macher ihre digitale Tageszeitung nicht kaputt entwickelt, beobachtet Jens Twiehaus. Der turi2-Redakteur liest ein augenschmeichelndes Angebot mit gutem Händchen für Themen. Ob die Welt noch eine Tageszeitung braucht, steht auf einem anderen (digitalen) Blatt Papier. Daily-Daddy Cordt Schnibben und Team tun aber einiges dafür, bleiben zu dürfen.

Spiegel Daily ist da und das wurde auch langsam mal Zeit. Cordt Schnibben bastelt seit vier Jahren an dem Projekt, das mit der #tag2020-Debatte begann und dem App-Entwurf Der Abend. Vier Jahre! Das sind in Katzenjahren etwa sieben und in Internet-Jahren ungefähr … unendlich. Ein kleines Wunder, dass Schnibben und sein Team das Projekt in dieser Ewigkeit nicht kaputt entwickelt haben. Im Gegenteil: Die erste Ausgabe Spiegel Daily ist ein Augenschmeichler – auf dem Handy wie auf dem Desktop. Sie ist aufgeräumter als Spiegel Online und eng angelehnt an die gelungene digitale Ausgabe des Hefts.

Vor den Details aber noch eine generelle Frage: Will da ein Großvater seine Gepflogenheiten nicht missen? Oder warum macht der alte Mann namens "Spiegel" eine Zeitung fürs Netz mit Redaktionsschluss 17 Uhr? Dieses Konzept der digitalen Tageszeitung klingt ja wie ein Rückschritt nach vorn. Wie internetfähiges Wählscheibentelefon. Oder klimaneutrales Kohlekraftwerk. Es ist aber doch nicht so dumm. Es ist kein Produkt für die Generation Push-Nachricht, aber eines für Vielbeschäftigte, die dennoch im Bilde bleiben wollen.

Meine Skepsis erwiderte Kollegin Ulrike Simon, die künftig donnerstags bei Spiegel Daily kolumniert, bei einem Gespräch am Montagabend mit der kühlen Feststellung: Hey, wir Journalisten sind wirklich keine Gradmesser. Es gibt Menschen, die arbeiten tagsüber – ohne Zugang zu News. Das hat mich nicht vollends überzeugt, aber ich denke: Nun schauen wir doch erstmal, ob die Welt das braucht, statt es am ersten Tag neunmalklug schlecht zu schreiben.

Spiegel Daily tut zum Start sein Bestes, um gebraucht zu werden. Die erste Ausgabe von Dienstagabend bringt eine angenehme Ruhe in den Nachrichtentag. Die Redaktion setzt klare Schwerpunkte: das Datenleck Trump, ein Nachklapp zur NRW-Wahl und Verlaufs-Berichterstattung zur WannaCry-Cyberattacke. Alle Artikel sind Autoren-Beiträge, über Trump schreibt etwa "Spiegel"-Auslandsreporter Clemens Höges. Die Texte sind geschrieben für den kompakten Konsum – Zwischenüberschriften in Form von Fragen strukturieren.

Die Mischung: passt. Neben den harten politischen Fakten blickt Wolfgang Höbel voraus auf die Filmfestspiele von Cannes. Jörg Kachelmann moderiert drei Minuten Wetter (ohne Karte) in die Kamera. Harald Schmidt meldet sich per Video-Skype und gleich daneben darf Markus Feldenkirchen eine Meinung zu Martin Schulz loswerden, einen Klick weiter skypt Schnibben mit "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt. Dass Spiegel Daily auf Ressort-Unterteilungen verzichtet und stattdessen nach dem Raster News, Meinung, Stories, Social usw. ordnet, ist sehr angenehm.

Teil Zwei des Angebots: Perlen picken. Spiegel Daily empfiehlt das Beste von Spiegel Online und Spiegel TV und traut sich zu, in der Social-Rubrik das "Beste aus den sozialen Medien" aufzuspüren. Diesen Versuch finde ich persönlich ganz nett, wer aber soziale Medien genutzt hat, weiß: Twitter-Debatten lassen sich nicht mit Redaktionsschluss 17 Uhr anhalten und zu behaupten, das Beste zu empfehlen, ist eine Anmaßung, weil mein sozialer Journalisten-Stream nun einmal ganz anders aussieht als der meines Nachbarn (Beruf: Postbote).

Schwächen hat die Navigation auf dem Smartphone: Nutzer müssen innerhalb der Rubriken horizontal von rechts nach links wischen, kommen zur nächsten Rubrik aber mit vertikaler Wischgeste. Das ist umständlich – warum stehen nicht einfach die wichtigen Themen gleich sichtbar auf der Startseite untereinander? Praktischer ist Spiegel Daily am Desktop – dabei dürften die meisten Nutzer mobil unterwegs sein auf dem Weg nach Hause oder schon auf der Couch vor dem Fernsehabend.

Spiegel Daily schließt ab mit TV-, Musik- und Buch-Tipps für einen schönen Abend. Das Signal ist klar: Lieber Nutzer, du kannst jetzt das Internet ausmachen, der Tag ist durch. Auf mich wirkt das immer noch ein bisschen komisch, aber ich bin nicht 80 Mio Deutsche und entscheidend ist ohnehin auf’m Platz: Vielleicht erfüllt Spiegel Daily das ewige Bedürfnis nach Übersicht und Einordnung für genügend Nutzer. Die erste digitale Tageszeitung des Abends hat nun jedenfalls der "Spiegel" im Angebot, die digitale "Süddeutsche" kommt erst zwei Stunden später.
turi2.de (Background)

Weitere Meinungen:
Für Daniel Bouhs hat Daily das Potenzial, die Branche zu verändern.
taz.de
Markus Ehrenberg sucht noch den Vorteil im Vergleich zum kostenfreien Spiegel Online.
tagesspiegel.de
Marvin Schade fallen die vielen Comebacks im Neustart Daily auf.
meedia.de

Twitter-Stimmen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.