turi2 edition5: Unterwegs mit zwei Privatdetektiven.

Beweisfotos per iPhone, Kameras in Grabgestecken, GPS-Tracking: Tatjana Kerschbaumer hat für die turi2 edition5 zwei Privatdetektive begleitet, die längst nicht mehr mit der Lupe ermitteln. Foto: dpa

An einem verregneten Sommerabend rollt Margarethe S.* mit ihrem feuerwehrroten Kia auf den Parkplatz des Haslinger Hofs in Bad Füssing. Sie rangiert fünf Minuten, bevor sie sich erfolgreich zwischen zwei silberne Kombis gequetscht hat, ein letztes Mal quietscht der Scheibenwischer, Frontscheinwerfer und Rücklicht gehen aus. Margarethe S. öffnet die Fahrertür, dazu fast synchron einen schwarz-weiß karierten Regenschirm. Sie wuchtet sich aus dem Auto – ganz schlank und agil ist die Ü-70-Jährige auch nicht mehr –, hüllt sich in ein kirschfarbenes Regenmäntelchen und tippelt auf Gesundheitssandalen langsam zum Eingang.

Zuerst wird sie im Restaurant ein paniertes Schnitzel essen, danach am Rand einer der vielen Tanzflächen auf einen geeigneten Flirt für die Nacht warten. Bad Füssing ist ein Kurort in Niederbayern; der Haslinger Hof so etwas wie das Rentnerparadies, um einen Kurschatten aufzureißen. Dass sie bereits einen Schatten hat, ahnt Margarethe S. nicht.

Ihr Schatten trägt ein fein gewebtes, graues Shirt und beiges Leinensakko, ist ihr in einem dunklen Mercedes Automatik gefolgt und hört auf den Namen Peter-Franz Graf von Schwerin. Er ist nicht zur Kur hier, er ist nicht in romantischer Eroberungsstimmung, er hat kein Interesse an der alten Dame als Person. Er interessiert sich ausschließlich für den Schmuck, den Margarethe S. trägt. Dabei ist er noch nicht mal ein Dieb.

4.000 bis 5.000 Personen arbeiten in Deutschland als Privatermittler

Bewaffnet mit einem iPhone folgt von Schwerin dem Objekt seiner Begierde durch die Drehtür, die ins Innere der riesigen Eventlocation führt. Es riecht nach Bratenfett und Oma-Parfum, überall stehen schwatzende Kurgäste in Bundfaltenhosen und Anglerwesten herum. Kurzer, suchender Blick, ah – da ist sie! Margarethe S. legt ihr Jäckchen ab. Von Schwerin sieht es funkeln: Perlenohrringe, Kette mit schwarzem Stein, goldener Fingerring. Unbemerkt drückt er das erste Mal ab, zoom auf die Kette, klick; es wirkt, als hätte er im Hintergrund ein Landhausregal mit kitschig bemalten Tonhasen fotografiert. "Das fällt überhaupt nicht auf", erklärt er schmunzelnd. "Heute hat doch jeder ein Handy und spielt ständig damit herum."

Peter-Franz Graf von Schwerin ist seit 24 Jahren Privatdetektiv und wird Margarethe S. in den kommenden drei Wochen beschatten. Drei Wochen – so lange bleibt sie zur Kur, das hat er von seinem Auftraggeber erfahren: dem ehemaligen Lebensgefährten von Margarethe S. Dem Ex ist es herzlich egal, ob seine Verflossene im Haslinger Hof amouröse Erfolge feiert. Nicht egal ist ihm der Schmuck, den sie ihm angeblich gestohlen hat. Er hat von Schwerin Bilder der signifikanten Stücke geschickt; Perlen, Silber und Gold mit Diamantbesatz sind seit der Trennung spurlos verschwunden. Und wo ließe sich ein schickes Collier besser ausführen als zum Tanztee in Bad Füssing? Von Schwerin hofft, "dass die Dame auch mal wechselt", das heißt, dass er möglichst viele Fotos von Margarethe S. mit verschiedenen Schmuckstücken machen kann.

Miss Marple und Hercule Poirot gelten bis heute als die bekanntesten Detektiv-Figuren weltweit. Ihre Schöpferin Agatha Christie wurde 2000 zur "besten Kriminalautorin des Jahrhunderts" gekürt. Foto: dpa

"Die Tatbestände sind eigentlich immer gleich, aber die Aufklärung ist innovativer geworden", sagt Hans Schiesser. Auch der stämmige Ex-Soldat arbeitet seit 19 Jahren als Privatermittler, seine Detektei hat ihren Sitz in einem unauffälligen Einfamilienhaus in Adelsried nahe Augsburg. Gestohlen, unterschlagen und betrogen wurde schon immer, nur war es früher technisch wesentlich aufwändiger, einem Verdächtigen etwas nachzuweisen. Die Kameras waren größer und damit auffälliger, es gab kein Google Maps oder Google Earth, um sich vorab mit den Lokalitäten vertraut zu machen, nicht einmal eine simple Internetrecherche zur Zielperson war möglich. Die Digitalisierung hat die Möglichkeiten von Privatdetektiven deutlich erweitert. "Wenn wir früher irgendwo eine Überwachungskamera installiert haben", sagt Schiesser, "hing ein Videorekorder dran, der 96 Stunden aufzeichnen konnte. Heute steckt eine Festplatte mit zwei Terabyte dahinter. Das reicht für ein halbes Jahr." Schiesser und von Schwerin stehen mittlerweile die gesamten Wunder der Technik zur Verfügung, um Verdächtige zu überführen. Entweder sie können ganz ungeniert mit dem Smartphone fotografieren – was ohnehin jeder macht. Oder sie arbeiten mit Geräten, die so klein sind, dass sie niemandem auffallen. Schiesser hat einmal auf dem Nordfriedhof Augsburg recherchiert, es ging unter anderem um Betrug bei Grabauflösungen. Er war selbst vor Ort, klar, aber er hat auch versteckte Kameras in Grabgestecken installiert. Mit einem kastenförmigen Kodak-Apparat wäre das nur schwer möglich gewesen.

"Männer sind leichter zu überführen. Frauen sind viel diskreter"

Und erst GPS! Schiesser kennt sich aus: "GPS gibt es schon relativ lange, die Technik wurde vom US-Militär entwickelt. Mit den alten Geräten konnte man aber niemanden direkt verfolgen. Man musste sie danach auslesen, um zu sehen, wo jemand gewesen war." Heute genügt es, ein kleines Kästchen an einem Auto anzubringen, um in Echtzeit zu erkennen, wohin sich der Verdächtige bewegt. Das ist allerdings nur in ganz bestimmten Fällen legal. Private Autos sind tabu, nur manchmal ist zum Beispiel das Tracking von Firmenwagen erlaubt – etwa wenn der Auftraggeber der Arbeitgeber der Zielperson ist. Laien wissen das oft nicht. "Als das aufkam, meinte jede geprellte Ehefrau, sie müsste ihrem Mann einen Sender unterjubeln", bilanziert Schiesser. In solchen Fällen verneint er und rät zu einer klassischen Observation. Mann gegen Mann, Auto folgt Auto.

Die ganze Geschichte lesen Sie in der turi2 edition The Digital Me.

* Name von der Redaktion geändert