turi2 edition #9: Nischen-TV – Exoten im Aufwind.


Glück in der Nische: Es ist keine Frage des großen Geldes mehr, einen TV-Sender zu betreiben. Die Digitalisierung holt immer mehr Exoten-Sender auf den Bildschirm. Björn Czieslik analysiert für die turi2 edition #9 die Welt der Sparten, in denen von Retro-Fans über Traditionalisten bis zu Kuriositäten-Guckern jeder eine Heimat findet.

Amy und John, Architekten aus Philadelphia, wollen dem Winter in Pennsylvania entfliehen. Island Life begleitet das Paar bei der Traumhaus-Suche auf Key West. Für ein Budget von 1,7 Millionen Dollar sollen es fünf Zimmer mit Pool und Terrasse sein. Doch mal ist der Garten zu klein, mal das Wohnzimmer. First-World-Problems.

Seit Juni 2019 wird bei Home & Garden TV gebaut und renoviert, gegärtnert und gekocht. Amy und John sind nur ein Beispiel. Der Sender ist der jüngste Spross des amerikanischen Discovery Networks. Unter seinem Dach sendet auch Dmax, die Heimat von Abenteurern und Autofans. Frauen verspricht TLC “Schicksale, außergewöhnliche Lebensentwürfe und schaurige Mystery-Fälle”.

Rund 190 lizenzierte Spartenkanäle listet die Senderaufsicht KEK, öffentlich-rechtlich und privat, Free- und Pay-TV, via Satellit, im Kabel oder Internet. Die Digitalisierung senkt die Produktions- und Verbreitungskosten und damit die Hürden für den Sender-Betrieb. Auch Platznot durch belegte Frequenzen sind in Zeiten digitaler Kabelnetze, Fernsehsatelliten und Web-TV nahezu passé.

“Bei geringen Kosten lässt sich auch mit einer kleinen Zielgruppe ein positiver Deckungsbeitrag erreichen”, sagt Klaus Boehm, Leiter Media und Entertainment der Beratungsgesellschaft Deloitte. “Das lineare Fernsehen ist immer noch dominierend.” Die Unter-30-Jährigen schauen zwar nur noch ein Drittel ihres Bewegtbilds linear, sagt die Massenkommunikations-Studie von ARD und ZDF, beim Gesamtpublikum sind aber noch drei Viertel der Videonutzung linear. Je älter, desto mehr.

Auch RTL und ProSiebenSat.1 fragmentieren ihr Programm, “um vermarktbar zu bleiben”, erklärt Boehm die Existenz von Sendern wie Nitro, RTLplus, Sat.1 Gold und Kabel Eins Doku. Ein linearer Sender zahle besser auf die Marke ein als ein YouTube-Kanal, wo Sendermarken “völlig verlorengehen”.

Ohne großen Medienkonzern im Rücken sendet Welt der Wunder TV “Endlich was Interessantes”. Das Programm ist eine Wundertüte aus Lifestyle, Gesundheit, Tech und Wirtschaft. Rund drei Viertel des Programms sind Neuware, der Rest kommt aus der gut gefüllten Konserve. Von 1996 bis 2013 lief “Welt der Wunder” erst bei ProSieben, dann bei RTL2 und hat jetzt rund 800 Programmstunden im Stehsatz.

Der Exot in der Nische ist Zee One. Der Sender zeigt Bollywood-Filme und indische Telenovelas – farbenprächtig, laut, dramatisch. Im Sommer 2018 wagt sich Zee One bisher einmalig in den Live-Sport vor und zeigt zwei Spiele der indischen Hockey-Nationalmannschaft. Nische in der Nische quasi.

Bluthochdruck, Diabetes und Organspende sind Themen von Health TV, einer Art verfilmter “Apotheken Umschau” mit dem Klinik-Konzern Asklepios im Rücken. Hier laufen Yoga-Übungen, Büro-Fitness, Reise-Reportagen – und zwei Mal pro Woche Werbesendungen des Geldgebers. Bekanntestes Sendergesicht ist Sternekoch Christian Rach mit seiner 5-Euro-Küche.

Bibel TV ist der Dinosaurier der Sparte: Seit 2002 zeigt der Sender Gottesdienste, Talk-Runden, christliche Filme, Serien und Musik – und führt vor, wie christliches Crowdfunding geht. Zu 85 Prozent finanziert sich der Sender aus Spenden.

Im Deutschen Musik Fernsehen regieren der Viervierteltakt mit Herzschmerz-Heile-Welt-Schlagern und Volksmusik, ein Programm für Zuschauer, denen der “ZDF Fernsehgarten” zu poppig ist. Schunkel-Schinken mit Heintje oder Heinz Erhardt garnieren die Primetime. Dazwischen: Werbung für CD-Boxen.

Auch das ist typisch fürs Sparten-TV, beobachtet Klaus Boehm von Deloitte: Statt durch klassische Markenwerbung finanzieren sich die Nischenkanäle oft durch Abverkaufswerbung oder Sponsoring. Von Retro-Fans über Traditionalisten bis zu Kuriositäten-Guckern: In der Welt der Spartensender kann fast jeder eine Heimat finden. Nicht nur Amy und John.

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