“Spiegel”-Chef Brinkbäumer schwört Mitarbeiter auf Mehrarbeit ein.

Klaus Brinkbäumer ist der erste Diplomat an der Spitze des “Spiegel”. Mit Charme, Eloquenz und Empathie hat Brinkbäumer innerhalb von zwei Jahren die streitlustige Redaktion befriedet. Jetzt macht der Westfale den Kollegen eine Ansage in der “turi2 edition3”

Chefredakteur Klaus Brinkbäumer spricht ruhig, fast sanft, lächelt buddhahaft und lässt sich von Interviewer Peter Turi zu keiner Sekunde provozieren. Im großen Interview für die turi2 edition3 spricht Brinkbäumer kurz vor dem 70. Geburtstag des “Spiegel” davon, was passieren muss, damit die Belegschaft auch den 75. Geburtstag noch feiern kann. Und das ist einiges.

Brinkbäumer erwartet von den Mitarbeiter noch mehr Arbeit und Tempo: “Wir werden flexibler, schneller – und das verlangt von allen Kollegen etwas mehr Geschwindigkeit. Wir alle müssen uns fragen: Kann ich nicht am Montag oder Dienstag noch diese oder jene Sache für Spiegel plus machen, und das, obwohl wir fürs nächste Heft einen Text schreiben?” Brinkbäumer betont: “Wir müssen heute schneller agieren, mehr ausprobieren.” In der Vergangenheit agierte der “Spiegel”, so Brinkbäumer, “unternehmerisch vergleichsweise träge, weil es ihm gut ging”.

Der Westfale, der seit zwei Jahren an der Spitze des “Spiegel” steht und die Grabenkämpfe um seinen Vorgänger Wolfgang Büchner beendet hat, fordert einen Kulturwandel hin zu mehr Innovation. Aber: “Es braucht ein bisschen Zeit, bis sich eine Startup-Kultur entwickelt.” Noch gehe von guten Ideen “immer wieder mal etwas verloren”, weil “das Haus an hierarchische Kommunikation gewöhnt ist”. Die Zeit sei aber vorbei, als es beim “Spiegel” hieß, “den Chefredakteur spricht man nicht an, das geht über die Ressortleiter, ganz hierarchisch von unten nach oben”. Jetzt gelte: “Unser Haus verändert seine Kultur – das ist ein großes Abenteuer.” Brinkbäumer beteuert: “Wir probieren eine Menge aus. Dieses pragmatische Vorgehen ist hier durchaus neu.”

Vehement widerspricht Brinkbäumer der Kritik, die bestimmende Rolle der Mitarbeiter-KG lähme den Verlag. “Dieses Haus ist entschlussfreudig und kampflustig”, sagt Brinkbäumer. “Ich kann mir deutlich kompliziertere Strukturen vorstellen als unsere.” Die Mitarbeiterbeteiligung mache die “Spiegel”-Redakteuren zu “Überzeugungstätern, allesamt”. Ein Abrutschen in die roten Zahlen will Brinkbäumer verhindern. Denn: “Ein Minus über einen längeren Zeitraum wäre ein Problem.” Das Sparprogramm des “Spiegel” sei “schmerzhaft”, aber notwendig. “Wir alle können rechnen und Bilanzen lesen. Wir wissen, dass die Kosten zu hoch sind.”

“Luxusdenken und Verschwendungskultur” beim “Spiegel” seien “lange vorbei”. Aber: “Wir gehen nicht an die Substanz, wir entziehen dem Haus nicht die investigative Kraft”. Auch wenn die Bindung junger Menschen zu Medienmarken geringer werde und die Exklusivgeschichten des “Spiegel” in den sozialen Medien oft ohne Quelle herumgereicht würden, blieben exklusive Nachrichten der “Markenkern” des “Spiegel”. Dabei bleibe der “Spiegel” in seiner Haltung “kritisch gegenüber allen Mächtigen, seien es Konzerne, Parteien, Regierende”. “Im Zweifel links” – die klassische Standortbeschreibung des “Spiegel” würde Brinkbäumer unterschreiben. Mit dem Begriff “Sturmgeschütz der Demokratie” würde Brinkbäumer “nicht so gern arbeiten”.

Auch wenn die Herausforderungen groß sind und die Gründerfigur Rudolf Augstein “uns allen fehlt” – Brinkbäumers ist optimistisch, den “Spiegel” weiter als wichtigste publizistische Kraft zu erhalten: “Wir schaffen das aus eigener Kraft.” Das Haus sei “gesund und kraftvoll”. Den 75. Geburtstag werde der “Spiegel” genauso “vergnügt feiern wie den 70.” im Januar. +++

+++ Von dem Interview gibt es einen Videomitschnitt. Sie können hier eine 3-Minuten-Fassung und hier ein 7-Minuten-Video anschauen. Das ganze Interview lesen Sie nur in der turi2 edition3. Sie können das Buch zum Thema Zeitschriften bei turi2 kaufen, bei Amazon bestellen, die Buchreihe abonnieren oder ab 4. November zum Kiosk gehen.

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