turi2 edition #12, 50 Vorbilder: Diana Kinnert schreibt über Peter Hintze.


Ein Pfarrer im politischen Hinterzimmer: Bewundert für seinen politischen Scharfsinn, geschmäht als Intrigant im Hinterzimmer – der 2016 verstorbene, einstige CDU-Generalsekretär und Bundestags-Vizepräsident Peter Hintze polarisiert. Und beeindruckt Politikerin Diana Kinnert als Typus, den sie heute in der Politik vermisst, erklärt sie in der turi2 edition #12.

Verunglimpft, geschmäht, verletzt: Kohls Messdiener, der schwarze Pfaffe. Handlanger der Obersten, Intrigant im Hinterzimmer. Arrogant und altklug: Peter Hintze. So hörte man, so las man. Wir hatten nichts gemein außer Wahlkreis und Partei. Dachte ich.

Hintzes hohe Ämter machten Besuche vor Ort selten. An einem Samstag, Wahlkampf, Marktplatz, trat er hinzu. Schnell war er umstellt, ein geschlossener Kreis. Doch Hintze trat heraus. Zeigte auf mich, Broschüren in der Hand, abseits. “Machen wie Frau Kinnert”, verbesserte er die Altgedienten. Dem Bürger nicht den Rücken zuwenden, sondern das Gesicht. Lange war ich unsichtbar. Hintzes Sehen habe ich nie vergessen.

Denke ich an ihn, werde ich nicht sentimental. Sondern neugierig, aufmüpfig, angespornt. So war ich, als wir arbeiteten. Ich dachte doppelt so schnell wie gewöhnlich, sprach auch so. “Weiter, weiter, weiter”, höre ich seine Stimme. Hintze hat die Ungeduld in mir geweckt, das Träumerische, Spitzfindige, Listige, Lustige. Im Vizepräsidentenbüro politische Pläne zu schmieden, fühlte sich an wie Detektivarbeit. Minister schlichen ein und aus. So mancher Politiker fragte derart Dämliches, dass ich es für einen Witz hielt. Ich erwartete forsche Gegenrede. Aber Hintze verdrehte nicht mal die Augen. Das hat mich irritiert. Er hat Nichtsnutzen Karrieren eröffnet, habe ich gedacht.

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Die hehre Politik: ein Betrieb aufgescheuchter Hühner. Menschen mit all ihren Unzulänglichkeiten. Die ob der Einsamkeit der Macht aus dem Alltag fallen, ihr gesellschaftliches Antlitz polieren, während das Zuhause auseinanderbricht. Die politische Karriere veranlasst, sich selbst zu vernachlässigen, manchmal bis zur Entstellung. Manche konnten sich selbst nicht mehr leiden. Hintze konnte alle leiden. Hintze, der Königsmacher, politisches Geschick sondergleichen. Aber nicht darum haben Minister und Präsidenten ihn aufgesucht. Hintze war am meisten Mensch. Bei ihm erlaubten sie sich, ebenfalls Menschen zu sein.

Mancher hat seine Loyalität mit blindem Gehorsam verwechselt, seine Freude an der Politik mit Unernst. Wenn er über Mehrheiten spekulierte, Prozentanteile errechnete, warf man ihm vor, nicht an den Menschen zu denken. Ein Pfarrer, der in Hinterzimmern taktiert, ein Christ, der das Ritual in Zweifel zieht. Befremdlich. Aber ich habe das bewundert: Eine Regel als Zeugnis ihrer Zeit zu verstehen, Platz für neue Traditionen zu schaffen. Ins Nachkommende zu vertrauen. Er hat nur schwer ertragen, wenn der Mensch die eigene Unmündigkeit wählte. Und es doch akzeptiert. Ernster kann man es mit Menschen nicht meinen.

Wer heute Führungslosigkeit beklagt, bedauert auch Hintzes Fehlen. Wer den Parteithron besteigt, hätte zu seinen Lebzeiten seine Gunst entschieden. Ich kenne keinen politischen Beobachter, der Hintzes Einfluss geringer schätzt. Ihn selbst freute das jungenhaft. Und doch war es ihm nicht wichtig. Ihm war nicht an der Inszenierung der eigenen Person, der Macht und Moral gelegen. Selten heute, da die Ausstellung eigener Ergriffenheit normal ist. Hintze hat gelästert, gefrotzelt, reingelegt. Aber nie abgelenkt von der politischen Aufgabe durch Befehle von oben, die die eigene Stimme zu einer wichtigeren erklären als die der Mitbürger.

Zu meinen Anfängen hielt ich meine Themen für mehr als meine subjektive Bedürfniswelt. Politik aber ist nicht die eine Deutungshoheit über das Richtige, Gute, Schöne. Wäre es so, hätte Hintze im Theologicum, ich im philosophischen Seminar bleiben können. Doch wir diskutierten in der Bundestagskantine. Er war immer Mensch und Politiker. Aber vermengte beide Rollen nie, beschädigte so weder das eine noch das andere. Ich bin Christ genug, um ihn wohlauf zu wissen. Er hätte das Wirrwarr der Welt gerne entworren. Als alter, weißer Mann war Peter Hintze von Grund auf modern.

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