turi2 edition #12, 50 Vorbilder: Sabia Schwarzer schreibt über Rehan Siddiqi.


Furchtlos: Rehan Siddiqi missachtet Konventionen, die das Leben einer Frau in Indien und Pakistan einschränken. Das macht sie zur Außenseiterin – und zur Inspiration für ihre Nachfahren. Allianz-Kommunikationschefin Sabia Schwarzer schreibt in der turi2 edition #12 über ihre mutige Großmutter.

Bei ihrer Geburt erhielt meine Großmutter von ihren Eltern einen Jungennamen: Rehan, „der König“. Die Andersartigkeit wurde ihr damit schon in die Wiege gelegt. Als junge Frau in Indien – und später in Pakistan – war ihre Rolle eigentlich vorbestimmt: Heirate, bekomme Kinder und kümmere dich ausschließlich um die Belange der Familie. Bildung und intellektueller Austausch waren damals den Männern vorbehalten. Meine Großmutter Rehan Siddiqi aber ging stets ihren eigenen Weg – ungeachtet der Konventionen und ihrer Limitationen.

Im Alter von 14 Jahren wird Rehan verheiratet, wenig später kommt schon das erste von fünf Kindern zur Welt. Ihren Schulabschluss wird sie später nachholen, zeitgleich mit ihrer Tochter. Mit 20 schneidet sie sich die Haare kurz, obwohl langes Haar in ihrer Kultur ein Zeichen für Schönheit ist. Unter ihrem Sari trägt sie ärmellose Blusen – ein Tabu. Statt sich in die von der Gesellschaft vordefinierte Rolle zu fügen, lernt sie Persisch, liest ihren Kindern Gedichte vor und schart Denker und Philosophen um sich – die eigentlich kommen, um ihren Mann, den Professor, zu besuchen.

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Meine Großmutter ist lange Zeit eine Außenseiterin. Die anderen Frauen tuscheln, wenn sie vorbeigeht. Männer empfinden sie als bedrohlich. Als Frau eines angesehenen Mannes gefährden ihr progressives Denken und Handeln auch seine Reputation – und damit seine Karriere und das Auskommen der Familie. Dennoch findet sie Unterstützung bei ihm. Er ist stolz auf seine gebildete Frau und freut sich, dass er in ihr eine Partnerin hat, mit der er die großen Fragen seiner Zeit angeregt diskutieren kann.

Emotionen zu zeigen, fiel meiner Großmutter lange schwer. Zu früh war sie Mutter geworden und beweinte oft ihre „verlorene Kindheit“. Mein Vater erinnert sich daran, nie wirklich mütterliche Wärme erfahren zu haben. Eine enge Beziehung und Nähe entwickelt Rehan Siddiqi erst zu ihren Enkeln.

Worin ist sie mir ein Vorbild? In ihrer Entschlossenheit, ihrer Furchtlosigkeit und in ihrer Liebe zur Bildung. Was – neben ihrem exotischen Rosengarten – bleibt, ist die Prägung, die sie ihren Enkeln und Urenkeln durch ihre Lebensgeschichte mitgegeben hat: Hab deine eigene Perspektive auf die Dinge, sei unabhängig, sei neugierig. Hör gut zu und lerne unentwegt. So wirst du dein eigenes Potenzial entfalten und anderen eine Chance geben, es ebenfalls zu tun.

Auch oder gerade heute braucht es Furchtlosigkeit, Entschlossenheit und Bildung. Verbunden mit Neugier auf das Leben, um einen konstruktiven Dialog zu den wichtigsten Themen unserer Gesellschaft führen zu können.

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