turi2 edition #12, 50 Vorbilder: Ute Wolf schreibt über Ruth Bader Ginsburg.


The Notorious RBG: Die Juristin Ruth Bader Ginsburg kämpft ein Leben lang für Gleichberechtigung. In den USA wird sie damit zur Symbolfigur für Rückgrat und Haltung. Evonik-Finanzvorständin Ute Wolf beschreibt sie in der turi2 edition #12 als eine Heldin, wie wir sie auch hierzulande bräuchten. RGB ist Mitte September gestorben – den Text über sie hat Wolf davor geschrieben. 

Die Haare streng zurückgebunden, der Blick durch die große Brille prüfend und klug, um den Hals der markante Spitzenkragen – und auf dem Kopf eine Krone: So ziert Ruth Bader Ginsburg, älteste Richterin des Supreme Court der Vereinigten Staaten, T-Shirts, Tassen und neuerdings sogar Gesichtsmasken. Ich bin bei weitem nicht die Einzige, die sie für ihren lebenslangen Kampf gegen jede Form der Diskriminierung bewundert.

Was mir besonders gefällt: der feine Humor, mit dem sie dem Kult um ihre Person begegnet. “Notorious RBG” wird sie genannt, in Anspielung auf Notorious B.I.G. Danach gefragt, was sie vom Vergleich mit dem berüchtigten Rapper halte, antwortet sie lächelnd: “Oh, wir haben viel gemeinsam: Wir kommen beide aus Brooklyn!”

Dort ist Bader Ginsburg aufgewachsen. Ihre Eltern legen Wert auf gute Ausbildung und Umgangsformen. Sie dürfe sich nie in Rage reden, mahnt ihre Mutter: Gute Argumente wirken stärker, wenn man sie sachlich ins Feld führt. Bader Ginsburg nimmt sich den Rat zu Herzen. Die 1,55 Meter kleine Frau ist alles andere als eine Barrikadenstürmerin. Langsam und beharrlich geht sie gegen Diskriminierung vor. Denn: “Echte, dauerhafte Veränderungen erreicht man Schritt für Schritt.”

Als einzige Frau im Vorstand von Evonik werde ich häufig gefragt, welche Unterschiede ich zwischen Männern und Frauen in der Berufswelt sehe. Am Beispiel Bader Ginsburg lässt sich eine weibliche Stärke gut illustrieren: das klare und analytische Vorgehen, frei von Polemik und übertriebenem Chef-Gehabe.

Dabei hätte Ruth Bader Ginsburg jeden Grund, den Mangel an Gleichberechtigung emotional zu betrachten. Ein Beispiel: Der Dekan der Jura-Fakultät in Harvard soll ihr den Vorwurf gemacht haben, sie würde als verheiratete Frau “unnütz” einen Studienplatz blockieren. Welch eine Frechheit! Als eine von neun Frauen unter 500 Männern erzielt Bader Ginsburg regelmäßig Bestnoten, zieht ein Kind groß, pflegt ihren krebskranken Ehemann. Trotz Abschluss mit Auszeichnung bekommt sie in den renommierten Kanzleien keine Stelle – und als erste weibliche Dozentin an der Rutgers Law School in New Jersey weniger Gehalt als männliche Kollegen. Solche Diskriminierungen können Menschen brechen, sie verhärten, radikalisieren. Nicht so Bader Ginsburg.

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Ich versuche immer dann mein Allerbestes zu geben, wenn jemand mir sagt: “Das schaffst Du nicht.” Möglich, dass gerade dieser Ehrgeiz mir Ruth Bader Ginsburg zum leuchtenden Vorbild werden lässt. Ihre Werte, ihr Willen und ihre Stärke, sich von Widerständen nicht abhalten zu lassen. Hart in der Sache, verbindlich im Ton. Auch in Deutschland führen wir seit vielen Jahren eine Debatte darüber, wie wir mehr Chancengleichheit für Frauen herstellen können. Persönlichkeiten wie Bader Ginsburg, die sich diesem Ziel verschreiben und systematisch daran arbeiten, es umzusetzen, könnten auch wir gut brauchen.

Ihrer Überzeugung bleibt Bader Ginsburg auch als Richterin am Supreme Court treu: Jede Form der Diskriminierung, ob wegen Ethnie, Klasse oder Geschlecht, schadet letztlich allen. Im gesellschaftlichen Klima unserer Zeit wird sie damit zu einer Symbolfigur der Spaltung: verehrt von den einen, verhasst und als “zutiefst unamerikanisch” angefeindet von den anderen.

Treten Frauen so entschieden auf, fällt dies bis heute anders ins Gewicht als bei einem Mann. Das erlebe ich in der Wirtschaft ebenso wie Bader Ginsburg in der Welt von Politik und Recht. In Zeiten wie diesen, wo die amerikanische Politik besonders polarisiert, werden Frauen wie sie für mich zu Heldinnen. Je schwerer ihr ihre Gegner das Leben machen, desto relevanter wird ihre Stimme im Kampf für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit. Ein baldiger Sieg ist nicht zu erwarten. Aber Aufgeben ist keine Option.

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