turi2 edition1: “Eins Blau” – Das magische Auge einer Geldschein-Kontrolleurin.


“Eins Blau” mit ihrer Enkelin Tatjana Kerschbaumer auf der Hausbank in Miesbach, Oberbayern. Früher kontrollierte die Großmutter unserer Autorin Geldscheine in einer Hochsicherheitsfabrik. Für die turi2 edition1 ließ sich Kerschbaumer ihre ehemalige Arbeit erklären. (Foto: Christiane Wrenger)

“Eins Blau” bröselte nicht, deshalb wurde sie zur Vorarbeiterin ernannt. Eins Blau aß nämlich nie am Kontrolltisch, Eins Blau hatte im Gegensatz zu ihren Kolleginnen auch keine Schokolade in der Schublade versteckt. Eins Blau konzentrierte sich gewissenhaft auf die Millionen, die Woche um Woche, Schicht um Schicht ihren prüfenden Blick passierten. Eins Blau ist meine Großmutter.

Ihre Aufgabe war es, in einer Hochsicherheitsdruckerei frisch produzierte Geldscheine auf Fehler zu kontrollieren.
Heute haben diese Aufgabe moderne Laser übernommen, doch damals, Ende der 70er, Anfang der 80er, machten diese Arbeit Menschen. Frauen im Besonderen. Männer fanden sich unter den Prüfern keine, “die sehen so was nicht, die haben keine Geduld”, sagt Oma. Deshalb gab es die “Kontrollfrauen”, je nach Auslastung der Druckerei 20 bis 40 von ihnen. Das Prüfen der Geldscheine galt als Hilfsarbeit, es gibt keine Ausbildung dafür. Jede der Frauen hatte ursprünglich etwas anderes gelernt. Oma war eigentlich Verkäuferin.

Oma kontrollierte Geld aus Guatemala, dem Kongo, dem Senegal – und die D-Mark

Fast so geheim wie die Arbeit, die Oma verrichtete, war die Sprache, die die Frauen in der Fabrik benutzten. Kontrolliert wurde jeweils ein “Ries”, ein Stapel von 500 Bögen mit neu gedruckten Scheinen. Jede Frau, die einen Stapel kontrollierte, musste ihn zuvor mit einem Farbstift an einer bestimmten Stelle kennzeichnen – damit zugeordnet werden konnte, wer eventuell einen Fehler übersehen hatte. Oma markierte mit Blau, am Rand, wo eine Eins stand: Eins Blau. Ihre langjährige Kollegin und Freundin, Frau Schier, die von allen “Schierin” gerufen wurde, markierte mit Grün. Schierin war Eins Grün.

Die Frauen kommunizierten in einer Art Geheimsprache: “Er nutzt nicht”, ein “Passer”

Auf jedem der 500 Bögen befanden sich je nach Größe zwischen 28 und 35 neue Geldscheine, Vorder- und Rückseite bereits bedruckt. Oma kontrollierte Geld aus Guatemala, dem Kongo, dem Senegal. Und natürlich die D-Mark. Am häufigsten wurden Zwanziger und Hunderter gedruckt und kontrolliert, die Annette von Droste-Hülshoff und Clara Schumann zeigten. Die Frauen sagten: “Heute machen wir Annette.” Oder: “Heute machen wir Clara.” Ein Schein hieß in der Fabrik nicht Schein, sondern “Nutzen”. Hatte er einen Fehler, bedeutete das: “Er nutzt nicht.” Der Nutzen war Makulatur und musste auf dem jeweiligen Bogen angemerkt werden: Auf einem schmalen weißen Rand konnten Kürzel wie V1 oder R3 eingetragen werden. V1 bedeutete, dass der erste Nutzen einer Reihe auf der Vorderseite fehlerhaft war. R3 stand für Nutzen drei, Fehler auf der Rückseite.
Wenn die Frauen den Hundertmarkschein kontrollierten, sagten sie: “Heute machen wir Clara”. Foto: dpa

Auch jeder Fehler hatte seinen eigenen Geheimcode. Allzu viele waren es ohnehin selten, doch am häufigsten war der sogenannte Passer. Die Geldscheine wurden zuerst mit Simultan-, anschließend mit Stahldruck hergestellt. Lagen diese beiden Drucke nicht exakt übereinander, sah man die Verschiebung, manchmal auch kleinere weiße Flecken oder Ränder. Außerdem gab es den “Wischer”, der aber relativ einfach zu erkennen war. Dann war zu viel oder zu wenig Farbe auf einen Nutzen geraten.

Neben einem guten Auge gehörte absolute Sauberkeit zum Pflichtprogramm am Arbeitsplatz. Denn die Scheine waren noch nicht “geziffert”, hatten also noch keine Seriennummer erhalten. Diese wurde erst nach der Kontrolle aufgedruckt. Gerieten aber Brösel an die Bögen, fasste eine der Frauen den Bogen etwa mit Schokoladenfingern an, nahm der Schein an dieser Stelle den Nummerndruck nicht mehr an. Eins Blau bröselte nicht und aß keine Schokolade am Arbeitsplatz. Sie wurde Vorarbeiterin.

Einmal war ein Bogen unauffindbar. Der Betrieb stand still – eineinhalb Schichten lang

Etwa vier Ries, also 2.000 Bögen, schaffte eine Arbeiterin pro Schicht. War alles kontrolliert, wurden die Bögen wieder eingesammelt und maschinell durchgezählt. Kein einziger durfte fehlen, besonders nicht, wenn die D-Mark produziert wurde. Nur einmal war ein Bogen unauffindbar. Der gesamte Betrieb wurde angehalten. Eineinhalb Schichten lang ruhte die Fabrik, während unter Hochdruck gesucht wurde. Der Bogen wurde schließlich mit eingeknickten Ecken in einem normalen, unverdächtigen Ries mit korrekten Bögen gefunden – die Zählmaschine hatte ihn deshalb beim Blättern nicht zu fassen bekommen. Es ging das Gerücht, eine gekränkte Arbeiterin habe die Ecken absichtlich eingedreht, um Aufruhr zu stiften. Doch obwohl der Bogen eigentlich mit Farbe markiert hätte sein müssen: Die vermeintlich Schuldige wurde nie gefunden.
Die Großmutter der Autorin als junge Frau. Repro: Christiane Wrenger

Noch heute, wenn Oma einen Euroschein ansieht, findet sie manchmal winzige Fehler. Sie deutet dann darauf und fragt: “Siehst du das nicht? Wie kann man das denn nicht sehen?” Niemand sieht etwas, nur Oma. Man kann nur erahnen, was sie meint. Allerdings ist das sehr selten geworden. Jetzt kontrollieren Laser die Scheine, und glaubt man Oma, “schmeißen die eher zu viel Makulatur raus.”

Oma attestiert mir, ich wäre nie eine gute Kontrollfrau geworden

Die Augen und der Verstand von Eins Blau sind immer noch scharf und wach, und sieht sie mich mit meiner starken Brille, lacht sie und attestiert mir, dass ich nie eine gute Kontrollfrau geworden wäre. Die Arbeit in der Fabrik hat andere Spuren hinterlassen. Geld und Papier wiegen schwer, wie alle Kolleginnen bekam Oma irgendwann Probleme mit dem Rücken, mit den Gelenken im Arm, vom jahrelangen Umblättern und Bögen-durch-die-Gegend-Wuchten. Die Druckfarben, ja, das ist noch eine andere Sache. Bei Oma, 76, mag die Lunge nicht mehr so richtig, die Ärzte wurden hellhörig, als sie sagte, sie habe in einer Druckerei gearbeitet. Oma winkte ab. Und sagte: “Ja mei.”

Als die Kontrollfrauen nicht mehr gebraucht wurden, weil die Produktion verlagert wurde, verlor auch Oma ihre Arbeit. An ihrem letzten Tag machte sie noch einmal die Runde, verabschiedete sich von den Kollegen und dem Pförtner, mit dem sie sich immer besonders gut verstanden hatte. Der Pförtner schüttelte ihr die Hand, er schluckte schwer. Dann sagte er: “Jetzt geht die Firma.”

Über das Sterben ihrer Großmutter hat Tatjana Kerschbaumer für das Magazin der “Süddeutschen Zeitung” geschrieben.

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